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Phänomenologie des Unverständnisses II

23.06.2010

Überlegungen im Anschluss an die Lektüre von Lorenzo Ravagli: Zanders Erzählungen. Eine kritische Analyse des Werkes «Anthroposophie in Deutschland», Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2009.
Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift GEGENWART Nr. 2/2010
von Stefan Brotbeck


"alle Geister sind Dem unsichtbar, der keinen hat:
und jede Werthschätzung ist ein Produkt aus dem
Werthe des Geschätzten mit der Erkenntnisssphäre
des Schätzers."
Arthur Schopenhauer [1]

Unverständnis bedeutet nicht einfach Nichtverstehenkönnen. Wenn wir uns einer Person verständlich machen möchten, die unsere Sprache nicht versteht, sagen wir nicht, dass wir auf Unverständnis gestossen sind. Wir sagen auch nicht, dass wir auf Unverständnis gestossen sind, wenn die Verständigung durch technische Schwierigkeiten erschwert oder sogar verunmöglicht wird (zum Beispiel durch Abbruch der Telefonleitung).

Wenn Unverständnis nicht einfach auf Nichtverstehenkönnen beruht, so entsteht die Frage: worauf denn dann? Auf Nichtverstehenwollen. Im Kern des Nichtverstehenwollens steckt Angst vor (Selbst-)Veränderung durch Verstehen. Verstehen ist kein behagliches Durchwinken – es kann Nebenwirkungen zeitigen, mit denen man nicht gerechnet hat. Manchmal sogar Wendungen und Bewegungen, die existenzielle Grundlagen umpflügen.

Verstehen bewegt sich jenseits von blindem Lob und blindem Tadel, von Anhängerschaft und Gegnerschaft, die ja beide nur zwei Formen sind, den Eigenwert des Zu-Verstehenden an die eigene Trägheit zu verspielen – wobei das Verteidigen der eigenen Trägheit keineswegs träge wirken muss, sondern, ganz im Gegenteil, sich in einem hektischen Aktivismus ergehen kann: Wir scheuen bekanntlich keine Anstrengung, uns zu verteidigen, wenn es unserer Bequemlichkeit an den Kragen geht.

Illusionen des Verstehens

Aufschlussreicherweise geben wir Nichtverstehenkönnen bereitwillig zu («bitte lauter sprechen!»), während wir Unverständnis in einer Wolke des Pseudo-Verstehens unsichtbar zu machen versuchen. Wir tun alles, um unser Unverständnis nicht als das erscheinen zu lassen, was es ist. Unverständnis und die Illusionen des Verstehens sind fast eines. Wie viele «Anhängerschaften» und «Gegnerschaften» beruhen auf diesen Illusionen?

Es ist bitter, eine Sicht zu «teilen», die man zu verstehen glaubt, aber in Wirklichkeit gar nicht versteht. Noch bitterer ist es, eine Sicht abzulehnen, die wir nicht einmal in ihren Anfangsgründen erfasst haben. Hinzu kommt, dass beide Illusionstypen fast immer in Personalunion vorkommen. Wie viele Steiner-Anhänger glauben bei Steiner das zu finden, was faktisch mit dem zu tun hat, was sie – wiederum unter Berufung auf Steiner – ablehnen zu müssen glauben. Konkret: Wie viele glauben, in Steiner jenes höhere Medium zu finden, was vielmehr mit jener spiritistischen Seichtigkeit zu tun hat, die man wiederum unter Berufung auf (aber ohne Verständnis für) Steiner dezidiert ablehnt.

Wer stehen bleibt, kann nicht verstehen. Stehen bleiben können wir auf ganz verschiedene Arten. Ich möchte zwei Verfahren skizzieren, die unser Nichtverstehenwollen gleichsam mit einem guten Gewissen versehen:

- Statt den Horizont des Anderen kennenzulernen, unterstellen wir ihm, was wir bereits kennen, wobei wir dem Anderen justament das unterstellen, was uns selber in den Gliedern sitzt.

