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Zur Überwindung des Fundamentalismus*

von Johannes W. Schneider
zuerst erschienen in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "die Drei". Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Fundamentalismus bildet sich als Erstarrungsform - da, wo wir die Dynamik, von der Zukunft her zu leben, nicht entwickeln. Der eigentliche Gegenbegriff würde lauten im christlichen Verständnis: Apokalypse. Wir haben ein Leben, wir haben eine Geschichte, die von einem Zielpunkt her gestaltet werden. Das wäre die eigentliche Überwindung des Fundamentalismus.

Wenn man heute über Fundamentalismus spricht, ist es zuerst notwendig zu sagen, was man nicht meint. Ich möchte nicht über den Islam sprechen. Der Islam ist eine Religion. Der Fundamentalismus aber ein Problem des heutigen Menschen, in welchem kulturellen Umkreis er auch immer lebt.

Wir befinden uns als moderne Menschen in einem Vakuum

Imre Kertész, der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur (2002), fragt in einer Rede: Was war eigentlich das 20. Jahrhundert?[1] Es war nicht das moralische Versagen von ein oder zwei Generationen, es war etwas viel Bewegenderes: der Blick in den Abgrund des Menschen. - Das scheint mir das Zentralmotiv des 20. Jahrhunderts zu sein. Wir haben den Abgrund des Menschen kennengelernt, und aus ihm steigen bestimmte Probleme herauf, auch dasjenige, das wir kurz und etwas ungenau »Fundamentalismus« nennen.
Mit dem 20. Jahrhundert, insbesondere mit dessen Mitte, hört eine große Epoche auf, die, so sehe ich es, im 5. vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat. Ich möchte sie als die Epoche der Persönlichkeitskultur bezeichnen. Begonnen hat sie mit einem großen Erlebnis: Als die Griechen den Persern gegenübertraten, in der Schlacht von Marathon, erlebten sie erstmals: Wir sind einzelne Persönlichkeiten, wir stehen nicht unter dem Kommando eines Königs, wir werden nicht in den Kampf gejagt, sondern wir stehen Mann für Mann dem Feind gegenüber. Der Einzelne, unverwechselbar, gilt etwas. Diese Erfahrung war ein gewaltiger Durchbruch. Die Persönlichkeitskultur hat sich bis in das 20. Jahrhundert gehalten. Doch nun hat sich ihre Kraft erschöpft. Es kam nicht etwa zu einem neuen großen Ereignis wie im 5. christlichen Jahrhundert, wo etwas aktiv zurückgedrängt wurde, was bis dahin galt. Nein, die Kraft der Persönlichkeitskultur ist einfach erloschen. In Deutschland, Österreich und Russland ist dies bereits mit dem Ende des Ersten Weltkriegs erlebt worden. In der Mitte des 20. Jahrhunderts zeigte es sich dann weltweit. Da wird zum Beispiel von der »großen sozialistischen Oktoberrevolution « im Jahre 1917 gesprochen, die die bürgerliche Welt beiseite geschoben habe. Ich möchte etwas provozierend behaupten: Die hat es gar nicht gegeben! Was damals beseitigt wurde, das Zarentum, die ganze zaristische Kultur, war so morsch, dass jemand nur anzustoßen brauchte, und sie brach zusammen. Was ist an deren Stelle getreten? Nichts. Das ist gerade das Urphänomen, das seit mindestens der Mitte des 20. Jahrhunderts gilt: Wir befinden uns als moderne Menschen in einem Vakuum. Während man vorher sagen konnte, die Persönlichkeit ist eingebettet in eine Volkskultur, eine Standeskultur, in der das einzelne Ich durch eine soziale Ordnung getragen ist, hört nun dieses Getragensein auf. Der Mensch berührt zwar unmittelbar, hautnah die Welt. Doch dasjenige, was er zunächst erlebt, ist ohne Gehalt. Dieser Verlust, das Vakuum, führt zu einem Verlust der Realität.
Gibt es eigentlich die Welt hier um mich herum? Oder träume ich das nur? Wie soll ich das wissen? Das kann ich einfach feststellen, indem ich ein paar Steine in die Fensterscheiben werfe: Wenn es klirrt, dann waren die Scheiben da. Viel von Zerstörungswillen führe ich auf diesen Versuch zurück, aus der Irrealität auszubrechen. Es gibt ein schönes, sehr eindrucksvolles Buch der schwedischen Journalistin Gunilla Granath.[2] Sie durfte noch einmal Schülerin einer 7. Klasse werden. So geht sie jeden Morgen in den Unterricht, setzt sich in ihre Bank, meldet sich, wenn sie etwas weiß, und macht ihre Hausaufgaben - ist also richtig Schülerin dieser Klasse. Und dann, nach einigen Monaten, schreibt sie ein Buch. Es ist nicht etwa eine Neufassung der »Feuerzangenbowle« mit lauter Schülerstreichen. Schon der Titel sagt alles: »Zu Gast in der Unwirklichkeit«. Schule ist unwirklich. Die Kinder haben Fragen, über die in der Schule nicht gesprochen wird. Das, worüber in der Schule gesprochen wird, interessiert die Kinder nicht. So wird eine irreale Welt aufgebaut, in der die Kinder nicht getragen sind.
Was wir da an der Schule sehen, ist ein allgemeineres Phänomen. Wie real sind denn die Diskussionen über ein Budget in einem Parlament? Was stellt sich der Abgeordnete unter einer Milliarde Euro vor? Vielleicht so und so viele Prozente des Budgets. Das ist aber völlig irreal. Real wäre, wenn gefragt würde: Wie viel Menschen müssen wie lange arbeiten, damit eine Milliarde Euro entsteht? Wir sind völlig aus der Realität herausgefallen - auch aus der Realität unseres Selbst. Gibt es mich eigentlich oder ist das eine Einbildung? Das kann ich einfach feststellen, indem ich mein Leben riskiere. Denn wenn die Todesangst auftritt, dann weiß ich: Mich gibt es!
Ein Realitätsverlust kann zugleich Sinnverlust sein. C. G. Jung, der Züricher Psychiater, hat vor mehr als einem halben Jahrhundert einmal gesagt: Jede dritte Neurose, die er behandle, sei eine Sinn-Neurose. Wenig später formulierte der Wiener Psychiater Viktor Frankl: Die Neurose des modernen Menschen sei die Sinn-Neurose. - Ich lebe nicht mehr in der Realität, ich habe den Sinn verloren - und ich werde krank. Auch wenn das Leben äußerlich glatt geht, auch wenn ich gut verdiene - der Sinn ist weg. Das ist nur eine andere Beschreibung dessen, was ich vorhin meinte mit dem Begriff »Vakuum«. Im Vakuum bin ich in einer realitätslosen Umgebung, in einer sinnlosen. Und ich selbst bin nicht mehr real, ich selbst habe keinen Sinn mehr.

