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Erstmals sind jetzt die grundlegenden philosophischen Schriften von Rudolf Steiner in einer textkritischen Ausgabe erschienen: Band 2 der von Christian Clement herausgegebenen und kommentierten SKA (Kritische Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners) umfasst „Wahrheit und Wissenschaft“ (1892) und die „Philosophie der Freiheit“ (1894).
von NNA-Korrespondent Wolfgang G. Voegele

NNA - Der Band enthält ein Vorwort vom Philosophieprofessor und Autor von Studien über Kant und Goethes Naturphilosophie Eckart Förster (Förster war einer der Referenten der 2011 in Bologna von Anthroposophen veranstalteten Jubiläumstagung. Vgl. Eckart Förster: Die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie. Anmerkungen zu Rudolf Steiners ‚Bologna-Vortrag’. Die Drei, 6, 2011, S. 27-38.), eine über 100 Seiten lange Einleitung des Herausgebers, einen Textapparat von 260 Seiten, einen Anhang mit Stellenkommentaren und Register mit einem Umfang von 150 Seiten.

Obwohl Steiners Kenntnisstand überholt sei und seine Darstellungsweise antiquiert wirke, gebe es Anzeichen dafür, so Förster in seinem Vorwort, dass seine Fragestellungen wieder aktuell werden. Die Stelle des von Steiner kritisierten „ungesunden Kant-Glaubens“ habe heute der Naturalismus eingenommen. Die heutige Philosophie sei durch einen umfassenden Objektivismus gekennzeichnet, dem das Subjekt abhanden zu kommen drohte. Gegenwärtig beginne aber die Dominanz des Naturalismus zu bröckeln, weil dieser Innenerlebnisse nicht beschreiben und erklären könne, wie der Philosoph Thomas Nagel und der Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens erklärten. Dies sei Grund genug, sich zu fragen: Worum ging es Steiner der Sache nach?

Provokante Thesen

Förster versucht, Steiners Anliegen thesenartig zusammenzufassen. Nach Steiner sei das sinnenfreie, reine Denken über Subjekt und Objekt erhaben. Diese provozierende Feststellung müsse noch untersucht werden. Ebenso provokant sei Steiners These, dass der Mensch im reinen Denken wirklich frei sein könne. Steiners „ethischer Individualismus“ habe nichts mit Nietzsches und Stirners Egoismus zu tun, schon eher mit Schellings Philosophie. Steiners Denken enthalte außerdem Elemente des Denkens von Fichte, von Goethe und von Hegel. Auch stehe er in einer platonischen Tradition. Steiners Philosophie stehe und falle mit der Möglichkeit eines „reinen Denkens“. „Ohne den bereitwilligen Versuch, ein solches sich selbst erzeugendes Denken im Sinne Steiners selbst auszubilden, wird sich über dessen Wirklichkeit nichts entscheiden lassen“, resümiert Förster.

Clement setzt seiner Einleitung ein Motto aus den Paulusbriefen voran:„Zur Freiheit seid ihr berufen, meine Brüder. [...] lasst euch nicht wiederum in das Joch der Knechtschaft spannen.“ (Gal. 5, 13a, 1b) Damit folgt er durchaus Steiners Spuren, denn dieser stellte seine beiden Schriften in einem Vortrag in die paulinische Tradition und damit in eine von Christus inspirierte Strömung: „Ich darf sagen: in den Schriften ‚Wahrheit und Wissenschaft’ und ‚Philosophie der Freiheit’, trotzdem sie ganz aus der Philosophie heraus gearbeitet sind, lebt paulinischer Geist.“ (Vortrag vom 4. September 1917, in: GA 176 „Das Karma des Materialismus“).

Ja, er bezeichnet im gleichen Vortrag seine Anschauungen sogar als eine „paulinische Erkenntnistheorie“. Einige Theologen haben schon zu Steiners Lebzeiten den „paulinischen“ Charakter der Anthroposophie anerkannt, sowohl in ihrem Freiheitsbegriff als auch in ihrer Betonung des „Damaskus-Erlebnisses“ als Beginn einer neuen Hellsichtigkeit der Menschheit (genannt sei hier nur Edmund Ernst: Reformation oder Anthroposophie? 1924).