- Statt ein Phänomen zu profilieren, entwerten wir es, indem wir es auf eine ihm fremde Ebene ziehen und hier negativ aufladen und zum Objekt unserer Sorge machen.

Unterstellungen

Die Unterstellung gehört zu den beliebtesten Selbstkaschierungstechniken des Unverständnisses. Es handelt sich um Voraussetzungen, die wir in die Auseinandersetzung mit einem Werk hineintragen, wobei wir alles versuchen, dass eben diese Voraussetzungen durch die Auseinandersetzung mit dem Werk keine Veränderung erfahren. Eben dadurch verhärten sich die Voraussetzungen zur systematischen Voreingenommenheit, die eine fruchtbare, weiterführende, kreative Auseinandersetzung mit einem Werk und dem von ihm ins Spiel gebrachten Welt- und Selbstverständnis verhindern. Wir liegen gleichsam auf der Lauer, um von ja nichts überrascht zu werden, was unsere Voraussetzungen übersteigt oder auch nur in Frage stellt. Wir haben keine offenen, sondern geschlossene Erwartungen – Fixierungen.

Ravagli spricht wiederholt von «fixen Ideen», die das Profil des Zanderschen Menschenbildes prägen: Hierzu gehört vor allem «die ubiquitäre Anwendung der Machtkategorie» (S. 33), autoritäre Neigungen, Unwahrhaftigkeit und dergleichen mehr. «Erkenntnisdifferenzen werden in Machtkämpfe, und Unvereinbarkeiten von Ideen in persönliche Animositäten und Rivalitäten umgedeutet.» (S. 65) Die Unbedarftheit dieser Unterstellungen kontrastiert auf schmerzliche Weise mit dem Aufwand ihrer Verschleierung. Als Wattierungsmaterial dienen die häufig nur assoziativ herbeigerafften «Quellen» (Seiten 184, 189, 203, 306, 315 u.a.) Diese Quellen erinnern zuweilen an Staubaufwirbelungen zur Ablenkung von den ernüchternden Grundlagen, die offensichtlich den Motivationshorizont des Interpreten umreissen: «Zanders Denken ist vom Streben nach Macht und der Wahrnehmung sozialer Beziehungen als Konkurrenzbeziehungen beherrscht. Da diese Denkstruktur als ontologische oder lebensweltliche Voraussetzung in den Forschungsprozess eingeht, lenkt sie sowohl seinen Blick auf die Fakten als auch seine kategoriale Deutung des aufgefundenen Materials. Die unaufgeklärten Voraussetzungen wandern in die Rekonstruktion des Gegenstandes und seine Interpretation ein und lassen ein Bild entstehen, in dem sich der vorurteilsbehaftete Blick des Forschers widerspiegelt.» (S. 37)

Zanders Auseinandersetzung mit Steiner hat es darauf angelegt, zu ruinieren, womit sie sich schmückt, nämlich eine wissenschaftliche, nüchterne, unvoreingenommene oder vielmehr die eigene Perspektive reflektierende Auseinandersetzung mit Steiners Denken. Mit Blick auf diesen von Ravagli immer wieder angesprochenen Mangel an Selbstreflexion und «die fehlende selbstkritische Reflexion über die hermeneutischen Kategorien und ihre Rechtfertigung» (S. 22) möchte man an Hegels glänzende Ergänzung eines französischen Sprichworts erinnern: «Es gibt keinen Helden für den Kammerdiener; nicht aber weil jener nicht ein Held, sondern weil dieser - der Kammerdiener ist» [2] Natürlich hat das mit dem zu tun, was wir als Projektion bezeichnen. Ravagli spricht denn auch geradewegs von «Projektionen Zanders» (S. 248). Wer projiziert, sieht die eigenen Antriebe in andere Menschen hinein und verfolgt und bekämpft sie hier.

