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Auf Rudolf Steiners Spuren? Ein offener Brief an Frau Schmoll von der FAZ zu ihrem Artikel in der faz.net vom 23.5.2007
Liebe Frau Schmoll,
nein, ausnahmsweise lasse ich mir mal Zeit. Ich will mich nicht gleich wieder aufregen und vor allen Dingen will ich nicht schmollen. Nun gut, ich beschließe eine Nacht darüber zu schlafen und morgen früh...
Aber plötzlich kommt mir der Gedanke, warum soll ich eigentlich überhaupt...? Warum soll ich etwas auf Ihren Artikel in der FAZ antworten? Ein Artikel, der wieder einmal die pädagogische Qualität von Waldorfschulen in Zweifel zieht und mit alten und uralten Argumenten gegen eine Schule zu Felde zieht, deren Akzeptanz, auch wenn es nicht in das Weltbild mancher Zeitgenossen passt, ungebrochen scheint. Ein Artikel, der mich als Vater von Waldorfschülern quasi als Volltrottel ausweist, weil er einem pädagogischen Konzept den Vorzug gibt, in dem es Lehrer gibt, "die noch nie eine Hochschule von innen gesehen haben".
Nun gut, mit diesen Vorwürfen kann ich gut leben, denn auch Zeitungsartikel vermitteln manchmal - wie Schulaufsätze - den Eindruck, dass das eigentliche Thema verfehlt ist. Haben Sie die Studie von Randoll und Barz über die Absolventen von Waldorfschulen gelesen? Wenn ja, könnten Sie sich doch einmal mit den tatsächlichen, an Waldorfschulen auch manchmal kontroversen Fragestellungen beschäftigen. Nämlich, dass es nach Schüler- und Elternaussagen beim Fremdsprachenunterricht häufig Probleme gibt, dass durchaus hin und wieder die naturwissenschaftlichen Fächer etwas kurz kommen und noch so einiges mehr.
Aber vermutlich haben Sie die Studie nicht gelesen. Stattdessen beschränken sie sich auf die Wiederholungen längst bekannter Punkte, von denen Sie wissen, das niemand da so genau nachfragen wird, weil sie inzwischen wirklich kaum noch jemanden interessieren. Da wird der Herr Uehli noch einmal aus der Mottenkiste geholt, drei Seminaristen werden bemüht, und eine nicht näher benannte Öffentlichkeit, womit Sie vermutlich die Herren von Report oder Frontal21 meinen, die mit diesem Thema im Namen der öffentlich-rechtlichen Aufklärung hin und wieder ihre kostbaren Sendeplätze füllen. Na, wenn da nicht auch noch einer dabei ist..... geht Ihnen ein Licht auf?
Nein, Frau Schmoll, ich schmolle nicht. Sie wissen es einfach nicht besser, das halte ich Ihnen mal zugute. Ich komme also nicht umhin, nach Ihren Quellen zu forschen. Eine Angabe dieser Quellen wäre natürlich hilfreich gewesen, denn immerhin berichten Sie von einer von der DFG geförderten Studie, also muss es die doch irgendwo geben. Vielleicht erfahren wir ja die Ergebnisse erst in einigen Tagen, sozusagen als das Salz in der Suppe, in die schon soviele Köche ihre Löffel hineingesteckt haben, dass sie ohnehin schon etwas verdorben erscheint. Gibt es nicht eine gewisse journalistische Sorgfaltspflicht? Es interessiert mich zwar nicht, wo Sie ihr Handwerk gelernt haben, sondern mich interessiert, ob ihr Artikel Hand und Fuß hat, aber es gibt doch auch gewisse Standards. Und da taucht beim Lesen Ihres Artikels eine Frage auf, der ich einmal nachgegangen bin: Sie schreiben von drei angehenden Lehrern am Seminar in Berlin, die "freiwillig" das Seminar verlassen hätten. Auf Nachfrage dort wurde mir geantwortet, dass es sich wohl dabei bei zwei der genannten nicht um angehende, sondern um tatsächliche Waldorflehrer handelt, die allerdings ihren Beruf nicht ausüben, sondern offensichtlich ihren Lebensunterhalt mit waldorfkritischen Aktivitäten verdienen. Nur einer Absolventin wurde nahegelegt, das Seminar abzubrechen. Ihre Aussage ist also so nicht ganz zutreffend, nein anders, sie ist sogar falsch und man fragt sich, was wird damit beabsichtigt? Für eine Journalistin, die 2005 den Deutschen Sprachpreis für "Ihre vorzüglich recherchierten, charakterfesten und kritischen Berichte und Kommentare" erhalten hat, ein nicht ganz sauberes Gebaren.
Zu Recht übrigens, wie ich finde, bemerken Sie in einem Artikel vom August des vergangenen Jahres, in dem Sie mit der Förderpraxis an deutschen Hochschulen (Stichwort Exzellenz-Inititative) ins Gericht gehen: "Sollte es wirklich so sein, daß Geschichte, Religion, Sprache und Kultur keine besondere Förderung mehr verdienen? Während das Ausland - vor allem das transatlantische - nach wie vor zu den geisteswissenschaftlichen Errungenschaften Deutschlands aufblickt, dürfen die Vertreter dieser Zunft hierzulande künftig zu den Lebens-, Natur- und Technikwissenschaften aufblicken. Denn diese Fächer entsprechen den modernen Fetischen "Relevanz" und "Verwertbarkeit" unter wirtschaftlichen Kriterien." Und weiter : "...in den 25 Ländern der Europäischen Union werden von tausend Volluniversitäten nur dreihundert bleiben, die übrigen werden mittelmäßige Ausbildungsanstalten von regionaler Bedeutung - ein Horrorszenario."
Liebe Frau Schmoll, sie möchten also, dass die Lehrer meiner Kinder "Absolventen mittelmäßiger Ausbildungsanstalten von regionaler Bedeutung" sind? Dann doch lieber ein anständiges Waldorflehrerseminar. Zum Beispiel ist die Frage der staatlichen Anerkennung bereits seit 1992 gelöst. Die grundständige Ausbildung zum Klassenlehrer an Waldorfschulen ist neben dem ersten Staatsexamen mit Waldorfzusatzausbildung als Voraussetzung für eine Unterrichtsgenehmigung für Klassenlehrer anerkannt. Die Lehrer werden befristet auf zwei Jahre eingestellt und nach einer Hospitation durch die Schulaufsicht, wird eine unbefristete Anerkennung ausgesprochen. Es ist seit einigen Jahren in der gesamten Waldorfschulszene eine deutliche Hinwendung zu einer inhaltlich qualitätsorientierten und überprüfbaren Praxis festzustellen. Das scheint Ihnen völlig entgangen zu sein.
Insgesamt empfinde ich Ihren Artikel als eine etwas unscharfe und nicht ganz redliche Darstellung, die so gar nicht zu Ihrer Reputation zu passen scheint. Es bleibt für mich, ungeachtet meiner Polemik, die sie mir verzeihen mögen, dass sich viele Probleme sozusagen über Nacht erledigen. Ihr Artikel, mit Verlaub, Frau Schmoll, gehört dazu. Trotzdem, herzlichen Dank für die Anregung. Wir werden sicherlich noch von Ihnen hören und sehen. Ich bleibe auch dran.
Mit freundlichem Gruß
Michael Mentzel
zum FAZ Artikel Infos zur Studie Lehrer-Schüler-Beziehungen an Waldorfschulen Die Studie Absolventen von Waldorfschulen
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