Zwei Seiten einer Medaille?

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redaktion/tdz – In einem vorangegangenen Beitrag hatte sich NNA-Korrespondent Wolfgang G. Voegele mit den Verfasser*innen des offenen Briefes "Gegen Corona-Verschwörungsmythen an Waldorfschulen" unterhalten. [1] Dieses Thema aufgreifend, setzen sich die Initiator*innen einer weiteren Petition [2], eine Gruppe engagierter ehemaliger Waldorfschüler aus Karlsruhe dafür ein, die Gesprächsfäden nicht abreißen zu lassen und der von vielen Seiten befürchteten "gesellschaftlichen Spaltung" etwas entgegenzusetzen. Unter dem Titel "Freies Geistesleben an Waldorfschulen" fordern sie unter Berufung auf den Waldorfschulgründer Rudolf Steiner "eine Stärkung des freien Geisteslebens auf Grundlage der sozialen Dreigliederung und im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung." Wir fragten die Gruppe nach ihrer Meinung zu dem offenen Brief und einer kurzen Erläuterung ihres Anliegens. Für die Gruppe [3] hat uns Jonathan Ario geantwortet 

"Was ist erquicklicher als Licht? Das Gespräch"

von Jonathan Ario

Wir haben die Petition "Aufruf für ein freies Geistesleben an Waldorfschulen" als eine Reaktion auf den offenen Brief: "Gegen Verschwörungsmythen an Waldorfschulen" initiiert, nicht als eine Anti-These, sondern um eine Alternative zur Seite zu stellen, um einen konstruktiven Lösungsweg aufzuzeigen, um der Gefahr der gesellschaftlichenSpaltung zu begegnen.
Seit Beginn der Petition am 19.01.2021 haben wir viele zustimmende Zuschriften von Waldorflehrern, Eltern und Schülern erhalten, insbesondere der philosophische Stil der Petition und der Aufruf gegen Spaltung wurden begrüßt. Nennenswert ist auch, dass 52 Prozent der Unterstützer angegeben haben, dass sie direkt von dem Thema betroffen sind. 
Das Ziel der Petition ist mit 50 000 Unterschriften unrealistisch hoch angelegt mit dem symbolischen Hintergrund, dass unser Ziel noch sehr weit entfernt ist und wir nur durch unermüdliches Engagement eine friedliche und solidarische Welt erschaffen können.
Wir sind der Überzeugung, dass jede Krise eine Chance für Entwicklung sein kann und die Frage ist, trägt man zur Spaltung bei, indem man den anderen Menschen verurteilt oder nutzt man die Herausforderung, um als Gemeinschaft zu wachsen?
Wenn wir dies den Kindern vorleben wollen, warum sich nicht zusammensetzen und in den Dialog kommen? Unser Anliegen ist es, dass sich eine konstruktive Streitkultur entwickelt, ohne Etiketten und Pauschalisierungen und dass wir anstatt übereinander zu reden, anfangen, miteinander zu reden. Etiketten wie "Verschwörungstheoretiker" oder "Coronaleugner" wie auch "Schlafschaf" und Kollateralschädenverharmloser" sind unqualifzierte, unsachliche Äußerungen und Zuschreibungen, die in einer sachlichen und wertschätzenden Debatte unserer Meinung nach nichts zu suchen haben.

Der Philosoph und Professor der Princeton University Walter Kaufmann schreibt in "The Faith of a heretic", dass Labels nicht das selbstständige Denken ersetzen können: "Das vielleicht beste Beispiel für den allgemeinen Mangel an hohen Standards in Fragen der Ehrlichkeit ist unsere Tendenz, in Etiketten zu denken … diese Etiketten haben einige Verwendungen, die vollkommen legitim sind, aber häufg fungieren sie als Hilfsmittel für Gedankenlosigkeit und erlauben es den Menschen, den Anschein zu erwecken, zu denken, wenn sie nur reden."[4]

Während meiner Schulzeit an der Waldorfschule wurde ich zusammen mit Freunden als Schüler-Mediator ausgebildet und unsere Aufgabe bestand darin, bei Mobbing und Konfikten einzugreifen. Die Grundlage dieser Ausbildung beruht auf den Methoden des Schweizer Konfiktforschers Friedrich Glasl. dessen Mediation nicht durch "schwarze Pädagogik" des Bestrafens und Verurteilens funktioniert, sondern durch aktives Zuhören und indem die eigenen Bedürfnisse auf heilsame Art und Weise ausgedrückt werden.

