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Tschaika aus Berlin (screenshot dvd-trailer)

Die Geschichte der Bündischen Jugend und mit ihr auch die der Folk- und Liedermacherszene in Deutschland ist eng verbunden mit der Burg Waldeck im Hunsrück. Die Journalistin Gabi Heleen Bollinger hat sich auf Spurensuche begeben und zeichnet in einem wunderbaren Film die Entwicklungslinien der Legende Burg Waldeck nach.
von Michael Mentzel

Der zweistündige Film erzählt die Geschichte der Burg Waldeck im Hunsrück. Die vielfältigen kulturgeschichtlichen Aspekte der Jugendbewegung in Deutschland, deren Ursprünge in der Wandervogelbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu suchen sind, werden von der Filmemacherin und Journalistin Gabi Bollinger mit der Folkbewegung der sechziger Jahre und deren Protagonisten so miteinander verwoben, dass ein Stück deutsche Zeitgeschichte lebendig wird, die sich nicht in romantisch verklärenden Bildern einer vergangenen Epoche erschöpft. Da waren die Begründer des Nerother Wandervogel, Robert und Karl Oelbermann. Eine rheinische "Jugendburg" sollte ab 1922 im Hunsrück als Manifest einer völkerverbindenen Bewegung gebaut werden, deren tragendes Element die Musik und die Fahrten in fremde Länder sein sollten. Vorher wie nachher: Bündisches Leben, Vagantentum, Freiheit der Rede und der Gedanken als Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Zucht und Ordnung einer nur auf militärische Tugenden getrimmten Jugend im "Dritten Reich", die die Lieder der Wandervogelbewegung "zerbissen" und "totgeklampft" hatten, wie es Franz-Josef Degenhardt mit seinem Lied "Die alten Lieder" ausdrückt hatte. Als die "Jugendburg" von den Nazis vereinnahmt zu werden drohte, hatte Robert Oelbermann die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW) gegründet und ihr das Gelände überschrieben, um es vor dem Zugriff der braunen Horden zu schützen.

Der Mythos Waldeck ist aber auch - seit Beginn der 1960er Jahre - Ausdruck eines radikalen Wandels einer politisch interessierten Generation, die dem tausendjährigen "Muff unter den Talaren" und der seichten Unterhaltung der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts nichts mehr abgewinnen konnte und wollte. Er steht für die Wiederentdeckung eines Genres, dass schon verloren geglaubt war und sich ihrer Wurzeln - nicht zuletzt auch durch die angloamerikanische Folkbewegung - wieder bewusst werden konnte. Die legendären Song- und Chansonfestivals auf Burg Waldeck geben davon Zeugnis. Die Liedermacher und Songwriter jener Zeit begründeten hier eine Musikkultur, für die heute Namen der politischen und gesellschaftskritischen Liedermacher wie Franz-Josef Degenhard, Hannes Wader oder Dieter Süverkrüp stehen. Wegbereiter für diese Kultur waren der leider sehr früh verstorbende Peter Rohland, aber auch Hein und Oss Kröher und viele andere, die, wenn sie eine jugendbewegte Herkunft hatten, aus dem Milieu der Jungenschaften kamen - und in der Tradition des Nerother-Wandervogels vor 1933 oder der bündischen Jugend standen. Zur heutigen Musikszene auf der Waldeck zählen allerdings auch Pfadfindergruppen und insbesondere der Zugvogel-Fahrtenbund.

Die Nachfolger der Nerother, vertreten durch ihren Bundesführer Karl Oelbermann, waren mit den neuen Entwicklungen nicht einverstanden. Der Aufbruchswille der Jungen aber vergrößerte die Distanz zu den Altvorderen und - durchaus auch handfeste - Auseinandersetzungen prägten in den sechziger Jahren das Bild. Tür an Tür wohnten sie im Säulenhaus, links die Mitglieder der ABW, rechts der alte Karl Oelbermann. Sein Bruder Robert war 1941 im KZ gestorben. Waren es die Nerother, die 1969 die Bühne der ABW in die Luft gesprengt hatten? Nach dem Krieg hatte Karl Oelbermann auf Rückgabe des Geländes geklagt, der Rechtsstreit zog sich hin.

