Themen der Zeit
 Suche  | Links  | Kontakt  | Impressum 
 
 
 
 
 

 


 

zur Nachrichten-Übersicht


Das klare Meer der Stille

Ken Wilbers Bewusstseinsspiritualität
von Zoran Perowanowitsch

Die folgenden beiden Aufsätze erschienen zuerst in der Wochenschrift "das Goetheanum" Ausgaben 04/05-2010. Wir veröffentlichen sie hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.

Angesichts der Versuche, die Anthroposophie Rudolf Steiners in die Weltansichten Ken Wilbers zu integrieren, stellt sich die Frage, ob dadurch der eigentliche Kern der Anthroposophie besser aufleuchtet oder ob sie den in ihr liegenden Willensimpuls und ihre Aufgabe zu verlieren droht. Zoran Perowanowitsch versucht aus einer christlichen Spiritualität heraus eine Auseinandersetzung mit Wilbers Erfahrung und Verständnis des Bewusstseins.

I.

Ken Wilber selbst versteht sich als einen ‹spirituellen Denker› und seine Arbeit als Diskussionsbeitrag: «Aber ich möchte auch nicht vergessen hinzuzufügen: Manche Menschen reagieren vielleicht deshalb negativ auf eine integrale Sichtweise, weil sie falsch ist. Es könnte ja sein, dass diejenigen unter uns, die einer integralen Sichtweise anhängen, sich einfach irren, und dann ist es klar, dass verständige und vernünftige Menschen hierauf negativ reagieren. Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass sie sich bedroht fühlen, weil wir Recht haben und sie Unrecht – es könnte auch umgekehrt sein.»,[1] so formuliert es Ken Wilber selbst.

Die Schwierigkeit, mit der man sich sehr früh bei der Beschäftigung mit Wilbers Gedanken konfrontiert sieht, ist einerseits, dass seine vorliegende Arbeit bereits einen beträchtlichen Umfang hat, der nicht so schnell in seinen einzelnen Aussagen überblickt werden kann; andererseits spricht man in den Kreisen der ‹Wilber-Kenner› in Bezug auf seine frühen Arbeiten und die darin entwickelten Vorstellungen bereits als vom «überholten Wilber».

Weg und Erfahrung

Das 12. Kapitel in seinem Buch ‹Das Wahre, Schöne, Gute› führt Wilber mit folgenden Fragen ein: «Wo sollen wir den Geist ansiedeln? Was können wir wirklich als heilig anerkennen? Wo genau ist der Seinsgrund? Wo ist dieses höchste Göttliche?"[2] Auf den darauf folgenden Seiten versucht er in meditativer Sprache, diese Fragen in der Tradition der nichtdualen östlichen Weisheit zu beantworten. Zunächst zeigt er auf, dass wir durch die Möglichkeit, uns eines jeden Objektes (zum Beispiel unserer Gedanken, Körperempfindungen oder der vorbeiziehenden Wolken) bewusst werden zu können, wir diese nicht selbst sein können. Wir sind der unberührte «Zeuge» all dieser aufsteigenden und vergehenden Prozesse.

Im Weiteren stellt Wilber die Frage nach der Natur des «Zeugen» und antwortet: «Dieses schlichte Zeugen-Gewahrsein ist den Traditionen zufolge der Geist selbst, der erleuchtete Geist, die Buddha-Natur selbst, Gott selbst in seiner Gänze. Den Traditionen zufolge ist es also nicht sonderlich schwierig, Kontakt mit dem Geist, mit Gott oder dem erleuchteten Geist zu erlangen. Dies ist einfach das eigene Zeugen-Gewahrsein in genau diesem Augenblick.»[3]

Und da die Natur des Geistes die gegenwärtige Präsenz selbst ist (unser in jedem Augenblick seiendes Gewahr-Sein aller inneren und äußeren Vorgänge), kann der Geist nicht irgendwo gefunden werden. In der Realisierung dieses Bewusstseins verschwindet, so Wilber, die Empfindung eines getrennten Ich vollständig und «man ist nicht auf dieser Seite seines Anlitzes und schaut auf den Berg da draußen; man ist alles, was von Augenblick zu Augenblick entsteht, ganz einfach, ganz klar, einfach so.»[4]

