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Ist alles gut in Anthroposophien?

25.06.2010

Kongress-Auftakt - Foto D. Abilgaard

"Karmakonsum" vs. "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs"? Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland lädt zum Kongress und zur Jahresversammlung in Bochum Langendreer.
von Michael Mentzel

"Mir sind Programm und Referenten zu hausbacken, darüber hatten wir auch schon dialogisiert. Ich gehe lieber zu KarmaKonsum und treffe dort F.M., Thomas D. und alle meine Info3-Freunde." So drückt ein Vertreter des Arbeitskollegiums der Anthroposophischen Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen bei Facebook seine "Wertschätzung" für den Kongress "Arbeit der Zukunft - Karma des Berufs" aus. Stehen solche Sätze für das Programm einer Gruppe, die das Fortbestehen der Anthroposophischen Gesellschaft in ihren derzeitigen Strukturen für obsolet hält?

Es stimmt, dass sehr viele ältere Menschen Mitglieder der Gesellschaft sind, was angesichts der allgemeinen demographischen Entwicklung noch nicht einmal verwunderlich ist, andererseits aber auch ein Zeichen dafür sein kann, dass Menschen ein Interesse an der Kontinuität einer spirituellen Bewegung haben, die sich durch ernsthaftes Arbeit an Fragen des praktischen Lebens auszeichnet. Fragt man einmal diese Menschen nach ihrem Werdegang, stellt man sehr häufig fest, dass sie fast alle einem"bürgerlichen Beruf" nachgehen oder nachgegangen sind, in der nicht die Anthroposophie oder eine bestimmte Art von Meditationspraxis im Vordergrund stehen, sondern die - eben auch - durch Anthroposophie gewonnenen Erkenntnisse in der realen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen praktischen Arbeitsfeld. Das beredteste Beispiel ist dm-Gründer Götz Werner, der als Anthroposoph mit beiden Beinen im Leben steht, dessen Aufgabe aber nicht darin besteht, die Anthroposophie bekannt zu machen, sondern der für ein soziales Modell wirbt, das für Jeden ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen kann.

Michael Schmock vom Vorstand der AGiD schilderte die Entwicklung der Idee dieses Kongresses und wies sehr eindrücklich auf die globalen Probleme hin, die die Menschheit als Ganzes zur Zeit bewegen. Er freue sich auf die Tagung mit den vielen kompetenten Beteiligten, die alle ohne zu zögern zugesagt hätten, sich mit ihren Beiträgen am Tagungsthema zu beteiligen. Anthroposophie böte keine fertigen Antworten, sondern die Möglichkeit, durch die richtigen Fragen zu einer Erweiterung des Verständnisses zu kommen.

Zur Auftaktveranstaltung des Kongresses hielt Hartwig Schiller eine bemerkenswerte Rede, in der die Grenzlinien zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und dem Rest der Welt pötzlich nicht mehr zu existieren oder zumindest aufgebrochen erschienen. Dies dürfte wohl auch auf die große Steiner-Ausstellung in Wolfsburg zurückzuführen sein, deren damit verbundene Medienpräsenz auch als äußerer Ausdruck für einen wirklichen Wechsel in der öffentlichen Wahrnehmung interpretiert werden kann. Bemerkenswert aber auch deshalb, weil hier ein Repräsentant der Anthroposophischen Gesellschaft klar zum Ausdruck brachte, was notwendig zu einer Veränderung der "Menschengesellschaft" gehört: Ein neues Verständnis von Arbeit und Einkommen, in dem die Begriffe "Liebe" und "Kultur" einen neuen Stellenwert erhalten und damit dem Begriff Arbeit einen neuen Sinn verleihen könnten. Das Anthroposophie hier vielleicht doch einige Antworten bereithalten kann, dürfte sich im Verlauf dieses Kongresses herausstellen.

Für Götz Werner, der im Anschluss an Hartwig Schiller zu einem gewohnt hinreißenden und humorvollen Impulsvortrag das Wort ergriff, war die Rede von Schiller "ein Aufspiel", bei dem es nicht leicht falle, "noch Tore zu schießen". Die begeisterte Reaktion des Publikums konnte durchaus als Bestätigung für diesen Umstand gewertet werden.

Götz Werner scheute sich nicht davor, die Idee von Karma und Reinkarnation mit der Frage von Arbeit und Einkommen zu verknüpfen und zu fragen: "Wie kann man den Menschen wachküssen für diese Frage?" Er nahm seine Zuhörerinnen mit auf eine Reise in eine andere Gedankenwelt; in der es möglich scheint, durch eine andere Definition von Arbeit und Einkommen zu einer neuen Sicht auf den Menschen zu kommen. Hier die traditionelle Auffassung, dass die Menschen für sich arbeiten, dort die Erkenntnis, dass wir keine Selbstversorger mehr sind, sondern dass jeder Mensch immer für andere arbeitet. Es seien keine vorgefertigten Lösungen gefragt, sondern die Lösung bestehe darin, die richtigen Fragen zu stellen. Eine Lösung zeigte er dennoch auf: "Wenn Sie die Finanzkrise verstehen wollen: "Lesen Sie die Märchen vom Kaiser und seinen neuen Kleidern, vom Rattenfänger von Hameln und vom Fischer und seiner Frau. Dann haben sie 99 Prozent der Krise schon verstanden."

Das Nachtcafé - von etlichen jungen Menschen organisiert - auf dem Schulhof der Rudolf-Steiner Schule Bochum im Anschluss an die Eröffnung zeigte eindrücklich, dass von "hausbacken" oder "piefig" wahrlich keine Rede sein kann. Der Anthroposophischen Gesellschaft, so wie sich jedenfalls gestern abend bei ihrer Auftaktveranstaltung in Bochum präsentierte, dürfte nach meinem Dafürhalten eine - wenn auch vielleicht nicht wirtschaftlich glänzende - echte Zukunft beschert sein.

 

diskussion

5 Kommentare

Seite 1 von 1 1

#5 Anne Kober schrieb am 30.06.2010 23:20

Kommentar Wer in Bochum nicht dabei war, hat etwas verpaßt!!! In den vergangenen 25 Jahren habe ich auf keiner MV der AG eine derartige gute "Mischung" von Mitgliedschaft und Öffentlichkeit erlebt. Dirk Kruse, in dessen Arbeitsgruppe ich war, hat mich begeistert durch seine innovative Denkweise aufgrund seiner weltweit gemachten Erfahrungen.

#4 Nadja Pfarr schrieb am 30.06.2010 08:20

hier ein schönes video von der einen veranstaltung. gibt es auch videos von der anderen veranstaltung?

www.vimeo.com/12951032

#3 mm(t) schrieb am 29.06.2010 11:36

Eine nette Kollegin von NNA war die ganze Zeit über dort, es wird sicher in den nächsten Tagen einen Bericht geben. Ich möchte auch noch etwas schreiben, habe aber z.Zt. leider einiges andere zu erledigen.

#2 GeorgP schrieb am 29.06.2010 09:58

Wie waren die anderen Veranstaltungen? War jemand da?

#1 admin schrieb am 27.06.2010 09:47

"Karmakonsum" vs. "Zukunft der Arbeit - Karma des Berufs"? Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland lädt zum Kongress und zur Jahresversammlung in Bochum Langendreer.

Leserkommentare


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