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Erklärung zur Sarrazin-Debatte

Mit einer im Netz wie auch in Printmedien veröffentlichten Erklärung zur Sarrazin-Debatte haben sich Mitglieder der AG IkSA (Arbeitsgruppe Interkulturelle Soziale Arbeit des „Fachbereichstag Soziale Arbeit (FBTS)“ Deutscher Fachhochschulen) zu Wort gemeldet, die das Thema „Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft" in Lehre, Forschung und Weiterbildung bearbeiten. Nachfolgend dokumentieren wir diese Erklärung mit freundlicher Genehmigung der Arbeitsgruppe.

Erklärung der AG IkSA zur „Sarrazin-Debatte“ im September 2010

Wir, die Unterzeichner sind empört und besorgt über die gegenwärtige in unverholenen Soziobiologismus und Rassismus abdriftende „Unterschichten“- und „Ausländer“- Debatte . Dabei scheint Sarrazin nur der prominente Lautsprecher einer populistischen Strömung zu sein, die mittlerweile auch weite Kreise der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ erreicht hat. Er und andere Repräsentanten der respektablen „bürgerlichen Mitte“ bedienen sich zunehmend einer Überfremdungsrethorik in Verbindung mit islamophoben Phantasien, die in dieser Offenheit bisher eher am rechten Rand des politischen Spektrums zu hören war. Dies ist auch ein europaweites besorgniserregendes Phänomen.

Wir, das sind Mitglieder eines seit 1994 bestehenden Netzwerkes von FachhochschulprofessorInnen und Lehrbeauftragten, die das Thema „Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft“ in Lehre, Forschung und Weiterbildung vertreten (migrationssensible, interkulturelle, rassismuskritische SozArb).
Seit Jahrzehnten arbeiten wir an Bestandsaufnahmen, Konzepten und Strategien zur Verbesserung der Lebenschancen von ZuwandererInnen in benachteiligten Lebenslagen wie zum friedlichen Zusammenleben im Stadtteil und begleiten entsprechende innovative Praxis wissenschaftlich. In erfolgreichen Modellprojekten erleben wir vor Ort, wie durch geeignete niedrigschwellige Ansätze, durch die interkulturelle Öffnung der Institutionen und durch Langfristigkeit der Maßnahmen Integrationsprozesse gestützt werden können. Maßgeblich für den Erfolg der Arbeit sind neben den notwendigen strukturellen Veränderungen ein respektvoller Umgang der Professionellen mit Differenz sowie die Anerkennung der Leistung und der Potenziale der Zuwanderer. Assimilationszwänge und einseitige Fixierung auf vermeintliche oder tatsächliche Defizite erweisen sich als äußerst kontraproduktiv in der Kooperation mit MigranInnen. Wir erleben immer wieder, wie eingeleitete Inklusionsprozesse durch populistische fremdenfeindliche Diskurse, die ein verächtliches, defizitäres Bild von den MigrantInnen konstruieren, ausgebremst werden. Diejenigen, die ständig den Mangel an Integrationsbereitschaft und -fähigkeit der Migranten beklagen sind deren größte Saboteure.

