„Tun Sie nur, was Sie für richtig halten“

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Der folgende Beitrag unseres Autors Wolfgang G. Vögele widmet sich einem manchmal vernachlässigten Aspekt in Rudolf Steiners Biografie: seiner weitherzigen Haltung als spiritueller Lehrer, wie sie in zahlreichen Memoiren seiner Schüler bezeugt wird.

Rudolf Steiner als Hüter der Freiheit 

Eines der bekanntesten Zitate aus Steiners "Philosophie der Freiheit" lautet: "Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens, ist die Grundmaxime des freien Menschen." [GA 4, S. 166]. Diesem Grundsatz fühlte er sich auch als spiritueller Lehrer verpflichtet: "Richte jede deiner Taten, jedes deiner Worte so ein, daß durch dich in keines Menschen freien Willensentschluss eingegriffen wird" [GA 10, TB, S. 22]

Steiner lehnte es beispielsweise ab, in persönliche Konflikte zwischen Anthroposophen einzugreifen. An Paul Klein, von dem noch die Rede sein wird, schrieb er: "[Es] kann nicht anders sein, als daß bei uns alles auf dem freien Willen der Mitglieder beruht. Daher kann ich nicht den geringsten Einfluß darauf ausüben […] In diesen Dingen habe ich […] lediglich Kenntnis von dem zu nehmen, was die Mitglieder für sich als das richtige empfinden."1

Die in der anthroposophischen Memoirenliteratur vielfach belegte "freilassende Haltung" Steiners unterschied ihn von den Gurus der asiatischen Traditionen, die als unfehlbare Autoritäten von ihren Schülern bedingungslose Unterwerfung erwarteten. 

Erinnerungen eines Arztes2

Wie aus den Erinnerungen des holländischen Arztes Leendert Frederik Carel Mees (1902-1990) hervorgeht, blieb Steiner auch während des Konflikts mit der Theosophischen Gesellschaft neutral. Das zeigt eine Begegnung von Mees mit dem protestantischen Geistlichen Paul Klein (1871-1957), der sich in diesem Konflikt leidenschaftlich für eine Trennung eingesetzt hatte.3 Mees schrieb:

"Während des 2. Weltkrieges war ich in Familienangelegenheiten zu Besuch in der Tschechoslowakei. Gleichzeitig logierte dort mit mir Paul Klein, ein kleiner, vierschrötiger, sehr cholerischer Mann. Er war Geistlicher und seinerzeit, im 1. Weltkrieg, sehr bekannt geworden durch seine vielen Predigten ‚hinter der Front‘, oft vor mehr als 1000 Menschen, wobei er mit einer kräftigen, fast donnernden Stimme den Zuhörern Mut zusprach. – In jener Zeit war er schon mit der Anthroposophie bekannt.

Die Begebenheit, die er mir beschrieb, spielte sich auf einem Kongreß der Theosophischen Gesellschaft ab, zu der Dr. Steiner und eine Reihe späterer Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft damals noch gehörte, Rudolf Steiner war in dieser Gesellschaft Mitglied geworden, weil es da Menschen gab, die ihm zuhörten, wenn er über die Wirklichkeit der geistigen Welt sprach. Von der Art und Weise, wie dies bereits durch Annie Besant und Frau H.P. Blavatsky geschah, hat er sich immer distanziert. Daß dieses natürlich zu Schwierigkeiten in der Gesellschaft führen mußte, ist klar und auch, daß da oft die ‚Wogen hoch gingen‘. Paul Klein, der auch zur Gesellschaft gehörte, fühlte deutlich, daß ‚es so nicht länger ging‘. Es gab so viele Meinungsverschiedenheiten, daß seiner Meinung nach eine Trennung stattfinden müßte. Er sprach hierüber einmal mit Marie von Sivers (die spätere Marie Steiner).
Sie versuchte, so gut es ging, zu vermitteln und sagte, es gäbe so viel Streit in der Gesellschaft, daß man keinen übereilten Schritt tun solle. In diesem Augenblick fühlte Paul Klein eine Hand auf seiner Schulter. Rudolf Steiner stand neben ihm und sagte ruhig: ‚Tun Sie nur, was Sie für richtig halten.‘

Der erste Schritt zu einer Trennung in Theosophische und Anthroposophische Gsellschaft wurde von Paul Klein unternommen." – So weit Mees.

