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Berliner Konferenz: "Europa eine Seele geben"
Ein Bericht von Achim Hellmich erschienen in der Ausgabe 49/2006 der Zeitschrift Das Goetheanum. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Vom 17. bis 19. November kamen aus ganz Europa etwa 300 Politiker, Künstler und Vertreter von NGOs zusammen, um nach 2004 zum zweiten Mal das Thema "Europa eine Seele geben" zu debattieren. Aspekte der emotionalen, kulturellen und menschlichen Bindung als Elemente eines "gefühlten" Europa wurden in den Redebeiträgen angesprochen.
"Warum ist mir Europa ‹heilig›, kaum dass ich es aus der Ferne sehe, und warum so profan, alltäglich, geradezu langweilig, kaum dass ich wieder hier bin?" fragt der Filmregisseur Wim Wenders. Er steht am Mikrophon, redet sich seinen Frust und seine Liebe über Europa von der Seele und meint: "Europa hat eine Seele, oh ja, die muss man unserem Kontinent nicht erst geben, die hat er schon. Das ist nicht seine Politik und nicht seine Wirtschaft. Das ist in erster Linie seine Kultur."
Enge emotionale Bindung
Wim Wenders, der zwischen Berlin und Los Angeles regelmäßig pendelt und weltweit tätig ist, sieht Europa immer wieder von außen. "In den letzten Monaten habe ich Europa aus Chicago und New York, aus Tokio, Rio und Australien gesehen, mitten aus Afrika heraus, aus dem Kongo, aus Moskau. Ich sage Ihnen, Europa erschien jeweils in einem anderen Licht, aber immer als Paradies, als ein Traum der Menschheit, als Hort des Friedens, des Wohlstandes, der Zivilisation." So viel Liebe zu diesem Europa? Aber: Wenders sieht diesen Kontinent bedroht, nicht ökonomisch, nicht militärisch, sondern in seiner kulturellen Substanz. Für ihn, den Filmemacher, sind die Bilder Träger von Emotionen. Doch diese Bilderwelten werden zunehmend von den USA okkupiert. Für Wenders wird es aber kein europäisches Bewusstsein geben ohne eine enge emotionale Bindung an diesen Kontinent, keine zukünftige europäische Identität, ohne "dass wir unsere eigenen Mythen, unsere eigene Geschichte, unsere eigenen Ideen und Gefühle uns vor Augen halten können!". Eine differenzierte und doch gemeinsame Gefühlswelt sei substanziell für die Seele Europas. Nun lassen sich weitere Elementarteilchen dieser europäischen Seele bestimmen, wie heimatliche Wurzeln, das Familienleben und das Gemeindewesen, die Rechtsordnung, die Sprache und die Bildung, die Wissenschaft und der Glaube. Um eine gemeinsame Seele zu bilden, ist dieses differenzierte Innenverhältnis der europäischen Länder untereinander durch gegenseitigen Respekt nötig, denn nichts trennt mehr als Arroganz gegenüber anderen.
Geistig-kultureller Standort
Ist diese traditionelle Zusammenschau seelischer Komponenten angesichts globaler Entwicklungen noch wirksam oder schon verflacht? George Soros bietet das Konzept einer offenen Gesellschaft als Grundlage des Zusammenlebens an. Bisher ist die offene Gesellschaft eine Idee und bildet ein Netzwerk in 50 Ländern zur Förderung der Zivilgesellschaft, in der sich der Einzelne für gemeinschaftliche Aufgaben engagieren kann und vorgegebene staatliche Institutionen überflüssig macht. Dieses Übernehmen eigener Aufgaben, die im Gemeinschaftlichen münden, schafft seelische Identität.
Was bilden Europa und seine mögliche Seelenkonfiguration auf der allgemeinen Ebene? Einig war sich die Konferenz darin, dass Europa nicht nur ein Wirtschaftsstandort, sondern ein geistig-kultureller Standort ist. Die Kommissarin für Außenbeziehungen und europäische Nachbarschaft, Benita Ferrero-Waldner, zitierte Paul Valéry: "Europäisch ist alles, was von den drei Quellen Jerusalem, Athen und Rom herrührt", also die jüdisch-christliche Prägung, die griechische Philosophie und Wissenschaft, das römische Recht und ein durch die Aufklärung verstärktes Bewusstsein von Spiritualität, Demokratie und individueller Freiheit – Ausdrucksformen eines kollektiven kulturellen Unterbewusstseins in uns. Entsprechendes gilt für die Kultur der Freiheit, als ein Widerspiel von Freiheit und Verantwortung, und letztendlich für die Rechtskultur, die für die Stärke des Rechts und nicht für das Recht des Stärkeren steht. Entscheidend für ein gemeinsames europäisches Bewusstsein ist mehr denn je die schulische Bildung. Bei dieser Diskussion wurden die Schwachstellen der Identifikation mit Europa, den Werten und den kulturellen Grundlagen deutlich. Projekte wie das gerade erschienene deutsch-französische Geschichtsbuch sind kleine Schritte, ein gemeinsames Bewusstsein zu bilden. Es geht darum, im Curriculum die europäische Geschichte und Gegenwart in die schulische Lehre einzubringen. Das ist ein Generationenprojekt, aber die Grundbildung für die europäische Kultur.
Reale Begegnungen herstellen
Das Problem ist es nicht, die Seele Europas zu entdecken oder zu beschreiben, sondern die Frage, wie sich diese in den Menschen Europas äußert. Neben der bildungspolitischen Ebene wurde auf der kommunalen Ebene eine stärkere Verknüpfung europäischer Städte und Gemeinden durch Partnerschaften gefordert. Konkret bedeutet dies, kulturelle Impulse zu initiieren, um reale Begegnungen zwischen Menschen – im Unterschied zu virtuellen Begegnungen mittels Fernsehen – herzustellen
"Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt", wie Jacques Delors einmal sagte; aber ein Europa als Ideengeber, als ein geistiges Zentrum in der allgemeinen globalen Weltvernetzung könnte liebenswert sein.
Kontakt zum französisch-deutschen Schulbuchprojekt: Berliner Konferenz, Klingelhöferstr. 7, DE–10785 Berlin, Tel. +49/(0)30/263 92 29 40.
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