Eine neue Wirklichkeit im Du

Nun kann ich im Vakuum beginnen, aktiv zu werden. Im Bilde gesagt: Ich gehe an den Rand des Vakuums und begegne dort nicht der Welt wie bisher, sondern einem »Du«. Wenn ich aktiv an den Rand des Vakuums gehe, wird mir die Welt persönlich, wird mir ein Du. Nicht nur der andere Mensch; die Pflanze wird zu einem Du, die Wolke wird zu einem Du.
Ich könnte es im Bild so ausdrücken: Der Mensch in der alten Persönlichkeitskultur hat die Welt eigentlich nicht mit bloßer Hand berührt, sondern mit dem Handschuh; er war nicht ganz persönlich betroffen. Da gab es natürlich Menschen, die sich anders benahmen, als es die Standesgewohnheiten verlangten. Und damit war das Thema auch ganz schnell erledigt: Der gehört nicht zu uns. Das war nicht eine direkte Berührung mit der Wirklichkeit dieses anderen, sondern ich berührte den anderen aus meinen Vorstellungen über Standessitten und so weiter. Das hat sich verändert. Wenn ich zurückdenke an 1945, als wir die ersten Amerikaner, die ersten Russen sahen - die waren völlig fremd, wie von einer anderen biologischen Gattung. Das war nicht eine Du-Beziehung. Heute aber steigen wir in einen Zug ein: ein Blick - ein Mensch aus einem anderen Kontinent - wir verstehen uns - wir begegnen uns von Mensch zu Mensch, unmittelbar. Das ist das, was ich mit dem Wort »Du« meine. So wird eine neue Realität aufgebaut, die Realität des Dialogs, des Austauschs von Ich und Ich. Da, wo die alte Realität der gesellschaftlich getragenen Persönlichkeitskultur, der Tradition, aufhört, entsteht zunächst ein Vakuum, etwas wie ein leeres Bewusstsein. Und dann, wenn ich aktiv diesen Weg gehe, komme ich zu einer neuen Wirklichkeit im Du.

