Tod von George Floyd.

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Hat die politische Korrektheit versagt?

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Website der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" als Blogbeitrag. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die jüngsten Vorfälle in den USA zeigen die Unzulänglichkeit des Systems der politischen Korrektheit und seiner Idee von Gerechtigkeit auf.

von Ortwin Rosner 
Die Absurdität der Strategien der politischen Korrektheit gegen die Ungerechtigkeiten auf der Welt wird vielleicht besonders anschaulich anhand einer vor einigen Wochen in Umlauf gekommenen Nachricht über eine Errungenschaft in der israelischen Armee. Als Erfolg wird vermeldet: Endlich wurde für Transgenderpersonen das Recht auf Unisex-Uniformen erkämpft.

Klarer hätte man nicht zum Ausdruck bringen können, worin für die führenden Köpfe des zeitgenössischen öffentlichen Diskurses die empörenden Ungerechtigkeiten der Weltgeschichte liegen. Nicht der seit Jahrzehnten tobende Krieg zwischen Arabern und Israelis als solches wird mehr als das Problem betrachtet, erst recht nicht, dass es überhaupt so etwas wie Militär und Krieg gibt – sondern schön politisch korrekt muss es dabei zugehen, das ist nun das Wichtige. Denn auch nicht mehr wie einst in der Hochblüte der Friedensbewegung wird das Schreckliche des Militärs darin gesehen, dass man dort dazu ausgebildet wird, Menschen zu töten. Nein, die Hauptsorge dreht sich heutzutage darum, ob dabei gendergerecht vorgegangen wird oder nicht.

Irrige Strategien der politischen Korrektheit

Einem ähnlich irrigen Strickmuster folgen jedoch manche der Protestaktionen, zu denen es in Folge der Tötung des Schwarzen George Floyd durch Polizisten in den USA kam. Was ich damit meine, ist etwa das Umstürzen der Statuen von Sklavenhändlern aus der Kolonialzeit.

Wie bombastisch wird das von den Medien ins Bild gerückt – und wie wenig ändert es an den wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen. Hier lebt sich eine charakteristische Strategie der Systems der politischen Korrektheit aus: Man konzentriert sich auf symbolische Akte. Anstatt dass im Stürzen dieser jahrhundertealten Monumente eine Stärke zum Ausdruck käme, versinnbildlicht sich darin ganz im Gegenteil die völlige Ohnmacht derjenigen, die glauben, damit etwas Großartiges zu tun.

Wer nicht imstande ist, den modernen Sklaventreibern zu Leibe zu rücken, zum Beispiel dem Amazon-Chef Jeff Bezos, wer an der Macht der heutigen Eliten und Großkonzerne nicht rütteln kann, der tobt sich aus in solchen Ersatzhandlungen, der rückt Denkmälern von Personen zu Leibe, die gar nicht mehr existieren und schon lange nichts mehr zu sagen haben. Von „Aufarbeitung der kolonialistischen Vergangenheit" ist da zwar vollmundig die Rede, die Frage ist vielmehr aber, ob es nicht eher um Ablenkung geht, um eine den heutigen Mächtigen nur willkommene Ablenkung des Zorns auf Ersatzobjekte.

Dabei zeigt doch gerade der gewaltsame Tod George Floyds, wie wenig die massiven und teilweise auch sehr aggressiven Strategien der politischen Korrektheit irgendetwas an den realen gesellschaftlichen Verhältnissen geändert haben und dass sie möglicherweise dazu auch gar nicht in der Lage sind, weil sie ihren Fokus auf vollkommen falsche Dinge richten. Man hat bestimmte Wörter und Begriffe aus der Sprache gestrichen, man hat – üblicherweise ein No-Go für jeden seriösen Herausgeber – aus ideologischen Gründen den originalen Wortlaut der Texte von Mark Twain verstümmelt und verfälscht, ebenso wie man akribisch das N-Wort sogar aus den harmlosen Pippi-Langstrumpf-Büchern entfernt hat, man hat regenbogenfarbige Flaggen gehisst, ein Dunkelhäutiger ist US-Präsident geworden, und man hat sich allen Ernstes von der Illusion einnebeln lassen, eine neue Zeit wäre deswegen schon angebrochen, man hätte damit nun auch die sozialen Ungleichheiten beseitigt und die Gleichstellung der Menschen erreicht, oder wenigstens ein Anfang dafür wäre getan.

