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Thema: Anthroposophie

10.12.2007

Auf dem Podium: Johannes Kiersch, Dorion Weickmann und Helmut Zander • Foto:Detlef Hardorp

Johannes Kiersch kontra Helmut Zander
Zum Streitgespräch über Anthroposophie 
Ein Bericht von Achim Hellmich

Berlin - Am 5. 12. trafen in Berlin der Anthroposoph Johannes Kiersch und der Theologe, Historiker und Politikwissenschaftler Helmut Zander, der jüngst ein über 1800 Seiten umfassendes Werk über die Anthroposophie in Deutschland geschrieben hat, in einem Streitgespräch aufeinander. Weniger das Zander Buch, aber weitgehend dessen Rezensionen in den Printmedien, auch im „Goetheanum" und anderen anthroposophischen Zeitschriften waren den zahlreichen Zuhörern bekannt.

Für Zander, als „hard-core Wissenschaftler", wie er sich selbst einmal bezeichnete, der die Anthroposophie von „außen analysiert" und Rudolf Steiner lediglich als herausragenden Eklektiker ansieht, der an seinen kulturspezifischen Kontext gebunden ist, sind alle geisteswissenschaftlichen Aussagen Steiners, um es verkürzt zu sagen, ideologischer Überbau mit dogmatischem Charakter.

Johannes Kiersch betrachtet die Anthroposophie dagegen von innen, aus den Prozessen der Entwicklung und Erneuerung heraus. Erkenntnisse werden von Steiner u.a. durch Imaginationen gewonnen, die Ebene der Intuition ist der Bereich, der zu letzten Wahrheiten führt. Kiersch gebraucht für die Intuition das Bild des „Verschmelzens mit dem Dingen, dem Sein, der Wahrheit", und er spricht von den „unterschiedlichen Schleiern, die die Wahrheit umhüllen und entsprechend schwer zu durchdringen sind". Insofern müsste man die Frage nach der „absoluten Wahrheit" bei Steiner differenzieren. Folgt man Steiner auf dieser Stufe der Intuition, so sind diese Wahrheiten erkennbar und damit überprüfbar.

Wer nun geglaubt hatte, in Helmut Zander einen wilden Streiter gegen die Anthroposophie zu erleben, war überrascht. Zander hat eine sympathische Ausstrahlung, er argumentiert abgewogen, hört hellwach zu, geht auf sein Gegenüber in sachlicher Argumentation ein, wirkt geistig beweglich und ist an der Anthroposophie, so scheint es zumindest, vorurteilslos interessiert.
Beide kämpften, um es bildlich zu sagen, nicht mit Säbel, sondern mit Florett. Zander versuchte Kiersch auf Steiners „absolute Wahrheiten" und „Unfehlkeit" festzulegen, doch Kiersch hatte Rudolf Steiner als Ikone längst vom Sockel gestoßen, Steiner ist für Kiersch ein Mensch und als solcher nicht ohne Fehler und Irrtümern, aber darüber hinaus mit der entwickelten Fähigkeit zur Intuition, aus der das geistigen Schauen gewonnen wird. Während Zander seine Behauptungen argumentativ aus dem Wissenschaftspositivismus ableitete, konkretisierte Kiersch seine Argumente in Bildern und Beispielen. So sagte er, man könne eine Bühne mit Scheinwerfern ganz unterschiedlich ausleuchten und das ins Licht tauchen, was einem genehm ist, alles andere sieht man dann nicht. Aber zweifellos ist es trotzdem da.

Die Argumente wurden gegeneinander gestellt, die Moderation von Dorion Weickmann war einfühlsam und kompetent, sie fragte nach, fasste zusammen, ohne zu nivellieren und gab dem Publikum Gelegenheit, schwerpunktartig Fragen zu stellen.

Einigen konnten sich die Kontrahenten nicht, wie denn auch, die methodische Vorgehensweisen und das Erkenntnisinteresse waren diametral entgegengesetzt. Und das ging bis in die konkreten Inhalte, bis in die Wahrnehmung und Darstellung beispielsweise der Waldorfpädagogik, bis in die Beurteilung der Evolutionstheorie oder bis zur Frage nach dem Sinn eines Lebens mit Behinderung. Zander argumentierte mit quasi wissenschaftlicher Untermauerung sehr geschickt, setzte noch zusätzlich vorbereitete Texte und Bilder mittels Leinwand ein, die seine Aussagen belegen sollten und doch mehr seinen methodischen Fleiß zeigten als überzeugen zu können. Auf Publikumsfragen, die insbesondere an ihn gerichtet waren, ging er sehr verständnisvoll und konzentriert ein. Alles in allem ein hervorragender Vertreter seiner Sache. Helmut Zander ist zweifelsohne ein Sympathieträger und kein verkopfter Professor.

Es ist Johannes Kiersch, der so gar nicht den allwissenden dogmatischen Anthroposophen darstellt, denn dieser hätte es Zander leicht gemacht, die Anthroposophie als hermetisch abgeschlossene und weltfremd-spinnerte Lehre zu karikieren. Kiersch räumt gelassen Fehler ein, wie den, dass die Behandlung der Atlantis in der Schule, als Inhalt esoterischer Forschung nichts zu suchen habe.

Kiersch gewann durch seine selbstkritischen Äußerungen an Überzeugungskraft und Aufmerksamkeit. Und wenn er sagte, Anthroposophie müsse immer wieder neu geschaffen und gestaltet werden und ein sinnerfüllter Unterricht an der Waldorfschule gebe den Kindern seelisch-geistige Nahrung im Gegensatz zu der abnüchternen Aussage an den staatlichen Schulen, dass der Mensch und die Schöpfung Zufallsprodukte wären, dann spürte man wie nachhaltig seine Argumente, nicht nur beim Publikum, sondern auch bei Zander wirkten.

Kontrovers blieben auch die Fragen zum „Ichbegriff", zur Dreigliederung und zur Evolutionstheorie.

Fazit: Ein intensiver, „bewusstseinsschärfender" Abend mit reger Publikumsbeteiligung, aber ohne polemische Zuspitzungen. Sowohl Kiersch als auch Zander waren aufmerksame Zuhörer und zugewandte Diskutanten. Man gewann den Eindruck, es ging ihnen um das Verstehen der anderen Position und nicht um Rechthaberei.

Auf Helmut Zander bezogen, bleibt allerdings fraglich, ob er auch nur einen Bruchteil seines akademischen Fleißes, den er mit seinen Büchern nachweist, aufwenden würde, um eine Innensicht der Anthroposophie zu bekommen. Denn nur dadurch könnte er sich methodisch dem annähern, verstehen und erleben, was Anthroposophie bedeutet.


Ebenfalls zum Thema: Ein Beitrag von Ramon Brüll, Info3 (Leider nicht mehr erreichbar!)

 

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