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Distanzieren. Ritual einer Ersatzreligion

Ein Beitrag von Lorenzo Ravagli
erschienen in der Wochenschrift Das Goetheanum Ausgabe 25/2006
mit freundlicher Genehmigung des Autors

In der deutschen Gesellschaft ist es üblich, sich von allem Möglichen zu distanzieren. Auch in anderen europäischen Gesellschaften ist dies der Fall. Meist ist die Distanzierung mit Empörungsbekundungen verbunden. Die Empörung, die Äußerung eines moralischen Affekts, begründet und rechtfertigt die Distanzierung.

Wer distanziert sich wovon und warum? Was hat es überhaupt mit diesem Ritual der Distanzierung auf sich? In der Regel distanzieren wir uns nicht von Handlungen. Denn Handlungen, die als verwerflich betrachtet und von unserer Gesellschaft nicht toleriert werden, sind von strafrechtlichen Sanktionen bedroht. Hier sorgen die Gerichte für Recht und die Wahrung des gesellschaftlich Akzeptablen. Solche Handlungen werden als Verbrechen, als Verstöße gegen das Strafgesetz geahndet. Distanzieren müssen wir uns von Gesinnungen, von Geisteshaltungen, die – zumal wenn von längst Verstorbenen gehegt – nicht unbedingt strafbewehrt, aber doch als verwerflich betrachtet werden. Ich meine hier den Kolonialismus der Neuzeit, den Absolutismus, den Nationalismus, den Imperialismus, die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts (Kommunismus und Nationalsozialismus), über die die Meinungen teilweise noch gespalten sind. Sie heute positiv zu charakterisieren würde als verwerflich betrachtet und Autoren die dies tun, werden verfemt oder geächtet. Solche Verwerflichkeiten bilden den Tatbestand eines Verbrechens, das man als Gedankenverbrechen bezeichnen könnte. Dieser Unrechtstatbestand ist ein Relikt aus dem Zeitalter des Totalitarismus, der –  gegründet auf naturwissenschaftlichen Prinzipien – Herrschaft über das menschliche Denken als die Wurzel allen Übels beanspruchte.

Distanzierung als moralischer Akt

Das Distanzierungsritual ist ein moralischer Akt, durch den man Authentizität bezeugen will. Aber in Wahrheit geschieht durch ihn etwas ganz Anderes. Die Wirkung dieses Rituals erstreckt sich nach innen und außen. Indem wir es vollziehen, sprechen wir uns selbst frei von geistigen und seelischen Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft verfemt sind. Gleichzeitig bestätigen wir, zur Gemeinschaft der Rechtgläubigen zu gehören, die diese Verfemung bejahen. Indem wir uns distanzieren, schaffen wir einen Raum der Eingeschlossenen und der Ausgeschlossenen. Eingeschlossen in die Gemeinschaft der Gutsinnigen und Gerechtfertigten sollen all diejenigen sein, die durch den Akt der Distanzierung bezeugen, zu ihr zu gehören. Ausgeschlossen sollen all diejenigen sein, die jene seelischen und geistigen Eigenschaften besitzen, die unsere Gemeinschaft verfemt. Das Distanzierungsritual ist eine Mischung aus dem, was in den religiös-totalitären Gesellschaften der Vergangenheit Taufe und Beichte waren. So wie die Taufe früher dazu diente, die Neugeborenen in die Gemeinschaft der Rechtgläubigen und Erlösten aufzunehmen, dient heute das Distanzierungsritual dazu, sich selbst in die Gemeinschaft der Rechtgläubigen und Erlösten einzuschließen. Wie bei der Beichte entlasten wir uns von allen Sünden und aller Schuld, indem wir bekennen, daß wir frei davon sind. Distanzierungsrituale sind nur nötig in einer Gesellschaft, die ähnlich wie die religiös bestimmte des Mittelalters, auf Inklusionen und Exklusionen beruht, in der es Tabus und Denkzwänge gibt. Warum sollten wir uns von bestimmten Gedanken oder Geisteshaltungen distanzieren, wenn wir in unserer Gemeinschaft die Freiheit besäßen, alle Gedanken zu denken, die denkbar sind? Heute sind es nicht mehr die Dogmen der Kirche, die wie im Mittelalter Unterwerfung fordern, sondern Anhänger gewisser Meinungen, die behaupten, diese seien allgemein gültig und anerkannt. Jeder, der einer der modernen, zivilisierten Gesellschaften angehören wolle, für die sie sprechen, müsse sich diesen Meinungen anschließen. Der früheren Wildheit und Roheit entwachsen, stünden diese Gesellschaften, die sich demokratisch, republikanisch, freiheitlich und so weiter nennen, weit über allen früheren Gesellschaften und Kulturformen.