Was aber hat sich dadurch real an der Situation der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft verändert? So gut wie nichts.

Die Konzentration auf bloß Symbolisches

Und wer weiß: Vielleicht hat sogar Derek Chauvin, der Polizist, der mutmaßlich hauptverantwortlich für den Erstickungstod von Floyd ist, in seiner Ausbildung brav gelernt, dass man das N-Wort nicht verwendet, und vielleicht hat er es während des Einsatzes auch gar nicht verwendet – doch weder das noch die politisch motivierte sprachliche Zurechtrichtung der Texte Twains haben ihn daran gehindert, das zu tun, was er getan hat.

Man könnte hinzufügen: weil das, was er getan hat, nach wie vor in der Logik des Systems liegt, in dem er agierte, und den realen gesellschaftlichen Machtverhältnissen entspricht, an deren Grundlagen die politische Korrektheit noch nicht einmal kratzt.

Anstatt aber dass die Köpfe der politischen Korrektheit nun endlich beginnen würden, ihre Strategien und Prämissen infrage zu verstellen, vergraben sie sich immer tiefer darin. Nicht nur, dass man dem Stürzen von Statuen eine überdimensionale Bedeutung beimisst, nicht nur, dass nun die Veränderung der Logos der Nahrungsmittelmarken „Uncle Ben's Rice" und „Aunt Jemima" eine überproportionale Aufmerksamkeit erhält und eine Countrypop-Band namens "Dixie Chicks" glaubt, ihren Namen ändern zu müssen, noch absurder finde ich es, wenn ein Streamingdienst das kitschige Südstaaten-Epos „Vom Winde verweht" aus seinem Programm nimmt und nun stolz glaubt, damit tatsächlich einen Beitrag zur Beseitigung der realen Ungerechtigkeiten auf der Welt geleistet zu haben.

Ebenso, und hier geht es nun um die anti-sexistische Front, nimmt man ja auch allen Ernstes an, man tue etwas ganz hochmoralisch Weltveränderndes, wenn man immer aggressiver politische Sprachkontrolle bezüglich Binnen-Is oder Sternderln betreibt oder eine Hexenjagd auf die "Harry Potter"-Autorin J.K. Rowling inszeniert, die mit ihren Äußerungen angeblich Transmenschen beleidigt haben soll – wobei man das auch nur denken kann, wenn man sich im schon automatisch gewordenen Empörungsreflex gar nicht mehr bemüht, den Sinn ihrer Aussagen zu verstehen.

Alle diese Aktionen jedoch, die am Ende hauptsächlich bloß der moralischen Selbstbeweihräucherung derer dienen, die sie durchführen, haben beispielsweise bislang nichts daran geändert, dass meine ältere Bekannte, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat, mit ihren 70 Jahren immer noch gelegentlich putzen gehen muss, weil ihre Pension sonst kaum soweit ausreichen würde, dass sie über die Runden kommt. Wahrhaft eine Schande für die Gesellschaft. Die Sternderln sind ihr gleich, glaube ich.

Der Unterschied zwischen pseudolinks …

Auf den Punkt bringt es Maria Wölflingseder in einem Beitrag, der in der jüngsten Ausgabe der linken Zeitschrift „Streifzüge" veröffentlicht wurde:

 "Zur Zeit arbeiten die Behörden und Universitäten akribisch daran, Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Die gesamte Verwaltungssprache soll geschlechtsneutral werden. Aus 'Vater' und 'Mutter' wird 'Elternteil 1' und 'Elternteil 2'. Aus 'Rednerpult' 'Redepult', aus 'Teilnehmerlisten' 'Teilnahmelisten', aus 'Ansprechpartner' 'der oder die Auskunft gibt'. Die neutralisierende Sprachakrobatik schreckt auch vor 'Lieb* Studierend*' nicht zurück. Je mehr Sternderln, desto weniger Diskriminierung? Schade nur, dass die Sternderln, Binnen-Is, Unterstriche und all die anderen Fuzerl-Fetische nicht gegen die tatsächlichen Diskriminierungen helfen. Gegen die Armut, die immer mehr (alleinerziehende) Mütter, Kinder und Frauen über 60 bedroht! Oder gegen die ökonomischen Verhältnisse, die Studentinnen veranlasst, sich von Sugar Daddys, die im Internet angeboten werden, das Studium finanzieren zu lassen!"

