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Thementag Anthroposophie in Bochum

01.11.2011

Prof. Zander, Michael Schmock und Johannes Kiersch © foto - anthro-press


Das Steiner-Jahr hat es in sich. Mehr als einmal - so scheint es- haben sich seit Beginn des Jahres die Anthroposophen die Augen gerieben. Der aktuelle Höhepunkt, so scheint es, war der Auftritt von Peter Sloterdijk im Vitra-Museum in Weil am Rhein, wo die vielbeachtete Steiner Ausstellung nach Wolfsburg, Stuttgart und Wien jetzt ihren festen Platz gefunden hat.
von Michael Mentzel

Nicht ganz so viel Aufmerksamkeit - dafür aber eine gehörige Portion Substanz jenseits aller philosophischer Wortklingelei und des so genannten "Name-Dropping" - bot der Thementag Anthroposophie, der vom Arbeitszentrum der Anthroposphischen Gesellschaft in NRW am 15. Oktober ausgerichtet wurde und in der Bochumer Rudolf Steiner Schule stattfand. Die Teilnahme ausgewiesener Nichtanthroposophen versprach eine spannende Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner und seinem Werk; in der Tat wurden die nahezu 70 Teilnehmer nicht enttäuscht und erlebten eine stets von gegenseitigem Respekt und großem Interesse begleitete Veranstaltung, in deren Verlauf sich zeigte, dass es möglich ist, gegensätzliche Positionen im lebendigen Gespräch zu klären. Eingeladen waren als Referenten und Podiumsteilnehmer neben dem Religionswissenschaftler Prof. Helmut Zander (Anthroposophie in Deutschland), der Journalist Dr. Manuel Gogos (Rudolf Steiner "Lange Nacht im Deutschlandfunk), der Filmemacher Rüdiger Sünner sowie Laura Krautkrämer von der Medienstelle Anthroposohie und der Waldorfpädagoge Johannes Kiersch eingeladen. Moderiert wurde der Thementag von Michael Schmock vom Arbeitszentrum der Anthroposophischen Gesellschaft NRW, der auch Vorstandsmitglied der deutschen Landesgesellschaft ist.

Gestern - Heute

Der Einführungsvortrag von Johannes Kiersch war ein fulminantes Plädoyer und ein Beispiel für eine lebendige Auseinandersetzung mit der Anthroposphie. Kiersch schilderte Steiners Stationen und seinen Weg zur Anthroposophie und entwickelte anhand Steiners Werdegang den Begriff der Original-Intuition. Rudolf Steiner hätte sich selbst einige Zeit als Guru aufgefasst, und die Theosphie als Einstieg in eine eigenständige Esoterik genutzt. Der von Steiner seit 1912 beschriebene Rosenkreuzerweg hätte dann eine stärkere Eigenverantwortlicheit des Schülers gefordert. Kiersch nannte hier Steiners 1912 erschienenes Buch "Ein Weg zur Selbsterkenntnis". Die Forderung Steiners nach der völligen Autonomie des Schülers sei dann allerdings nicht genügend aufgenommen worden. Nach Steiners Tod hätten viele Teile der Anthroposophischen Bewegung, die ohnehin nicht allzu sehr vorhandenene Eigenständigkeit zugunsten des "Sarastro-Prinzips" aufgegeben und sich damit der Möglichkeiten einer Original-Intuition beraubt. Kiersch wies auf die Bedeutung der Meditation hin und nannte hier den anthroposophische Seelenkalender als eine Möglichkeit, sich meditative Praxis zu erarbeiten und aneignen zu können. Anthroposopie heute sei notwendigerweise nur durch eigene Erfahrung und individuelle Wege möglich.

Durchaus kritisch fragte Johannes Kiersch aber auch nach der Aufgabe des Dornacher Vorstandes bei der Frage nach den indivuduellen Zugängen zur Anthroposophie und gab so der von Ramon Brüll vor einigen Jahren aufgeworfenen Frage nach der Notwendigkeit einer anthroposophschen Gesellschaft noch einmal neue Nahrung. Konkret stellte Kiersch die Frage - mit dem Hinweis auf das von Bodo von Plato geprägte Heraklit-Wort, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigen könne - ob von Dornach überhaupt noch Veränderung ausgehen könne.