Sehnsucht nach dem reinen Ursprung

Wenn ich nun aber diese Aktivität nicht aufbringe, zeigen sich zwei Gefahren, oft im selben Menschen. Auf der einen Seite habe ich genug von dieser sinnlosen Welt; es war früher, am Anfang doch alles viel besser … Diese Tendenz nenne ich die »Sehnsucht nach dem reinen Ursprung«, wie sie jetzt vielleicht am ausgeprägtesten im Islam auftritt. Der heutige Islam, so sagen manche treue Moslems, ist degeneriert, also müssen wir zurück zur Reinheit der Wüste, des Anfangs. Historisch ist das natürlich sehr fragwürdig. Denn wie viele der näheren Mitarbeiter Mohammeds sind eines natürlichen Todes gestorben? Aber das historische Faktum ist gar nicht das Interessante, sondern das Bewusstsein: Am Anfang war alles gut; ich will zurück zu diesem Anfang - auslöschen, was seitdem war; nicht aufarbeiten, sondern auslöschen.
Das kann auch im christlichen Bereich auftreten: Der Weg Stalins war falsch. Gehen wir also zurück hinter Stalin. Dann kommen wir zu dem letzten Zaren. Die letzte Zarenfamilie ist heiliggesprochen. Als die Zarengebeine 1998 nach Petersburg überführt wurden, war das ein großes Erlebnis für viele Russen: Wir haben wieder die Beziehung zur Vergangenheit. - Aber nein, das ist nicht weit genug zurückgegriffen. Wir müssen zurückgehen hinter das Jahr 1700, hinter die Öffnung Russlands nach Westen. Nein, auch das genügt nicht, denn dann kommen wir zu Iwan dem Schrecklichen. Wir müssen zurück zum reinen Ursprung, zum Höhlenkloster von Kiew. Da war alles gut.
Das geschieht genauso bei Nakasone im Shintoismus oder bei Vajpayee im Hinduismus oder bei Chamlong im Buddhismus. Überall die gleichen Tendenzen: Geschichte nicht aufarbeiten, sondern sich in einem Sprung an den reinen Ursprung zurückversetzen. Wir haben genug von der technischen Zivilisation - ursprünglich werden! Wenn diese Tendenz erstarrt, entsteht der Anspruch auf Rechtgläubigkeit: Wir sind ursprünglich, wir wissen, was richtig ist, und das muss durchgesetzt werden! Dann sind wir im Fundamentalismus. - Ohne den Rückzug in die Vergangenheit ist das nicht verständlich.
Auf der anderen Seite - das ist wie die Kehrseite dieser Sehnsucht nach dem Ursprung - steht die Faszination des Machbaren. Was gemacht werden kann, muss auch gemacht werden. Wenn wir klonen können, müssen wir klonen, ob das Sinn hat oder nicht. Wenn es machbar ist, zum Saturn zu fliegen, dann muss es gemacht werden. Was das für einen Sinn haben soll, spielt keine Rolle.
Der Fundamentalismus - Erstarrung in der Rechtgläubigkeit - täuscht eine Realität vor. Ich komme nicht wirklich an den Ursprung, sondern an einen eingebildeten Ursprung. Dagegen kommt eine andere Tendenz in einer Meinungsumfrage im vergangenen Herbst zum Ausdruck: Wer glaubt an Wunder?[3] Das sind etwa 58 Prozent in Deutschland, erstaunlich viele Menschen: im Westen mehr als im Osten, bei Männern weniger ausgeprägt als bei Frauen; keine Unterschiede zwischen der Schulbildung, keine zwischen den Altersgruppen, keine zwischen Protestanten und Katholiken. Wir stellen eine erstaunliche Zunahme an Sicherheit fest: Es gibt Wunder. Es gibt eine andere Realität als diejenige, die man mit Augen sieht. - Wir haben es also nicht nur mit der Sehnsucht nach dem Ursprung zu tun, sondern wir erleben in unserer Welt eine neue Realität. Was erlebe ich denn als real? Auf dem Wege zu sein, nicht am Ziel. Denn, wie schon Lessing gesagt hat: Der Besitz der Wahrheit gebühre Gott allein. Darin liegt das Irreale des Fundamentalismus: Er täuscht das Erreichen eines Zieles vor. Das Moderne wäre: Ich bin dann in der Wirklichkeit, wenn ich auf dem Weg bin.

