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Zwischen Himmel und Erde

Über den neuen Film von Christian Labhart
"...es ist ein sehr persönlicher Film über Menschen."
Besprechung von Vera Hoffmann, Waldorflehrerin auf La Palma

Brauchen wir noch einen Film über Anthroposophie? Noch einen Film über diese von Rudolf Steiner entwickelte und in unzähligen Büchern und Vorträgen beschriebene Weltanschauung? Eine Weltanschauung, die in filmischen Berichten dargestellt von den einen diffamiert, von den anderen in eloquenten Kommentaren und in (manchmal fast zu überzeugend wirkenden) positiven Bildern dokumentiert wird…

Kann man diese Weltanschauung wirklich in ihrer facettenreichen Vielfalt hinreichend filmisch ergründen? Und nun noch so ein Film!!!

Christian Labhart ist uns als Regisseur ans Herz gewachsen durch seine hinreissende Dokumentation über die Lebenssituation einiger Oberstufenschüler der Rudolf-Steiner–Schule Zürcher Oberland zwischen den verschiedenen Welten von Snowboard und Revolution einerseits und Mozartchorprojekt andererseits.

Das einzige, was man ihm bezüglich seiner neuen Produktion wirklich vorwerfen kann ist der irreführende Untertitel „Anthroposophie heute". Nein, es ist nicht noch ein Film über „die Anthroposophie" sei es heute oder gestern, sondern es ist ein sehr persönlicher Film über Menschen. Eigentlich müsste der Untertitel heissen „Menschen in und um die Anthroposophie heute…"

Menschen werden begleitet in diesem Film, begleitet über kürzere oder längere Sequenzen ihres Alltagslebens und porträtiert -manchmal einfühlsam bis in kleine ganz persönliche Gesten. In Handlungen und eigenen Worten bringen diese ihr jeweils höchst individuelles Verständnis der Anthroposophie und ihr Leben mit dem, was die Anthroposophie bei ihnen an Prozessen angeregt hat, zum Ausdruck. All dies geschieht ohne erklärende oder relativierende Ergänzungen eines Kommentators. Dies macht den Film manchmal fast unerträglich intensiv und bewegend, weil wir es immer mit unmittelbaren und authentischen individuellen Aussagen zu tun haben. Und jede noch so individuelle oder fast abstruse Äusserung darf unhinterfragt und gleichberechtigt neben allen anderen stehen bleiben. Es könnte dies als Schwäche des Filmes erlebt werden. Ich erlebe es jedoch als eben seine Stärke. Es geht nicht um „DIE ANTHROPOSOPHIE", es geht eben wirklich um Menschen.

So bleiben zum Beispiel die eher abwertenden, hoch subjektiven Aussagen des bekannten Schweizer Sängers Christoph Homberger, ewiger Sohn einer Waldorflehrerdynastie, - noch immer angestrengt um Distanzierung bemüht -, ungeschönt und frei von relativierenden Kommentaren einfach stehen. Sie stehen unter anderem neben den kraftvollen Lebens- und Gedankenäusserungen des Landwirts Martin Ott, der –ebenfalls ehemaliger Steinerschüler- vor ca 12 Jahren seine politische Karriere als Kantonsrat (auf dem Weg zu einem der 7 Schweizer Bundesräte) aufgab, um den grössten landwirtschaftlichen Betrieb der Ostschweiz, die Rheinau bei Schaffhausen, in der Fintanstiftung zu einem blühenden biologisch-dynamischen Landwirtschafts- und darüber hinaus zum vielfältigen Kulturplatz aufzubauen.

Bewegend unter anderem auch die beiden porträtierten Frauen: Claudine Nierth, die als Eurythmistin den Busführerschein machte und nun als „Politaktivistin" den riesigen „Omnibus für direkte Demokratie" durch die Lande fährt und Susanne Wende, die mit Konsequenz und Charme als Klassenlehrerin ihre Siebtklässler durch die Hürden der Pubertät und durch die Schweizer Alpen steuert.

Es kann nur nochmals betont werden, dass die Stärke des Films darin besteht, dass die Menschen (ausser den erwähnten auch noch Sebastian Gronbach, Journalist Info 3, Bodo von Plato, Vorstandsmitglied Goetheanum und Christoph Graf, Eurythmist in Sekem, Ägypten) mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit zum Ausdruck kommen. Wer sich auf den Film einlassen kann, erlebt ein Feuerwerk emotionaler Hochs und Tiefs, unterbrochen, beruhigt, geheilt von langen Sequenzen epischer, oft Naturschönheiten einfangender Kameraeinstellungen mit ähnlich gestimmter musikalischer Begleitung.

Es ist ein bewegender Film, der einen mit vielen Fragen zurücklässt und letztlich einen tiefen Einblick in die ambivalente Stimmung des Regisseurs der Anthroposophie und den Anthroposophen gegenüber ermöglicht. Christian Labhart, Vater zweier junger Erwachsener, die die gesamte Steinerschulkarriere durchgemacht haben, nun seine Frau ein wenig in ihrem Unterricht als Waldorfklassenlehrerin unterstützend, sucht und findet seinen Weg in die Anthroposophie nicht wie viele andere Menschen im Studium von Rudolf Steiners Werken sondern im Studium von Menschen, die in die eine oder andere Richtung von diesem Werk berührt wurden.

Der Film läuft ab Februar 2010 in der Schweiz an (nach einer Vorstellung bei den Solothurner Filmfesttagen) und ab März in Deutschland. Der Trailer ist zu sehen auf 
http://www.zwischenhimmelunderde.ch/

 

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