Die Wissenschaft hat festgestellt

Helmut Zander wies darauf hin, das das "Charisma der persönlichen Begegnung" - das es zu Steiners Lebzeiten noch gegeben hätte - erloschen sei. Die Theosophie hätte sich als Avantgarde verstanden mit der Hoffnung und dem Versprechen auf höhere Erkenntnis. In diese Theosophie sei Steiner, dessen Kritik an der Bibel immer stärker geworden sei, hineingewachsen. Steiners Antwort auf die Fragen der Zeit sei es gewesen, dass die Wahrheit nicht in Texten gefundenen werden könne, sondern nur durch höhere Erkenntnis. Es sei dies der Versuch gewesen, nach der Bibelkritik eine höhere Basis zu finden. Zander erklärte dies so: "Weil er (Steiner) die spirituelle Erkenntnis retten wollte vor dem historischen Relativismus."

Im anschließenden Gespräch zwischen Helmut Zander und Johannes Kiersch, das von Michael Schmock moderiert wurde, wurden die einzelnen Positionen noch einmal näher beleuchtet und durch engagierte Beiträge aus dem Publikum zu einem lebendigen Austausch. Eine Bemerkung des Religionswissenschaftlers sorgte für Heiterkeit: "Vor dreißig Jahren hätte man Johannes Kiersch für seine "Bemerkung über das "Sarastro-Prinzip" einen Kopf kürzer gemacht", sagte er mit dem Hinweis auf das von Johannes Kiersch angesprochene Thema Guru vs. "Original-Intuition". Zander konstatierte, dass von Steiner heute "Verlust und Erbe" geblieben sei. Dabei gestand er zu, dass seine (Zanders) Antworten - natürlich - aus einer subjektiven Außenperspektive kämen. Er glaube einfach nicht an den Verzicht auf wissenschaftliche Fakten. Beispiel: Atlantis oder den Gral hätte es nie gegeben. Diese Aussage stieß - bei einem Zuhörer - auf massiven Protest, der für eine kurze Zeit für etwas Unruhe im Saal sorgte, sich aber durch Intervention von Michael Schmock dann wieder legte. An dieser Stelle wurde auf eine sehr sympathische Weise deutlich, wie offen die anthroposophischen Zuhörer - entgegen mancher landläufigen Meinung - gegenüber anderen und auch gegensätzlichen Positionen sein können, wenn diese Positionen sachlich und ohne "Schaum vor dem Mund" vertreten werden. Helmut Zander wiederholte die von ihm bekannte Auffassung, dass er sich ausschließlich an wissenschaftlich belegte Fakten halte und dass die Aussagen Steiners in den Bereich des Glaubens zu verweisen. Dies festzustellen, sei keine "bösartige Sondermethodik, sondern das sei überall so." Wissenschaft hätte keinen Anspruch auf Wahrheit, sondern "einen Anspruch auf Deutung." Gleichwohl gebe es Dinge in der Anthroposohie, die "jenseits höherer Erkenntnis" sinnvoll seien. "Die Geschichte der Meditation muss neu geschrieben werden", sagte Zander und hier wies er Steiner durchaus eine große Rolle zu: Steiner sei es gewesen, der das Thema Meditation für den mitteleuropäischen Kulturraum erschlossen hätte.

Auch die Anthroposophische Gesellschaft und ihre Probleme waren hier - wenn auch am Rande - noch einmal Thema. Für Helmut Zander aber ist die Gesellschaft schon aus dem Grunde nicht gefährdet, weil es Menschen gibt, "die ohne die AAG nicht leben können."

Praxis. HörRäume - Wahrnehmungsräume - Therapieräume - Lebensräume

Nach der Mittagspause hatten verschiedene VertreterInnen aus den unterschiedlichsten anthroposophischen Arbeitsfeldern Gelegenheit, sich und ihre Arbeit näher vorzustellen. Sie nahmen die Zuhörer mit auf eine interessante Reise in ihre jeweiligen Fachgebiete.

Die Musikpädagogin Reinhild Brass aus Witten brachte den ZuhörerInnen das Fach "Audiopädie" nahe, bei dem es um neue Zugänge zum Hören geht. Tempo, Lärm und Stress seien die "Feinde" des Hörens, Einflussfaktoren, die uns immer wieder davon abhielten, richtig zu hören. Um zu "hören", müssten wir uns aber der Stille nähern, einer Stille, wie sie beispielsweise durch Meditation erlebt werden kann. Es komme beim Hören, so die Musikpädagiogin aus Witten, wie auch bei der Meditation auf eine "absichtslose Präsenz" an. Durch die Initiative von Reinhild Brass entstand in Witten-Annen der "HörRaum", eine Einrichtung, in der Menschen sich - mit Hilfe von Natur- und Instrumentenklängen - dem richtigen Hören zuwenden und neue Hör-Erfahrungen machen können. Erfahrungen, die uns aufgrund der äußeren Einflüsse oft nicht mehr zugänglich seien.