Die höchste Wirklichkeit, die wir nicht sehen können, da wir sie ja unserer Natur nach selbst sind, beschreibt Wilber im Weiteren folgendermaßen: «Der Geist ist kein Objekt; er ist radikales allgegenwärtiges Subjekt und daher nichts, was vor uns wie ein Stein, ein Bild, ein Gedanke, ein Licht, eine Empfindung, eine Erkenntnis, eine leuchtende Wolke, eine intensive Schau oder eine Empfindung großer Seligkeit auftauchen würde. All dies ist recht und schön – aber es sind Objekte, und eben dies ist der Geist nicht. Wennman also im Zeugen ruht, sieht man nichts Besonderes. Der wahre Seher ist nichts, was man sehen kann, weshalb man einfach damit beginnt, seine Identifikation mit jeglichen Objekten aufzugeben. [...] Anblicke ziehen in der Natur vorbei,Gedanken ziehen im Geist vorbei, Gefühle ziehen im Körper vorbei, und ich bin nichts davon. Ich bin kein Objekt. Ich bin der reine Zeuge aller dieser Objekte. Ich bin Bewusstsein als solches.»[5]

Entsprechungen

Zusammenfassend können wir also feststellen, dass für Wilber das Bewusstsein selbst der göttliche allgegenwärtige Geist jenseits aller Polarität ist. Der innere Weg zu diesem Bewusstsein ist, so Wilber, der der Entwerdung, also der Loslösung des Ich aus der Identifikation mit den Objekten.

In den Predigten des christlichen Mystikers Meister Eckehart finden wir die folgende Stelle: «Du musst wissen, dass sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, dass er nicht gefunden hätte, er müsse sich nochmehr lassen. Der Menschen gibt es wenige, die das recht beachten und darin beständig sind. Es ist ein gleichwertiger Austausch und ein gerechter Handel: So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen, dafern du in allen Dingen dich des Deinen völlig entäußerst. Damit heb an, und lass dich alles kosten, was du aufzubringen vermagst. Da findest du wahren Frieden und nirgends sonst.»[6]

In diesen Worten folgt Meister Eckehart einem geistigen Schulungsweg, der dem der unterschiedlichen Traditionen, auf die sich Wilber bezieht, entspricht. Im Weiteren stellt Wilber fest, dass im eigentlichen Sinne ein Suchen weder nötig und noch möglich ist, denn das Bewusstsein sei nicht etwas von uns Getrenntes, da wir es selbst seien und immer waren.

Auch in dieser Anschauung besteht eine vollkommene Entsprechung zu Eckehart: «Denn, soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muss er seines geschaffenen Willens so ledig sein, wie er’s war, als er (noch) nicht war. Denn ichsage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, solange seid ihr nicht richtig arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts begehrt.»[7]

Wolke des Nichtwissens

Eine andere Schrift soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Es sind die Briefe eines christlichen Mystikers an seinen Schüler, die unter dem Titel ‹Die Wolke des Nichtwissens› bekannt wurden. Darin wird der Schüler aufgefordert, eine «Wolke des Vergessens » zwischen sich und alle Kreaturen auszubreiten: «Ich nehme kein einziges Geschöpf aus, sei es leiblicher oder geistiger Natur noch ein Wesensmerkmal oder ein Werk irgendeines Geschöpfes, seien sie nun gut oder böse; alle müssen nämlich kurzerhand durch die Wolke des Vergessens verdeckt sein, wenn du dies Werk vollbringst.»[8]

Auch hier wird wie bei Eckehart der Weg der Entwerdung gegangen, um sich dem Göttlichen zu nähern. Ist der Weg bis zu einem gewissen Grade gegangen worden, beginnt sich eine Verwandlung in der Seele des Menschen zu vollziehen, von dessen Eigenschaften und Zustand Eckehart in seiner zweiten Predigt sagt: «Der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war.»[9]

