Xeno…. was?

Dieser Text erschien zuerst auf der Website der Autorin

von Christa Schyboll –
Die Bibel erzählt über die Pfingst-Geschichte folgendes: 50 Tage nach Ostern, also nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, hatten sich seine Freunde in Jerusalem getroffen. In der Stadt gab es ein großes Fest. Doch die Freunde trauten sich nicht auf die Straße. Sie hatten Angst vor den Soldaten, die Jesus gefangen und getötet hatten. Die Freunde Jesu beteten zusammen. Auf einmal sahen sie ein feuriges Licht. Die Bibel erzählt, der Heilige Geist, eine göttliche Kraft, sei zu ihnen gekommen. Nachdem das feurige Licht verschwunden war, konnten die Freunde plötzlich in allen möglichen Sprachen sprechen. Voller Mut gingen sie auf die Straße, um allen Menschen von Jesus und seinen Taten zu erzählen.

Was damals passierte,nannte man das „Pfingstwunder“. Es wird  in der Apostelgeschichte (Apg 2,4–13) beschrieben. Und man nennt es:  Xenoglossie. Damit  ist also die wundersame Begebenheit gemeint, dass die zum Fest versammelten fremden Menschen die Apostel jeweils in ihrer eigenen Sprache reden hörten. Mit anderen Worten: Man verstand den anderen auch in seiner fremden Sprache, die wie zur eigenen Sprache wurde.

Und heute? Die Sprachlosigkeit unter den Menschen nimmt zu, obschon mehr als je zuvor geschwätzt, geredet, gevortragt wird; zudem gechattet, getwittert, geskypt… An der Wortinflation fehlt es nicht, egal in welcher Sprache. Egal wie viel Blech, Tinnef, Unsinn, Fake News…  

Die Medien sind im Dauerstakkato, Worte von uns abzufordern oder an uns heranzutragen. In Worten heute ertrinken zu können, dürfte nicht schwer sein. Man muss sich den Möglichkeiten nur tapfer stellen. Darunter ist natürlich eine Unmenge von Gewäsch und Geseiere, das es nicht einmal wert ist, kurz die Ohren aufzusperren. Es sei denn, zum Staunen, wie weit es mit uns gekommen ist.

Heute gibt es wunderbare Translater, wenn man mit einer Fremdsprache schnell parat kommen soll. Brauchen wir also überhaupt noch den Pfingstgeist? Ja. Die Berufskaste der Dolmetscher wird sich wohl nach und nach auch von der Bühne der Arbeitswelt verabschieden müssen, wie so viele andere Berufe auch. Doch verstehen wir uns deshalb denn auch besser als je zuvor? Nein…!  Es wird zunehmend schwieriger. Und die Anzahl von Menschen auch in den "gebildeteren" Ländern, die nicht einmal mehr einfache Zeitungstexte in der eigenen Sprache sinngemäß verstehen, wächst und wächst in erschreckendem Maße.

Der sprachliche Blödsinn im Fernsehen, ja, auch in den öffentlich-rechtlichen Sendanstalten, lässt die Frage aufkommen, ob es ein geheimes Regierungsprogramm zur totalen Verblödung des Publikums gibt – so viel Mist ist dort inhaltlich, sprachlich, intellektuell in Dauerunterforderung zu hören. Man höre nur konzentriert zu! (so lange man es aushält). Ausnahmen mögen die Regel bestätigen.

Aber die Verständigung unter den Menschen ist ja nicht allein eine Frage allein sprachlich-veständlicher Akustik, gar der gleichen Sprache oder einer guten Übersetzung, sondern vor allem eine Sache des Einfühlens in das Gemeinte. Einerseits. Andererseits sollte sie uns herausfordern, damit wir an ihr wachsen und gedeihen. Und hier beginnt das Wunder Pfingsten. Man verstand sich plötzlich… und das meinte nicht nur eine grammatikalische Angelegenheit von Wort zu Wort, von Fremdsprache zu Fremdsprache, sondern vor allem von Geist zu Geist. Man wusste, was der andere wollte, was ihn bewegte, was er meinte. Egal, wie er es ausdrückte, es kam richtig an.

Man erkannte sich! Am und im Wort.
Im Geist des Wortes!

Heute kommen vor allen Dingen sprachliche Spitzfindigkeiten gut an, weil man daraus vortrefflich das Schlechte basteln kann. Und das landet oft dann auch vor Gericht und bringt tolle Schlagzeilen. Plötzlich ist man Rassist, Genderfeind, Minderheitshasser, Sprachrüpel, wenn nur die aufmerksame Gedankenpolizei ohne Herz etwas hört. Vor allem etwas, das sie gern hört, weil sie es nicht gern hört und nun zum Richter übers Gehörte wird. Nicht übers Gemeinte. Kein Platz für einen Witz, ein Bonmot, einen Gag. Alles muss sprachlich korrekt sein. Sonst ist keine Verständigung von Herz zu Herz mehr möglich. Das alles ist  kein Zufall, es ist alles schön langsam gewachsen über die letzten Jahrzehnte. Wer im einzelnen dahintersteckt, ist bei solchen Massenphänomen immer nur schwer oder gar nicht auszumachen. Aber plötzlich ist es so… Sprachverwirrung. 

Kein Geist weit und breit, der Pfingstfunken des Miteinander-Verstehens in den Geist der anderen sät.

Mehr und mehr Menschen verstehen sich definitiv nicht mehr, obschon sie doch mehr als je zuvor aktiv kommunizieren. Das ist ein interessantes Phänomen, das in den Bereich der Psycho-Pathologie hinein sollte. Vielleicht findet man dafür Erklärungen? Warum haben sich Menschen so entfernt, obschon sie technisch bis in den letzten Krähwinkel der Erde über Sprache erreichbar sind? Was trennt die Menschen heute von einer Kommunikation der Herzen. Was trennt sie von der unmittelbaren Erfahrung?

Was verhindert es nur, dass sich Sprachlosigkeit wieder in echte Sprachfreude verwandelt, die über Essentielles spricht? Und das tiefgehend und kreativ zugleich, herausfordernd und förderlich jeder Problematik, die auch über Sprache mit gelöst werden kann. Was ist nur mit uns Menschen los?

Heute brauchen wir alle mehr Pfingstgeist denn je…Das Verstehen der Gedanken, die im Herzen eine Übersetzung finden und von dort aus wirksam im Wollen werden.


Webseite der Autorin

foto: pixabay/plenio 

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