Entwicklung ist zielorientiert

Vor 150 Jahren setzte sich der Gedanke Darwins durch, Entwicklung sei das Aufgreifen von Zufällen. Entwicklung sei überhaupt nicht ursprünglich intendiert, habe nicht ein von Anfang an feststehendes Ziel, sondern nur durch Aufgreifen des Zufälligen sei aus dem Affen der Mensch geworden.
Heute zeigt sich eine neue Tendenz im Entwicklungsdenken: Es ist von vornherein eine Zielorientierung da. Diese Tendenz können wir schon im Ansatz in der Antrittsvorlesung Friedrich Schillers als Professor der Geschichte entdecken, wo er den Begriff der »Universalgeschichte« bildet. Er setzt bei der Gegenwart an und fragt: Was ist Geschichte? Dasjenige, was auf unseren heutigen Punkt zuführt. Ich kann Geschichte von der Gegenwart aus betrachten: Welche Ereignisse sind dann bedeutend? Als Alexander der Große sich drei Tage von seinem Heer zurückzieht und den schweren Entschluss fasst umzukehren, weil das Heer meuterte, und nicht weiter nach Indien vorzudringen, ist eine Entscheidung für die folgenden zwei Jahrtausende gefallen. Kein indischer Yogi erschien auf dem Marktplatz von Athen, kein griechischer Philosoph erschien am Ganges. Asien und Europa gingen verschiedene Wege. Da haben wir ein fundamental wichtiges Ereignis, aber nicht beurteilt von damals, sondern von seiner Folge, von seiner Wirkung her. Dann kann ich noch einen Schritt weitergehen und sagen: von einem Zielpunkt her. Das ist in der Geschichtsbetrachtung noch nicht gängig, obwohl es schon einmal aufleuchtete. Im Jahr 1999 gab es eine Diskussion unter russischen Historikern, ausgelöst durch eine Bemerkung von Michail Boyzow, zur wissenschaftlichen Geschichtsbetrachtung gehöre nicht nur die Beschreibung dessen, was geschehen ist, sondern es gehöre dazu auch der Sinn der Geschichte. Der aber liegt in der Zukunft. Man muss also Geschichte betrachten als hereinwirkende Zukunft. Das ist noch sehr schwierig. Aber wir haben dieses Denken auf zwei anderen Gebieten heute schon ausgeprägt.

