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Was ist los im Staate Deutschland?

27.02.2011

Verena Becker und der Verfassungsschutz. Werden die Thesen von Michael Buback und Wolfgang Kraushaar bestätigt? Der ehemalige Bild-Reporter Nils von der Heyde erinnert sich.
von Michael Mentzel

Michael Buback ist der Sohn des im April 1977 von Mitgliedern der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Wer sein Buch "Der zweite Tod meines Vaters" aufmerksam gelesen hat, wundert sich über nichts mehr. In dem 2009 veröffentlichten Buch schildert Buback die Ergebnisse seiner Nachforschungen nach der Person, die seinen Vater erschossen hat. Akribisch hat er die damaligen Zeugenaussagen überprüft, Berichte zusammengetragen und gewichtet. Dabei sind Ungereimtheiten zu Tage getreten, die die damaligen Strafverfolgungsbehörden und die Behörde, der sein Vater seinerzeit vorstand, die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, nicht im günstigsten Licht erscheinen lassen.

Von Rachegedanken ist in dem Buch von Michael Buback nichts zu spüren, eher klingt immer wieder Enttäuschung an, die sich im Verlaufe seiner privaten Ermittlungen erkennbar in Fassungslosigkeit wandelt. Fassungslosigkeit darüber, dass die Ermittlungsbehörden damals offensichtliche Spuren nicht verfolgt, Zeugenaussagen vertuscht oder nicht richtig bewertet hätten.

Ein Jahr später nimmt Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) mit seinem Buch "Verena Becker und der Verfassungsschutz" (tdz) den Faden auf und kommt wie Michael Buback zu dem Schluss, dass es durchaus möglich gewesen sei, dass Verena Becker damals auf dem Motorrad-Sozius saß und dass sie die tödlichen Schüsse auf Siegfried Buback und seine beiden Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster abgegeben haben könnte.

In beiden Büchern wird die Frage aufgeworfen, ob Verena Becker - die derzeit in Stuttgart wegen der Beteiligung an dem Buback-Mord angeklagt ist - schon vor dem Attentat mit dem Verfassungschutz zusammengearbeitet hat. Zwar ist es unstrittig, dass es ab 1981 Verbindungen zwischen Becker und den Verfassungsschützern gab, Buback wie Kraushaar fragen jedoch nach einer "schützenden Hand", die bereits zur Tatzeit und auch darüber hinaus, über der damaligen Terroristin Becker gelegen haben könnte.

Mitte Februar präsentierte das HIS einen interessanten Zeugen, nämlich den damaligen Chefreporter der Bild-Zeitung, Nils von der Heyde. Dieser war - nach eigenen Angaben - ein enger Freund des damaligen Abteilungsleiters und späteren Präsidenten des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, Christian Lochte.

In einem Telefonat mit LfV-Mann Lochte am Tag nach dem Attentat auf Buback hätte Lochte dem Bild-Reporter mitgeteilt, es sei "die Sola" gewesen, berichtet von der Heyde in seinem Erinnerungsprotokoll. "Sola" war Verena Beckers Tarnname aus ihrer Zeit bei der Bewegung 2. Juni zu Beginn der 1970er-Jahre. Wenn es tatsächlich stimmt, was der Bildzeitungsmann von der Heyde bezeugt, wirft das ein neues Licht auf den Prozess gegen Verena Becker.

In den ersten Nachrichten der Tagesschau am Abend des Tattages war von drei Tätern, darunter eventuell auch eine Frau, die Rede. Bereits einen Tag später aber war davon nichts mehr zu hören oder zu lesen. Was - oder wer war also dafür verantwortlich? In der Faz wurde dieser Umstand nach dem Erscheinen des Buches von Michael Bubacks Buch im Jahre 2009 so beschrieben: "Schon einen Tag nach dem Attentat begann eine Operation, die man, frei nach Hitchcock, „Eine Dame verschwindet" nennen kann. Und das geschah nicht irgendwo im Dunkeln, sondern in der Tagesschau: Werden noch am 7. April 1977 mehrere Männer und eine Frau gesucht, so präsentiert bereits am 8. April der damalige leitende BKA-Ermittler Gerhard Boeden ein Set von drei neuen Verdächtigen: Christian Klar, Günter Sonnenberg und Knut Folkerts. Die Erkenntnisse, die über Nacht zu dieser Wandlung des gesuchten Personals geführt haben, sind bis heute unbekannt."