Hier wird ein vorgeburtlicher Seelenzustand jenseits des Gewordenen geschildert, was Ken Wilber mit folgenden Worten beschreibt: «Wenn ich in diesem schlichten, klaren, allgegenwärtigen Zeugen ruhe, ruhe ich im großen Ungeborenen, im wesenhaften Geist, in der ursprünglichen Leerheit, in unendlicher Freiheit.»[10]

So können wir in den hier zitierten christlichen Mystikern keinen Widerspruch zu den dargelegten Vorstellungen Wilbers feststellen, im Gegenteil: Die Entsprechungen sind, bis in einzelne Formulierungen hinein, auffallend.

Der Spiegel der Rosenkreuzer

Wenden wir uns jetzt der Weisheit der Rosenkreuzer zu, die einen bedeutenden geistigen Strom innerhalb des esoterischen Christentums darstellt und in der auch die Anthroposophie Rudolf Steiners wurzelt.

Auch dort finden wir Erfahrungen, die jenen Wilbers vergleichbar sind. Dabei kann uns ein Zitat des Taoisten Zhuangzi eine Brücke bilden, das Wilber wiedergibt, um von einem anderen Gesichtspunkt die Natur des Bewusstseins zu veranschaulichen: «Der Vollkommene benutzt den Geist als Spiegel. Dieser ergreift nicht und verwirft nicht, er nimmt auf, aber hält nicht fest.»[11]


Rosenkreuzertum und östliche Einweihungslehre (Abbildungen 1 bis 3)
Das Symbol des Spiegels finden wir in zahlreichen Abbildungen der Rosenkreuzer wieder. In der Abbildung 1 sehen wir zum Beispiel die Darstellung des Hermesstabes, bei dem zwischen den Flügeln ein Spiegel zu sehen ist. Zu diesem erhebt sich ein Doppeladler empor. In Abbildung 2 begegnet uns ein ähnliches Motiv, nur dass sich dieses Mal an der Spitze der Achse zwischen Sonne und Mond anstatt eines Spiegels ein Stern befindet.

Das von Wilber beschriebene Bewusstsein jenseits der polaren Anschauung ist ein Thema, mit dem sich die Rosenkreuzerweisheit in unterschiedlichen Darstellungen auseinandersetzt. Die unsere Welt und Anschauung bestimmende Polarität stellen die Rosenkreuzer durch Sonne und Mond, welche den männlichen und weiblichen Seeleneigenschaften entsprechen, dar. Wenn diese überwunden werden, realisieren wir intuitiv das Bewusst-Sein, unser kosmisches Selbst, was durch die Symbole eines Spiegels oder Sternes ausgedrückt wird.

Dazu, dass die Weisheit des Westens und des Ostens zu ähnlichen Erfahrungen gelangt, soll noch eine weitere Darstellung (siehe Abbildung 3) von Georg Gichtel, einem Schüler des christlichen Mystikers Jacob Böhme hinzugezogen werden. Im Osten spricht man von der ‹Tausendblättrigen Lotosblüte› am Scheitel des Hauptes, die den Übergang zu einem erleuchteten Bewusstsein jenseits der Raum-Zeit-Ebene bildet.

Die Rosenkreuzer sprechen von der intuitiven Realisierung des Selbst als ‹Bewusstsein jenseits des Saturns›. Dieser wird als siebter Planet in Entsprechung zur ‹Tausendblättrigen Lotosblume› wie das siebte Chakra am Scheitelzentrum des Hauptes dargestellt. So bildet der Saturn als der siebte Planet die Grenze unserer gewöhnlichen Raum-Zeit-Ebene.

Die Rosenkreuzer unterscheiden in ihrer Symbolik zwei Ebenen der Betrachtung. Die erste Ebene bezieht sich auf die ‹Natur› des Bewusstseins. In seiner eigenschaftslosen Leere bildet es in jungfräulicher Reinheit den gegenwärtigen Hintergrund und gibt dadurch wie ein Spiegel das Geschaute unverfälscht wieder.

