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Stehen die Zeichen auf Sturm? Was geht vor im Dornacher Rudolf-Steiner-Archiv? Die Personalentscheidungen seitens des Vorstands der Nachlassverwaltung stoßen auf Kritik und Unbehagen bei Mitgliedern der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Und die Nachfragen werden deutlicher.

mm/tdz. - In den anthroposophischen Zusammenhängen ist seit geraumer Zeit trotz aller - für die anthropsophische Welt erfreulichen - Nachrichten über die aktuelle mediale Steiner-Präsenz ein deutliches und fast nicht mehr zu überhörendes Grummeln zu vernehmen. Eine der Ursachen dafür ist der Umgang mit Personalfragen in der Nachlassverwaltung. Die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung e.V. betreibt das Archiv und ist als Herausgeberin verantwortlich für die beim Rudolf-Steiner Verlag gedruckte Gesamtausgabe der Schriften Steiners. Der Unmut richtet sich unter anderem gegen die Entscheidung des Vorstands des Nachlassvereins, die Mitarbeiterin Vera Koppehel zu entlassen und Dr. Walter Kugler, dem bisherigen Leiter des Archivs, durch eine Neustrukturierung der Aufgaben die Gesamtleitung zu entziehen. Vorangegangen war die Entlassung Walter Kuglers, die dann kurze Zeit später wieder aufgehoben wurde.

Auf den ersten Blick scheint die Lage eindeutig. Wenn die Ertragslage nicht stimmt, muss gespart werden. Und so wunderte sich wohl auch die Mehrzahl der Leser der Wochenschrift "das Goetheanum" nicht, als sie in der Ausgabe vom 16. Juli 2011 von "dramatischen Einschnitten" im Rudolf Steiner Archiv lesen mussten, für die nach Aussagen von Cornelius Bohlen, einem der Vorstände der Nachlassverwaltung, die Finanzlage veranwortlich sei. Nur ein Drittel des veranschlagten Haushalts - der immerhin eine Million Franken beträgt - sei gedeckt, heißt es in der Meldung, und es gäbe "keine weiteren Immobilien, die zur Finanzierung eingelöst werden können". Zu Vera Koppehel heißt es lapidar: "Auch Vera Koppehel verlässt das Archiv. Ihr gelang es, im Jubiläumsjahr Rudolf Steiners die europaweiten Veranstaltungen zu bündeln und einen Rudolf Steiner-Zug auf die Gleise zu bringen." In der Goetheanum-Ausgabe vom 30 Juli 2011 wurde dann Näheres über die künftigen Umstrukturierungen berichtet und dass die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung durch die Umstellung "die Erhaltung und Zugänglichmachung des Werkes von Rudolf Steiner für die Forschung als allgemeine Förderaufgabe des anthroposophischen Lebens kennzeichnen (möchte)." Dafür erhoffe man sich eine breite Unterstützung.

Die Nachlassverwaltung selbst informierte die Öffentlichkeit ihrerseits über die Veränderung der Personalsituation in ähnlich dürren Worten: "Auf Ende April verliess uns Urs Dietler, stellvertretender Archivleiter und Herausgeber, auf Ende Mai Christof Hatebur, tätig für die Gesamtadministration, und nun auf Ende September Vera Koppehel, zuständig für das Sekretariat und die Kommunikation, die sie – neben Walter Kugler – als das Gesicht des Archivs in der Aussenwelt bekannt werden liess." [1] Kein Wort des Bedauerns für eine Personalveränderung, die nur der desolaten finanziellen Lage des Vereins geschuldet sein soll? Stattdessen diplomatische Formulierungen für einen Vorgang, der in der "normalen" Arbeitswelt einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hätte. Nachdem Vera Koppehel die Herabstufung ihrer Stelle abgelehnt hatte, wurde ihr zu Ende September gekündigt und sie musste "über Nacht" ihren Schreibtisch räumen.

Urs Dietler und Christof Hatebur hatten ihrerseits gekündigt und zumindest in einem Fall wurde - nach uns vorliegenden Informationen - das fehlende Vertrauen in die Arbeit des Vorstands und die mangelnde Unterstützung des Archivs durch den Vorstand als Grund angegeben. Auch eine "unvollständige Distanz" gegenüber dem Rudolf-Steiner-Verlag und dessen "konträre Interessenlage gegenüber der Nachlassverwaltung" wurde als Kündigungsgrund ins Feld geführt.

Genug Anlass also, um zu vermuten, dass es hinter den Kulissen der Nachlassverwaltung nicht gerade harmonisch zugeht. In der Juli-Ausgabe der anthroposophischen Monatszeitschrift "die Drei" hatte Stephan Stockmar seinem persönlichen Unbehagen und seiner Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, was die Verantwortlichen umtreibt [2]. Stockmar beschrieb einerseits die durch finanzielle Gegebenheiten entstandenen Probleme, aber auch die Notwendigkeiten und die Aufgaben der Nachlassverwaltung und des Archivs sehr detailliert und wies auch noch einmal sehr deutlich auf die in den letzten Jahren von den MitarbeiterInnen erbrachten Leistungen hin, gerade auch im Zusammenhang mit dem Steiner Jubiläumsjahr; irritiert aber zeigte er sich von den Vorgängen - speziell von der Personalpolitik - im Rudolf-Steiner-Archiv.