Nils von der Heyde erinnert sich an ein Telefonat mit Christian Lochte am 9.April 1977 in dem er Lochte damals gefragt hätte: "Stichwort Buback, wer war es?" Und die Antwort Lochtes: "Die Sola." Von der Heyde ist verwundert und fragt: "Aber seit gestern werden doch Folkerts, Klar und Sonnenberg gesucht?" Die Antwort Christian Lochtes: "Weiß ich doch. Entweder läuft da eine Intrige oder der Boeden hat es vermarmelt. Wie ich schon sagte, geballert hat die Sola." Gerhard Boeden leitete seinerzeit die Abteilung Terrorismus im BKA.

Lochte sei "erschüttert" gewesen, sagt von der Heyde. Sein Freund hätte auf Nachfrage bestätigt, das "Sola" für das Bundesamt für Verfassungsschutzes (BfV) gearbeitet hätte. Und auf die Frage, "Wie lange schon", hätte Lochte geantwortet: "Mindestens seit einem Jahr."

Gab es also doch die "schützende Hand" über Verena Becker, wie sowohl Michael Buback als auch Wolfgang Kraushaar vermuten? Nachdem Verena Becker - Anfang Mai 77 zusammen mit Günter Sonnenberg - in Singen festgenommen wurde, so von der Heyde in seinem Erinnerungsprotokoll weiter: "mit der Tatwaffe und dem Schraubendreher des Motorrades im Gepäck, dachte Christian, daß Frau Becker nun endlich des Mordes an Buback angeklagt werden würde. Als dies nicht geschah, Becker vielmehr von den Ermittlern zur Seite geschoben wurde, meinte Lochte zu mir - auf die Informantentätigkeit Beckers für das BfV -anspielend: "Das läuft nach dem Motto: Was nicht sein darf, auch nicht sein kann."

Christian Lochte aber sei über die Entwicklung "verärgert und deprimiert zugleich" gewesen. Er erlag im September 1991 in Südfrankreich "völlig überraschend einem Herzinfarkt" sagt von der Heyde noch und: "Hans Josef Horchem, der Amtsvorgänger von Lochte, hätte die Aussagen Lochtes bestätigt. Von der Heyde - so geht es aus dem Erinnerungsprotokoll hervor, war 1977 bereits 8 Jahre mit dem Verfassungsschützer Lochte befreundet und man hätte damals über alles, was unter vier Augen besprochen wurde, Stillschweigen vereinbart. Allerdings, auch Hans Josef Horchem ist 2004 verstorben. Es bleiben also lediglich die Aussagen von Nils von der Heyde und eine Menge - ziemlich schlüssige und nachvollziehbare - Nachforschungsergebnisse, die akribisch genau in den beiden Büchern von Michael Buback und Wolfgang Kraushaar beschrieben sind und die tatsächlich nahelegen, dass nicht alles, was damals im Hinblick auf die Aufklärung des Attentats durch die Justiz unternommen wurde, mit rechten Dingen zugegangen sei.

Manche Mutmaßungen in den beiden Büchern von Michael Buback und Wolfgang Kraushaar bekommen durch die Aussagen von Nils von der Heyde eine neue Aktualität, doch es ist auch fraglich, ob diese Erkenntnisse auch den Weg in die Öffentlichkeit finden. Das Interesse ist nicht sonderlich groß, in der Fuldaer Zeitung beklagt Michael Buback in einem Interview: "Mich erschreckt (...)das verbreitete Desinteresse am Becker-Prozess. Es sitzen oft nur sechs oder sieben Zuhörer, einschließlich der Pressevertreter, im Verhandlungssaal. Dabei würde ich erwarten, dass die überregionalen Zeitungen präsent sind. Die Medienvertreter sollten bedenken, dass dieser Prozess womöglich die letzte Chance bietet, das Karlsruher Attentat aufzuklären."

Das Gericht aber scheint diese Auffassung nicht zu teilen, denn obwohl Nils von der Heyde sich sich darum bemüht hätte, bei dem Prozess gegen Becker vor dem OLG Stuttgart als Zeuge gehört zu werden, hätte kein Interesse bestanden, schreibt die Journalistin Anne Grillet: "die Behörden mauerten, so sah er keine andere Möglichkeit als sich direkt an die Öffentlichkeit zu wenden."

Für viele, wenn nicht sogar die meisten BürgerInnen, mögen derartige "Enthüllungen" überflüssig, lästig und unnnötig sein, angesichts anderer - durchaus fragwürdiger - Praktiken im Zusammenhang mit Verfassungsschutzorganisationen wäre es aber vielleicht doch angeraten, etwas aufmerksamer zu beobachten, was in unserem Land - dem Staate Deutschland - so alles vorgeht.

Michael Buback kommentiert den Prozess in seinem Blog auf 3sat. 

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