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Über Lorenzo Ravagli: "Zanders Erzählungen. Eine kritische Analyse des Werkes «Anthroposophie in Deutschland»" * Zuerst erschienen in der Zeitschrift "Gegenwart" Ausgabe 4/09 von Stefan Brotbeck
Vorbemerkungen
Im Laufe der Lektüre von Ravaglis Buch sind mir so manche Zusammenhänge aufgegangen, dass es mir lohnenswert erscheint, diese Rezension in eine Art freien Kommentar zu verwandeln mit mehreren Beiträgen. Es stehen Dinge in Frage und auf dem Spiel, die weit über die Zander-Debatte hinausgehen. Ravaglis Auseinandersetzung mit Zander – eine Klärungsarbeit, zu welcher auch schon Schriften und Beiträge von Jörg Ewertowski, Günter Röschert, Karen Swassjan und andere Wesentliches beigetragen haben – bietet zahlreiche Materialien und Befunde zu dem, was man als eine Phänomenologie des Unverständnisses oder als eine Negativhermeneutik bezeichnen könnte. Im Bild gesprochen: Unverständnis ist nicht ein Fehltritt, sondern ein verkarsteter Boden, auf dem nichts wirklich Wurzeln schlagen und wachsen kann. Es sind unfruchtbare Voraussetzungen im Spiel – eine eigenartige Form von «Witzlosigkeit», die im tiefsten Inneren Unernst ist. Es bedarf also einer Phänomenologie jener Geistlosigkeit, die unüberbietbar Kierkegaard formuliert hat: «Die Geistlosigkeit ist (...) dumm in dem Sinne, in welchem es vom Salz heißt: ‹wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen›? Eben darin liegt ihr Verderben, aber auch ihre Sicherheit, daß sie nichts geistig versteht, nichts als Aufgabe erfaßt, ob sie es gleich vermag, mit ihrer schleichenden Mattheit alles zu betasten.» Hier folgt der erste Beitrag. Fortsetzung folgt. Ich empfehle dem interessierten Leser, sich in der Zwischenzeit das Buch von Ravagli zu besorgen.
Philosophie als Quelle
Das Schwergewicht des Buches liegt auf der kritischen Auseinandersetzung mit Zanders Interpretationen der Grundschriften Steiners. Seine Kritik verbindet Ravagli mit Charakterisierungen der Methodologien und Grundgedanken der jeweiligen Schriften. Dadurch erreichen Ravaglis Ausführungen die Qualität von prägnanten Einführungen in «das Lebenswerk eines Menschen, der versucht hat, verschiedene Wissensformen miteinander zu versöhnen: die Rationalität der Wissenschaft und die spirituelle Empirie.» (S. 18) Eine orientierende Grundlage von Ravaglis Ausführungen bildet der Nachweis, dass eine Auseinandersetzung mit Steiner, welche die philosophischen Grundlagen vernachlässigt, keine Auseinandersetzung mit Steiner ist. Wenn wir die philosophische Substanz des Steinerschen Denkens lediglich zum «Vorhängsel» der Anthroposophie erklären, haben wir kein Mehr-als-Philosophie, sondern bald einmal ein Weniger-als-Philosophie – und verlieren auch die Anthroposophie aus den Augen. Dass Steiners Philosophie von Steiner-Anhängern wie von Steiner-Gegnern immer wieder unterschätzt wird, liegt auch daran, dass gerade hier die Option zwischen Anhängerschaft und Gegnerschaft in die Irre führt, oder wie Walter Kugler in seinem Vorwort treffsicher formuliert: «Steiner braucht keine ‹Verteidiger›, aber kreative Rezipienten, die auf hohem Niveau mit seiner geistigen Substanz umzugehen verstehen.» Ravagli macht deutlich, dass Zanders Interpretationen der Philosophie Steiners so anspruchslos sind, dass sie nicht in der Lage sind, kontrovers zu sein: sie bringen es nicht einmal zur Fragwürdigkeit. Ravagli stellt bitter fest: «Entweder hat er [Zander] die ‹Philosophie der Freiheit› nicht gelesen, oder er hat sie schlicht nicht verstanden, vielleicht, weil er ‹in der Hetze› der Abfassung seines Mammutwerkes Details keine so große Aufmerksamkeit schenken konnte?» (S. 83) Indem Zander die orientierende, weil selbstkritische Kraft der Philosophie und die jedem Menschen zugängliche Denk- und Erkenntniserfahrung ausklammert, verschafft er sich Freiraum, um sich in von allen philosophischen Anfechtungen freien Verhältnissen seinem Hauptinteresse zu widmen: nämlich Steiners «Anthroposophie» als eine Art Ausstülpung der Theosophie angloindischer Provenienz zu «verstehen». Dies ist natürlich keine Erfindung Zanders. Sein originärer Beitrag zu dieser immer wieder geäußerten Behauptung besteht darin, die Einführung der Anthroposophie als eine Art machthungrige und egomanische Abnabelung oder Abspaltung von der theosophischen Gesellschaft darzustellen. Doch auch in diesem Fall dürfte der Preis für diese fatale Behauptung größer sein, als der Nutzen, den Zander daraus zieht: Denn sie gefährdet gerade das von Zander beschworene (wenn auch nicht wirklich wahrgenommene) Kontextualisierungsunternehmen. Indem sie nämlich die Traditionslinien ausdünnt, ja geradezu ausblendet, an die Steiner explizit und nachweislich anschließt.
