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Königin Europa


Wie Königin Europa die Welt neu entdeckt
Eine Buchrezension von Michael Schmiedel
erschienen in der Zeitschrift die Drei  Ausgabe 6 im Juni 2006
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Märchenerfinder
Es wird viel geschrieben über Europa und Arabien, über den Islam und das Christentum, über Orient und Okzident. Viel Schlaues, manch Überflüssiges, viel Sachliches, manch Pseudosachliches. Johannes O. Ulrich aber versucht einen phantastischen, ja märchenhaften Zugang zum Thema und das auf eine Weise, die stark an Michael Endes »Unendliche Geschichte« erinnert. Während in der »Unendlichen Geschichte « Phantásien dadurch vor seinem Untergang gerettet wird, dass der kindlichen Kaiserin ein neuer Name gegeben wird, wird hier Europa aus seiner Identitätskrise geholt, indem ein neuer Mythos ge- oder erfunden wird. In der Rahmenhandlung lädt Königin Europa berühmte Märchenerzähler aus aller Welt in ihr Schloss ein und gibt ihnen den Auftrag, ein neues Märchen zu erfinden, das Europa aus seiner Identitätskrise holen kann. Europa ist in Brüsseler Bürokratie, amerikanischem Größen- und Geschwindigkeitswahn, im Materialismus – für den die römisch-katholische Kirche verantwortlich gemacht wird – und einem sinnentleerten Drang nach Vergnügen und Unterhaltung erstarrt. Gleichwohl wähnt es sich zwar weiterhin maßgebend für die Welt zu sein, merkt aber nicht, dass eine teuflische Macht im Hintergrund die eigentlichen Fäden führt. Die Märchenerfinder – ein Iraker oder Iraner, ein Türke, ein Russe und eine nach Indien ausgewanderte Deutsche – erzählen nun eine Geschichte: In einem Land im Süden, in Arabien, wird nur noch geweint, bis einige Kinder es satt haben. Sie stellen die tabubrechende Frage, warum sie denn nur noch weinende Zwerge seien, und keine Riesen mehr, die sie doch mal waren. Mit einer Truhe voll wunderbar duftendem Kuchen machen sie sich auf den Weg nach Norden in das Land der buckligen Riesen, die für diese Misere schuldig zeichnen, und von denen es heißt, sie wüssten mit den wunderbaren Dingen, die sie dereinst von den damaligen Riesen Arabiens gelernt hätten, nichts mehr anzufangen, sondern schliefen nur noch, auch wenn sie wach seien.

Das Salzmeer überqueren sie auf einem rostigen Schiff, dessen Kapitän drei Engel in Tiergestalt gefangen hält, die auf keinen Fall frei kommen dürfen, weil sie sonst die buckligen Riesen aus ihrem Wahntraum befreien könnten. Diesen Traum aber hält ein anderer Engel – der Teufel – am Laufen, indem er die buckligen Riesen immer weiter mit Zuckerwatte versorgt, die für sie den Sinn des Lebens darstellt, sie aber gerade deswegen daran hindert, durch Beten den Kontakt zu ihrer eigenen Seele herzustellen. Die Kinder werden dem Kapitän unangenehm, da sie die gefangenen Engel befreien wollen. Kurzerhand schickt er sie nach Prag, das an einer Schwelle liege – wohin bleibt allerdings unklar. Soweit die Binnenerzählung. In den Erzählpausen ereignet sich einiges im Schloss von Königin Europa. Europäische und arabische Kinder geraten in Streit darüber, was denn die Europäer alles von den Arabern gelernt hätten, ohne das Europa nie so groß geworden wäre. Ein polnischer Diplomat gerät mit einem usbekischen Ayatollah in eine Diskussion über eben dieses Thema. Ein jüdischamerikanischer General gewinnt nach und nach die Einsicht, dass die USA aufhören sollten, eine Vormachtstellung in der Welt einzunehmen. Der russisch-orthodoxe Diakon läuft nach einem kapitellangen Selbstgespräch über die Rolle russischer Spiritualität für die Zukunft Europas nackt durchs Schloss, um so auf die Bedeutung des Nichts aufmerksam zu machen. Der deutsche Lastwagenfahrer Albert überwindet seine Abneigung gegenüber Arabern durch seine Neugier, wie sich denn so ein »arabisches Frauengewand« anfühlt und sieht darin dann das beste Kleidungsstück zur Vermeidung von Hodenkrebs. Letztlich stirbt Königin Europa an einer Überdosis ihrer Lieblingsspeise: arabische Marzipankugeln.

