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zu einem brennenden Zeitthema von Dietrich Kumrow
Dieser Aufsatz erschien - fast wortgleich - in der November-Ausgabe (2009) der Zeitschrift "Info3". Der Autor beschäftigt sich bereits sein vielen Jahren mit der Demenz-Problematik. Über fünfzehn Jahre leitete er das Altenwerk Schloss Hamborn, er ist Mitbegründer des Instituts für Alterskultur in Paderborn und arbeitet seit einigen Jahren in Wien. In seinem Aufsatz geht er der Frage nach, inwieweit Demenz eine Folge traumatischer Erlebnisse sein kann und regt an, bereits in einem frühen Stadium Maßnahmen zur Prophylaxe zu ergreifen. Demenz nicht als unabänderliches Schicksal zu begreifen, sondern eines, das auffordert: ".. den Mut zu entwickeln, hin zu schauen, das Unaussprechliche in Sprache zu bringen, sich das Leben zurück zu erobern."
Sollten wir noch immer glauben, Demenz sei ein unabwendbares Schicksal, dem man nicht entkommen kann, wenn es auf der Lebensspur liegt, können wir diese Vorstellung ad acta legen. Die Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Demenz und neuere Forschungsergebnisse weisen in eine Richtung, die für uns zukünftig potenziell Betroffene mehr als einen vagen Hoffnungsschimmer aufweisen. Es zeichnen sich Wege ab, die Veranlagung zur Demenz beizeiten in sich entdecken zu können und dagegen zu steuern. Dies mag überraschend klingen, stellt es doch die vorherrschende Meinung auf den Kopf.
Haben Sie zum Beispiel schon einmal von Schwester Matthia gehört? Schwester Matthia ist in Fachkreisen posthum zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Sie lebte als Nonne in einem amerikanischen Kloster der Sisters of Notre Dame, war eine intelligente und bis zu ihrem letzten Atemzug normale, kluge alte Dame.
Eine amerikanische Ärztegruppe hatte über einen längeren Zeitraum die Nonnen dieses Klosters begleitet und sich die Zusage geben lassen, nach dem Tode die Gehirne der Nonnen untersuchen zu dürfen. Für die Wissenschaftler interessant, hier eine Personengruppe vorzufinden, die etwa ab dem 20. Lebensjahr ihr Leben unter den gleichen Lebensbedingungen zugebracht hatten. Dies bedeutete, dass unterschiedliche Umwelteinflüsse im weiteren Leben für das Entstehen von Phänomenen weitestgehend auszuschließen waren. Die Ärzte, die nach ihrem Tode das Gehirn von Schwester Matthia untersuchten, hielten das, was sie vorfanden, schlichtweg für unmöglich. Ihr Gehirn zeigte degenerative Veränderungen, die nach herkömmlicher Betrachtung nur eine hochgradige Demenz zuließen – was jedoch nicht der Fall war. Im Gegenzug zeigten Untersuchungen an Nonnen des gleichen Ordens, die im Alter von Demenz gezeichnet waren, weitaus geringere klassische degenerative Veränderungen. Die an über 600 Nonnen durchgeführten Untersuchungen haben als "Nonnenstudie" hohe Aufmerksamkeit erlangt.
Die Überraschung müsste sehr groß sein, wäre nicht schon Alois Alzheimer selbst zu der Ansicht gelangt, dass weder das Auftreten von Eiweisplaques noch eine neurofibrilläre Degeneration im Gehirn notwendigerweise zum Auftreten einer demenziellen Veränderung führt. Die einseitige Fixierung auf hirnorganische Veränderungen als Entstehungsursache für Demenz scheint überholt! Ein Paradigmenwechsel ist vonnöten, den der Freiburger Arzt und Psychotherapeut Prof. Joachim Bauer bereits vollzogen hat. Für ihn ist die Alzheimersche Erkrankung erst eine seelische, dann eine neurobiologische Erkrankung. Und auch der Göttinger Hirnforscher Professor Gerhard Hüther sagt: "Unser Gehirn ist weniger ein Denk-, als vielmehr ein Sozialorgan. (...) Bau und Funktion sind optimiert für psychosoziale Kompetenz."
