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Wir brauchen eine neue Verantwortungskultur von Michael Mentzel
Natürlich, wir haben uns daran gewöhnt, den Rücktritt eines Politikers zu fordern, wenn unter seiner Verantwortung etwas geschieht, was andere schädigt oder wenn Menschen dabei zu Schaden kommen, wie in Duisburg bei der Loveparade. 21 Tote und viele Verletzte wiegen schwer, die Trauer der Angehörigen wird von Unbeteiligten sicher nur ansatzweise nachvollzogen werden können. Aber die beeindruckende Welle der Solidarität und der Anteilnahme ist ein lebendiger Ausdruck dafür, dass es der Gesellschaft ganz und gar nicht egal ist, wenn ein anderer Mensch zu Schaden kommt.
Was aber geschieht, wenn der OB von Duisburg Adolf Sauerland als Verantwortlicher zurücktritt? Genugtuung? Wir haben uns angewöhnt, unser Verhalten von einer - allerdings auch in den meisten Fällen von uns dazu ermächtigten - Clique von Führungseliten abhängig zu machen und im Falle des Scheiterns den Chef dieser Clique verantwortlich zu machen. Zufrieden lassen wir uns dann auf unsere Sessel sinken und warten auf den nächsten Crash. Die Ausführenden der wie auch immer gearteten "Taten", die auf die Verantwortung des jeweils Nächsthöheren verweisen, widmen sich dann nach einiger Zeit wieder ihren gewohnten Obliegenheiten. Ein Naturgesetz? Die Forderung nach Rücktritt nur recht und billig? Oder entspricht eine solche Forderung einer - archaischen - Sehnsucht nach Rache? Die Toten werden nicht wieder lebendig und die Trauer der Angehörigen wird wahrscheinlich durch einen Rücktritt nicht gemindert.
Mit dem Eingeständnis der eigenen Schuld leben zu müssen, aus einer solchen - nicht nur für die Angehörigen schicksalhaften Begebenheit - zu lernen und zukünftig eine Politik nicht für partikulare Interessen, sondern für alle Menschen zu machen, könnte eine Alternative zu sein. Wenn alle Verantwortlichen - nicht nur der letzte in der Kette - ihren Anteil an der Katastrophe anerkennen, kann etwas Neues entstehen; nur dann hätte dieses Ereignis einen "Sinn" gehabt. Damit kein Missverständnis aufkommt: Mit den "Verantwortlichen" sind hier keinesfalls die Opfer und die Teilnehmer an der Loveparade gemeint.
Inzwischen steht fest, dass Adolf Sauerland nicht zurücktreten wird, einer Abwahl wird er sich, so ist es zu vernehmen, jedoch stellen. Ein Rücktritt hätte vielleicht die aufgebrachten Gemüter beruhigen können und wenn er mit der Übernahme einer echten persönlichen Verantwortung einhergegangen wäre, auch angebracht sein können. Gleichwohl sind Fragen nach einem angemesseneren Umgang mit Vorfällen dieser Art berechtigt und die "Leitmedien" täten gut daran, sich einmal mit den Fragen dahinter zu beschäftigen. Einen Anfang hat Stefan Niggemeier in einem lesenswerten Artikel bei FAZ-Online gemacht [Link], der die Rolle der Medien bei der aktuellen Berichterstattung kritisch unter die Lupe nimmt.
Angesichts der Realitätsferne unserer Volksverteter und der Quotenjagd der Medien nach Schlagzeilen mag das Nachdenken über eine neue Verantwortungskultur eine Utopie sein. Derlei Utopien aber aber jemandem wie Eva Hermann zu überlassen, die ihre krude Sicht auf die Loveparade beim Kopp-Verlag zum Besten gegeben hatte, erschiene mir allerdings ganz und gar nicht angemessen.
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