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Peter Selg über Anthroposophie und den Rassismus-Vorwurf.
Gesellschaft und Medizin im totalitären Zeitalter

von Michael Mentzel 

Ein anthroposophischer Vielschreiber. So kannte ich bisher Peter Selg, dessen Buchveröffentlichungen zahlreich sind und manchmal konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass dieser Zeitgenosse wohl an seinem Schreibtisch festkleben müsse. Aktiv als Vortragsredner, fundiert, immer präsent und sachverständig unterwegs in Sachen Rudolf Steiner und Anthroposophie. Sodass man manchmal meinen konnte, dieser Peter Selg sei schon vor seinem Eintritt in die Schule Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden. Immer wieder habe ich ihn erlebt und über seine Fähigkeit gestaunt, mit scheinbar geschlossenen Augen eine Stunde und mehr über Rudolf Steiner, Ita Wegmann und die Anthroposophie referieren zu können. 

In der Vorbemerkung zu seinem im Frühjahr 2020 erschienenen Buch "Rudolf Steiner, die Anthroposophie und der Rassismus-Vorwurf. Gesellschaft und Medizin im totalitären Zeitalter" erlebe ich ihn nun noch einmal anders: Nämlich als einen durchaus streitbaren Geist, dem offensichtlich ob der zahlreichen Verdrehungen und Falschbehauptungen über Rudolf Steiner sprichwörtlich der Hut hochgegangen ist.

Mit seinem Buch versucht Peter Selg den Hintergründen auf die Spur zu kommen, die Steiner-KritikerInnen wie  Jutta Ditfurth, Helmut Zander, Peter Bierl, André Sebastiani und andere dazu bewegen, einen Kampf gegen eine Weltanschauung zu führen, die so viele positive Ergebnisse im gesellschaftlichen Miteinander bewirkt hat, wie kaum ein anderes Denkmodell der Neuzeit. Was treibt sie an, diesen Kampf auf Biegen und Brechen gewinnen zu wollen? Mit Blick auf die zahlreichen und immer wieder kolportierten Vorwürfe, die Anthroposophie sei im Kern antisemitisch, die anthroposophische Medizin sei "unwissenschaftlich", "esoterisch-okkult", Rudolf Steiner ein Scharlatan usw. scheint es fast ein aussichtsloses Unterfangen, all den Falschbehauptungen und groben Unterstellungen mit tatsächlichen Fakten begegnen zu wollen, denn wie die Leserinnen und Leser seines Buches im Verlauf der Lektüre feststellen werden, hat sich hinsichtlich dieser Unterstellungen seit den 1920er Jahren kaum etwas geändert. 

Bereits die Einleitung und das darauffolgende Vorwort lässt eine interessante Lektüre erwarten. Denn hier spricht nicht ein "gebürtiger Anthroposoph in dritter Generation", wie sich einmal ein anthroposophischer Buchverleger im Internet vorstellte, sondern einer, der sich Rudolf Steiner zwar erkennbar mit großer Sympathie, aber auch mit einem gewissen Abstand genähert hat: "Im Zuge meines Steiner-Werk Studiums war ich auch auf einige Vortragsstellen gestoßen, die mich irritierten; (…) Auch waren mir verschiedene Ausführungen Rudolf Steiners  – beispielsweise über das Wirken der 'geistigen Hierarchien' in der kosmischen Evolution der Erde – damals, in den Jahren nach 1986, entschieden zu spirituell und entlegen. (…) Steiners Hoffnung auf 'Deutschland', die ich in vielen seiner Vorträge und Schriften fand, konnte ich nicht teilen, obwohl ich sah, dass er alles andere als ein Nationalist oder Nationalpatriot war, (…) dass er den 'Deutschland'-Begriff nicht politisch, sondern kulturell-geistig verstand." "… Passagen, insbesondere aus den sogenannten 'Arbeitervorträgen' für die Bauleute am Goetheanum, erschienen mir (…) mitunter geradezu beleidigend (und) der komplizierten Wirklichkeit der Länder, Kulturen und Religionen nicht gerecht werdend …"