Steiners Philosophie

Clements Einleitung beginnt mit einem Zitat des 25-jährigen Steiner über den Gott in unserem Innern, ein Standpunkt, den Steiner später als die „Urzelle“ seiner Philosophie der Freiheit bezeichnete. Um die (auch heute noch vertretene) These zu widerlegen, er sei in seiner Weimarer Zeit Atheist gewesen, konnte Steiner auf einen 1896 erschienenen Vortrag des Weimarer Pastors Graue über „Die freie christliche Persönlichkeit“ verweisen, in der die „Philosophie der Freiheit“ lobend erwähnt wird. (Vgl. GA 255b: Rudolf Steiner und seine Gegner, S. 254ff.).

Als Philosoph stieß Steiner von Anfang an auf distanzierte bis vernichtende Kritiken von Fachleuten (z.B. Adickes), was zur Folge hatte, dass er von der akademischen Welt unbeachtet blieb und von dieser – besonders nach seinem Übertritt in die Theosophische Gesellschaft 1902 – nicht mehr ernst genommen wurde. Seitdem wurden seine philosophischen Arbeiten fast ausschließlich von Anthroposophen erwähnt.

Zwischen 1921 und 2004 sind nur vier Dissertationen erschienen, deren zentrales Thema die Philosophie Steiners war. Helmut Zander (2007), der Steiners Philosophie nur kursorisch behandelt, sei den Texten nicht wirklich gerecht geworden und habe zu deren Verständnis wenig beigetragen, meint Clement (CXXXI). Erst seit Hartmut Traubs umfassender Studie (2011) habe eine akademische Diskussion darüber eingesetzt. Das Fehlen einer kritischen Textausgabe zum Werk Steiners habe sich allerdings lange Zeit negativ auf die Forschung ausgewirkt, beispielsweise in der Dissertation von Jaap Sijmons (2008), der bei seinen Steinerzitaten oft nicht angebe, auf welche Auflage er sich bezieht.

Philosophie der Freiheit

Steiner selbst hatte seine „Philosophie der Freiheit“ erst nach einem Vierteljahrhundert (1918) neu herausgegeben, in einem zeitgeschichtlich und für sein anthroposophisches Wirken bedeutsamen Jahr. Er kommentierte die Herausgabe mit dem Hinweis, die Menschheit sei in ein Zeitalter eingetreten, das gegenüber allen ethischen, sozialen und politischen Fragen versage. Nach der Kriegskatastrophe sei gerade die „Philosophie der Freiheit“ mit ihrem ethischen Individualismus zeitgemäß (Vortrag Dornach, 27. Oktober 1918, GA 185a, TB, S. 125 ff.).

Steiner hielt es daher für notwendig, dieses Werk der Öffentlichkeit erneut zugänglich zu machen als Grundlage für die unmittelbar bevorstehende Propagierung seiner sozialreformerischen Ideen (soziale Dreigliederung) und als Nachweis seiner philosophischen Kompetenz gegenüber schlecht informierten oder böswilligen Kritikern. Auch wollte er damit der damals schon verbreiteten Legende vom „Bruch“ seiner Ideenentwicklung entgegentreten.

Anders als Helmut Zander behandelt Clement Steiners Selbstaussagen über seine philosophischen Schriften (und z.B. über seine frühe Kant-Rezeption) als ernstzunehmende Quellen. Clement zeigt nüchtern, dass Steiner sich (abgesehen von seiner Dissertation) oft nicht an akademische Standards gehalten hat. Seine vielfach ungenauen Formulierungen könnten auf seinen autodidaktischen Bildungsgang zurückzuführen sein.

Die zahlreichen Bearbeitungen Steiners in der 2. Auflage von 1918 dokumentieren nach Clement dessen Entwicklung zum Esoteriker, der nun im Rückblick seine philosophische Frühschrift “als Grundlage und Rechtfertigung seines theosophischen und anthroposophischen Lebenswerks interpretiert und entsprechend umgestaltet“. (S. LXXXI) Naturgemäß bleiben offene Fragen, etwa: wann genau Steiner die „Philosophie der Freiheit“ in ihrer jetzigen Gestalt konzipiert hat. (S. LXXIX)

Ins Abseits führende Debatte

Schon gleich nach dem Start der Edition brach zwischen anthroposophischen Akademikern ein Streit über die Interpretation der Überarbeitungsstufen aus. Die Heftigkeit dieser Auseinandersetzung wertete Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung als Anzeichen dafür, „dass man es hier immer noch, im religiösen Sinne, mit Glaubenstexten zu tun hat.“ (Thomas Steinfeld: „Wie fotografiert man den Allgeist?“, Süddeutsche Zeitung vom 10.1.2014) Wird die anthroposophische Bewegung diesmal mit mehr Gelassenheit auf das Erscheinen des neuen Bandes der SKA reagieren? Es wäre zu wünschen im Interesse einer breiteren Rezeption des Werks Steiners auch in der akademischen Welt.

