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Monsanto und die Gentechnik von Johannes Wirz
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Wochenschrift "Das Goetheanum" Ausgabe 19/2010. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Die französische Journalistin und Dokumentarfilmerin Marie-Monique Robin schildert in ihrem Buch ‹Mit Gift und Genen›, das bis heute in 16 Sprachen übersetzt ist, ihre detaillierte Recherche über Monsanto, den größten Saatgutkonzern der Welt. Sie hat eine Unmenge öffentlich zugänglicher Dokumente und Informationen studiert und viele Interviews geführt, die dokumentieren, durch welche perfiden Machenschaften die Gentechnik in der Landwirtschaft weltweit etabliert werden soll.
Auf seiner Homepage verspricht Monsanto die Verdoppelung der Erträge vom Stand 2000 bei Mais, Soja, Baumwolle und Raps bis 2030 und Ertragssteigerungen bei Weizen und Reis. Dabei sollen die Kulturen ein Drittel weniger Ressourcen verbrauchen, Bodenerosion und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln vermindern. Damit werde die Qualität des Trinkwassers gesteigert und das Leben der Bäuerinnen und Bauern in den Entwicklungsländern verbessert. «Das ist nachhaltige Landwirtschaft – und darum geht es beim Saatgut von Monsanto», so endet der Konzern seine Missionsbeschreibung. Gentechnik soll ins goldene Zeitalter führen!
Neben dem PC, auf dem ich mich durch die Homepage von Monsanto klicke, liegt das Buch von Marie-Monique Robin. Die darin dokumentierten Gespräche mit Bauern, Bürgern, Leidtragenden der ‹Pflanzenschutzmittel› des Konzerns, Vertretern von Behörden, Monsanto und NGOs vermitteln einen ungeschminkten Einblick in die unglaubliche Geschichte eines Konzerns, der sich anschickt, die Welt zu beherrschen.
Gier nach Weltherrschaft
Normalerweise bin ich ein Schnellleser, doch hier musste ich kapitulieren – zu unglaublich und erschreckend zugleich liest sich die Geschichte über den Einzug der Gentechnik in die Landwirtschaft. Die Autorin hat in vier Jahren akribischer Detektivarbeit das Bild eines monströsen antisozialen Organismus aufgedeckt, das bedrohlicher nicht sein könnte. Für den ökonomischen Erfolg und letztendlich zur Befriedigung seiner Gier nach Weltherrschaft sind dem Konzern alle politischen und wissenschaftlichen Mittel recht: Er treibt Landwirte in totale Abhängigkeit oder gar in den Ruin, trickst Konsumentinnen und Konsumenten aus, diskreditiert kritische Forschungsergebnisse und manipuliert eigene zu seinen Gunsten. Seit 14 Jahren werden in den USA großflächig gentechnisch veränderte (GV-)Kulturpflanzen angebaut – Mais, Soja, Raps und Baumwolle.
Ungeachtet der Behauptungen und Versprechen von Monsanto, mit weniger Arbeits und Maschineneinsatz höhere Erträge zu ermöglichen, nimmt das bäuerliche Einkommen wie in allen industrialisierten Ländern ab. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Preise für Saatgut und Pflanzenschutzmittel sind enorm gestiegen, die Erträge jedoch nicht gewachsen. Außerdem ist der Export nach Europa und Asien zum Teil sogar vollständig zusammengebrochen. Nur dank massiver Erhöhung der staatlichen Subventionen können die amerikanischen Farmer heute noch überleben.
Ökonomische Katastrophe
Es sind jedoch nicht nur die amerikanischen Bauern, die Monsanto mit falschen Versprechen zum Anbau von GVKulturen verführt hat. Eindrücklich zeigt die Autorin, wie mit staatlicher Unterstützung oder illegalem Anbau in Argentinien, Brasilien und Paraguay die traditionelle Landwirtschaft weitgehend zerstört wurde und riesige Monokulturen von Soja die einheimische Bevölkerung in Armut und Hunger treiben – Soja, das in den USA und in Europa für die Fütterung von Milch- und Schlachtvieh verwendet wird. Landflucht, Vergiftung der Landbevölkerung und Missbildungen bei Kindern durch RoundUp – für dieses Herbizid sind die GV-Pflanzen tolerant – sind weitere schreckliche Folgen. In anderen Ländern, allen voran in Indien, werden einheimische Saatguthersteller vom Konzern aufgekauft und die nicht manipulierten Baumwollsorten vollständig durch GV-Varietäten ersetzt.