Wenn er auch "angesichts des Gesamtwerkes und seiner Konsequenzen" derlei Aussagen von Rudolf Steiner als "marginal" empfand, gehört Peter Selg offensichtlich nicht zu den Anthroposophen, die es sich vielleicht manchmal allzu leicht machen mit ihrer Zuneigung zum großen "Menschheitslehrer" Rudolf Steiner – und die glauben, dessen umfangreiches Werk in seiner Gesamtheit als unhinterfragbares Postulat des Wahren, Guten und Schönen gegen jegliche Kritik mit Klauen und Zähnen verteidigen zu müssen. Selg: "Ausdrücklich möchte ich betonen, dass ich aufgrund meiner eigenen Biografie und Sozialisation Menschen sehr gut verstehe, denen die anthroposophische Gedankenwelt fremd und seltsam bis verdächtig erscheint …" und möglicherweise, sagt er, hätte er "ohne die weltoffene und im besten Sinne wissenschaftspluralistische Orientierung der Universität Witten/Herdecke vielleicht nie einen Zugang zum Werk Rudolf Steiners gefunden". 

Ob das so und ähnlich Gesagte dazu angetan ist, Steiner-Kritiker zu bewegen, sich mit den von Peter Selg angeführten Beispielen und Richtigstellungen auseinanderzusetzen, darf bezweifelt werden, denn insbesondere den oben Genannten geht es nicht um Aufklärung bestimmter von Steiner gemachter Aussagen, sondern, wie Peter Selg schreibt: "Das Ziel vieler Anthroposophie-kritischer und zum Teil außerordentlich aggressiver Publikationen, Interviews und Talkshow-Beiträge ist die Beeinflussung  der öffentlichen Meinung und des Gesetzgebers durch selbsternannte und weltanschaulich festgelegte Experten." Dies geschehe unter "dem Deckmantel der 'Wissenschaft" oder der 'Aufklärung'". Und wenn Peter Selg – mit einem Hinweis auf den Nachdenkseiten-Herausgeber Albrecht Müller und dessen jüngst erschienenes Buch "Glaube wenig, Hinterfrage alles. Denke selbst."– davon spricht, dass der "neue Feindbildaufbau in Europa" auch nicht halt mache vor der Anthroposophie und Rudolf Steiner, werden vermutlich bei den sogenannten liberalen Anthroposophen, die gern von der "offenen Anthroposophie" sprechen, vermutlich sämtliche Alarmglocken klingeln. Schon wieder ein "Verschwörungsmystiker" in "unseren Zusammenhängen"? 

Peter Selg ist als Leiter des Arlesheimer Ita-Wegman-Institutes eine anerkannte Größe innerhalb der gesamten anthroposophischen Szene. Und Ita Wegman, das werden wohl wenige bestreiten, war weder zu Lebzeiten noch ist sie heute irgendwelcher rassistischer oder nationalistischer Umtriebe verdächtig. Im Gegenteil.  

Die "Hauptvorwürfe" gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophen gelten Peter Selg zufolge einerseits dem "vermeintlich 'ideologischen', 'menschenverachtenden' Kern der Anthroposophie" und zweitens dem "offenbar fragwürdigen Verhalten der Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus". Im ersten Teil seiner Ausführungen stellt Selg die Positionen Rudolf Steiners zu den Fragen nach der "Selbst- und Fremdbestimmung, des Nationalismus und Rassismus sowie seine Auseinandersetzung mit Judentum, Antisemitismus und Zionismus" dar. 

Der Autor der 1894 erschienenen "Philosophie der Freiheit", so Peter Selg, war "definitiv keinkonservativ-reaktionärer Okkultist, geschweige denn ein autoritärer Rassist und Antisemit." Diese "Philosophie der Freiheit" handele von der Möglichkeit, "die von Kant postulierten Erkenntnisgrenzen zu überschreiten, zu eigenen Einsichten (…) vorzudringen sowie zu individuellen Handlungsimpulsen bzw. 'moralischen Intuitionen' zu gelangen, einer individuellen Ethik aus Einsicht und Erkenntnis." Steiners philosophisches Hauptwerk" entwickele einen inneren Weg von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung, den Weg zum wirklichen Ich – und damit zur menschlichen Würde." 
Immer wieder habe Steiner in seinen frühen Vorträgen und Schriften hervorgehoben, "dass das entscheidende Entwicklungsmoment des Menschen in seiner seelisch-geistigen Entfaltung liege." 

