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Gut provoziert! Überraschung.


Ansichten eines Insiders

Wie hast du´s mit der Anthroposophie? Über Taja Guts neues Buch aus dem Pforte Verlag
von Michael Mentzel

Der Pforte Verlag und sein Lektor Taja Gut überraschen immer wieder mit ungewöhnlichen Aus- und Einblicken auf und in die Anthroposophie. Nach dem "Ärgernis Rudolf Steiner" von Andre Bjerke jetzt also "Wie hast du´s mit der Anthroposophie?" Mit dieser Frage und im Dialog mit sich selbst legt Gut ein - zumindest in Anthroposophenkreisen ungewöhnliches - Bild auf Rudolf Steiner vor, er schildert einerseits sehr anschaulich Steiners Ideenwelt, andererseits aber auch seine Höhenflüge; so entsteht ein Bild, wie es gegensätzlicher nicht sein könnte.

Ein Bild, in dem natürlich auch Steiners "Abgründe", seine Anmerkungen gegenüber dem Judentum und anderes "unzeitgemäßes Vokabular" (D.Hardorp)" nicht fehlen.

Der Titel ist in der Tat gut gewählt, denn das Buch fordert den Leser auf, sich wirklich einmal seinem eigenen Verhältnis zu Steiner und der Anthroposophie zu stellen. Über 40 Jahre hat sich Taja Gut mit Steiners Werk beschäftigt, sein erstes Steiner-Buch, "Das Christentum als mystische Tatsache", in dem er damals viele Sätze säuberlich "mit Lineal und grüner Tinte" unterstrichen hätte, besäße er noch heute, sagt er: "Wenn ich die Passagen jetzt überfliege, spüre ich die elementare Kraft wieder, mit der sie ein wortloses Empfinden in mir entfacht haben müssen."

Die Fragen, die Gut sich stellt, die zugleich aber auch Antworten sind, spiegeln erkennbar das Anliegen des Autors, nämlich den Menschen Steiner zu verstehen, getragen von einer echten Zuneigung gegenüber dem Forschungsgegenstand. Und ich komme zu der Überzeugung, dass eine Auseinandersetzung wie diese eine richtige Konsequenz der jahrelangen Beschäftigung mit einem Autor ist, der selbst auch nicht davor zurückschreckte, zu provozieren und seiner eigenen Klientel hin und wieder gründlich die Ohren lang zu ziehen.

Nun, Gut provoziert auch. Steiners Anspruch, dass Anthroposophie "Frage, Antwort und Verstehen zugleich" sei, nennt Gut "nicht eben bescheiden". Denn er (Steiner) liefere die Antworten auf von ihm aufgeworfene Fragen allzuoft gleich mit. Für Gut ein Verfahren, das etwas "Entmündigendes" habe. Er zitiert den Steiner von 1887: "Es ist allein des Menschen würdig, dass er selbst die Wahrheit suche, dass ihn weder Erfahrung noch Offenbarung leite". Und fragt sich, wie Steiners "späteres Wirken in das Licht dieser Einsicht" zu stellen sei. Immerhin seien weite Teile des Gesamtwerks, von welcher Seite man es auch betrachte, "reine Offenbarung".

So etwas passt nach Ansicht Guts nicht so ganz zusammen mit der Aufforderung, "nichts auf Glauben hinzunehmen"; sei aber das "Lieblingsargument von Gläubigen", deren Kritik sich darin erschöpfe, "andächtig" auf eben diesen Appell zu deuten. Durch Steiners "penetrante Redewendungen" wie zum Beispiel "Nur wer die Dinge richtig versteht, der kann.." oder "Wer Einsicht in die Dinge hat, weiß..." werde aber dieser Apell zur Makulatur, denn es bedeute nichts anderes, als dass "nur er weiß, wie es sich in Wirklichkeit damit verhält". Gut nennt das "beleidigend", sowohl für Steiner als auch für sich selbst: "Die Rhetorik jedes dahergelaufenen Wanderpredigers, der nicht auf die Evidenz dessen vertraut, was er zu sagen hat."

Ziemlich starker Tobak. Vielleicht mit der Folge, dass manche Steiner-Anhänger dieses Buch mit Schaudern beiseitelegen und darüber nachsinnen, wie es soweit kommen konnte, dass ihr geliebter "Menscheitsführer" so arg - und jetzt noch aus den eigenen Reihen - zerzaust wird; dazu noch von einem, dessen Nähe zur Anthroposophie so offensichtlich ist, dass schon aus diesem Grunde nicht ein Verdacht aufkommen mag, dass hier jemand sein Mütchen an irgendetwas kühlen möchte.