Entwertende Umdeutungen

Die Unterstellungsarbeit kann so weit gehen, dass das «Interpretandum» (die Sache, die zu verstehen wäre) mit einer Reihe von manipulativen Techniken dem Bild angepasst wird, das man von ihm hat (in psychodynamischer Hinsicht spricht man von projektiver Identifizierung). Wir müssen deshalb die Kritik der Unterstellung als Entwertungs- und Diskreditierungstechnik spezifizieren.

Wir bringen ein Phänomen in ein schiefes Licht, indem wir es begrifflich zum Gegenpol eines positiv besetzen Phänomen auf einem anderen Feld machen. Das Heimtückische dieses Verfahrens besteht darin, dass dem diskreditierten Phänomen eben dadurch die ganze Semantik des Gegenpols zum positiv besetzten Begriff angehängt wird. Exemplarisch gesprochen: Wir diskreditieren den erkenntnisbasierten Freimut, indem wir ihn zum Gegenpol demokratischer Diskussionen erklären. Resultat: Ein freimütiger Mensch wird da zum elitären Anti-Demokraten.

Das Zandersche Entwertungs- und Diskreditierungsverfahren lässt keine Steiner-Schriften aus, nicht einmal die philosophischen Frühschriften: «Warum interpretiert Zander in die frühen Steinerschriften einen essentialistischen Intuitionismus hinein, der auf nicht-empirischem Weg zur Schau des Wesens der Dinge gelangen will? Weil er diese systematische Position benötigt, um später daraus die angeblichen Absolutheitsansprüche der theosophischen Erkenntnis abzuleiten. Essentialismus und Intuitionismus wie Zander sie versteht, sind für ihn mit Abwertung der Erfahrung der Sinneswelt, mit autoritären politischen Vorstellungen, mit Dogmatismus, kurz, dem ganzen Katalog politischer Unkorrektheiten verbunden, der auf Steiner abgeladen werden soll, um ihn und die Anthroposophie zu diskreditieren.» (60)

Devotion erscheint dann plötzlich als autoritäres Motiv, personales Vertrauen als Blauäugigkeit, Selbstbestimmung als Selbstgerechtigkeit, Wahrheitstreue als Rechthaberei, Anregung durch andere Quellen als Plagiat, Offenherzigkeit als Aufdringlichkeit (und so weiter und so fort). Der Umdeutungsfuror macht all die Zwangsmaskierungen sichtbar, mit denen Zander seinem Interpretandum auf den Leib rückt.

Doch wie die Unterstellungen den Untersteller verraten, so auch die Umdeutungen den Umdeuter. Wer institutionelle Sicherheit sucht (und sich hinter Namen versteckt), wird nicht müde, als selbstgerechte Allüren zu diskreditieren, was auf eigenen Füssen steht. Wer von Misstrauen gegen die Selbstbestimmungsfähigkeit der Menschen erfüllt ist, wird nicht müde, als unzuverlässige Blauäugigkeit zu diskreditieren, was auf personalem Vertrauen beruht. Wer gar nicht damit rechnet, dass einer etwas zustande bringt, was nicht bereits anderswo steht, wird nicht müde, als blosse Erfindung abzutun, was nicht bereits anderswo seht. Und wer gar nicht damit rechnet, dass das Studium von Schriften zu originären Gedanken anregen kann, wird nicht müde, als Plagiat zu entwerten, was auf sie Bezug nimmt. Und wer von Ressentiment gegen die Freiheit erfüllt ist, wird nicht müde, als Machtgehabe zu diskreditieren, was Ausdruck der (letztlich alle Aufklärung begründenden) Autorität des Denkens ist.


[1] Parerga und Paralipomena. In: Werke in zehn Bänden. Zürcher Ausgabe. Zürich 1977, Bd VIII, 488.
[2] Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Phänomenologie des Geistes (1807). Frankfurt a.M. 1973, 489.

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