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Zum Geburtstag der anthroposophischen Heilpädagogik. Dieser Beitrag erschien zuerst in der aktuellen Ausgabe der "Punkt und Kreis", der Mitgliederzeitschrift des Verbandes für Anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V. von Rüdiger Grimm
Am 18. Juni 1924 besuchte Rudolf Steiner, auf der Rückreise von Schloss Koberwitz kommend, wo er gerade den Landwirtschaftlichen Kurs gehalten hatte, das neu eröffnete "Heil- und Erziehungsinstitut für Seelenpflege-bedürftige Kinder" auf dem Lauenstein bei Jena. Steiner, der mit zwei Vorstandsmitgliedern der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft Elisabeth Vreede und Günther Wachsmuth angereist kam, verbrachte einen ganzen Tag dort, wobei er, wie ein Mitglied der Gründergruppe, Werner Pache, es später beschrieb, "die Kinder anschaute, ihr Wesen erklärte, Behandlungen angab, Haus und Garten eingehend besichtigte und in vielen Einzelheiten seinen goldenen Rat erteilte. Er begegnete dabei der kleinen Mitarbeiterschar so vertrauensvoll, und seine Anwesenheit machte diesen Tag zu einem so innigen Fest, dass ein Strom von Segen davon ausging. So wird denn auch dieser Tag in den deutschen Instituten seither als Geburtstag der Heilpädagogik gefeiert" (Pache 1954)
Auch Steiner selbst hat nach seiner Rückkehr nach Dornach im Nachrichtenblatt darüber berichtet: "Dann konnte ich am Dienstag herüberfahren nach Jena-Lauenstein, wo eine Anzahl unserer jüngeren Freunde mit Fräulein Dr. Ilse Knauer zusammen eine Heil- und Erziehungsstätte begründen". Er fährt fort: "Ich konnte die Sache etwas inaugurieren und konnte die ersten aufgenommenen Kinder sehen" (Steiner 1987, 307). Im Heilpädagogischen Kurs, den Steiner wenige Tage darauf in Dornach gehalten hat, kann man aus seinem eigenen Mund einiges über die Kinder erfahren, denen er an diesem Tag begegnet war, z.B. über den 16-jährigen Lothar, der Rudolf Steiner beim Spaziergang im Park photographieren wollte: "… er kam mit seinem kleinen Kodak und wollte uns aufnehmen, er besorgte das ganz ordentlich und besorgte es mit tiefgehendem Interesse. Nun versuchte ich ihm nachher zu sagen, er solle noch eine andere Aufgabe machen. Dazu wäre aber nötig gewesen, dass er sich erst den Film geholt hätte …" (Steiner 1995, 146). Das wollte Lothar jedoch nicht, da er dann nochmals in das Haus hätte laufen müssen. Steiner fand, dass sich in der kurzen Szene etwas Charakteristisches aussprach, nämlich die Schwierigkeit, den eigenen Willen bis in das Stoffwechsel-Gliedmassen-System zu lenken und steuerte eine Fülle von Ideen bei, wie man dem Jugendlichen bei der Überwindung dieses Problems helfen könnte.
Die Begegnung mit Lothar führte insofern zu seiner Schlüsselstelle des Heilpädagogischen Kurses, als Rudolf Steiner eine grundlegende Aussage über die Art der Verbindung zwischen Erziehenden und Kind machte: "Es handelt sich gar nicht darum, dass man den ganzen Tag gewissermassen auf Auslug steht, sondern dass man sich einen Sinn erwirbt für charakteristische Vorkommnisse. (… ) Nicht darauf kommt es an, wieviel Zeit man mit den Dingen verbringt, sondern wie stark man sich innerlich damit verbindet" (ebd.).
