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Cyrano de Bergerac im Schloss Neuhaus

14.06.2010

foto © harald morsch


Open Air: Die Kammerspiele Paderborn in bester Spiellaune
von Michael Mentzel

Die Sache beginnt heiter. Auf dem Marktplatz - wir sind im 17. Jahrhundert - werden kleine Gemeinheiten ausgetauscht und der Protagonist des Stückes zeigt auch gleich, wo Bartel den Most holt. Wer eine solche Nase hat, wie Cyrano de Bergerac, kann - so scheint es - sein Selbstwertgefühl nicht aus seiner äußeren Erscheinung beziehen, er muss zu anderen Mitteln greifen. Wer ihn beleidigt, bekommt eins auf die Mütze und zwar garniert mit geistvollen Reimen: "beim letzten Vers, da steche ich". Thomas Wiesenberg spielt den Cyrano liebenswürdig geist- und temporeich. Eine köstliche Komödie, tragisch-romantisch, im passenden Ambiente: Die Kammerspiele Paderborn im Innenhof von Schloss Neuhaus mit dem 1897 zum ersten Mal aufgeführten Stück von Edmond Rostand: "Cyrano de Bergerac".

Die Geschichte ist schnell erzählt: Poet mit übergroßer Nase liebt Roxane, sie aber liebt den hübschen, aber etwas dümmlichen Kadetten Christian von Neuvillette, treffend verkörpert von Johannes Hoffmann, dessen poetische Worte allerdings von Cyrano - dem mit der Nase - kommen, der sie Christian in den Mund legt. Was Graf Guiche, den Chef der Gasogner Kadetten, der ebenfalls ein Auge auf Roxane geworfen hat, so ärgert, dass er seinen Nebenbuhler vermittels eines Marschbefehls in den Krieg gegen die Spanier aus dem Wege räumen möchte. Auch die schnelle Hochzeit mit Roxanne kann Christian nicht vor dem Krieg bewahren. Jetzt erst recht, sagt sich Graf Guiche und schickt die ganze Truppe in die Schlacht. Seine Schadenfreude kann er nicht verhehlen, glaubt er sich doch schon fast am Ziel seiner Hoffnungen. Willi Hagemeier verleiht dem Fiesling eine herrlich blasierte Arroganz, jetzt will er seinen Triumph auskosten. Roxane bittet Cyrano, zu dem sie ein eher schwesterliches Verhältnis hat, auf Christian aufzupassen, was er - wenn auch schweren Herzens - verspricht.

Szenenwechsel. Die Kadetten in der Schlacht. Graf Guiche hat seine Rechnung allerdings ohne Roxane - überzeugend Carolin Karnuth -  gemacht, denn plötzlich erscheint sie im Lager der Gascogner Kadetten, sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach ihrem Gemahl, der ihr - vermeintlich - jeden Tag zwei Briefe schreibt. "Ich will zu meinem Liebhaber!" Ein Wunsch, den ihr die feindlichen Spanier nicht abschlagen können. So schafft sie es, zusammen mit dem Koch, ebenfalls ein Verseschmied - wunderbar komisch Christian Onciu - die spanischen Linien zu überwinden. Sie liebt den, der ihr so schöne Briefe schreibt, sie erkennt seine durch die Poesie durchscheinende Seele. "Auch wenn ich häßlich ware?" fragt Christian und die Antwort ist "Ja". Christian stirbt im Kampf, noch bevor er Roxane die Wahrheit über sich und seinen "Redenschreiber" sagen kann.

Auch als der Krieg vorbei ist, bringt unser Held es nicht über's Herz, Roxane seine Liebe zu gestehen, er besucht sie aber 14 Jahre lang jeden Samstag immer auf die Minute pünktlich im Kloster, in das sie sich zurückgezogen hat. Als er zu spät kommt, weil er bei einem heimtückischen Anschlag so verletzt wird, dass er sterben wird, erkennt sie, die den letzten Brief des Geliebten an ihrem Herzen bewahrt, dass es Cyrano ist, den sie liebt. Zu spät. Die Geschichte endet, wie sie enden muss. Schaurig schön und ein kleines bisschen traurig.

Auch alle weiteren Rollen sind wunderbar herausgearbeitet, es gefallen Thomas Heller, Stefanie Lanius, Rafael Meltzer, Andreas Meyer und Kerstin Westphal. Regie führte Katarina Kokstein und für das stimmige Bühnenbild sorgte Monika Frenz. Auch das Wetter spielte eine - zwar nicht durch die Regie festgelegte - hervorragende Rolle, was auch den weiteren Aufführungen unbedingt zugute kommen würde. 

Lang anhaltender und begeisterter Beifall belohnte eine großartige Leistung. Dass die Bravo-Rufe nicht lauter waren, dürfte der vornehmen Zurückhaltung des Paderborner Premierenpublikum geschuldet sein. Woanders hätte das Publikum getobt.

 

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