Dass die seelische Konstitution des Menschen eine nachhaltige Wirkung auf den Körper, bis in die Strukturbildung des Gehirnes hinein hat ist hinreichend erforscht. Auch Gefühle werden als Aspekt früherer Erfahrungen im Gehirn verankert und bestimmen spätere Grundhaltungen, Überzeugungen und letztlich auch die Art und Weise, wie wir unser Gehirn nutzen. Die Art und Weise wiederum, wie wir unser Gehirn nutzen führt zu Re- oder Degeneration von Nervenzellen und deren Verbindungen, den Synapsen. Die Synapsen spielen im kortikalen Netzwerk, in dem unsere Handlungs- und Wahrnehmungsprogramme gespeichert sind, eine zentrale Rolle. Heute wissen wir, dass eine Pathologie der Synapsen mit Demenz korreliert (Bauer 2002).
Die Nonnenstudie führte zu weiteren Beobachtungen. Alle Novizinnen mussten in der Eintrittsphase in das Kloster einen Bericht mit biographischer Betrachtung und Zukunftswünschen vorlegen. Der Vergleich dieser Berichte ergab, dass bei allen später dement gewordenen Nonnen sich eine eher verhalten depressive, negative Einstellung zum Leben zeigte, sowie eine signifikant geringere ideenreiche Sprache.
Dies scheint darauf hinzuweisen, dass es sehr bedeutsam für unser Alter ist, wie wir unser Leben gelebt haben. Das Alter ist kein plötzlicher biographischer Einbruch, sondern es bringt neben den allgemeinen Erscheinungen die Lebensentscheidungen und Handlungsstrategien des Einzelnen verstärkt zum Ausdruck. Der Mensch spitzt seine Biographie im Alter zu, er bringt sich selbst gewissermaßen auf den Punkt. Auch Demenz ist ein individueller Altersausdruck!
Eine positive, dem Leben zugewandte innere Haltung hat offenbar auf die Gesamtorganisation des Menschen eine andere Auswirkung als eine eher verhalten, depressive bis lebensabgewandte.
Symptome
Es drängt sich die Frage auf, welche individuellen Faktoren neben den hirnorganischen tatsächlich dazu führen, dass im Alter eine Demenz eintritt? Prof. Bauer führte als Arzt und Psychotherapeut Studien mit an Alzheimer erkrankten Menschen durch. Alle von ihm untersuchten Personen zeigten schwere seelische Kränkungen und Verletzungen, bei 67% schwere Vernachlässigung sowie Überforderungs- und Traumasituationen in der Kindheit.
Was bewirken schwere, nicht zu verarbeitende seelische Erlebnisse im Gehirn des Menschen? Welche nachhaltigen Konsequenzen können diese haben, insbesondere wenn diese Erlebnisse in der Kindheit geschehen sind? Zunehmend treten Begriffe wie Trauma und posttraumatische Störungen in das Blickfeld. In Deutschland leiden heute noch etwa 5 Millionen zwischen 1930 und 1945 geborene Menschen, die so genannten Kriegskinder, an posttraumatischen Belastungsstörungen. Damit verbundene Symptome sind z.B. Angst, Schlaflosigkeit, Panikattacken, Hoffnungslosigkeit.
Was ist ein Trauma? Ein Trauma ist eine unvollständige Antwort des menschlichen Organismus auf überwältigende, lebensbedrohliche Ereignisse: Missbrauch, Vernachlässigung, Überforderung, Entwurzelung, Gewalt; Vergewaltigung, an einem selbst geschehen oder als Zeuge erlebt, kann zu nachhaltiger Traumatisierung führen.
In einer als sehr bedrohlich erlebten Situation stehen uns Menschen drei instinktive Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Diese sind im Stammhirn und Teilen des limbischen Systems als Überlebensstrategien verankert und wirken unter Ausschaltung des rationalen Denkens. Wir können standhalten, ggf. kämpfen, flüchten oder uns tot stellen. Das Trauma entsteht aus der dritten Reaktionsmöglichkeit. Wenn wir erkennen, dass weder Kämpfen noch Flüchten aussichtsreich ist wird die im Stress aktivierte Energie nach innen gerichtet - und im Schock wie eingefroren. Dieses Einfrieren von Energie im Organismus ist gemeint mit "Trauma als einer unvollständigen Antwort oder steckengebliebener Überlebensreaktion". Die zum Überleben aktivierte Energie kann nicht ausagiert werden, bleibt im Organismus latent wirksam und belastet auf allen Ebenen. Damit einhergehende Symptome sind Dissoziation, Konsistenzverlust, Schreckstarre, Emotionalisierung, Beziehungsverlust und erhöhte Erregungsbereitschaft, resp. starke Unruhe. Interessanterweise finden wir diese Symptome bei Menschen mit Demenz.