Dieses Überschreiten der "postulierten Erkenntnisgrenzen" aber bedingt – so verstehe ich als zumindest halbwegs kundiger Leser die steinerschen Texte – die Anerkenntnis der Tatsache, dass der Mensch durch verschiedene Erdenleben und Wiederverkörperungen geht und natürlich auch den jeweiligen Bedingungen dieser Lebensabschnitte unterliegt – ein Umstand, der es potenziellen Kritikern möglicherweise schwer macht, derlei Gedankengängen zu folgen und sie gegebenenfalls zu akzeptieren. Da macht man dann lieber einen Bogen herum und übrigbleiben herausgebrochene Versatzstücke, die dann dem staunenden Publikum als Nachweis der "Verrücktheiten" des "Rassisten" Rudolf Steiners und des oben genannten 'ideologischen', 'menschenverachtenden' Kerns der Anthroposophie serviert werden. 

Rudolf Steiner aber sei es darum gegangen, "trotz unterschiedlicher Lebensbedingungen, Eigenarten, Fähigkeiten und Aufgaben der einzelnen Völker und Kulturen die 'Schicksale' der Menschheit 'über das ganze Erdenrund hin' immer mehr zu verstehen." Denn immer mehr werde die Menschheit "in naher Zukunft", so hieß es damals bei Steiner, zusammenwachsen und müsse damit die Aufgaben, Herausforderungen und globale Krisen, also ihr 'Schicksal' als ein "gemeinsames" erkennen. Steiner:"Du bist Mensch mit allen Menschen der Erde!"  Die Gegenwart lässt grüßen.

Zu den wohl meistgenannten Vorwürfen gegenüber Rudolf Steiner und der Anthroposophie gehört wohl der des Antisemitismus. Peter Selg konstatiert hier eine "exemplarische Bedeutung" und eine "anhaltende Brisanz des Themas", insbesondere auch deshalb, "weil man an ihm zeigen kann, wie missverständlich isolierte Zitate sein oder benutzt werden können. Dies einzusehen und zu verstehen ist von Relevanz, auch für Menschen, die Steiners Positionen vom Ende des 19. Jahrhunderts und vom ersten Viertel des 20. Jahrhunderts heute, unter sehr veränderten geschichtlichen Bedingungen, nicht teilen." 

Weitere Beispiele und Zitate werden angeführt, die als Beleg kaum dazu geeignet sind, für den immer wieder kolportierten Antisemitismusvorwurf herzuhalten. Warum aber, so fragt Peter Selg, werde Steiner am Ende des 20. Jahrhunderts und seither immer wieder Antisemitismus unterstellt? Steiner hatte 1888 (…) den österreichischen Dichter Robert Hamerling in einer umstrittenen Rezension gegen Vorwürfe verteidigt. Es war dabei um Hamerlings Epos "Homunkulus" gegangen, das eine weitgehend satirische Textpassage über die vergebliche Gründung eines Judenstaates enthält, gefolgt von einer Kreuzigung des "Homunkulus". Das Stück war in Wiener Zeitschriften ausgesprochen kontrovers besprochen worden. Hamerling hatte sich gegen die vermeintlich antisemitische Ausrichtung seiner Dichtung rechtfertigen müssen, wie auch gegen die Vereinnahmung seiner Person durch antisemitische Kreise. Rudolf Steiner, so Peter Selg, sei damals "vehement" und "pathetisch" für Hamerling eingetreten. Man hätte Hamerling einen Standpunkt untergeschoben,"den er vermöge der geistigen Höhe, auf der er steht, nicht einnehmen kann", schrieb Steiner und man hätte seine künstlerische Absicht ignoriert. 

