Themen der Zeit
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Anthroposophie und Politik?

Parteipolitik oder Volksbewegung?

Ein Beitrag von Ulrich Rösch
Zuerst erschienen in der Ausgabe 21/08 der Wochenschrift "Das Goetheanum".

Was ist heute für einen Anthroposophen an der Zeit – soll er sich parteipolitisch engagieren oder nicht? Ulrich Rösch, Mitarbeiter der Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum, deckt grundlegende Missverständnisse zu dieser Frage auf, um dadurch dem Bedürfnis nach sozial-poltischem Engagement einen freien Weg bahnen zu können.

Ihren Ausgang nimmt die Diskussion in einem Missverständnis, das sich seit der Konstituierung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Weihnachtstagung 1923 hartnäckig überliefert hat. Dort hatte Rudolf Steiner deutlich machen wollen, dass es nicht die Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft – und ich füge hinzu: der anthroposophischen Bewegung – sein könne, sich parteipolitisch zu engagieren. Dies wurde dann auch in den Statuten festgeschrieben: "Die  (Anthroposophische) Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab. Politik betrachtet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend."
Dieser Satz war nötig geworden, weil einige der anthroposophischen Freunde gemeint hatten, es würde Sinn machen,  als Anthroposophische Gesellschaft die Dreigliederungsidee an politische Parteien heranzubringen, "was von vorneherein ein Fehler bei diesen Freunden war."

Die Gesellschaft ist keine Partei

Dies betrifft natürlich in keiner Weise die Aktivitäten einzelner Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die als freie Individualitäten Mitglieder einer Partei sein können oder Elemente und Ergebnisse der anthroposophischen Sozialforschung an politisch engagierte Kreise herantragen können. Wobei parteipolitische Aktivitäten durchaus auf der Linie sektiererischen Bestrebens zu sehen sein könnten. Rudolf Steiner hat deutlich darauf verwiesen, wie diese Parteien immer unter der Inspiration gefährlicher Widersacherwesen stehen.
Deutlich ist auch, dass unmittelbar aus der Anthroposophischen Gesellschaft und der anthroposophischen Bewegung keine parteipolitischen Aktivitäten entstehen können. Aus der Sache heraus ist das eigentlich selbstredend. Parteien setzen sich immer für partiale Interessen ein.

Die Dreigliederung des sozialen Organismus, als Kernpunkt anthroposophischen sozialen Strebens, ist jedoch ein menschheitliches Phänomen, das sich deshalb immer auf Menschheitsangelegenheiten bezieht, niemals auf Partialinteressen. Angemessen wäre also eine Volksbewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus, wie das von Steiner mit dem ‹Bund für Dreigliederung› beabsichtigt war. Bis es aber so weit ist, muss man aus der Perspektive eines gesunden sozialen Organismus Teilschritte in Angriff nehmen, die aber immer Schritte in die richtige Richtung sein müssen. Genau das war 1919 intendiert, wurde aber von fast allen anthroposophischen Freunden und Mitarbeitenden Rudolf Steiners missverstanden.

Beispiel "freies Schulwesen"

Nach der Gründung der Waldorfschule unternahm Rudolf Steiner den Versuch, eine Weltbewegung für ein freies Schulwesen, einen Weltschulverein, ins Leben zu rufen. Dabei war ihm wieder deutlich, dass er nicht einen Förderverein für die eine Waldorfschule gründen wollte, sondern eine Weltbewegung für ein freies Schulwesen sollte ins Leben gerufen werden. Wie ein Lauffeuer sollte es um die ganze Welt gehen. Überall sollten sich Schulen aus der freien Initiative der Beteiligten gründen und die öffentliche Meinung für ein freies Schulwesen beeinflussen. Dabei war klar, dass es zwar einige engagierte Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft geben würde, dass man aber das Vertrauen haben müsse, dass sich eine Pädagogik nach dem Maße des Menschen herausgestalten würde, wenn Menschen aus Freiheit, losgelöst von staatlicher und wirtschaftlicher Bevormundung, solche Einrichtungen ins Leben rufen würden. Es ging Rudolf Steiner nicht darum, mit den Politikern zu verhandeln, dass ein bisschen mehr Geld für die Waldorfschule zur Verfügung gestellt werden solle: "Ich bin doch ganz davon überzeugt, je besser unsere Waldorfschule wird – wenn wir nicht die Möglichkeit finden, unsere Erziehungsimpulse in die öffentliche Meinung hineinzutragen, dann helfen uns alle Rechenkünste nichts […]. Die öffentliche Meinung zu gewinnen, ist unser einziger praktische Weg."

Solche Schulen hätten nicht allein mit ‹gestandenen Anthroposophen› besetzt werden können. Rudolf Steiner hatte aber das Vertrauen, wenn Menschen in Freiheit, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung tätig werden könnten, sie den rechten Weg zum Geiste finden würden. Neben dem Sichtbarmachen der anthroposophisch geschöpften, modernen Pädagogik ging es ihm insbesondere darum, eine breite Volksbewegung für ein freies Schulwesen ins Leben zu rufen.