Ist tatsächlich alles nur eine Geldfrage oder stecken auch Machtinteressen dahinter, wie Stockmar in seinen "persönlichen Anmerkungen" vermutet? Er schreibt: "So liegt es nahe, im Hintergrund all dieser Vorgänge auch einen Machtkampf zu vermuten. Auf alle Fälle wurde massiv in einen geistigen Lebensraum eingegriffen, der sich dank einer speziellen menschlichen Konstellation in den vergangenen Jahren ausbilden konnte. Gerade auch dank Kugler und Koppehel war es gelungen, die der Sache nach rückwärts gewandte Archivarbeit mit zukunftsträchtigen Initiativen zu verbinden." Ohne diese beiden Personen, so Stockmar in seinem Aufsatz weiter: "wäre Rudolf Steiner vermutlich nie in dem Ausmaße in der Gegenwart angekommen, wie es zuletzt die großen und vielbeachteten Ausstellungen in Wolfsburg und Stuttgart gezeigt haben."

Dieser Einschätzung kann - selbst bei aller gebotenen journalistischen Zurückhaltung - uneingeschränkt zugestimmt werden. Denn wenn es "nur" eine Geldfrage ist, warum muss man sich dann ausgerechnet der Mitarbeiter entledigen, denen es mit ihren Aktionen gelingt, Steiner tatsächlich mit der Welt bekannt zu machen?

Cornelius Bohlen, so Stephan Stockmar an anderer Stelle, hätte gegenüber der Zeitschrift "die Drei" angemerkt, dass der Vorstand "den Eindruck (hat), dass die prioritären Kernaufgaben des Archivs in den Bereichen Achivierung und Edition nachhaltig zu sichern und zu stärken sind." Ein Satz wie dieser könnte nach allgemeiner Lesart ja auch bedeuten, dass der Vorstand "den Eindruck" gewonnen hat, dass diese "Kernaufgaben" bisher nur ungenügend wahrgenommen wurden, oder dass die dafür verantwortlichen MitarbeiterInnen dazu nicht in der Lage seien. Gleichwohl, selbst wenn es so wäre und Walter Kugler und Vera Koppehel ihren eigentlichen Auftrag nicht wahrgenommen haben sollten, würde sich die Frage stellen, warum dann so spät reagiert und jetzt - unter dem Diktat desolater Finanzen - das getan wird, was doch eigentlich schon früher hätte getan werden müssen?

Karl Dieter Bodack ist seit 1973 Mitglied der Anthroposphischen Gesellschaft und hatte - als ehemaliger leitender Bahnmitarbeiter - an der Realisation des RS150 Sonderzuges Rudolf Steiner [3] einen nicht unwesentlichen Anteil. Für sein Empfinden handelt es sich bei den Vorgängen, wie sie derzeit in Dornach zu erleben sind, um "katastrophale" Vorgänge: "Seit einigen Jahren erleben wir immer häufiger Entlassungen in anthroposophischen Zusammenhängen, die oft auch in gerichtlichen Auseinandersetzungen enden, was natürlich auch sehr viel Geld kostet. Wir wissen ja, auch am Goetheanum hat man verdiente Mitarbeiter aus Kostengründen entlassen und dann aber wieder neue Mitarbeiter eingestellt. Das ist eindeutig der falsche Weg."

Auch aus Bodacks Worten spricht die Sorge, dass durch die Vorgänge - insbesondere diejenigen in der Nachlassverwaltung - sehr gravierend in das persönliche Schicksal der Beteiligten eingegriffen werde. In unserem Gespräch schildert er sehr anschaulich, wie man seinerzeit bei der Bahn mit der Frage einer mangelnden Mitarbeiterfinanzierung umgegangen ist: "Es wurde ja für die Entwicklung und den Bau der InterRegiozüge in Weiden in der Oberpfalz extra eine Firma gegründet, die PFA GmbH, und dort wurden Modelle entwickelt, wie man bei unterschiedlichem Auftragsvolumen diese Firma führen kann, ohne Mitarbeiter zu entlassen. Wir haben dann eine flexible Lösung gefunden, bei der die Mitarbeiter einen Basislohn bekamen und die Erlöse pro Produkt auf die Mitarbeiter verteilt wurden. Natürlich kam es da auch zu Schwankungen und es ist auch passiert, dass Mitarbeiter mal ein oder zwei Monate nur mit dem Basislohn auskommen mussten, aber es wurde von allen mitgetragen und so konnten wir Entlassungen vermeiden."