Den Bauern bleibt keine andere Wahl, als Monsanto-Samen und das dazu passende Herbizid RoundUp zu kaufen. Hohe Produktionspreise und häufige Ernteausfälle führen zu einer hoffnungslosen Überschuldung, der sich viele Landwirte mit Selbsttötung entziehen – nicht selten, indem sie das Monsanto-Herbizid trinken. In Regionen, in denen die Bauern biologisch oder biologisch-dynamisch wirtschaften, sind solche Verzweiflungstaten nicht bekannt. Sie fallen nicht in die Verschuldungsfalle, weil das Saatgut weniger kostet oder zum Teil sogar selbst hergestellt werden kann. Ernteausfälle sind weniger dramatisch und können, falls sie eintreten, durch den Verkauf anderer Produkte abgemildert werden. Darüber hinaus können Produktionsgenossenschaften wie im Projekt bioRe, welches die Bio-Baumwolle für Coop Schweiz herstellt, in Notsituationen mit zinsfreien Darlehen rasch und fair helfen.
Behörden im Dienste von Monsanto
Der rasche und in der Öffentlichkeit kaum bemerkte Aufstieg der Gentechnologie in der amerikanischen Landwirtschaft wurde durch massive politische Einflussnahme des Saatgutkonzerns möglich. Anhand detaillierter Recherchen im Internet, von Interviews mit Verantwortlichen in der Behörde und ehemaligen Monsanto-Mitarbeitern zeichnet Marie-Monique Robin die Beeinflussung, ja Manipulation des Landwirtschaftsministeriums (USDA) ebenso wie der Gesundheitsbehörde (FDA) nach. Ein Filz von Beamten und Managern stellte sowohl bei dem gentechnisch hergestellten Wachstumshormon BST, das die Milchleistung bei Kühen steigert, als auch bei den GVKulturen sicher, dass Zulassung und kommerzielle Verwendung zügig vorangetrieben werden konnten. Dafür wurde das Zauberwort der «substanziellen Äquivalenz» kreiert, ein juristisches, nicht wissenschaftliches Konzept (!), das definiert, dass Lebensmittel aus GV-Produktion dieselbe oder eine vergleichbare Zusammensetzung haben wie diejenigen, die ohne Gentechnik hergestellt worden sind.
In der Folge durften Milch von gedopten Kühen ebenso wie Produkte aus GV-Anbau ohne Kennzeichnung verkauft werden – eine krasse Verletzung der Wahlfreiheit! Selbst Ergebnisse, welche zeigten, dass die Milch von BST-Kühen Krebserkrankungen beim Menschen beschleunigen kann und Versuche mit Mäusen und Ratten, in denen die Fütterung von GV-Mais zu Organschädigungen und Veränderungen im Blutbild führten, haben bis heute keine Änderung der Praxis bewirkt. Die gesundheitliche Beeinträchtigung der amerikanischen Bevölkerung wird in Kauf genommen!
Der Sieg über die Verbraucher ist nicht genug. Seit vielen Jahren wendet Monsanto mehrere Millionen Dollar auf und sitzt Tausenden von Bauern im Nacken, die der Konzern verdächtigt, sein Saatgut ohne Bezahlung von Patentgebühren anzubauen. Dabei hat sich in vielen Fällen gezeigt, dass Monsanto- Pflanzen auch auf Feldern von Bauern wachsen, die nie Saatgut von der Firma bezogen hatten. Die Gründe dafür sind vielfältig: Pollen- oder Samenverfrachtung verunreinigen die GV-freien Kulturen, Kontamination des Saatguts geschieht während des Transports oder beim Abpacken für den Verkauf. Nur in seltenen Fällen wehren sich die Farmer gegen solche Anklagen. Percy Schmeiser, der Rapsbauer aus Kanada, ist mit seinem Kampf gegen die Machenschaften von Monsanto weltweit zur Galionsfigur geworden und hat für seinen Widerstand den Alternativen Nobelpreis 2007 erhalten.
Robin erfährt in ihren Interviews, dass viele Farmer vor langwierigen und demütigenden Gerichtsverfahren zurückschrecken, sich mit Monsanto außergerichtlich ‹einigen› und hohen Schadenersatz bezahlen. Der Aufruf des Konzerns in Lokalradios, verdächtige Nachbarn zu melden, erinnert an die ‹Hexenjagd› von Arthur Miller – und hat an vielen Orten die ländliche Sozialstruktur zerstört. Ungeachtet der Tatsache, dass Michelle Obama im Garten des Weißen Hauses biologisch gärtnert, hat der amerikanische Präsident Barack Obama wichtige Positionen im neu geschaffenen National Institute of Food and Agriculture (NIFA) und im Büro der US-Handelsvertretung für Landwirtschaft mit ehemaligen Managern von Monsanto und CropLife America besetzt. In Sachen GVO darf also von der neuen Regierung auch in Zukunft keine Richtungsänderung erwartet werden.
Das wissenschaftliche Schlachtfeld
Immer wieder hat Marie-Monique Robin auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interviewt, die bei ihren Recherchen auf ungeahnte Risiken und Probleme von GV-Pflanzen gestoßen sind. Im Normalfall werden solche Ergebnisse von Herstellern offen entgegengenommen, weil sie Herstellungsprozess und Produkt verbessern helfen. Anders ist es im Falle der GVO. Mit erstaunlicher Brutalität werden dabei von Befürwortern der Biotechnologie nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Wissenschaftler selbst diffamiert. Auch große Wissenschaftsorganisationen schlossen sich beinahe bedingungslos der Kritik an – und gefährdeten oder zerstörten damit Karriere und Existenz der Betroffenen.
