Think global. Think yourself!

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sagt Max Michels von den Beatagenten

Fast jeder kennt es, wenn auch nicht gerade in Zeiten wie diesen. Wenn Otto-Normal-Hypochonder sich mit einem Schnupfen in die nächstgelegene Notaufnahme begibt, können wir das belächeln oder uns auch darüber aufregen, dass er denen, die es vielleicht wirklich nötig haben, den Platz im Wartezimmer des Hausarztes wegnimmt. Bis hin zu Moliere mit seinem "eingebildeten Kranken" haben die Witzchen über den Umgang mit diesen Phänomenen immer wieder Hochkonjunktur.

Nun aber ist es schon seit einer geraumen Weile anders. Denn das Corona-Virus hat uns alle im Griff. Draußen ist es ruhig, der Lärm von spielenden Kinder ist weitgehend verstummt, nur wenige Spaziergänger, manchmal auch Paare, oft schon älteren Semesters, aber keine dieser sonstigen Wanderhorden kreuzen meinen Weg durch das stille Ellerbachtal. Ich erwische mich bei dem Gedanken, ob wir auch genug Klopapier im Hause haben und ob wir vielleicht den Ratschlägen dieses oder jenes Ministeriums hätten folgen sollen. Nämlich Nudeln, Tomaten in Dosen oder Chips für mindestens zwei Wochen zu bunkern. Die Tiefkühltruhe ist voll, auch ohne Corona, denke ich und dann: Wenn der Strom ausfällt? Nun, dann kann man ja immer noch mit den Nachbarn teilen, bevor alles Aufgetaute verdirbt. Ja, denke ich weiter, Teilen ist das neue Miteinander. Nun ist ja ein solcher Gedanke nicht neu, denn was tun wir eigentlich, wenn wir arbeiten oder etwas schaffen, sei es als Bäcker, Schneider, Mitarbeiter am Band bei VW oder Opel? Stehen nicht – in unsichtbaren Lettern – die Namen derer auf dem Produkt, das irgendein Mensch auf der Welt konsumiert, benutzt oder einfach nur sein Eigen nennt? Die Hand, die mein Smartphone zusammengebaut, sei es auch nur teilweise, der Finger, der den Knopf gedrückt hat, dessen Kontakt dafür sorgt, dass ein Metallarm mit einem "Schraubenzieher" am Ende das Rücklicht an meinem neuen Auto befestigt etc. Es sind Menschen, die das Ergebnis ihres Arbeitseinsatzes mit mir teilen. Und umgekehrt gilt das natürlich auch, denn mein Einkommen oder zumindest einen Teil davon teile ich auch mit ihnen. Ob das immer ganz gerecht verteilt ist, wenn ich an das T-Shirt von H&M denke? 

Dass wir in Zeiten der Globalisierung leben, könnten inzwischen wohl die meisten Menschen begriffen haben und wenn heute Nationalismen wieder Oberwasser bekommen, a lá Mr. Trumps „America first" oder das „Deutschland den Deutschen" der AFD, wird das nur vorübergehend sein und Staaten, die Grenzen schließen, weil sie glauben, die Zeit damit anhalten zu können, werden hoffentlich auch irgendwann begreifen, dass sie out sind und von Gestern. 

Eine Einsicht, die wir uns in diesen Zeiten wohl sehr deutlich klarmachen könnten: Wer Gesichtspunkte wie die oben genannten in sein Denken einbezieht, dem gelingt es vielleicht auch, militärischem Säbelgerassel und abenteuerlichen Kriegs- und Sandkastenspielchen eine Absage zu erteilen. Vom Zusammenhang von Rüstungsexporten und den weltweiten Flüchtlingsbewegungen ganz zu schweigen. 

Vor ein paar Tagen war ich im Einkaufszentrum. Wenn das Klopapier zur Neige geht, kauft man ein neues Paket. "Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen, max. 2 Einheiten." Es sind noch 2 Pakete da, immerhin ist es schon 11:30 Uhr. Ich nehme eines. Mitleidige Blicke an der Kasse. Alles? Ja. 

Kein Besuch in diesem Einkaufszentrum ohne einen Espresso-Lungo im Café Paganini bei Antonietta an der Theke. Geschlossen. Natürlich. 

Corona nimmt uns jetzt in Geiselhaft, wir können darüber lamentieren oder uns dagegen stemmen, Partys feiern oder uns über die Einschränkung unserer Freiheitsrechte beschweren. Ändern werden wir wohl nichts und es wäre auch nicht besonders klug. Aber wir können, nein, wir müssen wachsam sein. Übrigens nicht erst seit vierzehn Tagen oder seit uns die ersten Hiobsbotschaften aus Italien erreicht haben.

Wir alle werden in den nächsten Tagen und Wochen vor noch mehr Herausforderungen stehen und viel Kraft und vor allem auch Empathie-Fähigkeiten brauchen, um diese zu meistern. 

Was wird passieren mit den vielen kleinen Läden, die es ja auch immer noch gab, den Kleinunternehmer*innen, den Start-ups, die gerade jetzt eine Geschäftsidee hatten und in Kürze vielleicht vor dem Aus stehen? Fast jeder ist in irgendeiner Weise davon betroffen. 

Es sind nicht nur die negativen Aspekte, die uns ins Auge springen, man denke nur an die Berichte von der Hilfsbereitschaft derer, die dafür sorgen, dass das öffentliche Leben nicht zusammenbricht, was man eigentlich nicht hoch genug einschätzen kann. Die Müllwerker, die Verkäufer*innen in den Lebensmittelläden, die Pflegekräfte in den Altenheimen, die Krankenschwestern und die Mediziner*innen in den Krankenhäusern und Arztpraxen. 

Aber auch die Ruhe, die mit diesem shut-down einhergeht, der Himmel, der plötzlich wieder blau ist und der erzwungene Rückzug ins Private hat für manche Menschen sicher auch positive Aspekte. 

Irgendwann aber wird diese Krise sich dem Ende neigen. Seien wir vorbereitet auf das, was dann kommt. Mir kommen die Worte von Günter Eich – nicht zum ersten Mal in meinem doch schon ziemlich langen Leben – in den Sinn: 

"Ach, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!
Schon läuft der Strom in den Umzäunungen, und die Posten sind aufgestellt.
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit
der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"

Und nein, das ist keine Aufforderung zur Revolution. Es ist – wenn überhaupt – eine Aufforderung zum Selberdenken. Das kostet noch nicht einmal etwas und wenn man schon mal nicht mehr so richtig raus auf die Straße kann, tut es noch nicht einmal weh! Und damit ich nicht missverstanden werde: Ich bleibe zu Hause. Das Klopapier wird schon reichen. 

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