Auch wenn der Lauenstein-Tag heutzutage nicht mehr in jeder Einrichtung als "Geburtstag der Heilpädagogik" gefeiert wird, bleibt er ein inneres Ereignis – eine fortdauernde Inaugurationsfeier. Man kann diesen Tag als eine gegenseitige Bestätigung verstehen: die jungen Heilpädagogen – Löffler, Pickert und Strohschein – hatten Steiner gezeigt, dass sie in der Lage waren, mit den dürftigsten Mitteln eine heilpädagogische Einrichtung aufzubauen, die materiellen Resourcen dafür zu finden, vor allem aber auch das Vertrauen zu erwecken, dass Eltern ihre Kinder der neuen Initiative anvertrauen wollten. Für Rudolf Steiner, der in der Aufgabenfülle des Jahres 1924 einen vollen Tag dort verbrachte, muss dies eine wichtige Erfahrung gewesen sein, der er auch seine Bewunderung zollte ("Sagen Sie, wie haben Sie das eigentlich gemacht?" Strohschein 1980, 219), die vielleicht auch ausschlaggebend wurde, dass der Heilpädagogische Kurs dann so schnell – oder vielleicht muss man sagen: noch – zustande kam.
Umgekehrt war der Besuch Steiners für das kleine Kollegium eine tiefe Bestätigung, dass ihr kleiner und bescheidener Anfang von ihm auf so warmherzige Weise gewürdigt wurde. Es war natürlich klar, dass es ein Anfang war: "So ist ja hier noch wohl manches", soll Steiner gesagt haben, als er auf dem Gelände einen rostigen Eimer ohne Boden fand (Pickert 1991, 14). Auch während des Heilpädagogischen Kurses blieb ihnen manch peinliche Situation nicht erspart, z.B. jene Bemerkungen über die "schwer besiegbare Eitelkeit", "das allgemeine Reden von Missionen" und "die geringe Neigung auf die speziellen kleinen Dinge … einzugehen" (Steiner 1995, 152 f). Die heilpädagogische Aufgabe erforderte Entwicklung gerade von denjenigen, die sich für die Entwicklung von Menschen mit Behinderungen einsetzen wollten. Der "Moment" des Lauenstein-Tages hat in ihnen gewiss zeitlebens nachgewirkt, ein wirklicher Geburtstag, der sich Jahr für Jahr nicht bloss wiederholt, sondern erneuert.
Die Entwicklung der Heilpädagogik ist natürlich nicht nur als ein Impuls von wenigen Menschen zu verstehen, sondern als ein genuines Geschehen innerhalb des anthroposophischen Kulturimpulses, der ohne sie nicht vollständig geworden wäre. Heilpädagogik rechnet mit der Fragilität der menschlichen Entwicklung, der grundlegenden Abhängigkeit und Bedürftigkeit des Menschen als einer "Conditio humana", aber auch damit, dass sich in jeder Biographie mehr als ein äusserliches Erfolgskonzept des Gelingens oder Scheiterns ausspricht. Entwicklung geschieht an den Widerständen des Lebens und des eigenen Leibes und führt – in einem gelingenden Leben – zu der Erfahrung immer mehr sich selbst zu werden. "Ich habe stets bemerkt, dass ich sofort das Vertrauen eines irgendwie gebrechlichen oder verkrüppelten Menschen hatte, wenn ich das Augenmerk darauf richtet, dass ja nur der physische Körper das Gebrechen hat, dass aber die dem physischen Körper zugrundeliegende Geistgestalt voll intakt ist", hatte Steiner an den Journalisten Willy Schlüter schon 1915 geschrieben (Grimm 2010). Insofern bringt die Heilpädagogik (wie auch die später hinzugekommene Sozialtherapie) dem Kulturimpuls der Anthroposophie eine wichtige Farbe hinzu, und kann sich ihrerseits in ihm voll entfalten, indem sie in sich seine verschiedenen Ströme birgt: die Pädagogik der Waldorfschule, den medizinischen Impuls, die Künste, nicht zuletzt die Impulse für das soziale Leben, vor allem aber auch die spirituellen und religiösen Grundlagen einer Gemeinschaftskultur, die in den schwierigen Entwicklungen des angebrochenen 20. Jahrhundert zur Bewährung anstehen musste. Aus diesem Zusammenklang entwickelte sich dann in den Jahren nach 1924 und bis 1933 die komplexe und differenzierte Gestalt einer "anthroposophischen" Heilpädagogik und Sozialtherapie.
