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Elite - Vergangenheit oder Zukunft?

Gedankenexperiment zur Auferstehung eines verstaubten Begriffs
Von Philip Kovce
Erschienen in der Zeitschrift "Die Drei", Nr. 03/2007. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Elite. Dieses Wort deutet auf einen Begriff, der in Deutschland schon lange Geschichte, d.h. vergangen ist, zugleich aber auch eine ereignisreiche Geschichte und Vergangenheit aufweist. Ein verstaubtes Wort, wohl kaum einer Überlegung wert. Zumindest bis gestern! Denn heute lässt sich beinahe von einer Auferstehung dieses Wortes sprechen: Gerade in der  Bildungspolitik, speziell in der Hochschulpolitik, aber auch in Wirtschaft und Gesellschaft erfreut sich dieses Wort steigender Popularität. Doch warum dies? - Sie sehen, es scheint die Mühe nicht ganz umsonst und  unangemessen, sich dem Wort und seinem Begriff gedanklich annähern zu wollen.

Schlägt man in einem Lexikon nach, so findet man in groben Zügen folgende Erläuterungen:  Elite, d.i. Führungsschicht, die Besten, Auslese der Besten. Oder auch: Gesellschaftsschicht, die sich als aus höherwertigen Mitgliedern der Gesellschaft zusammengesetzt versteht.

Vergangenheit

In Deutschland war nach dem Dritten Reich ein Wort verschwunden, vor dem man wegen seiner braunen Tradition geradezu zurückschreckte: Elite. Ein Wort, welches zu Zeiten des nationalsozialistischen Martyriums Ausdruck war für absolute Hierarchisierung, Klassifizierung und Stigmatisierung. Es spiegelte sowohl preußische Dogmen als auch faschistisches Selbst und Gesellschaftsverständnis. »Eine Weltanschauung, die sich bestrebt, unter Ablehnung des demokratischen Massengedankens, dem besten Volk, also den höchsten Menschen, diese Erde zu geben, muss logischerweise auch innerhalb dieses Volkes wieder dem gleichen aristokratischen Prinzip gehorchen und den besten Köpfen die Führung und den höchsten Einfluss im betreffenden Volke sichern. Damit baut sie nicht auf dem Gedanken der Majorität, sondern auf dem der Persönlichkeit auf.« [1]

Dies lässt Hitler in »Mein Kampf« formulieren, wobei die äußerste Wichtigkeit einer fest konstituierten Elite für das autoritäre Gewaltregime deutlich hervortritt. Knapp sei damit das Tabu umrissen, welches dem Wort »Elite« im Nachkriegsdeutschland auferlegt war. Dabei war offensichtlich nach 1945 nicht plötzlich die alte Elite verschwunden, wohl aber ihre Bezeichnung als solche. Man war danach bemüht, das Wort, wenn überhaupt, spezialisiert zu verwenden: Es wurde unterschieden zwischen politischen, wirtschaftlichen, sportlichen, künstlerischen, akademischen Eliten, die auf den jeweiligen Gebieten Spitzen- oder Führungspositionen einnahmen. Bewusstseinsphänomenologisch kann sich im Wunsch nach einer Elite nachstehendes zu erkennen geben: Derselbe externalisiert eine gewisse, auf dem Individuum lastende Verantwortung, die sich selbst ab- und einer Elite zugesprochen wird. Es obliegt nun dem Elitären, dieses konstruierte Abhängigkeitsverhältnis zu (be)nutzen und den Abhängigen zu (ver)führen. Dabei gilt es festzustellen, dass ein Elitebegriff der hier geschilderten Ausprägung ein spaltender ist, weil er eine Eigendynamik entwickelt; er setzt eine Elite voraus, die nicht wegen ihrer bloßen Qualität das Prädikat verdient, sondern die aktiv Herrschaft ausübt und damit einem normativ-aristokratischen Organ gleicht. Dieses Begriffsverständnis ist in historischer Reflexion betrachtet über Jahrhunderte selbstverständliche Realität gewesen. Abhängigkeit gegenüber Kirche, gegenüber Wissenschaft, gegenüber Politik; schlechterdings Abhängigkeit gegenüber einer äußeren Wahrheit: Dadurch wurde und hat sich in der Vergangenheit eine Elite begründet. Genannte Elitestruktur fand in der nationalsozialistischen Kultur schließlich ihren Höhepunkt - einen grausamen Höhepunkt, wohl auch, weil der Auswuchs nicht mehr die Begegnung von Mensch zu Mensch zu kennen schien, sondern auf allen Ebenen nur noch von Herrschenden und Untergebenen.

