Zum Tag des Mauerfalls

von Arfst Wagner
In diesen Tagen heißt es immer wieder: Die Wiedervereinigung sei ein Glücksfall gewesen. Niemand konnte Mitte der 80er Jahre damit rechnen, so heißt es. Für manche war der “Eiserne Vorhang” allerdings nicht so “eisern”: Zum Beispiel wies der jüngst verstorbene ungarische Essayist György Konrad in seinem im Jahre 1985 erschienenen Buch “Antipolitik – Mitteleuropäische Meditationen” darauf hin, dass der “Eiserne Vorgang” nur ein dünner Vorhang sei. Auch in der 1984 erschienenen deutschsprachigen Sonderausgabe der polnischen Exilzeitschrift “Kultura”, die den Deutsch-Polnischen Beziehungen gewidmet war, wurde auf die Fragilität der Grenze hingewiesen. Im selben Jahr führte ich in der Brigittenkirche in Danzig ein Gespräch mit dem Pfarrer Henryk Jankowski (er war der Beichtvater von Lech Walesa), in dem es um den Aufbau einer ökologischen Bewegung in Polen ging. In diesem Gespräch sagte er mir: “Der Drache des Kommunismus ist am Sterben. Wir müssen jedoch aufpassen, das er in seinem Todeskampf nicht noch Schaden anrichtet”. Ein hochinteressantes Szenario bot auch der Roman “Die letzten Tage von Amerika” von Paul E. Erdman. Wenn auch aus anderen Gründen beschrieb er das Ende des “Ostblocks” und ist auch heute noch lesenswert. Man sollte aber die englische Ausgabe lesen, denn das Buch erschien in Deutschland gleich in der 2. Auflage. Die Erstauflage wanderte in der Papiermühle, da viele der in dem Roman beschriebenen Personen gegen die Veröffentlichung klagten, weil sie sich in dem Roman offenbar wiedererkannt fühlten. So waren die Namen der handelnden Personen schlecht verschlüsselt. Der Vergleich mit der amerikanischen Ausgabe ergab auch, dass verschiedene Absätze verändert und sogar komplett gestrichen wurden. In der amerikanischen Ausgabe sind die Namen im Original zu lesen. Titel: “The Last Days of America”. Ich wettete im Jahr 1982 nach einem Vortrag im Institut für Waldorfdpädagogik mit den Studentinnen und Studenten um einen Karton Sekt, sollte die Wiedervereinigung nicht in den 1980er Jahren Wirklichkeit werden. Die Wette habe ich offensichtlich gewonnen, aber nach 8 Jahren hat sich daran wohl niemand mehr erinnert. Der Karton Sekt steht bis heute aus.
Das Wort “Ostblock” suggerierte zudem eine innere Geschlossenheit des “Warschauer Pakts”, die es nie gab. Zum Beispiel war die Grenze zwischen Polen und Russland noch geschlossener, als die innerdeutsche Grenze, was man auch heute noch vermutlich kaum für möglich hält. Den Menschen im Westen bot dieses Wort aber ein Bild einer nicht vorhandenen Wirklichkeit, an die die meisten glaubten.

Foto: Berlin, Grenzübergang Bornholmer Straße Bundesarchiv,
Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0

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