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In Würde sterben

Kapitulieren vor dem Leben?
von Angelika Sandtmann, erschienen in der Ausgabe 01/2007 der
Zeitschrift "die Drei". Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

In der Novemberausgabe unserer Zeitschrift beschäftigten wir uns ausführlich mit Fragen der Sterbebegleitung. Unter ähnlichem Titel »In Würde sterben« widmete sich die Zeitschrift »stern« in ihrer Ausgabe vom 23.11. 2006 auch diesem Thema. Allerdings steht die Auseinandersetzung im »stern« unter einer ganz anderen Leitfrage: »Warum wird Sterbehilfe in Deutschland nicht erlaubt?« Auf dem Titelbild sind zwölf schwer kranke Menschen abgebildet und mit vollem Namen genannt, die »in Würde sterben« wollen und erzählen, warum sie dafür ins Ausland fahren müssen. Das Votum des Chefredakteurs Thomas Osterkorn im Editorial ist eindeutig: Der Mensch habe das Recht auf einen würdigen Tod. Wenn sich Menschen mit schwersten Leiden für den Freitod entscheiden, müsse ihnen auch in Deutschland, nicht nur in der Schweiz, geholfen werden. Osterkorn fordert klare Regelungen im Gesetz: »Die gnädige Hand, die ihnen das Glas mit dem tödlichen Trunk reicht, den sie dann selbst leeren, darf nicht kriminalisiert werden.« Der »stern« suchte nach geeigneten Interviewpartnern, die er durch eine Umfrage der Schweizer Sterbehilfeorganisation »dignitas« unter ihren Mitgliedern auch fand. Von den mehr als 6200 Mitgliedern von »dignitas« sind 2685 Deutsche, so die Angaben des »stern«. Sechzig Menschen erklärten sich anfangs bereit für ein Interview, von denen viele im Verlauf der ersten Vorgespräche doch noch absprangen. Schließlich blieben zwölf übrig, deren Gespräche und Fotos nun veröffentlicht wurden. Darüber hinaus ist im »stern« ein Streitgespräch zwischen dem »Zeit«-Reporter Bartholomäus Grill und dem Philosophen Robert Spaemann über das Für und Wider der Sterbehilfe abgedruckt. Grill veröffentlichte Ende 2005 in der »Zeit« eine Reportage über den Weg seines krebskranken Bruders Urban in den begleiteten Freitod in der Schweiz. Hierfür wurde er mit dem Henri Nannen Preis für die beste deutschsprachige Reportage ausgezeichnet. Die Sorge, wie die konkreten Umstände unseres Sterbens sein werden, wühlt heute viele Menschen auf. Als ich beispielsweise die Ausgabe des »stern« mit der plakativen Titelseite in einem kleinen Laden kaufen wollte, fing die Verkäuferin ganz unvermittelt an, über den langwierigen Tod ihrer Mutter zu sprechen. Diese musste schwer pflegebedürftig noch dreizehn Jahre im Pflegeheim leben, da die künstliche Ernährung nicht beendet werden durfte, obwohl die Mutter diese abgelehnt hatte und lieber sterben wollte. Die künstliche Verlängerung des Lebens empfand die Tochter als menschenunwürdig. Das Unbehagen in der Bevölkerung wächst, dass starre gesetzliche Regelungen sowie die Möglichkeiten der modernen Medizin den Menschen daran hindern, dann zu sterben, wenn der Zeitpunkt innerlich gekommen ist. Was scheint in dieser angespannten Stimmung auf den ersten Blick authentischer zu sein, als direkt Betroffene zu Wort kommen zu lassen, die sehr schwer krank sind und sehr leiden müssen? Überzeugt doch das individuelle Schicksal oft mehr als ein allgemeines Reden über das Sterben. Auf den zweiten Blick wirkt die Vorgehensweise des »stern« aber beklemmend: Sie ist suggestiv in der Vermittlung der Botschaft, dass in Würde sterben selbstverständlich den so genannten begleiteten Freitod mit einschließt. Daran gibt es nichts mehr zu rütteln, schließlich werden dafür zwölf authentische Bekenner vorgeführt. Auch das Streitgespräch zwischen Bartholomäus Grill und Robert Spaemann ist nicht ohne suggestiven Unterton, da hier konkrete Sterbeerfahrung (Grill) gegen Theorie (Spaemann) ausgespielt wird. Zum anderen sind aber auch die Lebensschilderungen dieser Menschen, von denen einige inzwischen in der Schweiz »geplant« gestorben sind, beklemmend. Sie spiegeln ungeschminkt die Nöte unserer modernen Gesellschaft wider, im Sozialen gleichermaßen wie im Seelisch- Geistigen. Immer wieder ist von Angst die Rede, nicht die Angst vor dem Tod, sondern Angst vor der zunehmenden Verschlechterung des Gesundheitszustandes, Angst vor dem Tag und Angst vor der Nacht (»Jetzt habe ich gar nichts mehr. Nur noch Angst.«), Angst vor der Zukunft …