Gegenwart

Heute taucht dies Wort nun wieder in konkreten Zusammenhängen auf: In der Hochschulpolitik wird eifrig über die »Exzellenzinitiative« diskutiert, welche Universitäten vor allem durch finanzielle Fördermittel zu Eliteschmieden wandeln soll. In erster Auswahl konnten sich im vergangenen Oktober die Ludwig- Maximilian- Universität München, die TU München und die TU Karlsruhe durchsetzen. In einer zweiten Runde wetteifern gerade weitere Hochschulen um die ersehnten Gelder. Diese fließen zur Heranzüchtung einer Elite und dafür größtenteils in die Forschung. Bleibt damit nach heutigen Kennzeichen des Elitebegriffs zu suchen, zumal dieser auf einmal derart popularisiert wird. Auf diesem Weg drängt sich die Frage auf, ob das aufgezeigte Verständnis des historischen Elitebegriffs überhaupt noch ein zeitgemäßes sein kann. Im Zeitalter der Globalisierung und Individualisierung ist jeder mehr und mehr auf sich allein gestellt, sodass sich heute kontinuierlich die Aufgabe stellt, ein bewusstes und freies Verhältnis zu sich selbst und seiner Umwelt zu entwickeln und zu gestalten. Kann dieser Herausforderung überhaupt eine Elite gerecht werden oder ist der Wunsch nach Elite Kapitulation vor eben dieser Herausforderung?

Ein Vorschlag

Neben der am Anfang vorgestellten Definition von Elite möchte ich eine andere und vielleicht zuerst irritierende vorschlagen: Elite ist, was einen bestimmt; Elite ist, durch den sich jemand bestimmen lässt. Sie mögen mir nicht unberechtigt den Einwurf machen, mit dieser Definition würde ich mich willkürlich von dem ursprünglichen Begriffsinhalt entfernen. Dies ist schon richtig, ich sehe es jedoch als Notwendigkeit und Chance zugleich, durch diese Erweiterung das heutige Bedürfnis im selben Begriff fassen zu können. Wenn Elite ist, was einen bestimmt, wenn Elite ist, durch den sich jemand bestimmen lässt, so ist in dieser Definition der gesamte Gehalt des historischen Elitebegriffs eingeschlossen, aber damit nicht abgeschlossen. Persönlichkeiten, Dogmen, Glaube - dies alles kann bestimmendes Moment des Menschen sein, sofern er seine Individualität (noch) nicht ergreift. Macht er aber genau diese zur Macht, macht er sein Ich zum Bestimmer, lässt er aus seinem Ich die Motive seiner Handlungen fließen, so verhält er sich zu sich selbst wie eine Elite in sich und kennt keine Elite mehr außer sich. Oder ganz radikal, wie es der Philosoph und Journalist Max Stirner ausspricht: »Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müsste, kenne ich nicht. Für mich gibt es keine Wahrheit, denn über mich geht nichts! Auch nicht mein Wesen, auch nicht das Wesen des Menschen geht über mich!« [2]

Eine Aussage, die der junge Rudolf Steiner in einem Essay mit den Worten kommentiert: »Und ich hatte eine Empfindung von der Seligkeit, welche die Brust des Mannes durchdrang, der da sagen konnte: ›Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müsste, kenne ich nicht.‹ … Ein Eroberer ohne gleichen ist Max Stirner, denn er steht nicht mehr im Solde der Wahrheit; sie steht in dem seinen.« [3]
Darin mag das Verständnis eines zeit-, d.h. auch wesensgemäßen Elitebegriffs liegen können. Diese Elite besteht nicht durch Bildungs- oder Finanzprivilegien, sondern sie kann immer dann entstehen, wenn der Einzelne bewusst sein Leben ergreift und zu gestalten beginnt.