Zu den darauf folgenden Sätzen in der Rezension über Hamerlings Homunkulus, die heute immer wieder von Kritikern aller Couleur als Beleg für Steiners vermeintlichen Antisemitismus herangezogen werden, und in denen Steiner "das Judentum als geschlossenes Ganzes" bezeichnet hätte, welches in die Entwicklung "unserer gegenwärtigen Zustände" auf eine Weise eingegriffen hätte, "die den abendländischen Kulturideen nichts weniger als günstig sei", ist die Position Peter Selgs eindeutig: "Steiners Formulierungen sind aus heutiger Sicht (…) nachhaltig befremdlich, ja schockierend, auch wenn im Gesamtzusammenhang seiner damaligen Texte (…) deutlich zu sehen ist, worum es ihm im Kern ging: um die 'Assimilation' des Judentums im Sinne der jüdischen Aufklärung, um die Überwindung von 'Sonderbestrebungen' zugunsten des 'Geistes der modernen Zeit', unter dem er [Steiner] den 'ethischen Individualismus' verstand." Es bleibe aber festzuhalten, "dass Rudolf Steiner 1888 einen erheblichen Teil der gesellschaftlichen Problematik ins Judentum selbst verlagerte, mit den üblichen Argumenten der Zeit und einer problematischen Forderung nach 'Assimilation', die nicht selten einer Selbstaufgabe gleichkam – und dies in Wien, dessen jüdische Bevölkerung, mit Ausnahme der armen, wegen grausamer Pogrome aus Polen, Galizien und Russland geflohenen osteuropäischen Juden, keinesfalls mehr eine 'geschlossene' soziale Gruppe darstellte." 

Die Ausführungen Peter Selgs zur Antisemitismuskritik zeigen auf, dass es sich keinesfalls um eine apologetische Zurückweisung der Vorwürfe gegenüber Rudolf Steiner, sondern um eine differenzierte Betrachtung handelt, die die unterschiedlichsten Sichtweisen auf die Äußerungen Steiners in dieser Zeit  beleuchtet und einordnet. Der Blick auf die zahlreichen Anmerkungen und Quellenhinweise des Buches kann hier als Beleg gelten. 

Nach 1918 geriet Steiner mit seinen humanistischen Positionen und seinem Eintreten für die soziale Dreigliederung und seiner Kritik an der deutschen Politik ins Fadenkreuz deutschnationaler bzw. rechtsradikaler sowie klerikaler Kreise. Fast wöchentlich, schreibt Peter Selg, seien damals Artikel und Broschüren gegen Steiner und die Anthroposophie erschienen. Die damals einflussreiche, dem deutsch-völkischen Lager zugehörige Süddeutsche Zeitung, die "große Sympathien für den 'Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund ' – einen Vorläufer der NSDAP – hegte, so Selg weiter "bezeichnete bereits die Konzeption der 'sozialen Dreigliederung' als 'Gefahr für die Existenz unseres Staates und für die Seele unseres Volkes'. 'Sie mit aller Energie zu bekämpfen, ist eine Pflicht'". Peter Selg: "Der Ton gegenüber der Anthroposophie gewann zu dieser Zeit von Jahr zu Jahr an Schärfe." Rudolf Steiners Tätigkeit an der Berliner Arbeiterbildungsschule sei als "kommunistisch inspirierter Hochverrat an Deutschland" bezeichnet worden und die Waldorfschule betreibe einen "allmählichen Abbau der staatlichen Schule zu einer Klassenverschmelzung in Sinne des Kryptokommunismus." Aus dem antisemitischen Spektrum und den Kreisen um Margarete Ludendorff wurde immer mehr Kritik an Steiner laut, es hieß, Steiner sei Jude, "mit den Eigentümlichkeiten und spezifischen  Fähigkeiten seiner ostjüdischen Rasse verführe Steiner mit intellektueller Raffinesse die Arbeiter in Württemberg zur 'sozialen Dreigliederung'". Karl Rohm, ein völkischer Antisemit und Theosoph verlautbarte, "Steiner rechne zu den Juden, die durch die Revolution an die Macht gelangt seien; er sei damit Teil eines Volkes, das die Verantwortung für die Kriegsniederlage, die Revolution und die Verbreitung der 'Kriegsschuldlüge' trage." 

Auch andere Anthroposophen, z. B. Carl Unger oder Adolf Arenson, die – im Gegensatz zu Steiner – tatsächlich einen jüdischen Hintergrund hatten, wurden zur Zielscheibe der völkisch-antisemitischen Publizistik. Ihr anthroposophischer Weg, hieß es im Januar 1921 unter anderem, "gehe über die Leiche des deutschen Volkes". 