Über die Probleme und Schwierigkeiten bei der Frage, wie Anthroposophie in einem Krankenhaus mit 1400 MitarbeiterInnen leben kann, berichtete der Arzt Dr. Stefan Schmidt-Troschke vom Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Er sprach über die Nöte bei der Gewinnung von MitarbeiterInnen und darüber, wie man es hinbekommt, wenn in der Satzung der Institution die Anthroposophie und der damit verbundene Freiheitsgedanke verankert ist, es aber nicht genug Anthroposophen für diese Arbeitsfelder gibt? In einem kleinen Exkurs wies er darauf hin, dass es der Anspruch des Gründers Gehard Kienle gewesen war, ein Krankenhaus mitten in der Gesellschaft zu etablieren und Menschen aus der Region zu behandeln. Schmidt-Troschke schilderte, welche Ideen und Initiativen ergriffen wurden, um MitarbeiterInnen an Grundlagen der Anthroposophie heranzuführen, und wie es gelingen kann, dass sich Mitarbeiter nicht gegängelt oder beeinflusst fühlen. Es sei immens wichtig, an die Erfahrungen der Mitarbeiter anzuknüpfen. Es gelte, so der Tenor, neue Formen der gegenseitigen Wahrnehmung zu entwickeln. Also auch in diesem Bereich - unüberhörbar - eine Abwendung von dem "Sarastro-Prinzip", bei dem alles auf eine höhere Instanz gebaut ist, hin zu einer Eigenverantwortlichkeit, für die angesichts der Vorgaben durch staatliche Institutionen der Begriff "Original-Intuition" vielleicht etwas hochgegriffen ist, ihm aber doch recht nahe kommt. Die Entwicklung neuer Begegnungsformen gelte im übrigen auch für andere anthroposophische Einrichtungen sowohl in der Innen- als auch in der Außenwahrnehmung, bemerkte Stefan Schmidt-Troschke.

Annette Weißkircher, Professorin für Eurythmie an der Alanus-Hochschule, schilderte aus ihrer Sicht, wie es gelungen sei, der Heileurythmie den Weg in den wissenschaftlichen Kontext zu ebnen und ihr damit als Teil eines wissenschaftlich anerkannten Studienganges die notwendige Reputation zu verschaffen. Sie berichtete aus ihrer persönlichen Forschungsarbeit an der Hochschule und wies auch auf die Tatsache hin, dass der therapeutische Ansatz der Eurythmie inzwischen auch Gegenstand internationaler Zusammenarbeit geworden ist.

Einen kurzen Überblick über die Aktivitäten eines Zusammenschlusses junger Unternehmer - die "young organics" - gab Tobias Bandel. Dabei handelt es sich um eine Initiative, die ohne sich fest zu institutionalisieren, regelmäßige Zusammenkünfte abhält, um sich - ohne ideologische Scheuklappen - über die Fragen ökologischen Handelns und die damit verbundenen gesellschaftlichen Notwendigkeiten auszutauschen. In diesem - als sehr erfrischend und lebendig erlebten Kurzbericht wurde sichtbar, dass in derartigen Initiativen tatsächlich eine große Keimkraft liegen kann, weil direkte persönlichen Erfahrungen der Beteiligten - im Zusammenklang mit anderen Menschen - neue und bisher nicht gedachte Ideenzusammenhänge aufzeigen könnten, die - im Sinne der von Johannes Kiersch beschriebenen "Original-Intution" über den Tellerrand einer sowohl ökonomischen als auch ökologischen Mainstream-Sichtweise hinaus weisen könnten.