(K)eine Zukunft

Nun ist es, allein die Realität gebietet es, zum Abschluss notwendig, den Begriff wieder auf seinen ursprünglichen Gehalt einzuschmelzen, denn dieser umfasst nicht die Aspekte, die anzudeuten versucht wurden. Dort wird das Wort »Elite« jener vom Individuum ausgehenden Initiative nicht gerecht, und deshalb ist der Begriff in seiner Beschränkung eine gerade dem Individuum ausweichende und damit unangemessene Forderung der Zeit. Wer aber kann sich nach den vorangestellten Gedanken heute noch eine konventionell verstandene Elite wünschen? Eigentlich kommen dafür nur zwei Positionen infrage: Diejenige, die um ihre Macht über andere fürchtet oder diejenige, die sich vor ihrer Freiheit fürchtet.

Die Herausforderung der Freiheit, der tägliche Kampf um dieselbe sind Kennzeichen unserer Zeit. Der Kampf um Freiheit ist zugleich stets ein Wandel am Abgrund mit offener Zukunft. In diesem Ringen zu stehen bedeutet allerdings auch, einen Hoffnungskeim zu nähren. Sich diesem Ringen dagegen zu entziehen kann auf äußerstes Glatteis, in den »freien« Fall führen: »Die wachsende Perspektivlosigkeit innerhalb der Jugend ist auch eine Folge der von Schule, Politik und Medien verschuldeten Wertelosigkeit! Die heutige Massenkultur erzeugt inhaltsleere Individualisten, deren Unzufriedenheit sich immer öfter in sinnloser Gewalt äußert! … Diese gefährliche Entwicklung muss rückgängig gemacht werden. … Jugend braucht positive Vorbilder, an denen sie sich orientieren kann!« [4]
Die Wenigsten mögen beim ersten Lesen erahnen, dass dieses Zitat wörtlich aus den aktuellen NPD-Leitlinien stammt. Der Ton wirkt sanft und aufgesetzt unschuldig, aber was steht wirklich dahinter? Ein Menschenbild, welches den Menschen nicht kennt, höchstens das wütende Tier in ihm, eine  antiindividualistische Fratze, die genau dort ihr konkretes Gesicht offenbaren kann, wo sie Menschen in ihren Bann zieht, die sich durch Unfähigkeit ihrer moralischen Phantasie, Werte in sich zu schaffen, dieser »Elite« ausliefern.

Ein Kapitulieren vor dem Kampf um innere Freiheit (und schließlich ist dies nicht zuletzt der Kampf ums Ich!) heißt, ich werde vom Agierenden zum Reagierenden, vom Handelnden zum Behandelten, vom Täter zum Opfer. Nicht zum Opfernden, sondern zum Geopferten. Besonders in der Wahrnehmung des menschlichen Gegenübers entsteht heute ein immer größerer Verlust, welcher einer inneren Kapitulation nährreichen Boden bereitet, da der Verlust des Menschlichen im Gegenüber stets auch ein Verlust der eigenen Menschlichkeit ist.

Ist Elite nun vergangen oder zukunftsfähig? Der Schrei nach einer Elite: Ruft sich das Individuum dabei selbst, wird es sein Echo aus der Zukunft hören können. Für einen zukunftsfähigen Begriff taugt allerdings das Wort nicht, denn dieses weist - wie aufgezeigt - in die Vergangenheit. Der Schrei nach dieser Elite - er hallt dumpf aus der Vergangenheit zurück. Sein Echo ist braun, dass mir schwarz vor Augen wird.


[1] Adolf Hitler: Mein Kampf, München 1936, S. 493.
[2] Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum (1844), Leipzig, ohne Jahr, S. 415.
[3] Rudolf Steiner: Voilà un homme (1898), in: Gesammelte Aufsätze zur Literatur 1884-1902 (GA 32), Dornach 1971, S. 219.
[4] Webseite der NPD

 

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