Thilo Sarrazin wiederholt in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ und in  den Interviews zur Buchveröffentlichung seine Polemik gegen die angeblich minderbemittelten, faulen und parasitären Harz IV Empfänger, die sich zunehmend aus der MigrantInnenbevölkerung rekrutierten. Schon in seinem ersten öffentlichwirksamen Auftritt (Interview im Lettre International 86/2009) führt er die Positionierung in unteren Schichten auf deren mangelhafte, herkunftsbedingte Intelligenz zurück und spielt die nutzbringenden jüdischen Kontingentflüchtlinge, mit einem angeblich überdurchschnittlichen IQ, gegen die türkischen aus, die es bestenfalls zum Dönerbudenbesitzer schafften und ansonsten viele „Kopftuchmädchen“ in die Welt setzten. Schon in diesem Interview zieht er daher implizit  die Schlussfolgerung der Notwendigkeit selektiver Zuwanderungspolitik nach ethnisierenden Kriterien. Das Gesellschaftsbild Sarrazins und seine Beurteilung der Migrantenbevölkerung stellen auch die Wirksamkeit von Integrationsmaßnahmen infrage, die viel kosteten aber wenig brächten, da die geistigen Voraussetzungen und die Integrationsbereitschaft vor allem bei Muslimen nicht gegeben seien. Unausgesprochen wird so ein Rückführungsprogramm „unnützlicher Integrationsverweigerer“ nahe gelegt, eine Politik die derzeit mit den Roma in Deutschland, Frankreich und Italien schon  praktiziert wird. Da diese Deportationspolitik bei den „angestammten“ Deutschen in prekären  Lebenslagen nicht betrieben werden kann, sollten die „Minderbemittelten“ wenigsten weniger Kinder in die Welt setzen bzw. sollten die „Leistungsträger“ durch Anreize zur Kinderproduktion angeregt werden. Unverkennbar wird hier die menschenverachtende an puren Nützlichkeitskalkülen orientierte eugenische Tradition wieder aufgegriffen.

In seinem jetzt erschienenen Buch vertieft Sarrazin seine Thesen und „Legt noch eins drauf“ . Er belegt seine Thesen angeborener Intelligenz durch – aus dem Zusammenhang gerissene –  Fehlinterpretationen neuerer  Forschungen (vgl. Zurückweisung seiner Schlussfolgerungen durch die Forscherin Elsbeth Stern, auf die er sich beruft, in der FAZ vom 2.9.10) und ergänzt in einem Interview (Welt am Sonntag 29.8.10) die ethnisierende Zuschreibung von Intelligenz durch die in der Genetik längst widerlegte Annahme des biologistischen Rassismus, es gäbe genetische isolierbare ethnische oder rassische Kollektive mit unterscheidbaren Eigenschaften (Sarazin: „Alle Juden haben ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“). So weisen Francis Collins und Craig Venter, die das menschliche Genom dekodiert und interethnische Vergleich angestellt haben, den genetischen Determinismus entschieden zurück (vgl. FR 13.2.01: „Alle Menschen sind Brüder und Schwestern!“).  Und es wird nicht besser, wenn die bekannte „Islamkritikerin“ und Börnepreisträgerin für „kritischen Journalismus“ Necla Kelek bei der Buchvorstellung sekundiert: Der gesunde Menschenverstand lege nahe, „dass die Völker Anatoliens und Ägyptens, die über Jahrhunderte von den Osmanen daran gehindert wurden, Lesen und Schreiben zu lernen, andere Talente vererbt bekommen als die Söhne von Johann Sebastian Bach“ (taz 31.8.10).

Ob nun biologistischer oder kultureller Determinismus, beide bleiben sich in der Wirkung gleich, sagen sie doch dasselbe aus: dass die Unterschiede absolut bzw. über lange Zeiträume vieler Generationen unveränderbar seien. In beiden Fällen handelt es sich um Rassismus – jedenfalls nach der Definition des weltweit anerkannten Rassismustheoretikers Albert Memmi (Albert Memmi: Rassismus, Frankfurt 1987, S. 164): „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden des Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“.

