Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 

zur Nachrichten-Übersicht


Theater - Bandscheibenvorfall

05.05.2011


Groteskes "Maskenspiel" mit ironischen Verrenkungen. Premiere der Kammerspiele Paderborn.
von Michael Mentzel

Die große Bühne in der Messehalle am Schützenplatz lässt eine bewegte Handlung erwarten. Vier Stühle, aufgereiht wie im Wartezimmer, im Hintergrund die Toilette, Spiegel Waschbecken. Drei Stufen zum Chefbüro, eine Tür, die ins Dunkel führt, das Allerheiligste. Alles so schön hell hier. Die Schatten allerdings werden im Verlauf der nächsten 80 Minuten in der Phantasie der Zuschauer mehr als überdeutlich. Das Schöne dabei, dieses sei schon zu Beginn verraten: Es darf sogar gelacht werden.

Bandscheibenvorfall von Ingrid Lausund ist gleichwohl ein bitterböses Stück über die Realität in der heutigen Arbeitswelt, in der es darum geht, zu funktionieren und immer ein bisschen anders zu scheinen, als man in Wirklichkeit ist. Ein Maskenball der besonderen Sorte, bleibende Haltungsschäden nicht ausgeschlossen. Was die fünf Protagonisten dieses Bandscheibenvorfalls - sehr authentisch - verkörpern, wenn sie nacheinander die Bühne betreten, wirkt irgendwie vertraut, kennt man das nicht? Mehr noch, oft genug sind wir selbst es, die uns aus diesem Spiegel Bühne entgegenlächeln. "stehst du manchmal vor dem Spiegel und probst, Gesten zum Beispiel oder Blicke, Bewegungen, die gut aussehen?" wird Frau Kristensen (Anna Schönberg) vom Weglacher Kretsky (Johannes Mölders) gefragt, dessen Überlebensstrategie darin besteht, sich durch das Leben zu kaspern: "Man darf nicht alles so ernst nehmen...".

Frau Schmitt, die von Ulrike Fischer gespielt wird, ist der Typ Karrierefrau, deren Leben nur aus Arbeit zu bestehen scheint, und das männliche Gegenstück, Herr Hufschmidt (Thomas Pasieka), der Ohrfeigen austeilt und den ausgerechnet bei einem Meeting - nach einem Blick auf den Grund seiner Teetasse - pötzlich ungeahnte Glücksgefühle überkommen.

Aber da ist auch Herr Kruse, der sich alles gefallen lässt, ein - im wahrsten Sinne des Wortes - armer Schlucker. (Johannes Hoffmann) Wer das Chefbüro so verlässt wie Herr Kruse nach dem "Gespräch" mit dem zwar unsichtbaren, aber doch stets gegenwärtigen Vorgesetzten, dem machen die Demütigungen der Kollegen auch nicht mehr viel aus. "Ich bin der Kleine, der Spießer, der mit dem Bausparvertrag." Sein Passwort hat er längst vergessen: "Passwort kennt keiner, weiß ich selbst nicht mehr. Das ist am besten. Access denied, das ist am sichersten." Seine Devise, nichts preisgeben von sich.

Hinter der Tür zum Allmächtigen lauert das dunkle Grauen, eine rote Lampe und ein nervender Alarmton fordert zum Eintritt auf. Wer hier heil herauskommt, ist entweder ganz klein oder bildet sich ein, wieder eine Sprosse der Karriereleiter erklommen zu haben, einen Moment sicher zu sein vor der Meute der Hunde, die ihm schon auf den Fersen ist. "Ja doch", sagt Frau Kristensen, mit einem Messer im Rücken: "War doch ganz gut, das Gespräch". Oder so ähnlich.

Da bleibt es nicht aus, dass auch irgendwann das Fass überläuft. Jetzt wird Tabula Rasa gemacht. Kretsky und Kruse im Dialog: "So, das war´s. Und jetzt ist Schluss." "So gehts gar nicht." "Nicht mit mir." (...) "Wir sind schon weg." "Aber ganz weit weg."

Nun, man wird sehen...

Auf die - manchmal üblichen - Klischees, Klatsch und Tratsch, Verschwester- und Verbrüderungen aus dem "ganz normalen" Büroalltag wird zugunsten eines stringenten Ablaufs verzichtet, die Charaktere und die hintergründigen, psychologisch aufgeladenen Rucksäckchen, die jeder mit sich herumschleppt, sind fein herausgearbeitet, alles passt zusammen wie die sprichwörtliche Faust auf´s Auge. Trotz aller grotesken und nicht immer nur ironischen Verrenkungen und Wendungen: Dieser Bandscheibenvorfall - so mein Eindruck - hinterlässt Spuren. Kretsky zum Schluss in seinem Monolog: "Das kann doch nicht sein, dass alles nur ein Treppenwitz ist, ich will wieder eine Wirbelsäule, und ich will was sein, was wieder grade geht."

Es lohnt sich, beim nächsten Besuch - vielleicht in einer Bank - einmal darauf zu achten. 

Das Bühnenbild gestaltete Bernhard Siegl, Regie führte Jakob Fedler. Die Darsteller überzeugen durch exzellentes Zusammenspiel und sorgen mit ihrer Präsenz sowie einer gehörigen Portion Spielfreude für einen sehr gelungenen Abend vor ausverkauftem Haus.

reklame

daruf. podcast