Die zweite Ebene dagegen bezieht sich auf den ‹Ort› der Realisierung des Bewusstseins. Wenn der Rosenkreuzer auf seinem Weg der inneren Entwicklung die Ebenen der sich bewegenden sieben Planeten hindurchgeht und schließlich das Tor des Saturns überwindet, realisiert er intuitiv die ‹Fixsternsphäre›. Diese wird als ein grenzenloses, rein kosmisches, in sich ruhendes Bewusstseinsmeer erlebt und durch den Stern auf der Spitze der vertikalen Achse symbolisiert.

Wilber benützt für die Umschreibung des Bewusstseins die gleichen Begriffe: «Dieser unermessliche Ozean der Leichtigkeit, diese große Weite der Freiheit, dieses klare Meer der Stille.»[12]

Einheit der Religionen

Es lassen sich noch mannigfaltige Beispiele innerhalb des esoterischen Christentums aufzeigen, die die Vorstellungen Wilbers und die der östlichen Philosophie in Bezug auf denWeg und das Bewusstsein selbst bestätigen.

Wilber versteht das Bewusstsein jenseits der Objekte als die höchste Realität: «Denn Gott und ich sind eins im allgegenwärtigen Zeugen, der die Wesensnatur des inneren Geistes selbst ist, der genau dasjenige ist, was ich im Zustand meiner Ichseiendheit bin. Wenn ich kein Objekt bin, bin ich Gott (und jedes Ich im ganzen Kosmos kann dies mit ganzem Recht von sich sagen).»[13] Und da man diese Erfahrung in jeder großen Religion nachweisen kann, schließt Wilber, «dass wir zu Recht von der ‹transzendierenden Einheit der Religionen› und der Einmütigkeit der ursprünglichen Wahrheit sprechen können».[14]

An diesem Punkt, der Wertung und Zuordnung dieser Erfahrung des reinen Bewusstseins im Hinblick auf das Verständnis des Göttlichen, unterscheidet sich die Anschauung Ken Wilbers von der der christlichen Spiritualität. Dies soll im zweiten Teil dieses Beitrages aufgezeigt werden.

1 Ken Wilber: Einfach «Das», Frankfurt am Main 2002, S. 132
2 Ken Wilber: Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend, Frankfurt am Main 1999, S. 399 f.
3 A.a.O., S. 407.
4 A.a.O., S. 403.
5 A.a.O., S. 409 f.
6 Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate,München 1979, 4.Traktat.
7 A.a.O., 32. Predigt.
8 DieWolke des Nichtwissens, Einsiedeln 1980, S. 43 f.
9 Siehe Anm. 6, 2. Predigt.
10 Siehe Anm. 1, S. 413.
11 Siehe Anm. 1, S. 411.
12 Siehe Anm. 1, S. 33.
13 Siehe Anm. 1, S. 412 f.
14 Ken Wilber: Wege zum Selbst. Östliche und westliche Ansätze zu persönlichem   Wachstum, München 1988, S. 13

 

Vor dem zweiten Tor des Herzens

Ken Wilbers Bewusstseinsspiritualität
von Zoran Perowanowitsch

Zoran Perowanowitsch versucht aus einer christlichen Spiritualität heraus eine Auseinandersetzung mit Ken Wilbers Erfahrung und Verständnis des Bewusstseins. Der erste Teil (‹Goetheanum› Nr. 4/2010) widmete sich den Entsprechungen, der zweite Teil arbeitet Unterschiede zwischen Ken Wilbers spirituellem Verständnis und jenem einer christlichen Esoterik heraus.

II.

Ken Wilber versteht das reine Bewusstsein jenseits der Dualität, in dem keine Objekte mehr aufsteigen, als die höchste Wirklichkeit, die er auch als Gott bezeichnet. Für die Rosenkreuzer ist die intuitive Erfahrung des Bewusstseins die Ebene der ‹Kosmischen Jungfrau Sophia›, die als ‹Heiliger Geist›, vom göttlichen Standpunkt aus, das zweite Angesicht der Trinität bildet. Von Rudolf Steiner wird diese Ebene als ‹Geistselbst› bezeichnet.