Biologisch gesehen ist der Totstell-Reflex eine durchaus sinnvolle Einrichtung. Er hat primär die Aufgabe, Schmerz zu reduzieren und im Extremfall das Sterben zu erleichtern.
In der Dissoziation entwickelt das Gehirn in verstärktem Maße Endorphine. Diese bewirken eine Trennung des Bewusstseins von den körperlichen Empfindungen. Wir erleben unseren Körper nicht und damit auch keinen Schmerz. In seinem Erleben verlässt der Mensch seinen Körper, er schwebt möglicherweise wie darüber und schaut auf das Unvorstellbare, als würde es ihn selbst nicht betreffen, geschähe dies an einem Anderen. Man kann auch sagen, dass ein Teil der Persönlichkeit das Entsetzliche unzerstört überdauern möchte und die Möglichkeit nutzt, in eine innere Emigration gehen zu können.
Der innere Ausstieg
Der zu zahlende Preis dieses Überlebensmodus ist eine Unterbrechung der integrierten Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung der Umgebung (wobei der eigene Körper als Außenwelt erfahren wird), der Identität. Das ist mit Konsistenzverlust gemeint. Konsistenz bezeichnet die Stabilität der gleichzeitig ablaufenden psychischen Prozesse im Gehirn. Die Synchronizität, die Resonanz zwischen unterschiedlichen Teilen des Gehirns, wird nachhaltig gestört. Diese Unterbrechung kann soweit gehen, dass man auf Dauer das schlimme Erlebnis aus dem Gedächtnis streichen muss, weil die Erinnerung zu bedrohlich ist. Im normalen Bewusstsein wird dies also weder erinnert, noch weiß man, wo man innerlich in der Dissoziation war. Ist dieser Fluchtweg in die innere Emigration erst einmal gebahnt bleibt er als bewährter Überlebensmechanismus Mittel der Wahl zur Konfliktbewältigung, unter Umständen ein Leben lang. Der Mensch hat erfahren, dass es in einer Bedrohung eine Möglichkeit gibt, sich gut zu fühlen und zu überleben - in der Dissoziation, dem inneren Ausstieg.
Der innere Ausstieg ist als sogenannter "Verlust der Persönlichkeit" das markanteste Element einer Demenz. Die Synchronizität der Aspekte des Bewusstseins, Denken, Wahrnehmen, Erinnern, Sprechen und Ich-Bewußtsein wird gestört, unterbrochen und geht letztendlich ganz verloren. Die im Trauma entstandene Spaltung der Persönlichkeit chronifiziert: Auf der einen Seite lockt das "dissoziierte Niemandsland", endorphinversüßt, auf der anderen Seite bedrängt das verdrängte, existenziell bedrohliche seelische Leid - unaussprechliche Angst.
Erringt man sich den abgespaltenen Persönlichkeitsanteil nicht zurück, kann dieser im Laufe des Lebens immer mehr Macht gewinnen. Das, was man nicht anschauen möchte, weil es gar zu bedrohlich ist, fordert sich zunehmend vehement ein, die Erinnerung an das Unaussprechliche.
Je älter wir werden, umso weniger Kraft zur Verdrängung steht uns zur Verfügung.
Das Ausgeblendete überwindet die brüchig gewordenen Mauern des Bewusstseins und drängt das Ich des Menschen in sein dissoziiertes Niemandsland. Was einst das Überleben gesichert hat, wird auf diese Weise zum Segen oder Fluch, wie immer man das auch sehen will. Denn spätestens jetzt kann man die latent vorhandene Angst nicht mehr ausblenden, sie überflutet das Bewußtsein.
Angst bedroht das Ich-Bewusstsein
Gleichzeitig mit der Dissoziation fällt in der Traumatisierung der Körper in eine Schreckstarre. Der Mensch ist wie tot, spürt sich nicht mehr, und kann so möglicherweise überleben. Die Energie, die nicht in Kampf oder Flucht verbraucht wird, wird komprimiert und im Nervensystem gebunden. Das Erleben wird in der körperlichen Erstarrung eingefroren, Bilder, Worte, Geräusche, der Schmerz – und all die erlebte Angst. Während die Fakten vergessen sind, bleibt ein Grundgefühl der Bedrohung. Dieses Grundgefühl dominiert, vielleicht nicht bewusst, und führt zu einer Emotionalisierung des Erlebens. Und das ist real, denn die verdrängte Angst bedroht das Ich-Bewußtsein. Dieses muss enorme Kraft aufwenden, die eigene Position in der menschlichen Organisation zu sichern.