Eine 71-jährige Heilpraktikerin bekennt: »Aber wenn man sich dann plötzlich nicht mehr selbst kümmern kann? Wenn man aus ärztlicher Sicht noch lebt - und es eigentlich doch gar nicht mehr tut? Da will ich eingreifen können, selbst über mich bestimmen.« Eine 43-Jährige mit Gehirntumor beschreibt ihre Angst besonders genau: »Ich merke, wie die Krankheit voranschreitet. Ich vergesse Wörter, vergesse Menschen, vergesse, wie man Dinge macht … Ich verliere langsam meinen Verstand, das ist das Schlimmste, was mir passieren kann, da hat Gott meine wunde Stelle getroffen … ich bin bald nicht mehr ich. Ich beobachte mich selbst, als wäre ich eine andere Person … Das schockiert mich und macht mir Angst. Ich will nicht ohne Verstand sein … Ich kann nicht in dieses Dunkel hinein, es geht einfach nicht …« Für alle Gesprächspartner ist die Vorstellung unerträglich, hilflos zu werden und von anderen Menschen gepflegt werden zu müssen, insbesondere in Heimen: »Aber ich will nicht jahrelang hilflos in einem Pflegeheim liegen, wie ein Baby versorgt werden und für die Gesellschaft kein nützliches Mitglied mehr sein. So ein Ende wünsche ich mir nicht«, beteuert eine 82-jährige Interviewpartnerin. Eine 79- jährige Krankenschwester, inzwischen selbst schwer krank, erzählt aus ihrer jahrzehntelangen Berufserfahrung: »Ich habe erlebt, wie man hilflose und verzweifelte Patienten zum Sterbenins Bad oder die Abstellkammern schob … Mit Würde, Anstand oder Erlösung von Leiden hat das nichts zu tun. All die Einrichtungen, in denen Menschen einfach nur geparkt werden … das will ich nicht.«

Doch kann die Antwort auf die geschilderten Nöte nur die Beihilfe zur Selbsttötung sein, wie es der »stern« suggeriert?

Ja und nein! Solange das Selbstverständnis des Menschen sich weitgehend erschöpft in seinem körperlichen Zustand, ist es nur folgerichtig, das Leben selbst beenden zu wollen, wenn die Lebensumstände extrem widrig werden. Wenn das geistige Wesen des Menschen nicht wahrgenommen wird bzw. es geleugnet wird (vgl. Geist-Gehirn-Debatte), ist weder dem begleiteten Freitod noch - auf der anderen Seite des Lebens - den Manipulationen an Embryonenmoralisch etwas entgegenzusetzen. Erst wenn der Blick geweitet werden kann über unseren Verstand hinaus, über das nützliche Gesellschaftsmitglied hinaus, auch über die Pflegebedürftigkeit hinaus zu den geistigen Signaturen unserer selbst wird die Antwort auf die Nöte anders ausfallen können. Unser Umgang mit dem Sterben wird sich erst dann verwandeln, wenn sich unsere Lebenskultur verändert; eine Lebenskultur, die sich darum bemüht, die Lebensbedingungen sowohl im Sozialen als auch im Spirituellen zu verbessern. »In dem Maße, wie der Leib zunehmend versagt, bin ich darauf angewiesen, dass mir die Würde von anderen Menschen zugesprochen wird«, darauf machte Johannes Fellner in unserem Gespräch in der Novemberausgabe aufmerksam. Das fängt mit einem verstärkten Engagement für die Palliativmedizin und die Hospizbewegung an und setzt sich fort in einer qualitativ und quantitativ verbesserten Personalsituation in den Pflegeheimen. Die rechtliche Absicherung der passiven Sterbehilfe, wofür sich eine große Mehrheit auf dem Juristentag in Stuttgart ausgesprochen hat (siehe die Drei 11/2006), könnte den Menschen die Angst nehmen, gegen ihren Willen künstlich am Leben gehalten zu werden. So mancher Wunsch nach aktiver Selbsttötung würde dann in den Hintergrund treten. Am weitaus schwierigsten ist jedoch die Verbesserung der sprirituellen Lebensbedingungen; sie beinhaltet nicht weniger als das Ernstmachen mit einem Menschenbild, das das Geistige unabhängig vom Leib erfährt.