Wir erinnern uns, dass Wilber ebenfalls den Begriff «Geist selbst» verwendet, wenn er vom reinen kosmischen Bewusstsein spricht.

Die Frage nach der Auslegung

Aber wie kommt es dazu, dass Wilber aus dieser Erfahrung vermeint schließen zu können, «dass wir zu Recht von der ‹transzendierenden Einheit der Religionen› und der Einmütigkeit der ursprünglichen Wahrheit sprechen können». Wie kommt es zu einer solchen Bewertung? Obwohl Ken Wilber den Anspruch einer integralen Sichtweise vertritt, kann er als Mensch nicht frei von einem eingenommenen Standpunkt in Bezug auf Sichtweise, Verständnis und Zuordnung sein. Wilbers geistige Wurzeln liegen in der östlichen Spiritualität, besonders was seine Meditationspraxis betrifft: im Zen-Buddhismus.

Dieser eingenommene Standpunkt ist in all seinen Büchern als Hintergrund seiner Weltbetrachtung zu erkennen und wird dadurch, dass er alle Richtungen behandelt, nicht aufgehoben. Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass wir – obwohl wir das Bewusstsein intuitiv jenseits des Saturns, des Hauptes, realisieren – darin dennoch nur ein ‹Tor› der Bewusstseinsentfaltung durchschritten haben, das uns dann zu der kosmischen Entsprechung des Hauptes selbst führt. Wilber spricht davon, wie im kosmischen Bewusstseinsraum, mit dem er sich im ‹Geist› identisch erlebt, die Galaxien entstehen und vergehen. 

Überhaupt scheint es, als ob man mit Wilber in ein großes kosmisches Haupt hineinschaute. Dieses sind wir zwar selbst, erfahren uns aber in ihm, wie in unserem eigenen Haupt, vollkommen alleine. In der Leere des Hauptes entstehen und vergehen unsere Gedanken, im Kosmos entstehen und vergehen die kosmischen ‹Gedanken› Gottes; diese werden wir als ‹Zeuge› zwar gewahr, können sie jedoch auf dieser Ebene weder in ihrer sie bildenden Wesenheit noch in ihrem sie wollenden Willen erfassen! So liegt aus dem Verständnis der christlichen Spiritualität in einer solchen Erfahrung – wie unermesslich erhaben sie auch sein mag – erst die Voraussetzung, sich der nächsthöheren Ebene, dem Christuswesen als der Schöpfungskraft selbst, zu nähern.

Ken Wilber ist der Meinung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen moralischen Voraussetzungen, die von ihm beschriebene Erleuchtung erfahren kann. Im Gegensatz dazu ist eine Annäherung an die nächsthöhere Ebene des Christus unmittelbar mit einer grundlegenden Umwandlung des Menschen verbunden. Erst auf dieser Ebene erschließt sich uns der Sinn des Werdens. Aus seinem Erleuchtungserlebnis heraus versteht Wilber die Schöpfung als das Ergebnis eines sich langweilenden Gottes, der zu seiner Unterhaltung die polare Welt von Leid und Glück hervorbringt.[1] Das würde bedeuten, dass der Mensch die polare Welt zu überwinden sucht, um den einen Gott zu finden, der wiederum aus Langeweile die polare Welt erschafft. Diese Vorstellung zeigt auf, dass wir den ‹Sinn› nicht auf dieser Ebene des Bewusstseins finden können.