Im Gespräch. Von Atlantis zu Sloterdijk

Im Gespräch: Laura Krautkrämer, Manuel Gogos, Rüdiger Sünner und Michael Schmock. Der letzte Teil dieses gelungenen Thementages war der Wahrnehmung der Anthroposophie im Allgemeinen, aber auch der Steiner-Rezeption im Besonderen gewidmet. Laura Krautkrämer von der Medienstelle Anthroposophie gab einen Überblick, in welchen "normalen Zusammenhängen" die Anthroposophie und ihr Begründer inzwischen angekommen seien. Anhand verschiedener Beispiele, die von den jüngsten Äußerungen des Philosophen Peter Sloterdijk bis zu Rudolf Steiner als "Geistesmenschen" in einem Kreuzworträtsel der "Rätselrevue" reichte, sei sichtbar, dass die Akzeptanz der Anthroposophie in der Öffentlichkeit stärker geworden sei. Steiner hätte die anthropsophische Nische verlassen, wobei der esoterische Aspekt der Anthroposohie in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend ausgeblendet würde.

Der Journalist Manuel Gogos, Autor der "langen Nacht" über Rudolf Steiner im Deutschlandfunk widmete sich in seinem Beitrag der Frage, wie es gelingen könne, die Hintergründe von Esoterik verständlich zu machen und merkte an, dass es häufig nur möglich sei, "an der Oberfläche zu kratzen", wie er auch bei der Arbeit an seiner langen Nacht festgestellt hätte. Immer wieder müsse man sich - auch als Journalist - fragen, was man eigentlich "übersetzen" wolle. Sein Zugang zur den Themen der Anthroposophie hätte er über die Praxisfelder gefunden, klar sei es natürlich, dass man dann auch nach den Hintergründen fragen müsse.

Von "Steiner light" zu "Steiner heavy" reichte der Bogen, den der Filmemacher Rüdiger Sünner in seinem Beitrag spannte. Dem anthroposophischen Publikum bekannt ist Sünner unter anderem durch seinen Film "Abenteuer Anthroposophie".

Steiner hätte in vielen seiner Vorträge eine mythologischen Bildersprache verwendet. Insofern sei Steiner vielleicht auch ein Erzähler gewesen. Für ihn (Sünner) ergäben sich durch die Beschäftigung mt diesen Bildern ein anderer Zugang zu Themenkernen wie beispielsweise dem Gral oder Atlantis. Er sei ja auch Musiker, merkte Sünner an und es gehe bei ihm darum, Steiner künstlerisch zu lesen, d.h. weniger im buchstäblichen, sondern eher in einem metaphorischen Sinne zu lesen. Er verglich dies mit dem Lesen und dem Verständnis von Partituren. Bei der Anregung Sünners, Steiner auch aus einem tiefenpsychologischen Aspekt und unter Gesichtspunkten einer mythischen Bildwelt zu lesen und zu verstehen, fühlte sich Helmut Zander, der dem Gespräch mit offensichtlichem Interesse gefolgt war, bemüßigt, Steiner gegen eine solche Mythologisierung in Schutz zu nehmen.

Manuel Gogos ergänzte die Worte Rüdiger Sünners mit dem Hinweis auf Steiners Wandtafelzeichnungen: es gebe auch ein Denken in Bildern und vieles ließe sich eben über Bilder verstehen; vielleicht, so Gogos, könne ja auch die Philosophie der Freiheit gezeichnet werden.

Im weiteren Verlauf des Gespräches zeigte sich, dass die erklärten "Nichtanthroposophen" Manuel Gogos und Rüdiger Sünner über ein sehr breites und fundiertes Wissen über Steiner und sein Werk verfügen und mit ihrem Außenblick einen lebendigen Austausch auch unterschiedlicher Standpunkte möglich machen und allen Beteiligten - so sie sich darauf einlassen - damit einen wirklichen Erkenntnisgewinn ermöglichen.

Für Michael Schmock, der mit seinen Kolleginnen und Kollegen vom Arbeitszentrum NRW diese spannende und nach Ansicht vieler Teilnehmer sehr gelungene Veranstaltung geplant, organisiert und auch moderiert hat, ist es gerade auch "diese Außenansicht", die notwendig sei, damit die Anthroposophische Gesellschaft keine "Insidergesellschaft" bleibe. Für ihn, so sagt er am Ende, sei dieser Tag - gerade auch durch die Zusammensetzung der Teilnehmer - natürlich auch ein gewisses Risiko gewesen - aber dieses Risiko habe sich gelohnt.

Der Eindruck, dass offensichtlich nahezu alle Teilnehmer diese Einschätzung teilen konnten, dürfte nach allen Äußerungen, die am Ende zu vernehmen waren, tatsächlich nicht falsch sein.

 

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