Europäische, christlich-abendländische Quellen
Ein wiederkehrendes und in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug zu schätzendes Motiv von Ravaglis Arbeit sind die weniger in ihrer Breite als in ihrer systematischen Betonung wirksamen Hinweise auf die abendländisch-europäischen und spezifisch christlich-theosophischen Quellen des Steinerschen Denkens. Sorgfältig gezeigt zu haben, dass der angloindische Schrumpf-Steiner einzig und allein das Produkt von interpretativen Aufblähungen durch Zander ist: dafür verdient Ravagli allergrößte Anerkennung. Die Zandersche Suchmaschine filtert genau das Spezifische, ja den ganzen «Witz» des Steinerschen Ansatzes heraus – und konserviert den Rest, ja schwemmt ihn förmlich auf. Zanders Rückgriff auf orientalisierende, angloindische Kompendienliteratur verdunkelt, was zu erhellen wäre. Es liegt auf der Hand, weshalb Zander auch Steiners Hinweis ignoriert, dass sein Werk Theosophie zu denselben Erkenntnissen führe wie auf einem anderen Weg Die Philosophie der Freiheit: «Wenn diese Wahrheiten durch die ‹Philosophie der Freiheit› auch gefunden werden können, dann ist jede denkbare Herleitung dieser Wahrheiten aus einer Kenntnis angloindischer, ‹theosophischer Wahrheitstraditionen› von Grund auf verbaut, denn nicht einmal Zander dürfte es gelingen, solche ‹Traditionen› in der ‹Philosophie der Freiheit› zu finden.» (S. 178) Doch die bittere Ironie ist: Zander, der die Unterschiede banalisiert oder bagatellisiert, auf die es gerade ankommt (nämlich die von Grund auf unterschiedlichen Ansätze bei der angloindischen und bei Steiners Theosophie), ist auch der Zander, der Steiner unterstellt, Unterschiede breitzuwalzen und zu skandalisieren, auf die es sachlich gar nicht angekommen sei: um sein machtpolitisch motiviertes Abgrenzungsbedürfnis von der Theosophischen Gesellschaft zu befriedigen, habe Steiner die «Christologie zu einer bruchfähigen Differenz ausgebaut». In sachlicher Hinsicht ist dies eine Behauptung, die der ganzen Arbeit Steiners ins Gesicht schlägt: nämlich in Form einer schöpferischen Aneignung des europäisch-abendländischen Erkenntnisringens und in kritischer Auseinandersetzung mit der östlichen Spiritualität und der westlichen Wissenschaft eine spezifisch christliche Spiritualität ins Bewusstsein ihrer existenziellen Bedeutung zu rücken – Ravagli spricht einmal sehr schön von «Weiterbildung und Neuschöpfung» (415). In struktureller Hinsicht handelt es sich um eine Falle. Zander spielt mit Steiner das Spiel: «Kopf: ich gewinne, Zahl: Sie verlieren.» Um ihn des angloindisches Mitläufertums zu überführen, nimmt Zander nicht ernst, was Steiner in philosophischer Hinsicht sagt. Und um ihn der Machtallüren zu überführen, nimmt Zander wiederum nicht ernst, was Steiner in theosophiekritischer Hinsicht sagt. In Zanders Blick hat Steiner keine Chance. Am Ende wird man vielleicht sagen müssen: zum Glück – für Steiner. Das gleiche erpresserische Muster wendet Zander auf seine Quellenfunde an. Was keine pure Erfindung ist, muss ein Plagiat sein – und was kein Plagiat ist, muss eine pure Erfindung sein. «Wo Zander vergleichbare Texte heranzieht, nämlich die theosophischen Literaturen, ist sein Vergleich von der Absicht beherrscht, den Nachweis einer Abhängigkeit, des Plagiats zu führen. Diese scheinbaren Beweise für Abhängigkeiten könnte man jedoch auch als weitgehende Übereinstimmungen, also Bestätigungen lesen. Eine solche Lesart zieht Zander jedoch nirgends in Betracht.» (S. 267) Gerade mit Blick auf literarische und literarisch zugängliche Quellen kann uns Ravaglis Buch darauf aufmerksam machen: Nicht weniger, sondern mehr Kontextualisierung führt weiter. Der schöpferische Geist ist kein spiritueller Robinson, der alles aus sich selber schöpft – dies wäre nur das selbstsüchtige Zerrbild des freien Geistes. Nein: der freieste Geist ist vielmehr derjenige, der am intimsten mit allem verwoben ist, bis in die stillsten und verwinkelsten Winkel hinein. Unerschöpfliche Selbstmanifestation ist, ihrem Wesen nach, unermessliche Partizipationsfähigkeit. «Wenn wir den Mund aufmachen, reden immer zehntausend Tote mit», schreibt Hofmannsthal. Wenn Steiner den Mund aufmacht, redet die ganze Weltgeschichte des Denkens mit. Ganz für sich stehen kann nur, wer mit allem zusammenhängt.
* Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Walter Kugler, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2009 (440 S., Fr. 64.- / € 39.-)
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