Also: Rudolf Steiner war es nicht darum getan, für seine geliebte Waldorfschule noch irgendwo Geld aufzutreiben, um ihr ein Nischendasein zu ermöglichen, sondern er wollte "Propaganda machen für die Loslösung der Schule vom Staat" – für ein autonomes, vom Staat unabhängiges Schulwesen.

Alternativen zur Parteienpolitik

Es war ein genialer Griff, als in den 90er-Jahren als Antwort auf das elitäre Davoser Weltwirtschaftsforum (WEF) das Weltsozialforum (WSF) in Porto Alegre, im südlichen Brasilien, gegründet wurde.

Mit dem WEF trifft sich seit 1971 ein exklusiver Club der Leiter der weltgrößten, einflussreichsten transnationalen Konzerne mit Wirtschaftsprofessoren und den politischen Weltführern im Kurort Davos, um über die globale Entwicklung zu verhandeln. Das WSF versteht sich als ein alternatives, soziales Gegengewicht. Jeder, dem das Voranbringen der Menschheit ein Anliegen ist, soll an diesem Treffen teilnehmen können. Engagierte Individualitäten sollen ihre Fähigkeiten und Anliegen in einem offenen sozialen Kontext beitragen. Als beim dritten Weltsozialforum in Mumbai (Indien) die deutsche Grünen-Politikerin Kerstin Müller ihre Parteiideologie kundtat, wurde von der großen Mehrheit der Teilnehmenden Missfallensbekundungen abgegeben. Im WSF wird erwartet, dass persönliche Ansichten zu den Fragen darlegt werden und keine Parteislogans. Das WSF?soll ein offener Raum sein, in dem Alternativen diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Allianzen zwischen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und sozialen Bewegungen geschlossen werden können.

Allgemein menschliches Wirken

Im ersten anthroposophischen Hochschulkurs in Dornach macht Rudolf Steiner am 7. Oktober 1920 deutlich, dass es die vordringlichste Aufgabe sei, "diese Dreigliederung als solche in das öffentliche Leben der modernen Zivilisation einzuführen […]. Entweder man kommt dazu, den Dreigliederungsimpuls wirklich populär zu machen, so dass er Leben wird, […] oder man kommt keinen Schritt weiter […]. Und daher kann ich nur sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn es sich darum handelt, die Wege zu suchen, um auf dem direktesten und schnellsten Wege für die Dreigliederung des sozialen Organismus zu wirken, dann rede ich ganz gern überall da, wo man mich ruft […]. Wenn man mit allerlei sekundären Vorschlägen kommen möchte, […] dann muss ich sagen, sie kommen mir – ich sage das ganz ohne Emotion – wie eine Erneuerung alter Politikastereien vor, und die interessieren mich nicht. Sie interessieren mich nicht!"

Es kann also bei einer sozialgestaltenden Initiative, die anthroposophischen Impulsen entspringt, nicht darum gehen, irgendwelche Partialin- teressen politisch zu vertreten. Das wäre Parteipolitik, gegen die sich Rudolf Steiner immer verwahrt hat. Partiale Probleme können nur dann sach- und zeitgemäß verstanden werden, wenn sie von einem ganzheitlichen Blick erfasst werden. Das heißt aber:?eine zeitgemäße Sozialgestaltung wird immer in Richtung auf die Dreigliederung, das soziale Ganze gehen. Dabei wäre allerdings zu diskutieren, ob das Wort Dreigliederung benutzt werden muss. Es geht mehr darum, dass die wesentlichen sozialen Phänomene und Prozesse richtig beschrieben werden.

Freiheit und Solidarität

So muss zum Beispiel Freiheit dafür geschaffen werden, die Fähigkeiten, die jemand hat, sinnvoll in das Leben einfließen lassen zu könnnen. Das gilt für die Tätigkeit des Lehrers in gleicher Weise wie für den Arzt – aber auch für den unternehmerisch in der wirtschaftlichen Produktion Tätigen. Nur eine  Wertschöpfung aus Freiheit kann in einer menschengemäßen, brüderlichen Weise in den Austausch gebracht werden. Freiheit und ein solidarisches Zusammenwirken bedingen sich also gegenseitig.

Das vermittelnde Element, die Mitte, kann aber nur aus Rechtsbeziehungen resultieren, in denen die Menschen Gleichheit und Gerechtigkeit erfahren können. Hier auf der Rechtsebene kann es keine Bevorzugung irgendeiner Menschengruppe geben.

Eine politisch-demokratische Kampagne kann sich deshalb nicht um diese oder jene Forderungen anthroposophischer Initiativen oder Einrichtungen kümmern, sondern sie kann im Rechtsleben nur menschheitliche oder allgemein menschliche Forderungen stellen. Die Initiative sollte also nicht um die rechtliche Sicherung irgendwelcher Partialinteressen bemüht sein, sondern um die Sicherung des gleichen Rechts für alle Initiativen, die sich auf die Grundlage der allgemeinen Menschenrechte und der Menschenwürde stellen.

 

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