Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

von Erhard Hofman

Spätestens seit der grandiosen Verfilmung von ´Wer hat Angst vor Virginia Woolf` mit Liz Taylor und Richard Burton in den Hauptrollen, sozusagen der Vorläufer aller reality soaps, hat Edward Albees Stück aus dem Jahr 1962 die Bühnen der Welt erobert. Nun also auch das Paderborner Große Haus.Es könnte alles so schön sein: schicke Villa mit Außenpool (Bühne: Eylien König, Kostüme: Irmgard Kersting), gesichertes Einkommen als Unidozent, gut vernetzt im intellektuellen Establishment der Stadt, aber mit Idylle ist nix in dieser scheinbar so schönen Welt. Das Stück geht ohne Vorwarnung in die Vollen: Volltrunken kommen George (Herbert Schäfer) und Martha (Josephine Mayer) (kleine Namensreferenz an den US-Vorzeigepräsidenten George Washington) von einer Party, zu der Marthas Vater als Unipräsident geladen hat, nach Hause. Mit diesem fulminanten Intro legt die Regisseurin Ulrike Maak das Fundament für den Rest des Abends: unverblümt, aggressiv, sexuell aufgeladen, hemmungslos werden die Wunden eines frustrierten Ehelebens offengelegt. Fataler Helfer in der Not ist der Alkohol: je mehr, desto enthemmter. „Gut, besser, am besten, bestialisch“ steigert George grammatisch und semantisch nicht ganz korrekt seine Maxime. Leider hat Martha auch noch die neuen Nachbarn, den jungen, aufstrebenden Biologiedozenten Nick (Tim Tölke) und seine namenlose, weil immer nur ´Süße` genannte Frau (Pornpailin Distakul), zur Party danach eingeladen.Im ersten Teil des Dreiakters, den Maak angelehnt an das römische panem et circenses ´Spaß und Spiele` nennt, werden die beiden ahnungslosen Gäste in dieses abgründige Spiel der gegenseitigen Selbstentblößung hineingezogen. Der völlig frustrierte und zynische George liefert sich mit der lasziven und nicht minder vom Leben gezeichneten Martha ein unglaubliches Gefecht an wechselseitigen Erniedrigungen, gegen die sich der eher stromlinienförmig daherkommende Nick und seine zwischen naiv und explosiv changierende Süße kaum wehren können. Im 2. Akt, Walpurgisnacht betitelt, werden dann auch deren Abgründe deutlich. Und es wird im Verlauf des Abends immer deutlicher: es gibt ein Spiel hinter dem Spiel, eine geheime Verabredung zwischen Martha und George, die ihre Lebenslüge für sie überhaupt noch halbwegs erträglich macht: sie erzählen sich und klammern sich an die Geschichte eines nur in ihrer Fantasie existierenden Sohns. Leider bricht Martha die einzige fixe Regel ihres makabren Spiels: Niemals über den Sohn mit anderen sprechen. Dies führt dann im dritten Akt, der Teufelsaustreibung, zur finalen Eskalation und letztendlich zum stillen, fragilen Ende des Krieges. „Jetzt wird es besser, vielleicht“ ist die Hoffnung.Das insgesamt in die Jahre gekommene Stück lebt eindeutig von der Qualität des Schauspiels. Die vier Akteure bestechen durch intensives, authentisches und variables Theater. Das zu Beginn angeschlagene Tempo wird durch die ganze Inszenierung in einem wahren Hexenritt durchgetragen. Es ist Sprechtheater im besten Sinne, von Ulrike Maak klug und mit großer Stringenz inszeniert. Ein toller Theaterabend: und das Publikums dankt es mit langem Applaus. 

Foto: Distakul, Tölke, Schäfer, Mayer – © Viehoff

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