Die Aufwendung dieser Kraft zur Verteidigung der Souveränität des Ich führt zu einem Verlust von Vitalität und Lebensfreude. Um die akkumulierte Energie in feste Bahnen zu lenken und einzugrenzen, so der amerikanische Biologe und Psychologe Dr. Peter Levine, entstehen Symptome wie Angst, Depression, psychosomatische Störungen, Panik, Herzrasen etc. Untergründig wirkt die eingebunkerte Angst auf allen Bereichen des Menschen. Der Sinn für Kohärenz geht verloren, es entsteht ein Grundgefühl der Verlorenheit.
Demente Menschen fühlen sich nicht nur in hohem Maße verloren, sie sind ein Spielball ihrer Emotionen. Dement sein heißt Angst haben, ja von Angst getrieben sein. Es ist jedoch einer der großen Irrtümer, dass diese Angst im Wesentlichen eine Angst vor dem Verlust von Fähigkeiten ist, also im Sinne von: "Weil ich dement werden könnte oder werde, habe ich Angst." Dies ist in einer kurzen Phase des Krankheitsprozesses in der Regel der Fall. Es ist so, dass ein Teil der Lebenskraft und Freude „im Unvorstellbaren" mit Angst gebunden und seelisch abgespalten wurde. Diese fordert sich ein und macht Angst, weil es Angst ist. es ist sehr schwer, dies dann im Alter auszuhalten und zu durchleben. es scheint aber, dass es sich zeigen muss, weil es in das Leben reintegriert werden will vor dem Tod.
Raub der Seele
Peter Levine ist in der Erforschung von Traumata auch in Kontakt mit indianischen Schamanen gekommen. Diese gehen davon aus, dass bei Menschen, die Erlebnisse haben, mit denen sie nicht fertig werden, sich ihre Seele vom Körper trennen kann. Sie bezeichnen diesen Vorgang als "Raub der Seele" und es ist in ihren Augen die am weitesten verbreitete und schädlichste Krankheitsursache. Man sitze in einer Art spirituellem Niemandsland fest und verliere sich in einem Zustand der spirituellen Erregung. Der Schamane als Heiler wendet Methoden an, diesen verlorenen Seelenanteil zu bewegen, an seinen Platz im Körper zurückzukehren.
Traumatische Erlebnisse entstehen insbesondere durch Übergriffe von Menschen an Menschen. Wie anders als in einem Zustand unfassbarer innerer Leere muss man sich ein missbrauchtes Kind vorstellen, das noch keinerlei stabile Persönlichkeit einem solchen Ereignis entgegensetzen kann. Wie schwer mag es sein, jemals wieder Vertrauen in Menschen entwickeln zu können - Beziehungen einzugehen. Beziehungsstörungen treten auf sowohl in bezug auf den eigenen, erstarrten, entfremdeten Körper wie auf das Sich fallen lassen können in andere Menschen hinein. Das ist schwer, wenn Vertrauen fehlt.
Auch das finden wir in der Demenz. Der Körper sklerotisiert, verhärtet in das Älterwerden, das ist ein normaler Vorgang. Demente Menschen jedoch spüren sich nicht, wirken in fortgeschrittener Erkrankung wie körperlos. Sie können im Winter in Sommerkleidung durch die Strassen irren und spüren keine Kälte, weil sie sich nicht spüren.
Alles ist erstarrt. Der Mensch mag auf der Suche sein, getrieben, vielleicht nach seinem zu Hause - die Gedanken kreisen wie enthoben der irdischen Realität eben irgendwo. Auf der Erde ist alles fremd, der eigene Körper eingeschlossen. In den fortgeschrittenen Phasen wird niemand mehr erkannt, weder die täglichen Bezugspersonen noch die eigenen Kinder. Desorientierung nennen wir dies im Fachjargon; zu Ort, Zeit, Sprache, Personen, zu sich selbst.
Die im Trauma erlebte Entfremdung des eigenen Körpers und der Erde, das Grundgefühl der Verlorenheit hat sich endgültig durchgesetzt. Bringen sie Menschen mit hochgradiger Demenz wieder dahin, wo sie hinmöchten, nach Hause, erkennen sie das nicht wieder. Was bleibt, ist eine Idee von zu Hause, eine dem Irdischen entbundene frei schwebende Idee.