Bleiben wir bei der instrumentellen Funktion des so definierten Rassismus für die Besitzstandswahrung, so wird die zunehmende Resonanz intellektueller Brandstifter auch bei bürgerlichen Kreisen ein Stück erklärbar. In einer Zeit der zunehmenden Angst der Mittelschichten vor dem sozialen Absturz und der schleichenden Entsolidarisierung der Gesellschaft, in einer Zeit in dem „jedem das Hemd näher ist als der Rock“, fallen populistische Argumente des Rückbaus der sozialen Sicherung des unteren Drittels der Gesellschaft und einer Begünstigung der Mittelschichten durch die Steuer- und Sozialpolitik auf fruchtbaren Boden. Moralische Skrupel bei der Aufkündigung der Solidarität mit den von der Krise am meisten Betroffenen können verdrängt werden mittels deren Diffamierung als Nichtsnutze und Nichtskönner im Gegensatz zum Selbstbild als „Leistungsträger, die den Karren für alle ziehen müssen“ (Westerwelle). Wenn Teile der Intelligenz und der politischen Klasse mit verbalen Ausfällen gegen MigrantInnen voranschreiten und somit Fremdenfeindlichkeit salonfähig machen, wird auch bei vielen unterprivilegierten „deutschstämmigen“ Krisenopfern die Hemmschwelle, ihre Frustrationen an den zugewanderten Sündenböcken auszulassen, gesenkt.
Werden diese sozialdarwinistischen Visionen wahr, dann schafft sich Deutschland in der Tat ab, nämlich das Deutschland, das wir als halbwegs funktionierende Solidargemeinschaft schätzen gelernt haben und das Deutschland, das durch seine Zuwanderer bunter und reicher geworden ist.

UnterzeichnerInnen (Stand 6.10.10)

Prof. Dr. Beate Aschenbrenner-Wellmann EFH Ludwigsburg, Prof. em. Dr. Stefan Gaitanides FH Frankfurt/Main, Prof. Dr. Annita Kalpaka HS Rhein-Main, Prof. Dr. Markus Ottersbach FH Köln, Prof. Dr. Chirly Santos-Stubbe HS Mannheim, Prof. Dr. Steffi Weber-Unger-Rotino HTW Mitweida, Markus Breuer EH Freiburg, Prof. Dr. Gabi Franger, HS Coburg, Prof. Dr. Walid Hafezi, HS Rhein-Main, Prof. Dr. Rainer Leenen FH Prof. Dr. Jürgen Nowak, A. Salomon HS Berlin, Köln, Prof. Dr. Veronika Fischer FH Düsseldorf, Wolfgang Barth AWO Bund Abt. Migration u. IkÖ, Prof. Dr. Thomas Kunz FH Frankfurt/Main, Prof. Dr. Gerd Stüwe FH Frankfurt/Main, Prof. Dr. Walter Lotz FH Frankfurt/Main, Prof. em. Reiner Diederich FH Frankfurt, Prof. em. Herbert Swoboda FH Frankfurt, Luigi Masala Lb FH Frankfurt/Main, Isil Yönter Lb FH Frankfurt/Main, Luisa Pinci Lb FH Frankfurt/Main, Bernhard Wilmes FH Köln, Prof. Dr. Gert Strasser EFH Darmstadt, Prof. Dr. Süleyman Gögercin, Duale HS BW Villingen-Schwenningen, Dr. Maryam Moayedpour Lb FH Frankfurt, Prof. Dr. Gazi Caglar FH Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Prof. Dr. Brigitte Wießmeier EFH Berlin, Prof. Dr. Beate Steinhilber EFH Freiburg, Prof. Dr. Matthias Otten FH Köln, Prof. Dr. Hakkı Keskin Bundestagsabgeordneter a.D., Ehrenvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGT), Prof. Dr. Wolfram Stender FH Hannover, Prof. em. Dr. Michael Krummacher EFH Bochum, Prof. Dr. Wolf-Dieter Just EFH Bochum, Prof. Dr. Wolfgang Berg Hochschule Merseburg, Prof. Dr. Anette Kniephoff-Knebel  FH Koblenz, Prof. Dr. Günter J. Friesenhahn FH Koblenz, Dr. Carolin Butterwegge MdL NRW, Prof. Dr. Christoph Butterwegge Universität Köln, Prof. Dr. Iman Attia Alice-Salomon-HS Berlin, Prof. Manfred Baberg FH Emden/Leer, Xandra Wildung DJI Forschungsgruppe Migration, Integration und interethnisches Zusammenleben, Prof. em. Dr. Hans Walz HS Ravensburg-Weingarten, Prof. Dr. habil. Nausikaa Schirilla KHS Freiburg

Kontakt: Prof. em. Dr. Stefan Gaitanides gaita(at)fb4.fh-frankfurt.de
web: www.ag-iksa.de

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