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Unerhörte Verstrickungen


Bürger nur mit Schulabschluss?

Von Philip Kovce

In seinem aktuellen Buch Unerhörte Freiheit greift der Soziologe Wolfgang Engler zwei Themen auf, die momentan brisant diskutiert werden: Die Zukunft der Bildung und die Zukunft der Arbeit. Während die Schieflage des deutschen Bildungssystems sich in Resultaten wie denen der Pisa-Studie spiegelt, offenbaren sich Mängel und Unzulänglichkeiten des deutschen Sozialstaats vor allem in seiner Inkompatibilität mit der sich wandelnden Arbeitswelt.

Für beide Probleme meint Engler, Dozent an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, eine Lösung gefunden zu haben, die er auch schon in seinem Buch Bürger, ohne Arbeit andeutet. Der deutsche „Schnüffelsozialstaat", der in seiner kruden Funktionslogik noch immer auf Vollbeschäftigung gepolt ist, könne mit einem Grundeinkommen grundrenoviert werden, welches zugleich mit einer Bezugsbedingung versehen wird: einem Bildungsabschluss. Fast scheint es, als würde Engler mit seiner Bildungs- und Gerechtigkeitsoffensive zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Doch gerade diese Hybridlösung verfehlt ihr Ziel. Denn so richtig es ist, über Grundeinkommen und Bildungsperspektiven zu diskutieren, so falsch ist die Verschmelzung dieser beiden Baustellen zu einer. Nicht nur scheint die Idee der Koppelung des Grundeinkommens an einen Bildungsabschluss „reichlich unausgegoren", wie Lutz Lichtenberger in seiner Rezension in der Süddeutschen Zeitung am 2. Februar 2008 vermerkt, sie scheint auch ein Konstrukt zu sein, bei dem sich Bildungsideal und Grundeinkommen gegenseitig den Giftbecher reichen.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist bei Engler weder bedingungslos noch ein auf die Menschenwürde gegründeter Rechtsanspruch, sondern eine Erfolgsprämie; eine Rückvergütung für Investitionen ins Humankapital. Das Schulwesen wäre hierbei zugleich der Erlangung der Bezugsberechtigung als oberstem Ziel unterworfen. Abgesehen davon, dass Lehrer unter solchen Prämissen zu Richtern werden, die mit ihrem Urteil über Wohl und Wehe der sozialen Zukunft entscheiden, wird Bildung auch die letzte Sinnstiftung ausgetrieben. Darwins „Survival of the fittest" wird zum Schulklassenkampf bei dem gilt: Die Klugheit gewinnt, die Dummheit verliert.

Englers Verdienst ist es, sich über die Zukunft des sozialen Miteinanders Gedanken zu machen. Mit seinem Tandem aus Grundeinkommen und Bildung fährt er jedoch nicht auf der Überholspur, sondern in eine Sackgasse. Statt unerhörter Freiheit stiftet er unerhörte Verstrickungen.


Wolfgang Engler: Unerhörte Freiheit. Arbeit und Bildung in Zukunft. Aufbau-Verlag, Berlin 2007, 175 Seiten, 16,95 EUR.

Wolfgang Engler: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft. Aufbau-Verlag, Berlin 2005, 416 Seiten, 19,90 EUR.

 

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