Christus, der Sohn Gottes

Da Wilber die Ebene des Christus, in der sich uns der Sinn zu erschließen beginnt, offensichtlich nicht kennt, kann er auch der Bedeutung des Christus als Sohn Gottes nicht gerecht werden. Die Rosenkreuzerweisheit vermag dem Mysterium der Menschwerdung des Göttlichen näher zu kommen, indem sie mit einer erweiterten Sichtweise die Evolution der Erde betrachtet. In ihr lebt die Schauung, dass, wenn der ‹Göttliche Punkt› in seiner Ausatmung die größte ‹Gottesferne› erreicht hat, ‹Er› als ‹Ich› wiederum im Umraum aufleuchtet. So betrachtet die Rosenkreuzerweisheit das göttliche Licht, wie es auf dem Weg der Involution in seiner größten Verdichtung, im Menschensohn Jesus, für alle Menschen als das Christus-Ich aufleuchtet. Dadurch wird erst der Erlösungsprozess der Erde, deren Verwandlung zu einer neuen Sonne und deren Rückführung in dem Evolutionsprozess zum Göttlichen hin, eingeleitet. Alles, was mit diesem Ereignis, das nicht nur ein individuelles, sondern ein die ganze Erde betreffendes ist, zusammenhängt, bildet eine der tiefsten Weisheiten der christlichen Spiritualität.

Ken Wilber kommt diesem Verstehen in der folgenden Antwort, die er auf eine Frage gibt, am nächsten: «Ich will Ihnen sagen, was ich glaube. Für mich sind die Weisen die wachsende Spitze des geheimen Impulses der Evolution. Für mich sind sie die Speerspitze des Drangs zur Selbsttranszendenz, die immer über dasjenige hinausgeht, was vorher war […] Ich glaube, dass sie auf einem Lichtstrahl sitzen, der der Begegnung mit Gott entgegeneilt.»[2]

Wilber kommt mit dieser Anschauung der christlichen Spiritualität nahe, in der wir zuerst das Bewusstsein, die Sophia, suchen müssen, um uns durch die darin gewonnene Weisheit mit dem Licht des Christus zu durchdringen, das uns dann zum Vater zu führen vermag. In Wilbers weiteren Ausführungen bekommt man jedoch den Eindruck, dass er diese zwei zuvor angesprochenen Ebenen in ihrer Qualität und ihrem Verhältnis zueinander nicht ausreichend differenziert: «Du erkennst dein eigenes wahres Anlitz im Spiegel des Kosmos selbst: Deine Identität ist Wahrhaftig das Weltall, und du bist nicht mehr Teil dieses Stroms, du bist dieser Strom in einem Weltall, das sich nicht um dich, sondern in dir entfaltet [...]. Es gibt hier kein endgültiges Ganzes mehr, nur einen endlosen Prozess, und du bist die Öffnung, die Lichtung oder die reine Leerheit, in der sich der ganze Prozess entfaltet – endlos, wunderbar, unaufhörlich, leicht. Das ganze Spiel ist ausgelöscht, dieser Alptraumder Evolution, und du bist genau da, wo du vor Beginn dieser Show warst. Im Schock der plötzlichen Erkenntnis des ganz Offensichtlichen siehst du dein eigenes ursprüngliches Antlitz, das Antlitz, das du vor dem Urknall hattest, das Antlitz der äußersten Leerheit, die als die ganze Schöpfung lächelt und als der ganze Kosmos singt – und all dies ist in diesem Urerkennen ausgelöscht, und es bleibt nichts zurück als das Lächeln und die Spiegelung des Mondes auf einem stillen Teich, tief in einer kristallklaren Nacht.»[3]

 


Der grüne Löwe

So kommt Wilber schließlich doch immer wieder auf die Vorstellung des Bewusstseins als letztem Grund zurück. Doch wie das Meer den Lebensraum bildet, solegt der einfallende Lichtstrahl den Keim zum Leben: In der Abbildung des grünen Löwens erkennen wir das von Wilber benutzte Bild wieder: «und es bleibt nichts zurück als das Lächeln und die Spiegelung des Mondes auf einem stillen Teich». Die Rosenkreuzer drücken darin das gleiche Erleben, jedoch mit einem erweiterten Verständnis, aus. Für sie ist das reine Bewusstsein, das sich als Mond, dem Symbol der Raumesweisheit, im stillen Wasser spiegelt, nicht der letzte Grund.