Zukunft gestaltet die Gegenwart

Vor 50 Jahren kam die Sterbeforschung in Gang. Bei der Untersuchung des Sterbevorgangs bemerkt man: Der Tod, der noch gar nicht eingetreten ist, wirkt in die Gegenwart schon hinein. Zukunft gestaltet die Gegenwart. Ein zweites Gebiet ist die Biografiearbeit. Viele Menschen identifizieren sich nicht mehr mit dem, der sie geworden sind, sondern mit dem, der sie werden können und wollen. Vor allem junge Menschen empfinden: Ich bin derjenige, der in der Lebensmitte herauskommen kann! Nicht: Der werde ich sein, sondern: Der bin ich. Ich bin aus meinem Zukunftsbild. In Abänderung eines Buchtitels über Biografiearbeit [4] möchte ich formulieren: Ich bin, der ich werden kann und will. Beides gehört dazu. Nicht irreal: Ich würde gern der nächste amerikanische Präsident werden, sondern derjenige, der ich real werden kann und will. Ein Zukunftsbild, das ich in mir trage, wirkt gestaltend auf meine Gegenwart. Sehr schön formuliert dies Milan Kundera, der tschechische Schriftsteller, in seinem Roman »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«. Dort heißt es, jeder Mensch trage in sich einen Entwurf seines Lebens, einen »Entwurf ohne Bild.« Positiv würde ich das so ausdrücken: Was ich mitbringe, ist ein Zugriff auf das Leben, der im Willen liegt - ohne den Bildcharakter des Gewordenen. Wenn der Mensch in einer Lebenskrise oder auch im Alter sich dann fragt: War denn das mein Leben?, dann vergleicht er diesen Zugriff, den er gewissermaßen in seinem Rücken spürt, mit dem vor ihm liegenden gelebten Leben. Sind die in Übereinstimmung miteinander?
In der Biografieforschung sehen wir heute den Zielpunkt als in die Gegenwart hinein wirkend. Mir scheint, das ist bei der Zeitgeschichte auch so. Es gibt Ereignisse, die fortwirkende Vergangenheit sind, und es gibt neue Ereignisse, die herein wollen. So ist z. B. das Nahost-Problem ein Erbe der Vergangenheit. Wenn ich dagegen etwa die individualisierende Tendenz der indischen Wirtschaft nehme, so ist da eine Zukunft vorausgegriffen. Wir können solche Gebiete in der Zeitgeschichte unterscheiden, in denen Zukunft schon gestaltend wirkt, und solche, in denen Vergangenheit belastet. Gandhi sagte: Wenn wir einen indischen Staat begründen, hat er nur ein Recht, wenn er sich eine Aufgabe stellt, wenn er auf ein Zukunftsziel hin konzipiert ist. Diese Aufgabe brauchen wir gar nicht zu suchen; sie ist schon da: Wir haben eine große Bevölkerung islamischen und hinduistischen Glaubens (damals umfasste Indien ja auch Bangladesch plus Pakistan). Also, die Aufgabe, die uns diese Staatsbildung stellt, ist: religiöse Toleranz. Die gibt es noch nicht. Wir gründen einen Staat, der von der Zukunft her unsere Gegenwart gestalten soll. - Das scheint mir die Überwindung des Fundamentalismus. Meine Identität nicht in einer irrealen rosigen Vergangenheit zu suchen, sondern in einem Zielpunkt, der in der Zukunft liegt. Zu unserer Identität gehört auch die Erwartung, die andere an uns haben. Da ist zum Beispiel die Erwartung, die Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in Deutschland, gegenüber Europa formuliert. Er erhofft sich eine sanftere, eine araberfreundlichere Politik als von Washington.[5] Die Erwartung, die uns von einem Nicht-Europäer entgegenkommt, kann unsere Identität als Europäer stärken. Das ist nicht die alte Persönlichkeitskultur, sondern ein neuer Individualismus.

An den Ursprung komme ich, wenn ich vorwärts gehe

Jetzt kommt etwas Zweites heraus, das an einem wieder aktuell werdenden Thema deutlich wird. Der russische Philosoph Wladimir Solowjew hat ja viel Zeit in seinem Leben darauf verwendet, die beiden Kirchen, die orthodoxe und die katholische, zu verbinden. Denn, so meint er, zu einer Erkenntnis der Wahrheit kommen wir nur, wenn wir gemeinsam suchen. Er erkennt alle Dogmen der westlichen Kirche an, die vor der Spaltung formuliert wurden. Was seitdem geschehen ist, kann er als orthodoxer Christ nicht anerkennen. Weil wir Wahrheit nur finden können in der Gemeinsamkeit, einer vereinten Christenheit. Heute müssen wir einen Schritt weiter gehen: Die Wahrheit finden wir nur im Dialog, zum Beispiel zwischen Moslems und Christen. Wir brauchen einen menschheitlichen Dialog. Das 21. Jahrhundert wird nur dann vom »Kampf der Kulturen« [6] geprägt, wenn wir nicht zu diesem Dialog kommen. Ich kann dieses Thema auch einfacher behandeln: Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten alles, was sie sich wünschten, nur kein Kind. Als das erste Kind geboren wird, hat es die Gestalt eines Esels. Das Eselein wächst auf, fröhlich, kunstliebend und spielt wunderbar die Harfe. Einmal kommt das Eselein an einen See und sieht das Bild seiner selbst - es beginnt die Selbsterkenntnis: Nun kann ich nicht im Königreich bleiben, ich muss durch die Welt wandern! - So kommt der Esel zu einem Schloss, wo er Einlass findet dadurch, dass er auf der Harfe spielt. Sie können sich denken, dass der König dieses neuen Reiches eine einzige Tochter hat - und so weiter. Also, die beiden heiraten. In der Nacht wirft Eselein seine Haut ab, der König verbrennt sie, und nun kann er der bleiben, der er eigentlich ist. - In der Nacht sind wir alle passabel, am Tag streiten wir uns. - Er erbt das Reich nach dem Tode des Schwiegervaters, und - jetzt kommt der entscheidende Punkt: Als sein Vater stirbt, erbt er sein altes Reich hinzu. - An den Ursprung komme ich nicht dadurch, dass ich zurückgehe, sondern dass ich vorwärts gehe und das neue Reich gewinne. Da fällt mir der Ursprung zu. [7]