Aber die Märchenkonferenz hat Europa einen neuen Weg gewiesen, der aus den arabischen Wurzeln der europäischen Kultur schöpft. Johannes O. Ulrich liefert mit diesem Buch eine spannende, lustige, nachdenkliche allegorische Erzählung über unsere momentane europäische Befindlichkeit. Man merkt der Geschichte an, dass der Autor lange in politischen Kreisen verkehrte, denn deren Rituale und Selbsteinschätzungen nimmt er detailliert ironisch aufs Korn. Aufs Korn genommen wird auch die europäische Selbstüberschätzung, der Nabel der Welt, das Maß aller Dinge zu sein und alle kulturellen und zivilisatorischen Leistungen aus sich selbst geschaffen zu haben. Ulrich kritisiert vor allem die letzten 200 Jahre europäischer Geschichte, die Irrtümer wie Liberalismus, Wissenschaftsgläubigkeit, Kapitalismus, Technologieversessenheit und Konsumrausch hervorgebracht und so das Unnormale zum Normalen erklärt hätten. Europäer seien eben bucklige Riesen, ein islamisches Bild für die christliche Lehre der Erbsünde, die dem nach muslimischer Lehre vollkommen und sündlos geborenen Menschen wie ein Buckel anhafte. Die Wurzeln europäischer Kultur lägen in Arabien, ohne das wir keine Mathematik, keine Chemie, keine Krankenhäuser, keine Musiktherapie und vieles andere auch nicht hätten und noch in Höhlen wohnen und mit den Fingern essen würden. Diese Wurzeln wieder zu entdecken könne uns Europäern wieder einen kulturtragenden Mythos liefern, der uns wieder Perspektiven und Motivationen geben könne, die über das Geldverdienen, das Vergrößern der EU und das Brechen immer neuer Rekorde hinaus gehen. Außer Arabien spielen auch Russland und Indien eine positive und Amerika eine negative Rolle. Ulrich nennt fünf Frauen und fünf Männer als Inspirator(inn)en seiner Erzählung: Annemarie Schimmel, Mirra Alfassa, Dorothee Sölle, Dorothea Viehmann, Marianne Pitzen, Johann Wolfgang von Goethe, Rudolf Steiner, Sri Aurobindo, Muhammed Iqbal und Wladimir Solowjow. Gibt es an diesem so interessanten und inspirierenden Buch etwas auszusetzen? Ja. Die Sprache? Nun ja, es ist ein sehr eigener Stil, sehr an der mündlichen Umgangssprache orientiert, daher aber auch sehr leicht lesbar und wohl auch sehr gut vorlesbar. Wichtig und notwendig ist Kritik an Ulrichs Darstellung der Bedeutung Arabiens für die Entwicklung Europas. Obwohl er eine phantastische Erzählung vorgelegt hat, so ist sie auch eine moralische, die Einfluss auf unser Denken und Handeln in unserer realen oder von und für real gehaltenen Welt haben soll, und da muss man schon vorsichtig sein, damit da nicht ein Gmork – ein Werwolf in der »Unendlichen Geschichte«, der die Trennung zwischen Phantásien und Realität negiert und so Lügen in die Welt trägt – draus wird.

Arabien wird einfach viel zu groß dargestellt, in den politischen Grenzen des Omaiyyadenund Abbassidenreiches (661-1258). So gesehen wundert es nicht, dass Städte wie Gondaschipur im Iran und Sarmakand in Usbekistan als arabische Städte vorgestellt und die antiken Phönizier, deren Göttin Europa die Namenspatronin unseres Subkontinents ist, zu Arabern gemacht werden. Sicher waren auch Griechenland und Rom in der Antike in hohem Maße abhängig von Einflüssen aus Nordafrika und Westasien, aber Araber spielten dabei noch keine so große Rolle. Und sind auch Worte wie »Algebra« und »Baldachin« arabischen Ursprungs, so sind es Worte wie »Therapie« und »Bibliothek« nicht. Es ist richtig, dass die arabische Mittlertätigkeit im Mittelalter extrem wichtig war, um indische, persische, ägyptische, griechische und andere Kulturleistungen, die zu dieser Zeit im christlichen Europa als heidnisch eingestuft und verdrängt wurden, in unsere Zeit zu retten. Es ist auch richtig, dass die muslimische Kultur wunderbare Blüten hervorgebracht hat und im Mittelalter auch zivilisatorisch Europa um einiges voraus war. Aber es ist falsch, das alles einfach »arabisch« zu nennen und so einem panarabischen Großmachtdenken ideologische Dienste zu leisten. Auch sind Arabien und Islam keineswegs identisch, wenn auch etwas mehr als Europa und Christentum. Doch dem Haupanliegen des Buches, dass die ideologische Orient-Okzident-Kluft geschlossen werden müsse und wir Europäer auch unsere Spiritualität und nicht nur unsere Wirtschaft mehr pflegen dürfen, zuzustimmen ist eine Not-Wendigkeit in unserer Zeit.

Johannes O. Ulrich: Wie Königin Europa die Welt neu entdeckt.
Eine euro-orientalische Erzählung. Atelier Frauenmuseum, Bonn.
290 Seiten, 18,80 EUR.

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