Der sich in den 1920er weiterentwickelnde Nationalsozialismus wurde für die Anthroposophie und insbesondere Rudolf Steiners Vortragstätigkeiten zunehmend zu einer Belastung, die Anfeindungen wurden heftiger. Steiner soll gegenüber Anna Samweber geäußert haben: "Wenn diese Herren an die Regierung kommen, kann mein Fuß deutschen Boden nicht mehr betreten". Nach Hitlers "Marsch auf die Feldherrenhalle" im November 1923 verlagerte er dann auch den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag von Berlin nach Dornach. 

In der Schweiz aber gingen die Angriffe weiter, neben nationalistischen und rechtsgerichteten Kräften trat nun auch der Klerus in Gestalt des Dorfpfarrers von Arlesheim, Max Kully, auf den Plan. Auch hier wieder die schon bekannten Vorwürfe, die von der "Kommunistischen Weltverschwörung" bis zu Steiners angeblicher "jüdischer Denkart" reichten. Die Eröffnung des Klinisch-Therapeutischen Instituts durch Ita Wegman, die Mitarbeiterin Steiners, kommentierte Kully mit den Worten: "Steiners Geschäftigkeit und Erfindungsgabe sind unerschöpflich (…) Die Neuschöpfung ist das klinisch-therapeutische Institut in Arlesheim, Leiterin Dr. Ita Wegman." 
Geschildert werden in diesem Teil des Buches die Aktivitäten der Gegner, die sich in einer "Zweckkoalition politisch rechtsnationaler und kirchlicher Kräfte (als ein) restauratives Mächtebündnis gegen die Anthroposophie" zusammengefunden hätten und "grenzüberschreitend" wirksam waren. 

Steiners Anthroposophie sei "aus Gedanken und Wissenschaftsstücken aller Völker und aller Jahrhunderte zusammengesetzt", zitiert Selg den Benediktinerpater Alois Mager und weiter: "Am ganzen anthroposophischen Gebäude finde sich", so Pater Zimmermann 85 Jahre vor Helmut Zander, "kein einziger Stein, der nicht aus anderen Bauten losgebrochen wäre." Der Jesuitenpater Otto Zimmermann war Autor der "Stimmen aus Maria Laach". 

Über die Anthroposophie in der Zeit des Nationalsozialismus zu schreiben ist eigentlich müßig, haben doch zahlreiche Autoren, darunter Uwe Werner, Arfst Wagner, Ralf Sonnenberg (mit dem Schwerpunkt Antisemitismus) und Ansgar Martins – der in diesem Teil des Buches des Öfteren zitiert wird – sich sehr sachkundig und ausführlich zu diesem Punkt geäußert. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass aus den Gutachten und Stellungnahmen, die von den führenden Nationalsozialisten in Auftrag gegeben wurden, um der Anthroposophie den endgültigen Todesstoß zu versetzen, kaum abgeleitet werden kann, dass es wesentliche Schnittmengen zwischen der Anthroposophie und den Nazis gab, sodass Steiners Worte, die er bereits 1919 in einem Vortrag in Dornach geäußert hatte, nichts von ihrer Bedeutung verloren hatten: (…) lassen Sie noch durch dreißig Jahre so über soziale Angelegenheiten gedacht werden, wie heute gedacht wird, dann haben Sie nach dreißig Jahren ein verwüstetes Europa." Und ein Jahr später in Basel, anspielend auf den Zweiten Weltkrieg: "… weitere Konflikte werden folgen. Die Menschen bereiten sich vor zu dem nächsten großen Weltkriege. In weiterer Weise wird die Kultur zertrümmert werden." 

Dass die Anthroposophenschar nicht in Gänze vor den propagandistischen Machenschaften der Nazis gefeit war, dürfte inzwischen wohl jedem klar geworden sein. Die von Peter Selg zusammengetragenen Informationen über die anthroposophischen Arbeitsfelder Landwirtschaft, Medizin und Waldorfpädagogik rücken dabei so manchen Unsinn gerade, der immer wieder via copy und paste von den unterschiedlichsten Protagonisten der Gegnerzunft in den unterschiedlichsten Zusammenhängen verbreitet wird. Oft genug lassen sich Versatzstücke dieses Unsinns dann in den Schriften der nationalsozialistischen "Wissenschaftler" wiederfinden. 