Chronischer Stress
Ein Weiteres: Demente Menschen sind in einem Zustand permanenter Übererregung. Eines der heilsamen Aspekte in der Arbeit mit ihnen ist es, ein Klima der Ruhe und Harmonie zu schaffen. Unruhe trifft sofort auf starke Resonanz, ist für den dementen Menschen häufig nicht zu ertragen. Ein unbewältigtes Trauma verändert die Reizverarbeitung im Gehirn, führt zu einer permanent erhöhten Erregung des zentralen Nervensystems. Durch die ständige Erwartung von Gefahr verändern sich die basalen Regelkreise, davon betroffen sind insbesondere im Bereich des limbischen Systems die Mandelkerne (Amygdalae) und die Hippocampusformation.
Die Amygdalae sind die emotionale Feuerwehr im Organismus, die Brandmelder für Gefahren. Bevor ein Außenreiz das Großhirn erreicht, gibt die Feuerwehr bereits in Sekundenbruchteilen eine erste Einschätzung ab, ob Gefahr droht oder alles in Ordnung ist! Sie erregen unspezifisch das ganze Gehirn.
Normalerweise werden Angstreize durch die Einordnung in einen Gesamtzusammenhang entschärft. Bei einem unverarbeiteten Trauma bleibt das Tor für als bedrohlich erlebte Außenreize ständig übermäßig weit geöffnet und es kommt zu erhöhter Ansprechbarkeit (Reagibilität) des Stresssystems. Das Gehirn ist permanent übererregt und regt verhältnismäßig schnell die Ausschüttung von Stresshormonen an. Eines dieser Hormone ist Cortisol.
Eine übermäßige Produktion von Cortisol führt nachweislich zu einer Belastung, auf Dauer zu einer Zerstörung der Synapsen und damit auch der damit verbundenen Nervenzellen. Demenz korreliert mit einer Pathologie der Synapsen.
Die Hippocampusformation hat nicht nur eine wichtige Funktion für Lernen und Erinnern, sondern ist auch der Sitz des Selbstwertgefühles des Menschen. Entgegen früherer Überzeugungen können dort ein Leben lang Nervenzellen neu gebildet werden. Bei Untersuchungen an meditierenden Menschen hat man z.B. eine überdurchschnittliche Dichte an grauer Substanz in diesem Bereich vorgefunden. Im Gegensatz dazu haben sich bei im Krieg gefolterten und seelisch erkrankten Menschen vergleichsweise kleine Hippocampi gezeigt.
Dauerstress und ein geringes Selbstwertgefühl scheinen eine nachhaltige negative Wirkung auf diesen zentralen Bereich im Gehirn zu haben, also auch auf das Lernen und das Erinnern. Chronischer Stress verhindert das Entstehen und Wachsen neuer Nervenzellen im Gehirn. In der Demenz sind Selbstwertgefühl, Lernen und Erinnern nachhaltig gestört.
Sind schwerwiegende, unbewältigte traumatische Erlebnisse eine wesentliche Ursache für das Entstehen von Demenz im Alter? Die Übereinstimmung der Symptome von Depression, Dissoziation, Depersonalisierung, Fragmentierung des Selbst, Konsistenz - und Beziehungsverlust, Emotionalisierung und Übererregung weisen darauf hin. Das heißt nicht, dass traumatische Erlebnisse unweigerlich in einer Demenz münden.
Wenn die Weltgesundheistorganisation WHO jedoch chronischen Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts bezeichnet und dabei primär an Herz-Kreislauf und Krebserkrankungen denkt, wird sich möglicherweise Demenz als Zivilisationskrankheit einreihen.
Innere Raume zurückerobern
Es wird sicherlich nicht einfach zu erklären sein, warum Menschen für die eine oder andere dieser Stresskrankheiten anfällig sind. Entscheidend ist, dass man im Erkennen von Symptomen prophylaktische Maßnahmen ergreifen kann. Demenz ist kein aus dem Nichts auftauchendes Ungeheuer, sondern die Chronifizierung von Einseitigkeiten des gelebten Lebens. Die Neigung zu Depression, Dissoziation, körperlichen Erstarrungszuständen, Beziehungsstörungen usw. entdeckt man unweigerlich bei sich, wenn man diese Symptome in sich trägt und auf die Suche geht. Sie mögen vordergründig erkennbar sein, entfalten ihre Wirkung jedoch eher bestens versteckt, denn in der Regel sucht man sein Leben so einzurichten, dass die Ausblendung des Traumas nicht infrage gestellt ist. Das Leben wird um das Trauma herum organisiert, das Überleben nur durch ein labiles inneres Gleichgewicht gesichert.
