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Börse, Finanzmärkte, Schlossstraße und Hotels für "die da oben" und Hartz IV für "die da unten". Warum den Sack schlagen, wenn der Esel gemeint ist? Wäre es nicht besser, den Präsidenten zu behalten?
von Michael Mentzel

Der interessierte und aufmerksame Beobachter des Zeitgeschehens wartet gern eine Weile. Vielleicht, so glaubt er, ergeben sich bei genauerer Betrachtung des Sachverhaltes Gesichtspunkte, die diesen in einem anderen Licht erscheinen lassen, eine schnelle Bewertung überholen oder am Ende vielleicht sogar überflüssig machen.

Im Falle des Herrn Bundespräsidenten Wulff, der nicht sonderlich präsidial herüberkommt in den letzten Wochen, dürfte nun aber so langsam der Punkt erreicht sein, an dem eine Rückkehr zu einer wie auch immer gearteten "Normalität" schlechterdings kaum noch möglich ist. Um einmal in der Diktion von Christian Wulff zu bleiben: "Man" beginnt, sich so langsam aufzuregen.

Die Zeiten haben sich geändert: in einer Welt, in der eine Nachricht, umgedeutet und -bearbeitet, fast schneller ihren Absender errreicht, als dieser die Nachricht hervorgebracht hat, lässt sich zwar einerseits kaum noch etwas unter den Teppich kehren, andererseits aber wird ein Sachverhalt auch nicht ausgiebig geprüft, bevor er das Ohr oder das Auge der Öffentlichkeit erblickt. Eine durchaus fatale Entwicklung für alle, die gewohnt waren, dass sich ihre Machenschaften und ihre Kungeleien - zumindest partiell - unterhalb der Wahrnehmungsschwelle abspielen konnten.

Eine Politikerkaste, die sich so weit von denen entfernt hat, für die sie eigentlich "ihre Hand ins Feuer legen" müsste, hält offensichtlich lieber diese Hand auf und glaubt tatsächlich, das stünde ihnen Kraft des Amtes zu. Jemand wie Wulff steht derzeit stellvertretend für diese Kaste im Rampenlicht und empfängt die Schläge, die eigentlich dem Esel gelten und nicht dem Sack. 

Allerdings: Jeder weiß um derlei Zusammenhänge und trotzdem wird das Spiel - auf unterschiedlichen Ebenen - weitergespielt. Börse, Finanzmärkte, Schlossstraße und Hotels für "die da oben" und Hartz IV für "die da unten". Und noch ist es nicht ausgemacht, dass sich tatsächlich etwas ändert, wenn aus dem "Herrn Bundespräsidenten" wieder der "Herr Wulff von nebenan" wird. Es ist eher damit zu rechnen, dass Gras über die Sache wächst und demnächst eine neue Sau durch das Dorf getrieben wird. Denn einmal mehr wird die unausgesprochene Devise heißen: "Business as usual". Ein "Business" bei dem Namen wie Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und viele andere für ein System stehen, in dem ein "Ruck", ginge er tatsächlich vom Volk aus, dieses System in seinen Grundfesten erschüttern würde. Wenn denn überhaupt - angesichts unserer Geschichte - von Grundfesten gesprochen werden kann. Zeit für diesen "Ruck" aber ist es allemal und Anfänge sind schon zu erleben. 

Diesen Präsidenten auszutauschen, würde außer der Einrichtung einer neuen und zusätzlichen Kostenstelle in der Pensionsabteilung des Bundespräsidialamtes - so es eine solche gibt - nichts, aber auch gar nichts ändern, außer dass ca. 600.000 Euro - vorzeitig und zusätzlich - ihren Besitzer wechseln. Dazu käme der sicher nicht unerhebliche Aufwand bei einer Neuwahl des Präsidenten. "Man" möchte ja nach eigenen Aussagen gern seine Amtszeit absitzen. Dieses Geld aber wäre aber beispielsweise im Bildungs- oder Kulturetat sehr viel besser aufgehoben. Obwohl: von Kultur mag man im Zusammenhang mit den derzeitigen Vorgängen - in der politischen Landschaft unseres Landes jedenfalls - schon gar nicht mehr reden.

 

 

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