Der erste Fall betraf Arpad Pusztai, einen renommierten Physiologen in Großbritannien. Er fütterte Ratten mit GV-Kartoffeln und beobachtete eine Reihe von unerwarteten Organschädigungen. Nachdem der Direktor des Instituts Philipp James zunächst die Qualität seiner Arbeit lobte und dem Wissenschaftler sogar zu seinem Auftritt im Fernsehen gratulierte, ließ er wenig später auf Druck der englischen Wissenschaftsgesellschaft Royal Society, der britischen Regierung und der US-Regierung Pusztais Labor versiegeln und verhängte ein absolutes Redeverbot. Für seine Kritiker gab es keine Schweigepflicht und sie nutzten die Gelegenheit, die Bedeutung der Fütterungsversuche herunterzuspielen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit des Forschers zu ruinieren.
Von der Polizei beobachtet, gab Ignacio Chapela in San Francisco der Autorin ein Interview über seinen ‹Fall›. Er hatte zusammen mit seinem Mitarbeiter in Mexiko, dem Ursprungsland von Mais, entdeckt, dass alte, einheimische Landsorten mit Genkonstrukten aus GV-Pflanzen kontaminiert waren. Nach der Publikation der Ergebnisse in ‹Nature› erhob sich ein Sturm der Kritik und Empörung unter Wissenschaftlern, die den großen Saatgutkonzernen nahestanden. In einem Kniefallakt zogen die Herausgeber der Fachzeitschrift die Publikation zurück. Im Internet wurde Chapela von ‹Fachleuten› verleumdet. Sie wurden später als Mitarbeiter einer PRFirma, die für Monsanto arbeitete, entlarvt. Geradezu eine Groteske war die Reaktion der Zeitschrift ‹Nature›, als ein paar Jahre später Wissenschaftler aus einem Institut der mexikanischen Regierung die Ergebnisse von Chapela bestätigten. Die Herausgeber lehnten eine Publikation mit der Begründung ab, die Ergebnisse seien bereits bekannt. Obwohl Chapela vor einem Gericht erfolgreich gegen seine Entlassung an der Universität von Berkeley in Kalifornien gekämpft hatte, ist er wissenschaftlich ruiniert. Er hat keine Chance, für seine Projekte Drittmittel zu bekommen, und musste deshalb seine Forschungsarbeit weitgehend einstellen.
Noch schlimmer traf es Manuela Malatesta in Italien. Die Wissenschaftlerin hatte festgestellt, dass bei Fütterungsversuchen mit Mäusen die Gruppe, welche GV-Soja erhielt, Veränderungen der Zellen verschiedener Organe zeigte. Nach der Publikation der Ergebnisse wurde nicht nur die Finanzierung weiterer Untersuchungen gestoppt, sondern Malatesta musste die Universität verlassen. Auf die Frage, weshalb es so weit kam, antwortete sie: «Man will keine Antworten auf peinliche Fragen. Das ist die Folge dieser diffusen Angst vor Monsanto und den GVOs allgemein.»
Das Erwachen
Umgangssprachlich wird die gentechnische Veränderung von Pflanzen auch als Gen-Manipulation bezeichnet. Manipulation ist das Programm von Monsanto im umfassenden Sinne: im Wirtschaftsleben, im Rechtsleben und im Geistesleben. Nach der Lektüre des Buches von Marie-Monique Robin ist klar, dass wir in der gesellschaftlichen Diskussion über die Frage und Bedeutung der Gentechnik in der Landwirtschaft den naiven Standpunkt verlassen müssen. Wir wissen jetzt, dass GV-Anbau Hunger und Armut schafft, die traditionelle Landwirtschaft zerstört und die Umwelt vergiftet, elementare Grundrechte verletzt und den Auftrag der Wissenschaft nach unvoreingenommener Wahrheitssuche ad absurdum führt. Hier leistet das Buch restlose Aufklärung.
Der nächste Schritt, der den Pflanzen und ihrer Umwelt, Bauern und Konsumenten sowie der Souveränität der Länder Gerechtigkeit widerfahren lässt und eine nachhaltige Ökonomie fördert, muss erst getan werden. Er wird nur mit Respekt, Gewaltlosigkeit und Solidarität gelingen. Nach diesem letzten Satz schweife ich in Gedanken zu Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Sie haben mit ihren Volksbewegungen unter dem Stern dieser drei Begriffe die Welt verändert – den ‹Waffen› jeder freien, aktiven und verantwortungsbewussten Persönlichkeit.
Marie-Monique Robin Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert. aus dem Französischen von Dagmar Mallett DVA München 2009, 464 Seiten € 19.95/Fr. 34.90
Johannes Wirz, geboren 1955, ist Molekularbiologe und Mitarbeiter am Forschungsinstitut der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum mit Schwerpunkt Bio- und Gentechnologie, Genetik und Ökologie.
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