Wenn es so ist, dass traumatische Erlebnisse eine wesentliche Ursache zur Entstehung von Demenz sind, liegt darin auch ein Schlüssel zur Heilung. Die Bearbeitung der benannten Symptome ist kein leichter zu gehender Weg, aber ein möglicher. Es gibt zunehmend heilsame, therapeutische Methoden auf körperlicher, seelischer sowie geistiger Ebene. Da Demenz alle drei Ebenen betrifft muß hier wahrscheinlich auf allen drei Ebenen angesetzt werden.
Ob es durch gezielte Körperarbeit die schrittweise Lösung der komprimierten Lebensenergie aus dem Organismus ist, durch Psychotherapie das behutsame Integrieren der abgekapselten, vergessenen Erfahrungen in das bewusste Erleben oder das Erringen des dissoziierten Raumes durch gezielte meditative Übungen - Demenz muss nicht als unweigerliches Schicksal hingenommen werden. Es fordert auf, den Mut zu entwickeln, hin zu schauen, das Unaussprechliche in Sprache zu bringen, sich das Leben zurück zu erobern. Die Überflutung des Ich-Bewußtseins durch verdrängte Seeleninhalte kann nur durch den Mut des Ich-Bewußtseins selbst überwunden werden. Es wird eine entscheidende Frage sein, ob man trotz eines solchen biographischen Einschnittes sein Ich so stärken kann, dass es im Alter der bis dahin unterdrückten Kraft zu widerstehen in der Lage ist.
Wichtig wird es sein, den dissoziierten inneren Raum zurückzuerobern, sich die Fluchtwege bewusst zu machen. Da wir es auch mit einem geistigen Phänomen zu tun haben, sollte die Kultivierung meditativer Praktiken einen wichtigen Beitrag leisten können. Gezielte Meditation führt nicht nur zum Abbau von Stress, sondern fördert die Gesundheit bis in die Bildung des Gehirns hinein. Nach Studien der Harvard-Universität führt Meditation offenbar zu Veränderungen in der Funktionsweise des Gehirns. Es ist nachzuweisen, dass das Volumen der Hirnrinde in bestimmten Arealen der Großhirnrinde bei Menschen mit sehr großer Meditationserfahrung zunimmt; vergleichbar nach dem Erlernen motorischer Fertigkeiten oder intensiver sensorischer Reizung. Sie gehen auf eine Vermehrung des Neuropils zurück, das heißt der Zwischenräume zwischen den Nervenzellen, die von neuronalen Verbindungen und Synapsen ausgefüllt werden. Dies zeigt, dass Meditation offenbar in der Lage ist, die Zahl und die Größe der Synapsen zu vermehren (Singer/Picard 2007)
Durch Meditation (die Fokussierung von Aufmerksamkeit) werden verstärkt Gamma-Wellen gebildet, die wiederum die Synchronisierung im Gehirn verbessern. Das Ziel der Meditation könnte man in der Entwicklung eines "autonomen Ich" sehen. Dieses löst sich schrittweise von dem mentalen Konstrukt eines Ich, dass von Gefühlen der Angst und Minderwertigkeit durch das Leben getrieben wird (vergl. Singer/Picard; Meditation und Hirnforschung). Dazu müssen alte Lebensmuster überwunden und angemessene neue verinnerlicht werden. Meditation ist offensichtlich Balsam nicht nur für die Seele, sondern insbesondere für die Regeneration des Gehirns. Es geht um das bewusste Arbeiten an der Veränderung der physischen Grundlage, das Erringen einer geistigen Kraft und Präsenz. Die Untersuchungen zur Meditation wurden insbesondere mit tibetischen Mönchen durchgeführt, die über sehr lange Erfahrung und sehr spezielle Methoden verfügen. Es wäre noch zu untersuchen, zu welchen Ergebnissen die unterschiedlichen Meditationsformen führen.