Es ist einiges Fragwürdige, dem Taja Gut auf die Spur kommt und das er penibel auflistet; er spricht über Steiners Frühwerk und darüber, dass dieses Frühwerk, "abgesehen von der maßlos mystifizierten Philosophie der Freiheit (und diese auch nur in der kompatibilisierten Neuauflage von 1918)" von den Anthroposophen ignoriert würde: "Würden sich die tapferen Streiter für die Sache des Doktors dessen zahllose vor-theosophische Schriften zu Gemüte führen, sie müssten auch ihm gegenüber ein Zetergeschrei anstimmen."

Anthropsophie, die sich als "die Sache des Doktors" vor den Menschen schiebe, sei "nicht mehr als eine Sekte unter anderen.(...) Die Anthroposophie leidet an einem ungesunden Steiner-Glauben." Doch auf die Frage nach der Anthroposophie als Erkenntnisweg kommt er zu dem Schluss, dass es eben Rudolf Steiners Erkenntnisweg sei, der aber - abgesehen von allerlei Beiwerk - "vermutlich einer der atemberaubensten der Menschheitsgeschichte" sei. Die Widersprüche, die zu ihm gehören, "weisen ihn als Suchenden aus, auch wenn er sich fortwährend als Finder gebärdet." Steiners Weg sei "ein zutiefst persönlicher und keine kopierbare Vorlage."

Aber Gut lässt seinem Rudolf Steiner die Eigenarten und kann sich vielleicht gerade deshalb auf seinem Entwicklungsweg begegnen, ohne in eine manchmal auch ins Peinliche abdriftende Lobhudelei zu verfallen. Augenhöhe sagt man wohl heute dazu.

Ich bleibe dabei: Die Fragen zeigen eine Nähe zu dem Gegenstand ihrer Neugier, die keinen Zweifel an der Absicht des Autors aufkommen lässt, sich eben nicht nur oberflächlich mit dem Forschungsobjekt Rudolf Steiner zu beschäftigen und vielleicht ist es wirklich erst aus dieser Nähe möglich, zu verstehen, worauf es beim Umgang mit dem Werk tatsächlich ankommt: nicht zu glauben, sondern zu prüfen. Mit der Folge, das Gut sagen kann: "Wo ich Anthroposophie konkret erlebe, und das ist gar nicht mal so selten, bloß nicht marktschreierisch, erfahre ich nicht 'die Anthroposophie', sondern jeweils diesen betreffenden Menschen in der Steigerung seiner Persönlichkeit, (...) auch in seinen Schwächen."

Eines hat der Autor Taja Gut, der für den Steiner Verlag arbeitet, eindrucksvoll unter Beweis gestellt: die Fähigkeit, bis zur wirklichen Prüfung bestimmter Sachverhalte unbefangen, aber ernsthaft mit Steiner umzugehen. Vielleicht muss auch dieses Buch wie ein Steiner-Buch gelesen werden; und gar ein bisschen pathetisch ausgedrückt: unbeeindruckt von dem, was mich als Leser durch Sympathie oder Antipathie bei der Lektüre begleitet, gilt es, durch die Lektüre der Wahrheit ein Stückchen näher zu kommen.

Pflichtlektüre für Anthroposophen also? Ein bisschen ist es ja doch die - wenn auch brisante - Anleitung zu einem anderen Blick auf das umfangreiche Steiner-Gesamtwerk. Und selbst diejenigen - ja die gibt es bestimmt auch - die sich ganz sicher sind, wie sie es mit der "Anthroposophie haben", werden hier "Anstößiges" finden. Gleichwohl, sei es auch denen ins Stammbuch geschrieben: Sind wir uns wirklich selbst immer sicher, ob der Umgang mit dem "großen Menschheitsführer" nicht manchmal auch aus lauter Bequemlichkeit dazu führt, alles Unbequeme auszublenden? Wer aber will das beurteilen? Am Ende sind wir es doch nur selbst, die uns darüber eine erschöpfende und uns selbst zufriedenstellende Auskunft geben können.

Taja Gut
Wie hast du’s mit der Anthroposophie?
Eine Selbstbefragung
Seiten: 160, Klappenbroschur
ISBN 978-3-85636-218-8
Pforte Verlag
CHF 26.00 / EUR 17.00

 

2 Kommentare

Seite 1 von 1 1

#2 Rürup Rente Vergleich schrieb am 25.10.2010 17:38

Sehr guter und informativer Blog. Kann ich den News feed für diesen blog abonieren

 

Vielen Dank für die Rückmeldung. Diese Seite wird demnächst überarbeitet, dann wird es möglich sein. Ca. Mitte November.

Michael Mentzel

#1 admin schrieb am 10.05.2010 00:52

"Wie hast Du´s mit der Anthroposophie?" Provozierende Einblicke in das Werk Rudolf Steiners von Taja Gut. Was meinen Sie?

Leserkommentare


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