Nichts Gutes verheißt in dieser Hinsicht die gerade ausgebrochene Debatte um die Promotionsbestrebungen Steiners. Es ist der Satz in der Einleitung: „Auch erkundete Steiner Möglichkeiten, einen sogenannten ‚englischen Doktortitel‘ ohne Absolvierung einer Prüfung zu erwerben.“ (LXXVII), der Clement den Vorwurf eingetragen hat. Hier hat Clement direkt reagiert und betont „dass es sich bei dieser Diskussion nicht um eine moralische Bewertung der Bemühungen Steiners um ein Doktordiplom handelt – der Erwerb des von Steiner erwünschten ‚englischen Diploms‘ war damals offenbar ebenso üblich und legal wie entsprechende heutige Alternativen –, sondern allein um die Feststellung der historischen Tatsachen“.

Neu ist der ganze Vorfall auch nicht, Steiner-Archiv-Direktor Dr. David Marc Hoffmann hatte die beiden Briefe aus dem Jahr 1890 bereits 1991 in seiner Studie zu Steiners Dissertation veröffentlicht. Insofern bleibt zu hoffen, dass dieses gerade in Deutschland skandalträchtige Thema nicht die grundsätzliche inhaltliche Debatte um den neuen Band der SKA in den Hintergrund drängt.

Es sei auch daran erinnert, dass es vergleichbar Proteste zum Diskurs um die SKA schon zu Steiners Lebzeiten gab, sobald ein unabhängiger Publizist öffentlich für Steiner eintrat. Seinen Anhängern gab Steiner damals zu bedenken: “Man sollte sich [...] doch auch einmal freuen können, wenn auch etwas für, von ganz außenstehender Seite für unsere Sache auftritt.“ [Vortrag Stuttgart, 13. Mai 1917, GA 174b, S. 231] Das Zitat geht wie folgt weiter: „Bis jetzt aber haben wir es vielfach erfahren, dass gerade denjenigen Steine in den Weg geworfen worden sind von Seiten unserer Mitglieder, welche sich für unsere Sache einsetzen wollten, dass aber abgeraten worden ist, sich für unsere Sache einzusetzen in gutem Wollen und in kühner Weise, während man sich nicht gekümmert hat um all das Schmähende, das geschehen ist im großen ganzen.“

Worauf bezog sich Steiner hier? Der Dichter Alexander von Bernus wurde aus der anthroposophischen Bewegung heraus einem – wie man heute sagen würde – Shitstorm ausgesetzt, nachdem er versucht hatte, in seiner vielbeachteten Zeitschrift „Das Reich“ die in der Anthroposophie geschilderte Welt- und Menschheitsentwicklung in Versform wiederzugeben.

Beachtenswertes Unternehmen

Durch das Unternehmen SKA dürften sich die Chancen, dass Anthroposophie in den akademischen Diskurs Eingang findet, erheblich vergrößert haben, denn Steiner tritt hier ganz anders in die Außenwelt. Wie man auch immer zu dem Unternehmen SKA im einzelnen stehen mag: Zweifelsohne liegt ein beachtenswerter Versuch vor, den Schriften Steiners in der wissenschaftlichen Welt mehr Beachtung zu verschaffen.

Wie produktiv der Außenblick auf sein Werk sein kann, zeigt auch die Auseinandersetzung Clements mit Steiners Dissertationsschrift „Wahrheit und Wissenschaft“, die in der anthroposophischen Bewegung bisher wenig rezipiert worden ist, durch ihre wesentlich stringentere Argumentation aus der Sicht Clements das Denken Steiners jedoch für die akademische Welt eher nachvollziehbar macht als die salopp – und von daher oft unpräzise formulierte – „Philosophie der Freiheit“.

Es war die große Ausstellung im Wolfsburger Kunstmuseum 2010 „Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags“, von der das geflügelte Wort ausgegangen ist, man dürfe Steiner nicht allein den Anthroposophen überlassen. Durch den neuen Band der SKA scheint es sich zu bestätigen. Clement geht als wissenschaftlicher Herausgeber einen eigenständigen Weg. Die Steinerforschung, ob sie nun von der etablierten Wissenschaft oder von der anthroposophischen Bewegung betrieben wird, kann von dieser Edition, die eine mutige Pioniertat darstellt, nur profitieren.

© NNA - Der vorliegende Text wurde übernommen von der anthroposophischen Nachrichtenagentur NNA (News Network Anthroposophy) in London

 

 

 

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