Einige Gedanken über Rolf Henrich, den Autor des Buches "Der vormundschaftliche Staat", den Ausbruch aus demselben, Rudolf Steiner, die Anthroposophie und die soziale Dreigliederung.
von Michael Mentzel
Anlass für diesen Beitrag ist der 65. Jahrestag der Berliner Mauer. Gehen wir zurück in das Jahr 1961, an den Tag des Mauerbaus am 13. August 1961. Das ist in diesem Jahr 65 Jahre her und damit ein Rentenalter. Als die Mauer fiel, war sie gerade 28 Jahre alt geworden. Was sagt Rudolf Steiner über dieses Alter? Wir fragen einmal die KI:"Mit 28 kommt (…) eine neue Schwelle. Er beschreibt, dass nach dem 28. Jahr nicht mehr in derselben Weise etwas „von außen“ gegeben werde; der Mensch müsse zunehmend aus seinen eigenen inneren Kräften schöpfen". Ein interessanter Gedanke. Was aber hat nun Rudolf Steiner mit dem Fall der Berliner Mauer zu tun?
Der vormundschaftliche Staat
Einer, der gerade zum Fall der Berliner Mauer eine ganz besondere Beziehung hat, ist der Rechtsanwalt Rolf Henrich aus Eisenhüttenstadt. Sein Buch "Der vormundschaftliche Staat", 1989 erschienen im rororo-Verlag, war sicherlich mitentscheidend, wenn nicht gar die Initialzündung für die friedliche Revolution in der DDR und die damalige Gründung des Neuen Forums.[1] In dem Buch, das sich kritisch mit dem Staatssozialismus auseinandersetzt, beschreibt er sein Verhältnis zur Mauer so: "Mit ihrer Hilfe wollten wir ja die Voraussetzungen schaffen, damit sich die Gesetzmäßigkeiten des Sozialismus unter den Bedingungen der Ost-West-Konfrontation ungestört entfalten konnten. Der Sozialismus sollte, wie wir unentwegt beteuerten, die Chance erhalten, in einem Industrieland im Herzen Europas seine Überlegenheit zu beweisen".
Dass Henrich nach eigener kritischer Einschätzung damit falsch lag und sein "Glaube an die historische Überlegenheit des Sozialismus in seinen Grundfesten erschüttert" wurde, zeigte sich dann, so schreibt er, beim "Einmarsch deutscher Truppen in die CSSR (…) [2] Gewiss waren Ethik und Politik seinerzeit durchaus nicht dasselbe für mich, aber wo sie derart zugespitzt in Gegensatz zueinander geraten konnten wie in Prag 1968, da konnte es nicht allzuweit her sein mit dem Fortschritt zum Besseren". Und selbstkritisch merkt er an: "…dass mir im Zusammenhang mit den Prager Ereignissen 1968 klar wurde, wie borniert mein Weltbild damals war".
Obwohl er sich nicht zu den Anhängern der Prager Bewegung zählte, bekam er "nach dem Einmarsch der Warschauer Paktstaaten (…) im Zuge der innerparteilichen Auseinandersetzungen in der DDR hautnah zu spüren, wie unerwünscht jede eigene Meinungsäußerung war. Abgerechnet wurde damals (…) nicht nur mit den Anhängern des Prager Reformkurses, sondern mit all denen, die sich überhaupt den Luxus selbstständigen Denkens und Redens geleistet hatten".
Es folgte Studium, Wehrdienst, Zulassung als Rechtsanwalt, um dann schlussendlich Parteisekretär eines Bezirkskollegiums der Rechtsanwälte zu werden. Er war – natürlich – Mitglied der SED, mit dem Erscheinen seines Buches aber wurde er aus der Partei sowie aus dem Kollegium der Rechtsanwälte ausgeschlossen und durfte seinen Beruf nicht mehr ausüben.
Was aber war nun das besondere an diesem Buch? Hier kommt nun unser Rudolf Steiner wieder ins Spiel und zwar mit seiner Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus. Denn die Ereignisse des Jahres 1989 bedeuteten seinerzeit zuerst einmal, dass es unterschiedliche Vorstellungen zu einer Neuordnung der Gesellschaft gab, zu denen unter anderem auch diese Dreigliederung gehörte, wie sie von Rolf Henrich in seinem Buch entwickelt worden war. Henrichs Vorstellung umfasste eine künftige Gesellschaft, die sich selbst organisieren sollte und zwar in den jeweiligen Bereichen Geistes-, Wirtschafts- und Rechtsleben. Er diagnostizierte eine "riesengroße Fülle der zur Lösung anstehender Probleme", die allerdings nur bewältigt werden könnten, wenn "ohne jeden Vorbehalt die entscheidende Konsequenz gezogen wird, den 'vormundschaftlichen Staat' der ja zum überwiegenden Teil für die Probleme verantwortlich ist, wenigstens in dem Umfang 'absterben' zu lassen, wie er mit seinen Apparaten und Politiken das Geistes- und Wirtschaftsleben tyrannisiert". Das Henrich mit derlei Ansinnen den Unmut eben dieses vormundschaftlichen Staates hervorrief, lässt sich sicherlich denken.
Anthroposophie jetzt oder nie?
Einen interessanter Bericht über eine Tagung in Stuttgart mit dem Motto "Anthroposophie und soziale Zukunftsgestaltung" im November 1989 finden wir beim EZW (Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen).