Nun verstehe man mich nicht falsch: Das Symbolische ist natürlich auch wichtig. Und keineswegs bin ich der Ansicht des Philosophen Robert Pfaller, dass Sprache nicht verletzen kann. Dem ist Rechnung zu tragen. Aber nicht auf die irrige Art und Weise, wie das die Bewegung der politischen Korrektheit tut. Zur einer Art Beschäftigungstherapie der Mitglieder jener Geistesschickeria heruntergekommen, in der man zwar gerne ein wenig mit dem moralischen Zeigefinger wedelt und gelernt hat, sich auf Kindergarten-Niveau über das Böse auf der Welt zu empören, sich aber nicht unbedingt allzu viel mit der komplexen Realität auseinandersetzen will, treibt ihr übertriebener Fokus auf sprachliche Kosmetik darauf zu, demgegenüber die gesellschaftliche Wirklichkeit immer mehr auszublenden, ja schließlich zu zementieren.

Denn wie sehr man sich hier mit der Aura des Progressiven auch umgibt, um eine Grundsatzkritik an gesellschaftlichen Verhältnissen geht es den politisch Korrekten schon lange nicht mehr. Mit anderen Worten: die politische Korrektheit ist zu einem, wenn nicht dem wesentlichen Arm des Linksliberalismus geworden, einer stark verwässerten, mit dem Neoliberalismus kooperierenden Spielform der Linken, die sich vor allem dadurch definiert, dass sie gegen den Rechtsextremismus ist, ansonsten aber konservativer ist, als sie zugibt, und die Gesellschaft, wie sie ist, im Prinzip ganz in Ordnung findet.

Hier ein Facebook-Posting, das treffend die links- beziehungsweise neoliberale Auffassung von Gleichstellung illustriert:

… und wirklich links

Worin der Unterschied liegt zwischen dem, was ich als "pseudolinks" bezeichne, und dem, was ich wirklich „links" nenne, zeigt sich  beispielsweise am Begriff der „Chancengleichheit". Auch das ein auratisches Wort, das mit dem Linksliberalismus und mit der Idee der politischen Korrektheit immer mitschwimmt. Frauen, Homosexuelle, Schwarze, sie alle sollen die gleichen Chancen haben, heißt es immer wieder, ja, „Vielfalt" und „Chancengleichheit" werden stets in einem Atemzug beschworen. Alle sollen „hochkommen", „aufsteigen" und „Karriere machen" können, gleich welcher Hautfarbe und welchen Geschlechts.

Aber dass es in unserer Gesellschaft grundsätzlich immer ums „Hochkommen" gehen muss, ja, dass es überhaupt so etwas wie „oben" und „unten" gibt, das wird von den zeitgenössischen anti-sexistischen und anti-rassistischen Bewegungen linksliberaler Spielart schon lange nicht mehr infrage gestellt, das wird fast wie naturgegeben hingenommen. Das ist immerhin auffällig, gab es doch einmal, in den 70er- und 80er-Jahren auch eine andere Version des Feminismus, eine, die davon ausging, wenn es keine Unterdrückung der Frau mehr gäbe, dann wäre eine ganz andere, ein nicht-hierarchische Welt die logische Konsequenz.

Bei diesem so schön klingenden Begriff der „Chancengleichheit" übersieht man vor allem eines leicht: dass er mit einer wirklichen Gleichstellung der Menschen überhaupt nichts zu tun hat. Denn irgendjemand muss ja nach wie vor „unten" bleiben, und dem wird dann umso mehr unterstellt werden müssen, dass er „selber schuld" an seinem Scheitern sei, denn die Hautfarbe oder das Geschlecht kann man ja dann nicht mehr dafür verantwortlich machen, und das System als solches will man ja auch nicht in Frage stellen. Wer das tut, ist bekanntlich nicht mehr „linksliberal", sondern tatsächlich „links", also „linksradikal", und das gilt irgendwie als böse, wenigstens für den Linksliberalen.