Das Distanzierungsritual ist ein moralischer Akt. Es ist kein Erkenntnisakt. Der Auseinandersetzung der Meinungen, dem Austausch der Argumente, der freien Diskussion setzen wir einen moralischen Akt entgegen, durch den wir uns jeder Diskussion entziehen. Die Distanzierung und die mit ihr verbundene moralische Ächtung einer anderen Meinung setzt dem freien Meinungsaustausch eine nicht überschreitbare Grenze. Dadurch erfüllt der Akt der Distanzierung zwei wesentliche Funktionen: er stiftet Identität, Gemeinschaft – und er schließt aus. Die Distanzierung ist dabei von einem ebenso dualistischen Weltverständnis geprägt, wie das religiöse Weltbild, das die Taufe und die Beichte hervorbrachte. Es schafft eine Gemeinschaft der Guten, der Eingeschlossenen und eine Gemeinschaft der Bösen, der Ausgeschlossenen. Aber heute schließen wir Menschen angeblich nicht mehr aufgrund religiöser, metaphysischer Eigenschaften aus, die ihnen durch Träger einer übernatürlichen Macht eingeprägt oder nicht eingeprägt wurden, wir schließen auch nicht mehr aufgrund sozialer oder körperlicher Eigenschaften aus, wie dies feudalistische oder rassistische Gesellschaftsformen getan haben, sondern wir schließen Menschen aufgrund geistiger Eigenschaften aus. Und wir verurteilen die Ideologien als solche, die als geistige Eigenschaften einzelner Menschen auftreten können. Wir haben die religiösen Dogmen durch zivilgesellschaftliche Dogmen vertauscht, wir haben aber nicht den Zwang des Denkens und den Bekenntniszwang aufgehoben. Wir leben zwar in einer säkularisierten, aufgeklärten Gesellschaft, aber in dieser Gesellschaft ist das Bekenntnis zur Aufklärung selbst zu einem Dogma geworden. Wer sich nicht zur Aufklärung bekennt, gilt als indiskutabel, als reaktionär, als unmodern. Wer sich gegen sie ausspricht, gerät augenblicklich in den Verdacht, all das, was die Aufklärung als Fortschritt für sich beansprucht, abschaffen zu wollen.

Das Beispiel des Rassismus

Nehmen was als Beispiel den Rassismus. Abgesehen davon, daß es keine eindeutige Definition des Rassismus gibt und auch die betreffenden Gesetze keine solche liefern, sondern sie vielmehr voraussetzen, besteht weitgehend Einigkeit darüber, daß Rassismus eine Ideologie ist, von der man sich distanzieren muss. Warum eigentlich? Ändern wir durch unsere Distanzierung irgend etwas am Rassismus? Nein, wir lassen ihn so wie er ist, wir versuchen ihn zu isolieren, so wie wir vielleicht einen gefährlichen Virus durch Quarantäne zu isolieren versuchen, wenn er Teile einer Population befallen hat, ohne daß wir dadurch die Virulenz dieses Virus beeinflussen könnten. Die geistige Quarantäne, in die wir den Virus des Rassismus durch die Distanzierung versetzen, nimmt ihm nichts von seiner gefürchteten Virulenz, sie beraubt uns aber der Möglichkeit, ihn argumentativ zu entkräften. Wir sollten also den Rassismus oder jede mögliche andere Form von Weltsicht, die wir als verwerflich betrachten, nicht verfemen und die Diskussion mit ihnen verweigern, sondern wir sollten sie in unsere Diskursgemeinschaft aufnehmen, weil sie uns Gelegenheit geben, die Stichhaltigkeit und Überzeugungskraft unserer besseren Argumente an ihnen unter Beweis zu stellen. Was das geistige Immunsystem einer Gesellschaft kräftigt, ist nicht die Ächtung, die Distanzierung und die Isolierung virulenter Ideologeme, sondern die kraftvolle Auseinandersetzung mit ihnen. Pseudoreligiöse, moralische Akte, durch die wir uns von aller Infektion freisprechen, wappnen uns und andere nicht gegen die Versuchung oder Ansteckung, sondern schwächen uns nur.