Die Herausforderung des Mediators liegt häufg darin, die Beteiligten an einen gemeinsamen Tisch zu bringen. Ein Standardwerk für alle Mediatoren ist Marshall B. Rosenbergs "Gewaltfreien Kommunikation", welches auch und vielleicht gerade in der heutigen Zeit hochaktuell ist. [5]

Marshall B. Rosenberg unterscheidet zwischen einer "Lebensentfremdeten
Kommunikation" und einer "Sprache des Lebens". So heißt es dort: "Eine Variante von lebensentfremdeter Kommunikation sind moralische Urteile, die anderen Leuten unterstellen, dass sie unrecht haben oder schlecht sind, wenn sie sich nicht unseren Wünschen gemäß verhalten." [6] Zwei Beispiele für eine "Lebensentfremdete Kommunikation" seien hier genannt:

1. "Die Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker verhalten sich egoistisch, argumentieren unwissenschaftlich und arbeiten mit Nazis zusammen".
2. "Die Schlafschafe und Kollateralschädenverharmloser sind willige Helfer, eine totalitäre Gesundheitsdiktatur zu errichten, sie verhalten sich irrational, denunzieren ihre Nachbarn und wünschen sich einen 'starken Mann' an der Macht."

Dies sind beides Varianten "Lebensentfremdeter Kommunikation" und sie führen unvermeidlich zu Konfikten, weil damit eine große Anzahl von Menschen pauschal und undifferenziert verurteilt wird. Marshall B. Rosenberg war der Überzeugung, dass es gewaltfördernd sei, Menschen in Schubladen zu stecken und "diese ganze Analyse des Verhaltens anderer Menschen tragischer Ausdruck unserer eigenen Werte und Bedürfnisse ist."
Es wäre interessant heraus zu finden, wie unsere Welt wohl aussehen würde, wenn wir gelernt hätten, in Auseinandersetzungen unsere Bedürfnisse direkt zu benennen, anstatt auf das Fehlverhalten der jeweils anderen anzuspielen. Hier zwei Positivbeispiele einer Kommunikation, die Marshall B.Rosenberg als "Sprache des Lebens" bezeichnen würde:

1. Es macht mir Angst, wenn Menschen das Virus nicht ernst nehmen und mir ist es wichtig, dass alle Menschen so gut wie möglich geschützt werden.
2. Es macht mir Angst, wenn Grundrechte leichtfertig außer Kraft gesetzt werden und ich wünsche mir, dass auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden, die die Maßnahmen anrichten, in Betracht gezogen werden.

Wir sind der Überzeugung, dass in jeder Krise auch eine Chance liegt, der die Möglichkeit innewohnt, als Gemeinschaft zu wachsen oder aber als Einzelgänger unterzugehen.

"Was ist herrlicher als Gold"? Fragte der König. "Das Licht" antwortete die Schlange.
"Was ist erquicklicher als Licht? Fragte jener. "Das Gespräch" antwortete diese. [7]

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1. Offener Brief "Gegen Corona-Verschwörungsmythen an Waldorfschulen"
2. https://www.openpetition.de/petition/online/aufruf-fuer-ein-freies-geistesleben-an waldorfschulen
3. Jonathan Ario, Helena Ario, Andreas Heim, Agnes Strauß und Jakob Dorn (Karlsruhe)
4. Walter Kaufmann: "The Faith of a heretic"(1959), S.27
5. Marshall B. Rosenberg: "Gewaltfreie Kommuniktion"(2016)
6. Marshall B. Rosenberg: "Gewaltfreie Kommuniktion"(2016), S.29
7. Aus dem Märchen von Johann Wolfgang von Goethe, "Die grüne Schlange und die schöne Lilie."

Webseite der Karlsruher Initiative: https://freiesgeisteslebenaufruf.wordpress.com/

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