Wenn Pazifismus wieder zum Schimpfwort wird.

Ein Einwurf von Ortwin Rosner

Wenn gegen Leute, die nichts anderes tun, als für Deeskalation einzutreten, Stimmung gemacht wird, dann kommt am Ende nichts Gutes dabei heraus, das lehrt die Geschichte.Dass so etwas überhaupt eigens gesagt werden muss, zeigt, wie weit wir heutzutage gekommen sind, aber anscheinend ist es notwendig, hier einmal in aller Deutlichkeit klarzustellen: Die Pazifisten sind es ganz sicherlich nicht, die Schuld daran haben, dass ein Krieg in der Ukraine tobt. Wenn irgendwer schuld ist, dann sind es die Bellizisten, die Kriegstreiber, die hier wie dort, hüben wie drüben Hochsaison haben. Anstatt dass diese jedoch – wofür es längst Zeit wäre – allesamt endlich einmal zur Besinnung kämen und sähen, was sie angerichtet haben, beharren sie auf ihrer Selbstverblendung und machen in einer merkwürdigen Verdrehung der Tatsachen ausgerechnet Friedensaktivisten für die Misere verantwortlich. So etwas muss einem erst einmal einfallen. 

Zu denken gibt einem aber vor allem auch der Ton, in dem dies geschieht. Geradezu fassungslos kann einen etwa ein vor einiger Zeit im "Spiegel" erschienener Beitrag des Kolumnisten Sascha Lobo machen, der es fertigbringt, Menschen, die für den Frieden demonstrieren, als "egozentrische Lumpen-Pazifisten" zu bezeichnen. Ich kenne diese Sprache. So ähnlich hat mein Vater gesprochen. 

Mein Vater war aber, vereinfacht ausgedrückt, ein unverbesserlicher Alt-Nazi. Gerne hat er über das "pazifistische Gesindel" geschimpft, und gerne hat er sich auch über das "Lumpenpack" ausgelassen. Damals, in den 1980er-Jahren, hatte er damit freilich in der Gesellschaft eine völlige Außenseiterposition inne. 
Er würde sich aber, wenn er noch leben würde, sehr darüber freuen, dass seine Art und Weise, über die Dinge zu denken und zu reden, inzwischen wieder salonfähig geworden ist. Weiß jedoch ein Sascha Lobo, mit wem er sich da ins Bett legt, wenn er so redet, wie er redet? Das ist alter Nationalisten- und Nazi-Sprech, den er da wieder auferstehen lässt. Ich dachte, die Zeiten hätten wir hinter uns. 

Ein in der "Wiener Zeitung" veröffentlichter Kommentar schöpft aus dem gleichen Reservoir. Eifernd warnt er vor einer militärischen Schwächung durch friedensbewegte "Schwurbler-Demos" und unterstellt den Pazifisten Komplizenschaft mit dem Feind, also mit Putin höchstpersönlich. 

Der abenteuerliche Gedankengang folgt dem Muster einschlägiger Dolchstoßlegenden. Bei den "Dolchstoßlegenden" handelt es sich um von deutschen Nationalisten nach 1918 verbreitete Verschwörungstheorien, die besagten, Deutschland hätte den Weltkrieg nur deswegen verloren, weil Linke, Juden und eben auch Pazifisten gemeinsame Sache mit dem Feind gemacht und den Kampfeswillen im Hinterland unterminiert hätten. Weiß Christian Ortner, der diesen Text geschrieben hat, in welche Tradition er sich damit einreiht? 

Wenn es so weit gekommen ist, dass Leute, die nichts anderes tun, als für den Frieden zu demonstrieren und für Deeskalation einzutreten, derart zur Zielscheibe gemacht werden, wie das zur Zeit geschieht, und wenn das Wort "Pazifismus" plötzlich wieder, wie vor hundert Jahren, zum Schimpfwort geworden ist, dann heißt das nichts Gutes für die Entwicklung der Dinge, dann geht das böse aus, das lehrt uns die Geschichte. 

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