Ein Zauberwort für die angedeutete Lebenskultur scheint mir zu sein: Vertrauen. Gerade dies ist aber für den Menschen des 21. Jahrhunderts besonders schwer, gelten für ihn doch Intellektualität, Skepsis, Selbstbestimmung, Autonomie als wesentliche Errungenschaften.Wer vertraut, ist in den Augen des modernen Menschen eher naiv. Vertrauen kann niemand einfordern, Vertrauen kann sich aber einstellen, wenn ein entsprechendes seelisch-geistiges Milieu gepflegt wird. Wer sich um Wesensbegegnung bemüht - in der Natur, zu anderen Menschen, zu übersinnlichen Wesenheiten -, dem fällt es leichter, auch einmal loszulassen, darauf zu vertrauen, dass es auch gut geht, wenn man selbst nicht immer wach dabei sein kann. Das Leben in der Gegenwart verlangt den Spagat zwischen größter Wachheit und Konzentration auf der einen Seite und der seelischen Offenheit für das Unbekannte andererseits - Geistesgegenwart mag beides wohl zu verbinden. Die Angst, hilflos zu werden und nicht mehr selbst über sich bestimmen zu können, kann nicht einfach weggeleugnet werden. Vielleicht kann sie aber aufgefangen werden durch die Ahnung, von guten Mächten auch und gerade dann getragen zu werden. Eine geistige Kultur, die die Empfindung schult und pflegt, dass das Geistige des Menschen nicht verloren geht, auch wenn der Verstand durch Krankheit allmählich versagt, könnte Menschen in der Situation jener Patientin mit Gehirntumor ein wenig die Angst vor dem Dunkeln nehmen. Welche Folgen könnte die Legalisierung der Beihilfe zur Selbsttötung haben? Robert Spaemann erläutert in dem Gespräch mit Bartholomäus Grill seine These, dass aus dem Recht auf Sterbehilfe unvermeidlich eine Pflicht werde. Wenn ich das Recht nicht in Anspruch nehme, komme ich automatisch in die Verantwortungslast, anderen Menschen Mühen aufzubürden, die sie ja nicht hätten, wenn ich meine Selbsttötung verlangen würde. Spaemann hat hier einen, wie mir scheint, recht brisanten Punkt angesprochen. Hier könnte ein enormer gesellschaftlicher Druck entstehen. Ein leichter Vorgeschmack darauf ist heute schon im Umgang mit behinderten Kindern zu spüren. Manche beiläufige Äußerung, mancher Blick verrät die in unserer Gesellschaft weit verbreitete Ansicht, dass heutzutage »so etwas« (sic!) angesichts sehr guter pränataler Diagnostik nicht mehr nötig sei! Gemeint ist dabei stets die Möglichkeit zur Abtreibung, nicht etwa die Möglichkeit zur Heilung, Linderung oder Verbesserung der Situation.

Eine Legalisierung der Sterbehilfe, selbst wenn sie sich gesellschaftlich nicht zu einer drohenden Pflicht entwickeln sollte, trägt auf jeden Fall nicht dazu bei, die oben beschriebene Lebenskultur zu pflegen. Sie führt nicht aus den Nöten der Menschen heraus, sondern legt nur den Finger in die Wunde und kapituliert davor. Ein Kapitulieren steht dem Einzelnen durchaus zu, einer ganzen Gesellschaft aber nicht.

 

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