Das Beispiel des Rassismus ist auch insofern gut für eine Illustration geeignet, weil sich an ihm zeigen läßt, daß der Mangel an geistiger Auseinandersetzung mit geächteten Ideologien zu geistiger Trägheit führt. Wer sich von ihnen distanziert, hat, wie durch die Beichte, seine moralische Bringschuld abgegolten. Er wird sich nicht zu einer offensiven Auseinandersetzung mit einer geächteten Ideologie befähigen. Wo uns Argumente fehlen, bleibt uns nur die Ächtung. Die mangelnde geistige Auseinandersetzung mit dem Rassismus entzieht uns aber die Möglichkeit, die Struktur dieser Ideologie zu verstehen. Dadurch werden wir geneigt, unter Rassismus nur gewisse historische Denkströmungen zu verstehen, die wir glücklich überwunden haben. Treten sie wieder auf, betrachten wir sie als Rezidive einer überwundenen Krankheit. Aber wir machen uns zugleich blind für die Abwandlungen der Denkfigur, die auch dem historischen Rassismus zugrunde liegt. Diese Denkfigur ist nicht auf die historische Form beschränkt, die sie in einer bestimmten Zeit angenommen hat. Der biologische Reduktionismus, der als soziologisierter Darwinismus den einzelnen Menschen mit seinen rassentypischen Körpermerkmalen gleichsetzte, erhob den Rassenbegriff als naturwissenschaftliches – und teilweise auch seelisches – Konstrukt zum Fundamentalprinzip der Welterklärung, betrachtete die Geschichte als eine Geschichte von Rassenkämpfen, glaubte zutiefst darwinistisch an die Auserwähltheit jener Rasse, die sich als die stärkste und am weitesten entwickelte erweisen würde, betrachtete das Verhältnis der Rassen als ein hierarchisches und rechtfertigte damit die eigene Herrschaft, predigte die Ausrottung der minderwertigen Rassen oder Rassenbestandteile, die Eugenik, und erwartete von einer Mischung der höherstehenden mit den niedriger stehenden nur Dekadenz, Niedergang der höheren Rassen.

Abwandlungen des historischen Rassismus

Auf einer möglichst abstrakten Ebene formuliert, beruht dieser Rassismus darauf, einzelnen Menschen aufgrund bestimmter körperlicher Eigenschaften das Recht abzusprechen, vollgültige Mitglieder einer Gesellschaft oder der Menschheit zu sein. Wenn diese Denkfigur handlungsleitend wird, kann sie in vielen Abwandlungen auftreten. Unter anderem in der Abwandlung, die heute vielfach in der Reproduktionsmedizin in Erscheinung tritt. Wenn eine pränatale Diagnose zum Befund führt, das künftige Kind könnte behindert sein, wird es in der Regel abgetrieben. Die Geisteshaltung, die darin zum Ausdruck kommt, ist dieselbe, wie jene des Rassismus, der Menschen aufgrund körperlicher Eigenschaften das Menschsein absprach, und sie deswegen entweder aus der Gesellschaft ausschloß oder ihnen schlichtweg die Existenzberechtigung aberkannte. Wenn die Empfehlung einer Abtreibung in humanitäre Argumentation verkleidet wird, ist das nichts besonderes. Dieselbe humanitäre Argumentation diente auch im historischen Rassismus als Verkleidung für inhumane Handlungen. Der bevölkerungspolitische Diskurs, der in unseren Gesellschaften geführt wird, ist ebenso Teil des eugenetischen Denkens, wie die Ausmerzung lebensunwerten Lebens. Definiert man den Rassismus als Ausschließungsideologie aufgrund des Andersseins, dann stellt sich die überraschende Ähnlichkeit der heutigen demokratischen Gesellschaften mit den totalitären Gesellschaften dar, die sie so stark ablehnen. Auch unsere freiheitlich-demokratischen Gesellschaften schließen Menschen aufgrund ihres Andersseins aus. Vor allem, wenn man einmal von Migranten absieht, schließen sie Teile von sich selbst aus, die autochthone Gewächse sind. Und dies in körperlicher wie geistiger Beziehung. Sie schließen auch die Meinungen, die sich nicht an die herrschenden Paradigmen anpassen, die nicht dem mainstream entsprechen, die alternativ, abweichend, ketzerisch sind, aus.

Die Abdrängung und Tabuisierung mancher Gedankenrichtungen führt dazu, daß diese in den informellen Untergrund der Gesellschaft abtauchen und dort um so stärker wirken. Während unsere öffentliche Hochgesellschaft die Zivilreligion der Menschenrechte zelebriert, wuchert in ihren Untergründen das tabuisierte Gedankengut fort und treibt alle möglichen Ableger, die gar nicht als solche erkannt werden. Von diesen akzeptierten Ablegern geht aber die aktuelle Bedrohung der Humanität aus, nicht von ihren der Vergangenheit angehörenden tabuisierten Vorläufern.

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