Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 

zur Nachrichten-Übersicht


Wo ist der Mensch ein Mensch?

14.06.2010

Gedanken zum Thema Grundeinkommen
von Michael Mentzel

Dieser Text wurde im Sommer 2006 verfasst und hat, wie ich finde, in Zeiten wie diesen eine gewisse Aktualität. Deshalb veröffentliche ich ihn noch einmal an dieser Stelle. Auch wenn die großen "Volksparteien", die ja längst schon keine mehr sind, noch immer von der so genannten Vollbeschäftigung ausgehen, hat die Grundeinkommensbewegung in den letzten Jahren eine immer größere Dynamik erreicht und es gibt wohl inzwischen kaum jemanden, der diesen Begriff nicht zumindest schon einmal gehört hat. Immer stärker wird der Ruf nach Alternativen.

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist eine der grandiosesten Ideen der letzten Jahrzehnte und ist für fast jeden auf Anhieb verstehbar und plausibel. Ein Einkommen zu haben, ohne dafür arbeiten zu müssen, ein faszinierender Gedanke. Die landläufige Meinung, dass nicht essen soll, wer nicht arbeitet, ist aber so fest in den Köpfen der Menschen verankert, dass in vielen Fällen die zweite Frage, nämlich wer das bezahlen soll, sofort hinterherkommt. Und dann beginnen die Erklärungen über die Anwendbarkeit der steuerlichen Maßnahmen, über die Vorteile der Vereinfachung des gesamten Steuersystems und so weiter und so weiter. So weit, so gut. Manchmal aber taucht aber auch in Gesprächen der Gedanke auf, ob die Frage nach der Finanzierbarkeit und der Entlastung der öffentlichen Kassen alles ist. Würde es sich nicht auch lohnen, den in dieser Veränderung wohnenden Gedanken einer Trennung von Arbeit und Einkommen einmal unabhängig von sich selbst und dem eigenen Geldbeutel zu denken? Ist es möglich, spielerisch etwas entstehen zu lassen, was über die alltägliche Sichtweise hinausreicht, vielleicht sogar zu einer künstlerischen Vision?

Geht es denn nur um das Geld, um das "Fressen", wie es bei Brecht heißt? Oder geht es um die Anerkennung der Tatsache, das ein menschenwürdiges Dasein ein Grundrecht eines jeden Menschen ist? Wo ist der Mensch ein Mensch? Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen ist in der Lage, soziale Zusammenhänge zu durchschauen, und sie auch aktiv zu gestalten. Dass er dieses in vielen Fällen nicht tut, hängt auch und besonders mit der Fixierung auf das Einkommen zusammen, die eine wirklich freie Beschäftigung mit dem Thema nicht ermöglicht. Es besteht natürlich ein Unterschied, ob jemand auf Leistungen angewiesen ist, weil er arbeitslos ist oder ob jemand aus der Situation einer wirtschaftlich kommoden Lage argumentiert. Wo ist also die Richtung, in die der Schritt zu lenken wäre?

Für den links orientierten Gewerkschafter ist die Sache klar. Die Feindbilder sind relativ klar abgegrenzt und die Lösung ist eine Umverteilung, und zwar von Oben nach Unten. Damit scheint auf den ersten Blick die Gleichheit hergestellt. Diesen Gedanken zu Ende gedacht, fahren irgendwann alle entweder Mercedes oder Trabbi. Dass diese Lösung keine ist, ist nicht erst nach dem Zusammenbruch der realen sozialistischen Systeme bekannt, zu sehen war es vorher schon. Denn der freie und individuell handelnde Mensch kommt in einem solchen Modell nicht vor. Deshalb ist offensichtlich das Grundeinkommen auch für "aufrechte" Sozialdemokraten keine Lösung, ja noch nicht mal ein Denkmodell. Denn das Grundeinkommen basiert zwar auf einem Gleichheitsprinzip, aber einem freien und brüderlichen Gleichheitsprinzip. Frei muss es schon deshalb sein, weil es die Menschen nicht zur Arbeit zwingt. Freiheit von wirtschaftlichen Zwängen setzt ungeahnte Ressourcen frei. Wer glaubt, sich plötzlich einer Welt von Müßiggängern gegenüber zu sehen, sollte sich doch mal damit befassen, was er selbst in einer solchen Lage tun würde. Er selbst würde "natürlich" ganz anders handeln. Je mehr es uns aber gelingt, auch dem anderen eine lautere Absicht und nicht den eigenen "Schweinehund" unter zu schieben, desto eher gelingt uns ein anderes Denken über das tatsächliche Potenzial, das in einem Grundeinkommen vorhanden ist.

