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Was hat man dir, du armes Kind getan?

Im Lichte der Aufklärung
von Michael Mentzel

Jüngstes Beispiel für den Versuch, den Anthroposophen wieder einmal am Zeug zu flicken, ist ein beim HPD erschienener Artikel des "Humanisten" Gunnar Schedel. Der Artikel beschäftigt sich mit dem von Andreas Lichte geführten Interview mit dem Rechtextremisten und ehemaligen Waldorflehrer Andreas Molau. Wer sich ein wenig eingehender mit dem Thema Lorenzo Ravagli und Andreas Molau beschäftigt hat, wird unschwer zu der Erkenntnis kommen, dass hier etwas konstruiert wird, das weder Hand noch Fuß hat.

Mit dem ehemaligen Waldorflehrer Molau wollte Ravagli nach eigenen Angaben durch die Dokumentation eines Briefwechsels nichts anderes tun, als nachzuweisen, dass Molau sich mit seiner »völkischen Ideologie« zu Unrecht auf Rudolf Steiner berufe. Dies kam schon im Untertitel des Buches: "Anthroposophie und völkisches Denken. Eine Abgrenzung in Form eines Briefwechsels" zum Ausdruck.

Während zu gleicher Zeit – im Herbst 2007 – ein "besorgter Bürger" bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) vorstellig geworden war, um sich über "rassistische" Äußerungen Rudolf Steiners in zweien seiner Werke zu beschweren, der dann an das Bundesfamilienministerium verwiesen wurde, welches ein Verfahren einleitete, stoppte Ravagli sein Buchprojekt, wohl wissend, dass eine Veröffentlichung des Buches mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den einschlägig bekannten Kritikern dazu benutzt werden würde, Behauptungen in die Welt zu setzen, die das von ihm Gesagte und Gewollte ins Gegenteil verkehren würden. Dieser Rückzug - im Verlagswesen ein nicht unbedingt ungewöhnlicher Vorgang - passte allerdings offensichtlich nicht in das Konzept des ehemaligen Waldorfseminaristen Andreas Lichte, der laut GEW München das Indizierungsverfahren vor der BPjM initiiert und auch stern.de die Informationen geliefert hatte, die dann in zwei Online-Artikeln zu dem gecancelten Buchprojekt verwendet wurden. Gemutmaßt wird in Anthroposophenkreisen, dass Lichte auch hinter den anonymen "Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie" steckt.

Im Kampf gegen die "Sekte" Anthroposophie wurde also die nächste Runde eingeläutet. Andreas Lichte trat in Kontakt mit Molau und erhielt von diesem Teile der unveröffentlichten Texte. Schließlich entblödete er sich nicht, Andreas Molau, den NPDler, zu interviewen und diesem auf dem NPD-Blog-Info eine Plattform für seine drögen Propagandasprüche zu bieten. In dem - im NPD-Blog-Info erschienenen - Interview wurden Auszüge des Ravagli-Lichte Buchprojektes zitiert, was Ravagli dazu veranlasste, gegen eine Veröffentlichung dieser Zitate vorzugehen. Ebenfalls ein in Verlagskreisen nicht unüblicher Vorgang. Molau hat inzwischen der NPD den Rücken gekehrt und agiert bei der DVU als Pressesprecher. Wundersame Wandlungen.

Wie nun Herr Schedel aus diesem Vorgang eine Anthroposophische "Staatsaffäre" konstruiert, spottet jeglicher journalistischen Sorgfaltspflicht. So wispert der Aufklärer Schedel: "So erscheint es wahrscheinlicher, dass sein Rückzug aus dem Buchprojekt mit Andreas Molau nicht aus freien Stücken erfolgte, sondern durch einen Wink seiner Förderer aus der oberen Etage des anthroposophischen Netzwerkes angestoßen wurde." Getreu dem Motto, dass schon etwas hängenbleibt, wird hier also die Mär von dem rechtsgerichteten Anthroposophen-Netzwerk mit einem "Vordenker Ravagli" weitergesponnen.

Bis zum letzten Absatz des Artikels von Gunnar Schedel wird der Leser im Unklaren gelassen, wie die Sache ausgeht, denn bis dahin ist immer nur von der Absicht Ravaglis zu lesen, gegen Andreas Lichte vorzugehen. So heißt es zu Beginn des Artikels: "Nun will einer ihrer „Vordenker", Lorenzo Ravagli, Zitate aus unveröffentlichtem Material verbieten lassen." Schedel fährt dann im Verlauf seines Artikels empört fort: "Vom Autor des Beitrags wurde gar verlangt, auf die im Interview von Molau zitierten Passagen aus dem ehemals gemeinsamen Buchprojekt bei zukünftigen journalistischen Arbeiten zu verzichten. Dieser Eingriff in die Pressefreiheit wurde mit der Begründung geführt, das Urheberrecht bzw. das Persönlichkeitsrecht Ravaglis werde verletzt, weil er seinerzeit die Zustimmung zur Veröffentlichung des Buches zurückgezogen habe." Was der Diebstahl von geistigem Eigentum mit Pressefreiheit zu tun haben soll, müsste der »Humanist« Schedel allerdings näher erläutern. Dass ein Autor auf der Wahrung seiner Rechte besteht, ist schließlich nichts anderes als sein gutes Recht. Dass die Rechtsverletzer nun aufheulen, ist zwar auch ihr gutes Recht, dass sie aber Ursache und Wirkung verdrehen und sich als Opfer darstellen, wo sie doch Täter sind, muss man doch deutlich aussprechen.

Andreas Lichte aber, so erfährt der geneigte Leser der Schedelschen Mystifikationen am Ende doch noch, habe sich auf einen Vergleich eingelassen, "der ihm die weitere Verwendung der ihm vorliegenden Stellen aus der Korrespondenz zwischen Ravagli und Molau untersagt. „Das Prozesskostenrisiko lag letztlich bei einem fünfstelligen Betrag", sagte er gegenüber dem Humanistischen Pressedienst. Dies alleine zu tragen, habe er nicht gewagt."

Lapidar wird am Ende konstatiert, dass die Anthroposophen einen "weiteren Etappensieg" errungen hätten, in ihren Bemühungen, jegliche "kritische Berichterstattung" zu unterbinden. Wie wenig wahr diese Behauptung ist, zeigt ja die "kritische Berichterstattung" von Herrn Schedel selbst, die natürlich in Wirklichkeit eher schräg als kritisch ist.

Nun kann man sich natürlich fragen, wie sinnvoll es ist, mit einem Rechtextremen über Steiner zu diskutieren. Man könnte sich aber mindestens ebenso fragen, wie sinnvoll es ist, wenn Lichte einen bekennenen Rechtsextremen als Beleg für die "Gefährlichkeit" der Anthroposophie ins Feld führt und diesem in einem ansonsten durchaus sinnvollen Blog gegen Nazi-Umtriebe auch noch ein Forum für seine abstrusen Behauptungen bietet.

Auf dem Anthro-Blog hat Lorenzo Ravagli, möglicherweise im Hinblick auf den HPD-Artikel, mit Auszügen aus seinem 2003 erschienenen Buch "Unter Hammer und Hakenkreuz" reagiert. Es dürfte sich lohnen, dort einmal nachzulesen, welchen Ansatz Ravagli im Hinblick auf Rudolf Steiner und den Nationalsozialismus eigentlich tatsächlich verfolgt. Was der Artikel von Gunnar Schedel behauptet, ist es mit Sicherheit nicht.

Weiteres zum Thema
Lorenzo Ravagli auf dem Anthroblog

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