Der letzte und längste Abschnitt des Buches ist der anthroposophischen Medizin unter den Bedingungen des Dritten Reichs gewidmet und beginnt mit einem Exkurs über den Einfluss, den die Politik in der Zeit des aufkommenden  Nationalsozialismus genommen hatte und wie diese Entwicklung sich mit der Machtübernahme Hitlers fortgesetzt hat bis hin zu jenem Punkt, an dem eine Umkehr nicht mehr möglich war. Immer weiter wurden die eigentlichen ethischen Grundsätze des Helfens und Heilens für das Individuum ins Gegenteil verkehrt. Schon vor der Machtübernahme Hitlers sei von den Vertretern des "Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes" die "nationale" Bedeutung der Medizin hervorgehoben worden, es wurde von den "Perspektiven einer Nationalbiologie" gesprochen worden und "eine Durchdringung des 'deutschen Heilwesens' mit nationalsozialistischen Geist" wurde gefordert.  Ab 1933 hieß es dann vom "Reichsgesundheitsführer" Dr. med. Gerhard Wagner: "Die geistig-seelische Erneuerung kann nur erfolgen in einem Volkskörper, der sich der Bedeutung und der Eigenart seines Volkstums, seiner völkischen Kräfte und seiner rassischen Werte bewusst ist". Im Vordergrund stand nun "Reinerhaltung des Blutes" und die "Abwehr des Fremdartigen, Fremdrassigen, Fremdgeistigen". Dies sei von vordringlicher Bedeutung. Eine Haltung, die eindeutig das Wohl des Individuums dem Wohl eines schier allmächtigen Staates unterzuordnen hatte. 

Es liegt nahe, dass infolgedessen eine anthroposophische Medizin in einem solchen Staatsgebilde keinen Platz hatte und ein Menschenbild, wie es von anthroposophischen Ärztinnen und Ärzten vertreten wurde, eher als eine Gefahr angesehen wurde. Peter Selg ist hier wohl wie kaum ein anderer befähigt, mit seiner Sachkenntnis den damaligen Umgang mit der Medizin im Allgemeinen und der anthroposophischen Medizin im Besonderen zu beurteilen und durchaus auch wertend zu betrachten. Und so nimmt dieses Kapitel einen breiten Raum ein, eine weitere Vertiefung dieses Exkurses zur anthroposophischen Medizin würde den Rahmen dieser Besprechung sicherlich sprengen. 
Hinweisen muss man aber an dieser Stelle auf die überragende Rolle, die Ita Wegman während der Zeit des Nationalsozialismus eingenommen hat. Sie wusste sehr genau Bescheid über Steiners Intentionen und so heißt es denn auch bei Peter Selg: "Wenn man nach Rudolf Steiners Denkweise und Haltung zu Fragen des Rassismus und des Antisemitismus fragt, innerhalb und außerhalb der Medizin und Heilpädagogik, so ist das Zeugnis Wegmans daher nicht eines unter vielen, sondern von herausragender Bedeutung." Wegman, die sich nach Steiners Tod dem weiteren Aufbau medizinisch-heilpädagogischer Institutionen sowie der Kliniken mit anthroposophischer Ausrichtung und weiteren Arbeitsfeldern widmete, war seit Beginn der 1930er Jahre in großer Sorge über die politische Lage in Deutschland und schrieb unter anderem im Februar 1932 an den anthroposophischen Heilpädagogen Fried Geuter in England: "Es kommt jetzt wirklich darauf an, ob Menschen gefunden werden können, die ein tieferes Verständnis haben für die Dinge , die jetzt eigentlich geschehen und die Notwendigkeit eingesehen haben, dass gegen dieses Geschehen etwas entgegengesetzt werden müsste." Ab 1933 äußerte sie sich immer wieder zu den Vorgängen in Deutschland und ließ es an Deutlichkeit nicht fehlen. Selg: "Eine von einem rassistischen und antisemitischem Geist inspirierte Leiterin einer medizinischen Bewegung hätte sich im Frühjahr 1933 mit Sicherheit anders zu den Zeitvorgängen geäußert." Wir lesen von Ita Wegmans Engagement für Karl König, den jüdischen Heilpädagogen, der 1934 von Wien nach Schottland emigrierte und dort die "Camphill Rudolf Steiner Schools for Children in Need of Special Care" begründete, wir erfahren, das in den Jahren von 1939 bis 1945 allein in Camphill 22 Mitarbeiter jüdischer Herkunft lebten und arbeiteten, die bei Kriegsende 1945 ca. 100 zum Teil schwerstbehinderten Kinder und Jugendliche betreute. 