Dem Arbeitgeber, der sich plötzlich einem freien Menschen gegenübersieht, geht an dieser Stelle vielleicht auf, dass er einen Mitarbeiter und keinen Angestellten in seinem Betrieb hat. Hier wird deutlich, dass ein Grundeinkommen ein verändertes soziales Bewusstsein sowohl auf der Arbeitnehmer- wie auch auf der Arbeitgeberseite zur Erscheinung bringen kann. Vielleicht auch bis zu dem Gedanken, dass die Begriffe Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Sache nicht mehr richtig beschreiben. Es geht auch nicht mehr um Kostenfaktoren, sondern um Menschen. Die Folge ist eine Produktivität, die von brüderlichen Gesichtspunkten geleitet sein kann. Die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben wäre keine Utopie mehr, sondern Realität. Die Gleichheit, die im Zustandekommen eines Arbeitsvertrages und damit in der Absprache über das Rechtsverhältnis der jeweiligen Partner intendiert ist, könnte ebenfalls auf einmal Realität werden, und damit würde die Anerkennung einer Leistung nicht mehr durch die Vergütung im Mittelpunkt stehen, sondern durch die Leistung an sich. Was so etwas im Denken über z. B. Hausfrauenarbeit bedeuten würde, mag jedem klar sein. Alleinerziehende Mütter oder Väter könnten, ihren Fähigkeiten entsprechend, ohne den Zwang arbeiten zu müssen, sich in sozialen Zusammenhängen engagieren und so mehr für das Allgemeinwohl leisten als sie es jemals durch eine vom Staat irgendwann verordnete "Zwangsarbeit" tun würden.

Es gäbe keine Arbeitslosen und keine Sozialhilfe-Empfänger mehr. HartzIV wäre vielleicht eine Biersorte, aber kein Mittel mehr, Menschen in unwürdige Beschäftigungsverhältnisse zu zwingen und zu Bittstellern vor frustrierten Beamten zu degradieren. Schlaraffenland? Mitnichten, denn die Notwendigkeit von Arbeit, von Wertschöpfung bliebe bestehen. Der Mensch muss leben, essen, sich kleiden usw. Und niemand, der sich ernsthaft mit dem Thema Grundeinkommen befasst, wird plötzlich zum asketischen Sauertopf, der sich keine Unterhaltung oder keinen Spaß mehr gönnt. Aber ein verändertes Denken schafft vielleicht ein anderes Bewusstsein von Kunst, Kultur oder Unterhaltung, als es bisher möglich war. Bildung wäre bezahlbar und könnte von Menschen vermittelt werden, die ebenfalls nicht unter einem finanziellen Druck stünden. Auch hier vermag ein freies Denken etwas in Gang zu setzen.

Die Idee des Grundeinkommens ist in der Welt. Sie sollte von allen Menschen gedacht werden können. Aber sie muss einhergehen mit dem Bewusstsein, dass der Mensch in allen Teilen der Welt ein Mensch ist und, zumal in der globalisierten Welt, zum Nachbarn wird. Sie setzt voraus, dass der Mensch ein Bewusstsein von Heimat haben kann, ohne einem Nationalismus anzuhängen, der sich per se als etwas Besseres begreift. Sie setzt einen Dialog mit anderen Kulturen voraus, der nicht von Angst und Konkurrenz geprägt ist, sondern in Freiheit geführt werden kann. Diese Idee setzt ebenfalls voraus, das ein Dialog mit anderen Denkrichtungen möglich sein muss, der nicht durch die Pflege der persönlichen Vorurteile und die Sicht durch die eigene Brille getrübt ist.

Vielleicht ist es bis zum Grundeinkommen noch ein langer Weg, aber es ist eine Vision, die Aussicht auf Verwirklichung hat. Mancher mag meinen, es muss uns erst noch schlechter gehen, bevor die Menschen klug werden. Die so etwas sagen, tun dies zumeist auf einem relativ hohen intellektuellen und wirtschaftlichen Niveau und kokettieren eher mit diesen Gedanken, als dass sie sie ernsthaft in Erwägung ziehen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommens böte die Möglichkeit, der Idee der Freiheit eine Chance zu geben. Sich nicht von Idolen leiten zu lassen, sondern von Bildern, die in der eigenen Seele ihre Entstehung haben. Bilder, deren Grundlage Vertrauen in die Welt ist. Künstlerische Bilder, die auch scheinbar NebensächIichem einen Raum geben können und es damit in das Bewusstsein hebt. In einem solchen Klima wird es mit Sicherheit gelingen, dass Kinder anders und freier aufwachsen können. Denn wenn Neues in die Welt kommen will, wird es von den Nachwachsenden gedacht werden müssen. Für uns "Alte" ist dieser Zug vielleicht schon abgefahren. Aber wenn wir diesen Zug mit unseren Gedanken, unseren Ideen und Taten begleiten, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aus den Schienen springen, sondern er wird sein Ziel erreichen.

 

Reisen und Lernen mit Hand, Herz und Kopf

tdz jetzt bei twitter

reklame

werbung_tdz
steiner2011