Einen machtfreien Raum schaffen

Zukunft braucht, könnte ich noch hinzufügen, einen machtfreien Raum. Da gibt es einen interessanten Gedanken von Georgy Konrad, dem ungarischen Schriftsteller: Wir sollten eine Akademie der Menschenrechte in Europa gründen, die nur wirksam sein kann, wenn sie keine Macht besitzt. Sie muss zwar finanziert werden von Brüssel, aber Brüssel darf nicht bestimmen über die Zusammensetzung dieser Akademie, über ihre Urteile und so weiter. - Ist Machtverzicht irreal? Wir haben doch eine solche Organisation, »Amnesty International«. Die hat nicht einen einzigen Polizisten. Aber wenn sie etwas sagt, kann das einfach nicht mehr überhört werden.
Weshalb ist der Bolschewismus zusammengebrochen? Ich glaube, nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil die Dissidenten so lange durchgehalten haben - Dissidenten, die ihre Freiheit im Lager verwirklicht haben. Die sich nicht an allgemein gültigen Prinzipien orientiert haben, sondern die Individualismus realisiert haben - hier und jetzt, machtfrei. Nur dadurch, dass wir keine Macht aufbauen, kann dieser Individualismus menschheitlich wirken. Denn Menschheit bildet sich zwischen einzelnen Menschen, nicht zwischen Gruppen. Dann können wir das Problem des Fundamentalismus bewältigen. George Soros, der Investmentbanker und Multimilliadär, schreibt in seinem Buch »Die Vorherrschaft der USA - eine Seifenblase? «: »Marktfundamentalisten und religiöse Fundamentalisten sind ein wunderliches Gespann [in den USA]. Gemeinsam haben sie die republikanische Partei fest im Griff.« [8] Fundamentalismus, religiös formuliert und wirtschaftlich formuliert, verbinden sich. Das ist nicht ein Problem des Islam, das ist ein menschheitliches Problem heute. Fundamentalismus bildet sich als Erstarrungsform - da, wo wir die Dynamik, von der Zukunft her zu leben, nicht entwickeln. Der eigentliche Gegenbegriff würde lauten im christlichen Verständnis: Apokalypse. Wir haben ein Leben, wir haben eine Geschichte, die von einem Zielpunkt her gestaltet werden. Das ist die Überwindung des Fundamentalismus.

* Dieser Artikel ist eine vom Autor überabeitete Tonaufzeichnung seines Vortrages im Rahmen des Kolloquiums »Das neue Gesicht des 21. Jahrhunderts« am 13.1.2007 in Heidelberg, veranstaltet vom Hardenberg-Institut und dem forum zeitfragen in der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland.

[1] Imre Kertész: Rede überdas Jahrhundert (1995), in: Imre Kertész: Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt. Essays, Reinbeck bei Hamburg 1999, S. 21.

[2] Gunilla Granath: Gäst hos overkligheten (übersetzt: Zu Gast in der Unwirtlichkeit), Stockholm 1996.

[3] Allensbach-Umfrage: »Wer glaubt an Wunder?«, FAZ vom 20.9.2006.

[4] Mathias Wais: Ich bin, was ich werden könnte, Stuttgart 2001.

[5] Avi Primor: Wege aus der Klemme, in: FAZ vom 29.8.2006.

[6] Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen, München und Wien 1996.

7 Das Eselein. Märchen der Brüder Grimm.

[8] George Soros: Die Vorherrschaft der USA - eine Seifenblase? München 2004.

Autorennotiz: Johannes W. Schneider, geb. 1928. Nach dem Studium von Pädagogik, Psychologie, Geschichte und Germanistik Promotion (Dr. phil.), dann zehn Jahre Lehrer an einer süddeutschen Waldorfschule. Heute als Psychologe in der Ausbildung von Waldorfkindergärtnerinnen und von Altenpflegern in Dortmund tätig. Vortragstätigkeit für die Anthroposophische Gesellschaft. Adresse: Mergelteichstr. 41, 44225 Dortmund.

 

 

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