Obwohl diese Zeugnisse von Ita Wegmann und Karl König "für sich und Rudolf Steiner und die Anthroposophische Medizin und Heilpädagogik im Nationalsozialismus sprechen", so Peter Selg, "werden sie in Anthroposophie- und steinerkritischen Studien entweder vollständig übergangen oder als Außenseiterpositionen innerhalb der anthroposophischen Ärzteschaft und Bewegung marginalisiert." Und folge man den "fachwissenschaftlich auftretenden Publikationen Peter Staudenmaiers (Ph.D., Assistant Professor of Modern German History at Marquette University), (…) so unterhielten die anthroposophischen Mediziner glänzende Beziehungen zum NS-Regime – und dies aufgrund einer, so Staudenmaier, gemeinsamen oder konvergenten ideologischen Basis (insbesondere durch Steiners 'Rassismus' und 'Antisemitismus')". Peter Selg nennt weitere Beispiele aus den Publikationen Staudenmaiers und kommt zu dem Schluss, dass Staudenmaier zwar "die Verflechtung der Anthropsophischen Medizin mit nationalsozalistischen Initiativen im Feld der Alternativmedizin als ein weithin unerforschtes Gebiet in der Geschichtsschreibung der Steiner-Bewegung in der NS-Zeit bezeichnet", aber für ihn stünden "die Ergebnisse einer solchen Forschung, auch ohne diesbezüglichen Forschungsaufwand, von vornherein fest". 
Staudenmaiers "als Beleg angegebenen Quellen für seine Behauptungen, die nicht lediglich tendenziös gefärbt, sondern durchgängig unwahr sind, fundieren dieselben in keiner Weise, sondern sind Scheinbelege." 
Auch hier wieder können die LeserInnen sich anhand der zahlreichen – von Peter Selg akribisch recherchierten – Beispiele ein genaueres Bild der damaligen Vorgänge machen. 
Wenn Staudenmaier darüber hinaus von einer "langwierigen und vielfältigen Zusammenarbeit von Anthroposophen und Nationalsozialisten" schreibt, wird es geradezu absurd. Staudenmaier sei es gelungen, bei seinen Recherchen im Bundesarchiv eine "Handvoll (!)" Anthroposophen zu finden, bei ca. 7000 Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft eine denkbar kleine Zahl. Auch hätte er 34 Mitgliedschaften von Anthroposophen in der NSDAP recherchiert, schreibt Selg, "die er als Beleg für seine Grundannahme verwertet, der zufolge 'viele Anthroposophen (…) ideologische Verbindungen zum Nationalsozialismus [ erkannten]."  

Am Ende des Buches finden wir unter der Überschrift: "Helmut Zander und seine Geschichte der Anthroposophischen Medizin" eine überarbeitete Fassung eines Artikels aus dem Jahr 2007, in dem sich Peter Selg mit den von Helmut Zander in seiner Steiner-Biographie ausgebreiteten Unwahrheiten und Ungereimtheiten auseinandersetzt. Dieser Artikel war seinerzeit im "Europäer" abgedruckt. 

Alles in allem handelt es sich bei dem vorliegenden Werk um eine von Peter Selg sehr sorgfältig zusammengestellte und umfangreiche Sammlung von Zitaten und Aussagen Rudolf Steiners, die, selbst wenn man eine "Binnenperspektive" konzediert, die immer auch durch eine empathische Darstellung geprägt sein kann, die allermeisten Anwürfe der kritischen Geister und Skeptiker aus Sicht des Rezensenten ad absurdum führt. Voraussetzung dafür ist allerdings der Versuch einer vorurteilslosen Betrachtung des umfangreichen Werks Steiners, dessen Relevanz sich weltweit in den vielfältigen Lebens- und Arbeitsfeldern zeigt.    

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