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Eine Betrachtung von Dietrich Kumrow
Eine wachsende Zahl von Menschen wird alt, die gesellschaftliche Alterspyramide wird zu einem Pilz. Zunehmend tritt in diesem Prozess der Vergreisung unserer Gesellschaft das Phänomen der Altersverwirrtheit auf. Ist diese Erscheinung ein isoliertes Phänomen, eine primär individuell begründete Erkrankung des einzelnen alten Menschen in einer ansonsten „ nicht verwirrten Welt“? In „seiner“ eigenen Welt ist der altersverwirrte Mensch durchaus nicht verwirrt. Er folgt seinen inneren Impulsen, in der Regel ausgesprochen selbstbewusst; weiß, was für ihn richtig ist. Ihn zu pädagogisieren ist „hoffnungslos“. Sein Problem ist, dass er seine meist höchstlebendige Innenwelt mit der Außenwelt nicht mehr in „Einklang“ bringen kann. Er kann Wahrgenommenes nicht mehr richtig verdauen, sich Neues nicht mehr zu eigen machen. Seine Aufmerksamkeit lebt im Umfeld, er saugt Atmosphäre auf wie ein Schwamm und reagiert unmittelbar auf diese. Ordnendes Urteilsvermögen verliert sich, das Bewusstsein tritt in den Hintergrund. Unser Problem ist, das die Menschen sich nicht gerne „fremdbestimmen“ lassen (wollen). Der Verwirrte geht seinen Weg - eigenwillig - das Normale ist nicht mehr sein Problem. Er folgt seinen eigenen Regeln, in aller Konsequenz. Interessanterweise finden wir ein vergleichbares Phänomen bei einer wachsenden Zahl von Kindern, die als Indigo - Stern - oder einfach verhaltensgestörte Kinder bezeichnet werden, ADS oder hyperaktiv. Was der Altersverwirrte nicht mehr kann (will), kann (will) der Jungverwirrte noch nicht? Und wir „Mittelalten“, alles noch „normal“? Der Verlust allgemein verbindlicher Werte und Normen als Grundlage der Orientierung steigt stetig, verbindliche Regeln müssen neu definiert werden. Beispiel: „Wer bestimmt, ob mein Leben noch lebenswert ist oder nicht; der Staat oder ich“? (Diskussion über aktive Sterbehilfe). Der Einzelne strebt nach Freiheit, will sich selbst verwirklichen- Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung! Der (alters)verwirrte Mensch wird uns zu einem Spiegel in seinem unbedingten Drang zur Selbstbestimmung – entweder wir begeben uns auf seinen Weg oder wir verlieren ihn. Woran orientiert sich der „des-orientierte“ alte Mensch? Zum einen an Bildern aus der Vergangenheit, der Biographie, die den Platz einnehmen, wo vorher Bewusstsein war. Zum anderen an der inneren Haltung des Gegenüber; er durchschaut die Art, wie man über ihn denkt und reagiert „unmittelbar“ darauf. Er reagiert hell-fühlig. Wir werden gezwungen, ihn „wahrhaftig“ anzunehmen, wie er ist – welch wunderbare Übung, sonst können wir ihn z.B. pflegerisch nicht versorgen – er lehnt uns ab. Die Atomisierung der Gesellschaft führt zu zunehmenden Beziehungsschwierigkeiten, zu Vereinzelung und Einsamkeit. Auch da wird uns der „verwirrte Mensch“ zum Spiegel in seiner Unfähigkeit, Beziehungen zu halten. Er lebt mit sich in seiner Welt. Aber wie bereichernd und lohnend ist es, ihm in seine Welt zu folgen, ohne sich selbst dabei zu verlieren? Eine Grundlage der Freiheit des Einzelnen ist die Freiheit der Information. Die Informationsgesellschaft in ihrem kommerziellen Aspekt birgt in sich (auch) die Gefahr, durch die Überschüttung mit Reizen die Verdauung des Gehörten und Gesehenen zu erschweren. Es fällt immer schwerer, aus der Fülle das Wahre vom Schein zu trennen, Informationen zu vermenschlichen, sie in einen Zusammenhang zum eigenen Leben zu bringen. Je weniger dies gelingt, umso größer ist die Gefahr der Manipulation. Es ist gerade das Kalkül einer Unterhaltungsindustrie, dass der Konsument Informationen wie einen „durchlaufenden Posten in der Buchhaltung“ behandelt; ohne Wirkung auf die eigene Lebensgestaltung. Auch da kann uns der verwirrte Mensch zu einem Spiegel werden. Er verliert sein Kurzzeitgedächtnis. Eindrücke kommen und gehen, können nicht mehr verarbeitet werden, der Bezug ist verloren. Sein „Ich“ kann nicht mehr ordnend und ausgleichend eingreifen. Der „verwirrte Mensch“ ist ein Kind unserer Zeit. Er schreitet unfreiwillig voran in einer Epoche, in der individuelle Freiheit „der Zeitimpuls“ ist. Er geht seinen Weg, lebt so, wie er ist. Seine Wahrnehmung ist in der Begegnung auf die innere Haltung seines Gegenüber gerichtet, liest diese wie ein Buch und reicht in eine geistige Sphäre hinein. Er schreitet als Pionier voran in einer Zeit, in der das Individuum angehalten ist, „das Ungeteilte“ - sich selbst - innerlich zu verwirklichen, – learning by doing. Der Prozeß der Individuation, der Ver-geistigung, kann vom Einzelnen vollzogen werden im Erobern der Vergangenheit, in der Aufarbeitung der Biographie.Der zu zahlende Preis der Bildung eines daraus wachsenden Bewusstseins liegt in der Abgrenzung von anderen Menschen, in zunehmender Einsamkeit. Wir finden beim verwirrten Menschen Elemente eines geistigen Weges: Das Durchleben des Vergangenen; eine Erweiterung der Wahrnehmung in das intuitive Erfassen der inneren Haltung des Gegenüber. Er schafft es jedoch noch nicht, das Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Zukunft im Jetzt (Bewusstsein) zu halten, die Flut von Bildern, Eindrücken, Emotionen und Informationen ordnend zu verarbeiten. Die vielen Verwirrten, Kinder, Alte und Mittelalte fordern uns auf, ihnen in (ihr) neues Gebiet zu folgen. Es eröffnen sich Welten, die „im Ich“ gehalten und erlebt werden wollen. Folgen wir ihnen nicht, verlieren wir sie. Wenn wir Ihnen bewusst folgen, sind wir mitten auf „unserem“ Weg.
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