Es ist erst die Voraussetzung, um sich mit dem Christuslicht zu vereinen, was durch den die Sonne verschlingenden grünen Löwen des Werdens dargestellt wird. Die Weisen (Mond) suchen in der inneren Durchdringung mit dem Christuslicht (Sonne) eine tiefgreifende Umwandlung, damit sie, wie Wilber glaubt, «auf einem Lichtstrahl sitzen, der der Begegnung mit Gott entgegeneilt.»

Sei Weib, nicht nur Jungfrau!

Auch bei Meister Eckehart (den Ken Wilber immer wieder in seinen Büchern, sowohl in Bezug auf den Weg des Entwerdens als auch auf die daraus hervorgehende Realisierung der Sphäre der Ungeborenheit der jungfräulichen Unberührtheit des Bewusstseins zitiert) geht der Weg weiter. So bezeichnet Eckehart einen solchen Menschen – «der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war» – nicht wie Wilber als den ‹einen Gott›, sondern als ‹Jungfrau›, die den Christus empfängt! Meister Eckehart versteht also das Bewusstsein nicht als ein Ziel, an dem man verweilen sollte. Denn sollte der Mensch das tun, «so käme keine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es notwendig, dass er Weib sei. ‹Weib› ist der edelste Name, den man der Seele zulegen kann, und ist viel edler als ‹Jungfrau›. Dass der Mensch Gott in sich empfängt, das ist gut, und in dieser Empfänglichkeit ist er Jungfrau. Dass aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser; denn Fruchtbar werden der Gabe, das allein ist Dankbarkeit für die Gabe, und da ist der Geist Weib in der wieder gebärenden Dankbarkeit, wo er Jesum wiedergebiert in Gottes väterliches Herz.»

Hier haben wir den wesentlichen Unterschied zwischen dem Verständnis und der Zuordnung des Geistes durch Ken Wilber und durch die christliche Spiritualität. Wenn wir uns der Sophia, dem Bewusstsein, annähern wollen, so müssen wir auf dem Weg der Entwerdung alle unsere ‹Kleider› ablegen und ‹nackt› vor dem Tor des Saturns stehen. Doch um vor das Angesicht des Christus zu treten, ihn mit unserem Wesen zu umarmen, können wir wieder unsere ‹Kleider› anziehen, können kommen, wie wir sind. Dadurch werden wir bis in die tiefsten Tiefen unserer Seele umgewandelt und überlassen unsere abgelegten ‹Kleider› nicht den nach uns Kommenden.

Werden in der Zeit

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ich Ken Wilber, was den Weg der Entwerdung und der daraus sich ergebenden Realisierung des Bewusstseins betrifft, ohne Widerspruch zu folgen vermochte. Sein Verständnis und die Zuordnung dieser Erfahrung kann ich jedoch nicht bestätigen; es bleibt für mich am Ende der Eindruck, dass Wilber zwar von der Sphäre jenseits des Saturns spricht, jedoch vor dem zweiten Tor des Herzens und der damit einhergehenden Erfahrung der wesenhaften Qualität stehen bleibt.

So war es mir wichtig, ohne den Anspruch zu erheben, den ‹ganzen Wilber› behandelt zu haben, seine zentrale Erfahrung des Bewusstseins und deren Zuordnung aufzuzeigen, um sich dadurch dem Verständnis der integralen Vorgehensweise nähern zu können. Denn, wenn wir in dem passiven Zeugen-Bewusstsein als letzte Wirklichkeit verweilen, dann sind alle Erscheinungsformen darin von gleichem Wert, sind nur Illusionen auf der Leinwand des Bewusstseins. Doch haben wir hier keinen Zugang zur Ebene der Qualität und der sich darin offenbarenden geistigen Wesenheiten und somit auch nicht zu dem in der Zeit wirkenden Willen. Wenn auch die individuelle Entwicklung zuerst von der Materie über die Seele zum Geist, dem Bewusstsein des kosmischen Raumes, geht, so wirken in der Materie und im Werden der Zeit höhere Bewusstseinsqualitäten als im Bewusstseinsraum, dem Geist selbst!