Der Autor Günter Bartsch schreibt: "… In ihrem Mittelpunkt stand der Ostberliner Rechtsanwalt Rolf Henrich, Mitbegründer der Bürgerbewegung »Neues Forum« und Verfasser des Buches »Der vormundschaftliche Staat« (…) Mit ihm kam nicht nur eine frische Brise in den Tagungssaal sondern ein stürmischer Wind, der naturgemäß viele alte Anthroposophen etwas verschreckte."
Überschrieben war dieser Artikel mit "Anthroposophie – jetzt oder nie!" und es hieß weiter: "Viele Teilnehmer hatten offenkundig den Eindruck – einige bestätigten es mir – einen historischen Augenblick mitzuerleben, in dem die Samenkapsel der gescheiterten Dreigliederungsbewegung von 1919 plötzlich wieder auf sprang. Diesmal, so scheint es, wird das Werk gelingen, weil es von einer außerordentlich dynamischen und breiten Volksbewegung getragen wird. (…) Ebenso wichtig dünkt den Anthroposophen, daß Mitteleuropa durch die große Revolutions- und Reformbewegung in Polen, Ungarn, der DDR und der Tschechoslowakei neu erstanden ist. Die geographische Dreigliederung von Osten, Westen und Mitteleuropa war für Rudolf Steiner das notwendige Pendant der sozialen." [3]
Ausbruch aus der Vormundschaft
In seiner 2019 erschienenen Autobiographie "Ausbruch aus der Vormundschaft" erzählt Rolf Henrich sehr eindrücklich und anschaulich über die Genese seines Buches von 1989, die damit einhergehende Gründung des Neuen Forums, seinen persönlichen Werdegang und den Weg vom linientreuen Parteigenossen zum Kritiker des Staatssozialismus und Wegbereiter der "Umbruchprozesse auf dem Weg zur deutschen Einheit." Seine Gedanken, die Erlebnisse und Erfahrungen in dieser Umbruchszeit zeugen von einer Klarsicht, an der es gerade in der Gegenwart im Blick auf "Unsere Demokratie" an vielen Stellen heute zu mangeln scheint.
Es mag sein, dass der Zug zu einer Dreigliederung der gesellschaftlichen Verhältnisse inzwischen abgefahren ist, es war gleichwohl eine durchaus kühne Vorstellung, die zwar kaum Widerhall fand, weil die Mehrheit der Bevölkerung einer schnellen Wiedervereinigung der beiden Deutschlands den Vorzug gab. Die versprochenen blühenden Landschaften eines Helmut Kohl dürften hier wohl den wesentlichen Ausschlag gegeben haben.
Die anthroposophische Welt aber hat, wie es scheint, in den Jahren nach dem Erscheinen des "Ausbruchs aus der Vormundschaft" nur noch wenig Notiz von Rolf Henrich genommen. Inzwischen ist Henrich 82 Jahre alt und ob er immer noch als Rechtsanwalt tätig ist, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen.
Anmerkungen
[1] Das Gründungstreffen der Bürgerbewegung “Neues Forum” fand im September ´89 im Garten von Katja Havemann in Grünheide bei Berlin statt. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben Rolf Henrich u. A. auch Bärbel Bohley, Katja Havemann und Reinhard Schult.
[2] NVA-Divisionen standen zum Einmarsch bereit, marschierten aber nicht ein. Die DDR war politisch und logistisch an der Niederschlagung des Prager Frühlings beteiligt, aber ihre regulären Kampftruppen überschritten am 21. August 1968 nicht die Grenze.
[3] https://www.ezw-berlin.de/fileadmin/user_upload/ezw-berlin/publications/downloads/Materialdienst_02_1990.pdf S.42-44
………………….
Illustration – Buchcover





4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort
Ich fand Bärbel Bohley ja netter, ehrlich gesagt, sie hat mich bei der antifaschistischen Gedenkfeier auf dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter in Stukenbrock unter ihren Regenschirm genommen als es zu regnen begann und sie ist später nach Bosnien-Herzegowina gezogen um das Leid der jugoslawischen Bürgerkriege zu lindern. Was haben wir geträumt, von der DDR und von Jugoslawien…
Der Sozialismus war doch nur als Zwischenetappe zum Kommunismus gedacht. Man hat auf halber Strecke aufgehört, weil man die Ideale und Ideen nicht mehr ernst genommen hat. Der Kapitalismus erschien den Menschen attraktiver, ein Trugschluss, wie wir heute sehen. Kriege und Umweltzerstörung wie noch nie; Neid, Hass und Lügen bringen das ganze System zum Kollaps.
Man verschreckt die Anthroposophen nicht nur mit stürmischen Winden, ein 50-Pfennig-Bändchen von Bertolt Brecht oder Christa Wolf genügt bereits, um sie völlig aus der Fassung zu bringen.
Ich war 1991 in Italien als sich die Kommunistische Partei Italiens, die P.C.I., auflösen musste, in Rom war alles voller Roter Fahnen, die Strassen waren mit Demonstranten gefüllt, wir haben tagelang gefeiert und getrauert, wir konnten es nicht glauben. Pier Paolo Pasolini und Luchino Visconti müssen sich geirrt haben, erklärten die Knechte des Imperialismus und des Kapitalismus damals. Ein Witz, natürlich. Jetzt haben wir Kybernetik, Populismus, Computernetzwerke, Schnellrestaurants und Kinosäle aus Amerika überall und dürfen uns mit dem „Marvel Cinematic Universe” und „Meta Platforms, Inc.” beschäftigen.