Die bloße Änderung von Fassaden

Das Ergebnis der Weltverbesserungsstrategien des Linksliberalismus haben wir in den aktuellen sozialen und politischen Verhältnissen der USA vor uns. Von den deklassierten weißen Männern, für die sich die Linksliberalen nicht zuständig fühlen, weil sie ja ganz sicher nicht Opfer von Diskriminierung, sondern selbst an ihrem Schicksal schuld sind, sind sicherlich nicht wenige bei den Präsidentenwahlen 2016 zu Donald Trump übergelaufen, und man kann es ihnen nicht einmal verübeln. Und da sich gleichfalls hinter dem Problem des Rassismus in Wahrheit ein ignoriertes Klassenproblem verbirgt, das durch das Umschreiben der Bücher Twains nicht verschwindet, hat sich auch auf der Seite der Schwarzen nichts zum Besseren verändert.

Das Stürzen der Statuen ehemaliger Kolonialherren wird an diesem Klassenproblem aber auch nichts ändern – genauso wenig, um einen zugegebenermaßen etwas sprunghaften Vergleich zu ziehen, wie die vielen lustigen Ampelpärchen in Wien etwas daran ändern, dass viele Menschen, und zwar gleich, ob Transgender oder nicht, ob Hetero oder Homo, schlicht furchtbar einsam und alleingelassen sind, ohne dass sich die Gesellschaft darum schert.

Oder, ich könnte gleichfalls, um das weiterzuspinnen, sagen: Genauso wenig wie der symbolische Applaus für die „systemrelevanten Kräfte" während der Coronakrise irgendeine reale gesellschaftliche Veränderung nach sich gezogen hat.

Selbst die Aufregung über den gegen eine WWF-Aktivistin gerichteten „Luder"-Sager des Tiroler Landeshauptmann-Stellvertreters Josef Geisler von der ÖVP bekommt hier für mich jedoch fragwürdige Aspekte. [Geisler hatte die Aktivistin in einer Diskussion als "widerwärtiges Luder" bezeichnet.(d.Red.)] Nicht dass man mich missverstehe: diese Äußerung ist natürlich inakzeptabel. Die Empörung darüber kann aber der ÖVP fast schon wieder recht sein, denn die nun entfachte Sexismus-Debatte lenkt prächtig ab von dem, worum es bei dem Vorfall eigentlich ging, nämlich um Sachkritik an der faktischen Tiroler Umweltpolitik. Selbst hier muss man also aufpassen, dass man nicht in den Sog einer Debatte gerät, in der es nur mehr um sprachliche Fassaden und nicht mehr um eine wirkliche Veränderung der Welt geht.

Exkurs: Der "Neusprech" in George Orwells "1984"

Vor kurzem ist mir zufällig George Orwells "1984" in die Hände geraten, und ich habe begonnen darin zu lesen. Ein durchaus lohnendes Unterfangen, denn es handelt sich dabei um eines jener Werke der Weltliteratur, von denen man glaubt, man wisse ohnehin, was darin steht, dabei hält es doch einige Überraschungen bereit. Und mit einem Mal entdeckt man mit Erstaunen, dass der von Orwell skizzierte fiktive totalitäre Staat Strategien unterhält, die derjenigen der politischen Korrektheit erschreckend gleichen. Geht es doch auch hier um die Manipulation von Sprache und Schrifttum aus politischen Motiven.

So gibt es im Orwell'schen Staat etwa eine Arbeitsstelle, in der man Gedichte umschreibt, weil sie in ihrer alten Gestalt ideologisch unsauber geworden sind. Die Form des sogenannten "Neusprech" wiederum ähnelt in mancher Hinsicht frappant dem verstümmelten Sprachduktus, der heutzutage als gendergerecht propagiert wird. Und an einer Stelle des Buches werden sogar alte Statuen, Denkmäler und Inschriften erwähnt, an denen immer wieder Veränderungen vorgenommen werden, damit sie dem entsprechen, was gerade als Standpunkt der Partei gilt.

In der Tat nimmt die politische Korrektheit in ihren fanatischen Ausformungen schon eine Gestalt an, die auffällig an die von Orwell beschrieben Gedankenpolizei erinnert. All diese Übereinstimmungen sollten die Anhänger der politischen Korrektheit doch immerhin dazu anregen, für einen Augenblick innezuhalten und in sich zu gehen.

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