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 |  | Das Zimmermädchen Nong Prabong |
Ein Land vor dem Bürgerkrieg? von Hans Wallow
"Wir werden weiterkämpfen, niemals aufgeben", sagt die Landarbeiterin Tran Dürang aus Nonkai im Norden Thailands traurig, nachdem das thailändische Militär mit Panzern ihre meist unbewaffneten Landsleute aus dem Herzen Bangkok vertrieben hatte. Über zwei Monate lang hatte Tran gemeinsam mit Tausenden von Rothemden der "Einheitsfront für Demokratie und gegen Diktatur" (UDD), die Rajaprasong-Kreuzung im Zentrum der Stadt besetzt. Trotz der Todesopfer und Verletzten unter den Demonstranten hielt der Zustrom der Vergessenen und Verachteten aus dem Landesinneren an. Über die tiefgreifenden gesellschaftlichen Ursachen dieser sozialen Eruption erfahren die Deutschen mal wieder fast nichts. Die Korrespondenten der Massenmedien befinden sich zwar mitten im Geschehen, wissen aber offensichtlich wenig.
Das Land der Freien, wie die Thai es selbst nennen, erlebte in den letzten Jahren einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung, der aber nur einer weitestgehend korrupten Elite aus Politik, Wirtschaft und führenden Militärs zugute kam. Schon immer war die reiche Minderheit (meistens an europäischen oder US-amerikanischen Universitäten ausgebildet) blind gegenüber der bitteren Armut auf dem Land. Die schlechten Lebensverhältnisse der Menschen, vor allem in den nordöstlichen Regionen, unterscheiden sich kaum von denen in den Nachbarstaaten Burma, Laos oder Kambodscha. Aus purer Not verkaufen in diesen Gegenden die Eltern ihre Töchter an sogenannte Arbeitsvermittler, die tatsächlich als Mädchenhändler "Ware" für Bordelle und Massagesalons in die touristisch erschlossenen Regionen und für ganz Europa liefern. Mit regelmäßigen Überweisungen ernähren viele Mädchen ihre Familien. Ein Tabuthema, über das weder in Thailand noch in der westlichen Wertegemeinschaft diskutiert wird.
Aus der elitären Funktionselite stammt der ohne Wahlen, sondern mithilfe des Militärs und Königshauses an die Macht gekommene Premierminister Abhisit Vejjajiva. Sein Vorgänger Taksin wurde unter Korruptionsvorwürfen aus dem Amt gejagt. Ein Vorwurf, mit dem in ganz Asien Machtkämpfe bestritten werden. Der derzeitige Amtsinhaber ohne demokratische Legitimation versuchte, sich mit Hinhaltetaktik und Versprechungen im Amt zu halten. Zunächst hatte er nach langem Zögern mit Unterhändlern der Rothemden für den 14. November 2010 freie Wahlen vereinbart und sogar zugesagt, dass sich der für den Schießbefehl am 10. April 2010 verantwortliche Vize-Premierminister Suthep einer Untersuchungskommission des Justizministeriums stellen sollte. Diese Abmachungen wurden wieder von der Regierung zurückgezogen. Die Demonstranten und die Regierung machen sich dafür gegenseitig verantwortlich. In Wahrheit sind die zivilen Amtsinhaber Marionetten des Militärs. Es fielen wieder gezielte Schüsse; von einem Kampf konnte keine Rede sein. Die Demonstranten wehrten sich mit Steinschleudern und einfachen Wurfgeschossen. Sie trauen heute keiner Regierung mehr.
"Die Rothemden kämpften auch für uns", sagt Nong Prabong (Bild), die als Zimmermädchen im Bangkoker Hotel Kings Garden die Betten der Touristen macht und den Garten pflegt, bitter. Dank der miserablen Vergütung können Europäer und Amerikaner immer noch preiswerten Urlaub in Thailand machen. Die hohen Renditen heimsen die meist ausländischen Hotelketten ein. Von den 400 Euro, die Nong Prabong monatlich verdient, überweist sie jedes Mal 100 Euro an ihre Familie, welche an der Grenze zu Laos lebt. Durch ihre Unterstützung können die zwei kleinen Geschwister zur Schule gehen und der an Asthma leidende Vater medizinisch versorgt werden.
Wenn die thailändischen Eliten aus dem Aufstand wieder einmal nichts lernen, steht das Land am Scheideweg, vielleicht sogar vor einem Bürgerkrieg. Denn seit der Gründung der demokratisch legitimierten konstitutionellen Monarchie vor 78 Jahren hat Thailand viele blutige, vom Militär niedergeschlagene Studentenproteste und 18 Staatsstreiche ertragen müssen. Die Oberschicht will von ihrem Reichtum und der Macht nichts entbehren. Eine bürgerliche Mittelschicht, die hauptsächlich aus Händlern und kleinen Geschäftsleuten besteht, leistet ihr – was durchaus mit manchen südamerikanischen Ländern vergleichbar ist – nicht nur politische Unterstützung. Die bisher unumstrittene Autorität der Monarchie mit einem kranken König an der Spitze bröckelt. Auch die thailändischen Generäle können sich nicht mehr auf die meistens vom Land stammenden, jungen Offiziere verlassen. Faktum: Der zu den Rothemden übergelaufene, durch Kopfschüsse verletzte Generalmajor Khaittiya Sawasdipol hat auch nach seinem Tod noch viele Sympathisanten im Militär. In allen Diensträngen sind über ihre Familien auf dem Land mit den Rothemden vernetzt. Die politische Kaste hat seit langem jede Glaubwürdigkeit bei den hart arbeitenden Menschen verloren. "Thailand ist in Wahrheit keine Demokratie, sondern eine Bananendiktatur", urteilt Professor Dr. Lutz Götze, der bis vor kurzem an der Universität von Bangkok lehrte.
Aus alledem habe man keine Lehren gezogen, schrieb ein Kommentator der Bangkok Post, nachdem am 25. April 25 unbewaffnete Demonstranten getötet wurden. Sowohl die Anführer der Demonstranten als auch die Regierung unterschätzten offenbar die Eigendynamik und Vitalität der Proteste. Sollte das Militär weiter auf Gewalt setzen, wird ihnen die Kontrolle im ganzen Land vollständig entgleiten. "Es herrscht die Anarchie der Staatshoheit", wie der Völkerrechtler Wilhelm Wengler derartige Zustände beschreibt. Die Zahl der Todesopfer ist mittlerweile auf 62 angestiegen, die der Verletzten auf über 1000. Der gierigen Machtelite ist es wieder einmal gelungen, die Proteste mit Gewalt zu unterdrücken. Doch wie uns die Geschichte gelehrt hat, lässt sich die Forderung nach gleichen Rechten nicht mit Gewehrschüssen bekämpfen. Das verursacht im Land des Lächelns nur Tränen und Terror.
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