Ein Austritt war nie beabsichtigt

Ergänzend sei angemerkt, dass Rudolf Steiner nie einen "Austritt" beabsichtigt hatte. In seiner Autobiografie schrieb er: "Wären Gesinnung, Haltung und Wirken der [theosophischen] Gesellschaft so geblieben, wie sie damals [um 1902] waren, mein und meiner Freunde Austritt hätte nie zu erfolgen gebraucht. Es hätte nur innerhalb der Theosophischen Gesellschaft die besondere Abteilung ‚Anthroposophische Gesellschaft‘ offiziell gebildet werden können." 4

Anfänglich arbeiteten die einzelnen Ländersektionen friedlich nebeneinander, trotz unterschiedlicher Schwepunkte in der Lehre. 1907 durfte Steiner eine eigenständige esoterische Schule eröffnen. Annie Besant über Steiner: "Er hat seine eigene Schule und trägt auch selbst die Verantwortung dafür. Ich halte ihn für einen sehr guten Lehrer in seiner eigenen Richtung und für einen Mann mit wirklichen Erkenntnissen. Er und ich arbeiten in vollkommener Freundschaft und Harmonie, aber in verschiedene Richtungen."5
Doch allmählich wurde Steiners erfolgreiches Wirken als Konkurenz empfunden. Besants Bekenntnis zum Hinduismus verband sie mit einer zunehmenden persönlichen Diffamierung Steiners. Dieser wirke autoritär, lasse als Generalsekretär innerhalb seiner (deutschen) Sektion keine Meinungsfreiheit zu, weil er (angeblich) eine jesuitische Erziehung genossen habe.6

Weitere Beispiele für Steiners freilassende Haltung

Herbert Hahn berichtet:

"[Es] war immer wieder überraschend, wie frei einen Rudolf Steiner auch durch seine Ratschläge ließ. Niemals sagte er bloß: tun Sie dieses; lassen Sie jenes! Meistens fing er mit den Worten an: ‚Sie könnten vielleicht…‘; oder – ‚Ich würde Ihnen raten…‘ oder auch ‚Wenn Sie das und das tun wollen, werden Sie…‘7

Maria Röschl erinnert sich: "Ein ganz besonderer Zug in Rudolf Steiners Führung war die Sorgfalt, mit der er den andern frei ließ. Nie empfand ich mich an einer bildenden Kette von Verpflichtungen, die den eigenen schöpferischen Willen unterdrückt hätten. Nie gab er eine weitere Weisung, außer wenn man im Streben und Suchen an ein Hindernis kam, allein nicht weiterfand und um Hilfe fragte.[…] So erlebte man Rudolf Steiner als Hüter der Freiheit."8

Was in der anthroposophischen Memoirenliteratur erzählt wird, stößt bei manchen Kritikern auf Skepsis und wird gern als "anektdotische Evidenz" (Verallgemeinerung von Einzelfällen) abgetan. Kritiker, die sich zu einer autoritär und dogmatisch auftretenden Kirche bekennen, unterstellen auch Steiner – im Sinne einer Projektion – ein autoritäres Verhalten: "Autoritär bleibt [Steiners] Schulungsweg in jeder Variante." 9

Ganz anders sieht es Wolfgang Abendroth: 

"[Steiner] war weit davon entfernt, sich […] als eine Art Erlöser aufspielen zu wollen. Alle seine praktischen Unternehmungen hat er erst auf entsprechende Fragen und Bitten von anderer Seite ins Werk gesetzt. Die unkontrollierbare Autorität eines neuen Glaubensstifters, welche ihm manche Anhänger allerdings oft geradezu aufdrängten, lehnte er stets auf das entschiedenste ab und appellierte hingegen immer wieder an das gesunde Urteil und an die Bestätigung durch eigene Erfahrung."10

Gerhard Wehr betont in der Einleitung seiner Steinerbiografie den Wert der Selbstwerdung: "Keine der kollektiven Systeme, seien es Kirchen, Parteien, Ideologien oder Gesellschaften, auch keiner der ethischen Garanten, seien es Priester, Lehrer oder Gurus aller Art, können und dürfen die Initiative zur Selbstwerdung (Individuation) ersparen oder ersetzen."11


foto: dokumentationen.kulturimpuls.

1 Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 120, Dornach 1998, S. 58
2 L. F.C. Mees: Wie Rudolf Steiner sprach. Erinnerungen an Selbsterlebtes und Gehörtes. Basel: Verlag Die Pforte,1988, S. 25
3 Wolfgang G.Vögele: Paul Klein. In Bodo v. Plato (Hg.): Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Dornach 2003, S.372-374. 
4 Mein Lebensgang, GA 28, Dornach 2000, S.414
5 Brief an Dr. Hübbe-Schleiden, London,7.6.1907, zit. nach Emil Bock: Rudolf Steiner. Studien zu seinem Lebensgang und Lebenswerk. Stuttgart 1961, S. 196
6  Der Konflikt Besant/Steiner ist dokumentiert in Norbert Klatt: Theosophie und Anthroposophie. Göttingen 1993
7 Herbert Hahn: Begegnungen mit Rudolf Steiner. Arbeitsmaterial für die Aus- und Fortbildung der Internationalen Vereinigungen der Waldorfkindergärten e.V., Stuttgart Ostern 1991, S. 11
8 Maria Röschl-Lehrs: Rudolf Steiner als persönlicher Lehrer. In: Wir erlebten Rudolf Steiner, Stuttgart 1970, S. 195
9 Helmut Zander, Anthroposophie in Deutschland, Güttingen 2007, Bd. 1, S 612
10 zit. nach Gerhard Wehr: Rudolf Steiner, Zürich 1993, S. 443
11Wehr, S. 10

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