K.D. Bodack versteht nicht, warum man am Goetheanum nicht über neue Formen der Finanzierung und der Leitung nachdenkt. Rudolf Steiner, so sein Hinweis, hätte sich seinerzeit für Betriebsräte stark gemacht [4]. "Aber am Goetheanum gibt es so etwas nicht. Warum nicht?" Und an die Adresse des Nachlassvereins gewendet, sagte er, es sei die Aufgabe des Vorstandes, für die Basisfinanzierung zu sorgen, aber der Vorstand, so Bodacks Meinung, komme dieser Aufgabe nur ungenügend nach. Stattdessen regiere man jetzt auch noch verstärkt in die Aufgabengebiete der Mitarbeiter hinein.

Es sei für ihn beispielsweise auch nicht nachzuvollziehen, warum kein Mitglied des Vorstands des Nachlassvereins bei der Sonderzugreise dabei war, denn "unabhängig von der durch so eine Geste ausgedrückten Wertschätzung für die Initiatoren hätten sich doch auf dieser Reise Kontakte und Gespräche mit Stiftungen oder potentiellen Geldgebern entwickeln können."

Unter all diesen Vorzeichen mutet der im September vollzogene Umzug des Steiner Verlages in den Ackermannshof nach Basel seltsam an. Auch wenn damit eine größere Öffentlichkeit erreicht wird, was selbstverständlich wünschenswert ist, ist doch anzunehmen, dass derlei Aktionen nicht aus der Portokasse bezahlt werden. Und wie lässt sich in diesem Zusammenhang der Umstand bewerten, dass Cornelius Bohlen neben seiner Vorstandstätigkeit für die Nachlassverwaltung auch - seit 2007 - im Verwaltungsrat der Rudolf Steiner Verlag AG sitzt? Auch dies ist, wie es in verschiedenen Hintergrundgesprächen zu diesem Bericht erkennbar wurde, nicht ganz unumstritten. Verbunden damit sind auch kritische Anmerkungen zur Transparenz der Geldströme zwischen Archiv und Verlag. Wenn die im Steiner-Verlag erwirtschafteten Gelder zur Quersubventionierung anderer Bereiche des Verlags verwendet werden, entspräche das - so die Auffassung von Insidern - nicht dem eigentlichen Anliegen, dass nämlich der Verkauf der Bücher die Finanzierung des Archivs resp. der Nachlassverwaltung sichern und damit der Herausgabe der Rudolf Steiner Gesamtausgabe zugute kommen soll. Hier läge es gewiss im Interesse vieler Mitglieder der AAG, dass durch eine transparentere Öffentlichkeitsarbeit seitens der Nachlassverwaltung Irritationen, Vermutungen oder gar Unterstellungen vermieden werden können.

Es steht außer Frage, dass die Probleme an dieser Stelle weder umfassend beleuchtet noch umfassend beantwortet werden können. Es ist auch nicht abzuleugnen, dass es gerade in anthroposophisch orientierten Arbeitsfeldern und Gemeinschaften immer wieder zu komplizierten Situationen kommt, die nicht durch klare Absprachen oder Verträge, sondern durch blumige Reden oder vage Absichtserklärungen geregelt bzw. nicht ausreichend geregelt sind.

Immer wieder auch scheinen die Beteiligten - gerade in Leitungsgremien - an die offensichtlich selbstdefinierten Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit stoßen und sich damit dem Verdacht auszusetzen, selbstherrlich und mit einer Gutsherrenmentalität zu agieren, die abzulegen doch gerade das Ansinnen Rudolf Steiners war: "Heilsam ist nur..." Nach den uns vorliegenden Informationen über die Vorgänge in der Nachlassverwaltung scheint dieser Vorwurf nicht ganz unberechtigt. Und deshalb wäre nicht nur die Nachlassverwaltung, sondern auch auch die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG) in Dornach als der "Dachverband aller Anthroposophen" gut beraten, durch stärkere Transparenz und Offenheit einem offensichtlich immer weiter schwindenden Vertrauen einer durch solche Vorgänge verunsicherten Mitgliedschaft entgegenzuwirken. [5]

[1] Rudolf Steiner Archiv Mitteilung 
[2] Stephan Stockmar in die Drei 
[3] Reisebericht RS150 bei Themen der Zeit 
[4] Rudolf Steiner und die Betriebsrätebewegung 
[5] Thema Rudolf Steiner Archiv auch bei Bloggern (Egogisten)



 

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2 Kommentare

Seite 1 von 1 1

#1 Helge schrieb am 02.11.2011 17:06

Sowas liest man sehr ungern - aber trotzdem bzw. gerade deshalb danke, danke für die Informationen, Michael!!

#2 Norbert schrieb am 02.11.2011 20:17

Die Vorgänge sind mehr als bedauerlich, besonders im "Jubeljahr". Um so wichtiger ist die Konzentration darauf, immer wieder Transparenz und Offenheit einzufordern, nicht nur auf dem Hügel... Danke, Michael.

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