Steiner hatte sie mit seinem Besuch auf dem Lauenstein "inauguriert" und mit dem "Heilpädagogischen Kurs" inhaltlich und methodologisch fundiert. Eine bewunderungswürdige und enthusiastische Gruppe von Menschen in Jena, Arlesheim und Stuttgart, in Altefeld, Pilgramshain, Gerswalde und anderen Orten machten daraus in vergleichsweise wenigen Jahren eine Bewegung in welcher bald mehrere hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene Orte zum Leben, Lernen und Arbeiten fanden. Der Begriff der "Kulturinseln", den Ita Wegman später im Hinblick auf das Überleben im "Dritten Reich" prägte, verdeutlicht den Begriff der Heilpädagogik in einem umfassenden Verständnis des Ineinanderwirkens von individuellen und gemeinschaftlichen Aufgaben, von medizinischen und pädagogischen Massnahmen, des vielfältigen Wirkens der Künste, der Feiern und des religiösen Erlebens, der Pflege der Erde, der Pflanzen- und Tierwelt in Landwirtschaft und Garten – Entwicklungsumgebungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Die Begründung einer aus anthroposophischer Methodologie entwickelten Heilpädagogik ist allerdings nicht als selbstgenügsamer Baustein innerhalb einer anthroposophischen Kultur zu verstehen. Die Heil- und Sonderpädagogik befand sich in den zwanziger Jahres in einem kritischen Stadium ihrer Entwicklung. Nach Jahren des erfolgsreichen Aufbaus, z.B. der grossen "Anstalten" für Menschen mit schweren Behinderungen oder Verwahrlosung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts oder der "Hilfsschulbewegung" für die Kinder mit Lernschwierigkeiten wurden behinderte Menschen zum Gegenstand der Diskussion von Eugenik und Rassenhygiene, deren Protagonisten in ganz Europa aktiv wurden und auch innerhalb der Reihen von Fachpersonen, z.B. der Lehrerschaft von Sonderschulen, zu finden waren. So konnte im Jahr 1924, dem Gründungsjahr der anthroposophischen Heilpädagogik, auf dem 2. Kongress für Heilpädagogik in München über die "Verbreitung körperlicher und geistiger Gebrechen im Volk und den daraus für Volkswirtschaft und Staat erwachsenden Lasten" gesprochen werden, wobei eine Kostenersparnis bei einer Tötung der unheilbar Blödsinnigen mit 10 Millionen Mark errechnet wurde. Speck, der dies dokumentiert hat, konstatiert, dass die vor 650 Teilnehmern vorgetragenen Thesen keinen Widerstand auslösten (Speck 1979, 66).
Auch wenn die kleinen Anfänge der anthroposophischen Heilpädagogik in den damaligen Zeiten kaum wahrgenommen wurden und die unheilvollen Geschehnisse der Ermordung von mehreren hunderttausend behinderter Menschen während des Nazi-Regimes nicht aufgehalten werden konnte, bildet sie doch – zusammen mit anderen humanistischen Strömungen – nicht nur ein inneres, sondern auch faktisches Gegengewicht zu den Stimmen von Biologismus und Euthanasie, die auch nach der Katastrophe der "Aktion T4" und des Holocaust im 20. Jahrhundert bis zu seinem Ende nie ganz verstummt sind. Das haben auch Persönlichkeiten gesehen, die ansonsten der anthroposophischen Heilpädagogik keineswegs unkritisch gegenüber stehen. So schrieb der kürzlich verstorbene, bedeutende Schweizer Heilpädagoge Emil E. Kobi: "Steiner brachte ein radikal neue Sichtweise und Definition dessen, was die Gesellschaft, psychiatrischer Usanz gemäss, Schwachsinn nannte. Der Geistigbehinderte ist a priori, aus-sich-selbst-verständlich und vorbehaltlos Mensch und nicht ‹Auch-ein-Mensch›, ‹Trotzdem-ein-Mensch›, ‹Minus-Variante› und was derartiger Einklammerungen mehr sein mögen. Jeder Mensch ist ganzheitlicher Ausdruck des Seinsguten; jedes Leben ist als Schicksal und Auftrag sinnvoll" (Kobi 2004, 264).