Wilber versteht seine ersten Arbeiten, die Ausdruck seines individuellen Weges sind, selbst als teilweise überholt, wodurch sein weiterer Weg, was seine Erkenntnisse und deren Zuordnung zum Ganzen anbetrifft, offen bleiben muss. Die Arbeit Rudolf Steiners dagegen hat von Anfang an mehr den Charakter einer aus unmittelbarer Anschauung hervorgehenden Erkenntnis, so dass eines seiner Erstlingswerke, zum Beispiel die ‹Philosophie der Freiheit›, nicht als überholt gelten kann und gerade bei Menschen, die sich innerhalb der Anthroposophie den Gedanken Wilbers verbunden fühlen, als eines seiner bedeutendsten angesehen wird. Doch so wie man Wilber eine individuelle Entwicklung zugesteht, so muss man in der durch Rudolf Steiner sich entfaltenden Anthroposophie eine sich in der Zeit immer mehr offenbarende Weisheit verstehen.

Unvergleichlich

Somit können wir weder Rudolf Steiner noch Ken Wilber gerecht werden, wenn wir die Anthroposophie mit der Vision Wilbers vergleichen. Wilber entwirft Modelle, Rudolf Steiner legt aus der Weisheit heraus Keime der Qualität in den Strom der Evolution und arbeitet mit dem Christus unmittelbar an der zu werdenden Kultur.
Das Selbstverständnis und die Wirkungsebenen sind sehr unterschiedlich, was Wilber selbst zum Ausdruck bringt: «Das Beunruhigende dabei ist ja, dass jede Erkenntnis der Tiefe mit einer schweren Bürde befrachtet ist: Wer in den Genuss der Erkenntnis kommt, ist zugleich mit der Pflicht beladen, diese Schau unmissverständlich mitzuteilen: Das ist der Pakt [...]. Und dies ist wahrhaftig eine furchtbare Last, denn hier ist kein Platz für Ängstlichkeit. Die Möglichkeit, dass man sich irren könnte, gilt einfach nicht als Entschuldigung. Vielleicht verkündet man etwas Richtiges, vielleicht etwas Falsches – es kommt nicht darauf an.»[5]

Hier offenbart sich eine Haltung, die durchaus auf einer bestimmten Ebene der persönlichen Entwicklung ihre Berechtigung haben mag, doch nicht mit der Dimension des Wirkens Rudolf Steiners verglichen werden kann. Damit stellt sich mir das Verhältnis von Ken Wilber und Anthroposophie so dar, dass Wilbers Vorstellungen durch die Anthroposophie eine Erweiterung erfahren könnten, während die Anthroposophie nur durch Reduzierung und damit durch Verlust ihrer eigentlichen Qualität und ihres in ihr wirkenden Willens in die Seinigen integriert werden kann.

1 Ken Wilber: Einfach ‹Das›, Frankfurt a. M. 2002, S. 261
2 Ken Wilber: Eine kurze Geschichte des Kosmos, Frankfurt a.M. 2007, S. 68 f.
3 A.a.O., S. 69
4 Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate,München 1979, 2. Predigt
5 Ken Wilber: siehe Anm. 1, S. 52

Zoran Perowanowitsch ist der Autor des Buches:
Mit einem erweiterten Christusverständnis ins 21. Jahrhundert, Sölden 1998.

 

 

1 Kommentar

Seite 1 von 1 1

#1 admin schrieb am 18.02.2010 07:53 antworten

Angesichts der Versuche, die Anthroposophie Rudolf Steiners in die Weltansichten Ken Wilbers zu integrieren, stellt sich die Frage, ob dadurch der eigentliche Kern der Anthroposophie besser aufleuchtet oder ob sie den in ihr liegenden Willensimpuls und ihre Aufgabe zu verlieren droht. Zoran Perowanowitsch versucht aus einer christlichen Spiritualität heraus eine Auseinandersetzung mit Wilbers Erfahrung und Verständnis des Bewusstseins.

Leserkommentare


reklame

Aktion Eliant


_______________
Aktuelle Beiträge:

Diskussion?
Bewusstseinsspiritualität II
Aus für Emerson College
 
Demenz und Trauma