Ideologische Gegensätze sorgten aber auch bei den Mitgliedern der ABW dafür, dass zeitweise kein Stein auf dem anderen blieb. Es war die Zeit der 68er und der APO. Ab 1967 wurden die Festivals politischer, die Musik, wenn sie nicht als explizit politisch wahrgenommen wurde, trat in den Hintergrund. Es ging bei den Mitgliedern der ABW wie auch bei den anderen Festivalbesuchern bunt durcheinander. Wollte man revolutionär sein oder doch lieber nicht... Angesagt waren Diskussion statt Chansons oder hintersinniger Kabaretttexte, und es ist für uns heute kaum nachvollziehbar, dass Kabarettisten oder Liedermacher vom Schlage eines Hanns Dieter Hüsch oder Reinhard Mey von der Bühne gejagt und ihre Texte als unpolitisch verlacht wurden.

Die heutigen jungen Sänger- und LiedermacherInnen, deren Wurzeln ebenfalls bei der Bündischen Jugend zu suchen sind, haben inzwischen einen neuen Zugang zur Waldeck gefunden, beleben sie mit aktuellem Liedgut neu und zeugen davon, dass es eine innere Verbundenheit zu diesem Ort gibt, die lange hält und eigentlich ewig währt. Wer einmal hier oben angekommen ist, so scheint es, wird bleiben. Es mag sein, dass - wie anderswo auch - immer wieder ein Neuanfang gefunden werden muss, um Erstarrung zu vermeiden, gleichwohl scheint das auch immer wieder zu gelingen. Die Faszination vergangener Tage, auch das zeigt der Film, hat die Waldeck nicht verloren; seit einigen Jahren stehen bei den so genannten Singewettstreiten wieder junge Menschen auf der Bühne und manchem mag es heute wie seinerzeit Hannes Wader gehen, der sich nach seinem ersten Auftritt 1966 gewundert hatte, dass man ihn feierte und immer mehr hören wollte. Dabei hatte er "geglaubt, die schlagen mich tot."

Alles das und noch viel mehr erzählt dieser Film in bewegenden Bildern von damals und heute. Der Film der Journalistin Gabi Heleen Bollinger ist nicht nur eine Zeitdokumentation, er ist auch ein sehr lebendiges Beispiel dafür, wie sich über Verbindendes und Trennendes, manchmal auch Skurriles berichten lässt, ohne dabei in eine moralisierende oder gar ironisierende Sprache abzugleiten. Die innere Nähe zum Gegenstand ihrer Betrachtungen und zu den Menschen, die den Mythos und die Legende Burg Waldeck verkörpern und davon erzählen, macht diesen Film zu einem persönlichen Statement, das mit "Gute Unterhaltung" nur unzureichend beschrieben ist. Die Worte der 1922 geborenen Hildegard Neumann aus dem kleinen Hunsrücker Dorf Dorweiler, das durch die umittelbare Nachbarschaft "mit denen da oben" und insbesondere auch mit Karl Oelbermann verbunden war, drücken etwas von dem aus, was damals von der Burg Waldeck und den Nerothern ausgegangen war: "Man hat dem Dorf hier nachgesagt, dass es geistig weiter wär`, wie andere Dörfer auf dem Hunsrück." Und so mutet es durchaus auch ein wenig seltsam an, wenn der Graben zwischen dem Nerother-Wandervogel und der ABW noch immer besteht und die Bewohner der Rheinischen Jugendburg es offensichtlich für nötig halten, sich durch Zäune und Stacheldraht vor denen zu schützen, die den Pioniergeist ihrer Vorgängergenerationen durchaus zu schätzen wissen.

Es ist die gemeinschaftsbildende Kraft der Musik, die mit immer neuen Elementen versehen, den anderen Teil der Bewegung antreibt. Es ist sehr zu wünschen, dass es gelingen möge, diesen Ort als Zeugnis einer lebendigen Folkbewegung in Deutschland nicht nur zu bewahren, sondern dass von der Burg Waldeck auch weiterhin Impulse für eine andere Musikkultur ausgehen werden.

Ermöglicht wurde die Produktion dieses Films durch Mittel der "Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur" und der "Saarland-Medien". Das umfangreiche Archivmaterial steuerte der SWR und der SR bei. In Deutschland wird derzeit - aufgehängt an den Diskussionen über die "neue Rundfunkgebühr" - eine große Debatte über die Aufgaben des öffentlich rechtlichen Fernsehens geführt. Dieser Film - so meine ich - sollte auf jeden Fall den Weg in dieses Fernsehen finden.

Filmlänge: 120 Min.
Der Film ist auf DVD bei Gabi Heleen Bollinger erhältlich
gabibollinger(at)t-online.de
Den Trailer zum Film finden Sie hier >

 

 

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