Man würde dem Lauenstein-Tag nicht gerecht werden, wenn man ihn als ein auf eine kleine Gruppe begrenztes historisches Ereignis anschaute, als ein Stück Kolorit unserer eigenen Bewegungsgeschichte. Im Licht der Zeitgeschichte wirkt er als das Vermächtnis eine "geistige Bewegung für das praktische Leben fruchtbar zu machen", wie es Steiner dann in seinen Schlussworten des Heilpädagogischen Kurses formulierte. Dies ist eine Aufgabe, die nicht zu Ende kommt: Sie muss ihre Ausgestaltung in den je unterschiedlichen Kontexten und Konstellationen der Zeit erhalten, aber sie braucht dazu Orte innerer Einkehr, in denen sie die Inspirationen und Intuitionen dafür finden kann.
Autorennotiz: Rüdiger Grimm ist Sekretär der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie, Medizinische Sektion, Goetheanum, Dornach und Professor für Heilpädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter
Literaturhinweise: Grimm, Rüdiger (2010): "… die dem physischen Körper zugrundeliegende Geistgestalt". Rudolf Steiner über ‹Krüppelfürsorge› – Der Briefwechsel mit dem Biosophen und Tatdenker Willy Schlüter. In: Seelenpflege in Heilpädagogik und Sozialtherapie 29 (2), S. 26–42. Kobi, Emil E. (2004): Grundfragen der Heilpädagogik. Eine Einführung in Heilpädagogisches Denken. 6., bearb. und erg. Berlin: BHP-Verl (Grundlagen). Pache, Werner (1954): Zum dreißigjährigen Bestehen der anthroposophisch-heilpädagogischen Bewegung. In: Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland 8 (28), S. 67–72. Pickert, Siegfried (1991): Die Anfänge der anthroposophischen Heilpädagogik. In: Seelenpflege in Heilpädagogik und Sozialtherapie, Sonderheft (4), S. 5–19. Speck, Otto (1979): Geschichte. In: Heinz Bach (Hg.): Pädagogik der Geistigbehinderten. Berlin: Carl Marhold Verlagsbuchhandlung (Handbuch der Sonderpädagogik, 5), S. 57–74. Steiner, Rudolf (1987): Bericht über Breslau-Koberwitz in Dornach. Mündliche Ausführung in Dornach, 20. Juni 1924. In: Rudolf Steiner: Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum 1924 - 1925. Aufsätze und Mitteilungen, Vorträge und Ansprachen ; Dokumente Januar 1924 bis März 1925, Bd. 9. 2. Aufl., neu durchges. u. erg. Dornach: Rudolf Steiner Verlag (Gesamtausgabe, 260a), S. 300–315. Steiner, Rudolf (1995): Heilpädagogischer Kurs. Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach vom 25. Juni bis 7. Juli 1924 vor Ärzten und Heilpädagogen. 8. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag (Gesamtausgabe, 317). Strohschein, Albrecht (1980): Die Entstehung der anthroposophischen Heilpädagogik. In: Maria J. von Krück von Poturzyn (Hg.): Wir erlebten Rudolf Steiner. Erinnerungen seiner Schüler. 6. Aufl. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, S. 211–226.
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