Schlüssel zur Heilung
Im sozialen Kontext ist es notwendig, in Krisen nicht in eine innere Emigration zu gehen und auszuweichen, sondern den Mut zum berechtigten Kampf zu entwickeln. Gemeint ist damit, zu sich selbst und seinen Überzeugungen zu stehen und dabei die Grenzen, die Souveränität des Anderen zu akzeptieren. Da Traumata mit dem Erleben massivster persönlicher Grenzverletzungen einhergehen, kommt der Suche und dem Respektieren von Grenzen eine besondere Bedeutung zu, der eigenen und der Grenzen anderer. Dazu noch einmal der Hirnforscher Prof. Hüther: "…gleichzeitig ist die psychische Verarbeitung sozialer Erfahrungen für die Heranbildung bestimmter neuronaler und synaptischer Verschaltungsmuster sehr bedeutsam."
Die Arbeit mit und an der eigenen Seele, die Reintegration gebundener Lebenskraft in die Gesamtorganisation hinein ist notwendig. Da die untergründig wirksamen Erfahrungen sehr angstbesetzt sind, ist dies kein einfaches Unterfangen und nur mit fachkundiger Hilfe und höchster Behutsamkeit möglich. Die Gefahr der Retraumatisierung und Verstärkung der Symptome ist groß. Ein wesentlicher Aspekt dieser Arbeit besteht laut Levine darin, die Gefühle eingefrorener Wut und Hilflosigkeit zu- und loslassen zu können. Nach seiner Erfahrung wird das Erleben eines aussichtslosen Kämpfens zu Wut, die Unfähigkeit zur Flucht zu größter Hilflosigkeit. Diese Gefühle werden mit Lebenskraft gebunden und wirken als Erstarrung im Körper bis in das Nervensystem hinein. Im psychischen Erleben werden sie kanalisiert und erlebbar durch die Bildung z.B. von Depressionen. Die therapeutische Durchdringung und Bearbeitung einer depressiven Tendenz ist anzugehen. Das Gedächtnis des Körpers ist nicht zu täuschen. Erstarrungen, Verhärtungen, Verkrümmungen haben ihre Ursache nicht nur in einer möglichen schlechten Sitzhaltung.
Die Bilder des Lebens setzen sich im Knochensystem, den Muskeln, den inneren Organen fest und entwickeln auch dort ihre Wirksamkeit. Eine erlebte Todesstarre bleibt solange, bis die bindenden Kräfte ausagiert, die gespeicherten oder assoziierten Bilder in das Bewusstsein zugelassen und weiter bearbeitet werden können.
An welchem Pol man auch mit der Arbeit beginnt, letztendlich sind körperliche, seelische und geistige Schritte zu gehen. Die oben genannten sollen nur erste Anregungen sein. Wir benötigen eine Prophylaxe gegen das Entstehen von Demenz, gleichermaßen wie etwa gegen Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs. Hier wie dort muß in einem ersten Schritt der Mensch die Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen. Das Auftreten in der eigenen Familie ist häufig ein Anlass, sich persönlich mit Phänomenen zu beschäftigen, die scheinbar mit dem eigenen Leben nichts zu tun haben. Auch bei Demenz ist dies der Fall, die Betroffenheit entsteht durch das Erleben im Umfeld.
Da Traumata über Generationen weitergereicht werden können, ist es auch ratsam, bei sich selbst auf die Suche zu gehen, wenn beispielsweise ein Elternteil von Demenz betroffen ist. Sich auf den Weg zu begeben und erkannte Symptome zu bearbeiten, ist jedoch weit mehr als eine Krankheitsprophylaxe. Unterdrückte und gebundene Lebenskraft in die bewusste Verfügbarkeit zurück zu holen ist ein Akt der Befreiung und Erhöhung der persönlichen Lebensqualität.
Literatur: Hüther,G (2002): Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn.Göttingen:Vandenhoeck & Rupprecht Bauer, J. (2004): Das Gedächtnis des Körpers; Frankfurt, Eichborn-Verlag Levine; P. (1997): Trauma-Heilung; Verlag Synthesis Madert, K. (2007): Trauma und Spiritualität, Kösel-Verlag Singer; Picard (2008): Hirnforschung und Meditation, Suhrkamp-Verlag
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Demenz und Trauma: "Demenz nicht als unabänderliches Schicksal begreifen, ..."
den fand ich schon in der info3 gut, schön, dass du ihn hier her gestellt hast.
das letzte finde ich auch gut. was wohl der inhalt des büchleins ist?