Rudolf Steiner begegnet Rosa Luxemburg

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"Sozialisierung ist nicht denkbar ohne Gedankenfreiheit" 1

von Wolfgang G. Voegele

In der öffentlichen Kritik wird Rudolf Steiner meist dem rechtsnationalen Spektrum zugeordnet, während der "linke Steiner" oder zumindest dessen sozialpolitische Wirksamkeit und seine Hinwendung zur Arbeiterschaft weitgehend in Vergessenheit zu geraten scheint. Auch im bürgerlichen anthroposophischen Milieu wurde sein Engagement für eine gesamtgesellschaftliche Reform und seine Vorträge für Proletarier als "Verirrung ins Gebiet der Politik" abgewertet und seine Fragestunden für die Bauarbeiter am Goetheanum zuweilen als Zeitverschwendung missbilligt.

Der folgenden Ausführungen erinnern an Steiners Begegnung mit Rosa Luxemburg (1871-1919) einer der führenden Gestalten der deutschen Arbeiterbewegung:). Geboren in Kongresspolen (damals russisches Kaiserreich) als Tochter jüdischer Eltern, aufgewachsen in einem großbürgerlichen Milieu, unfassend humanistisch gebildet, promoviert sie 1897 in Zürich summa cum laude in Nationalökonomie. 1898 zug sie nach Berlin, wo sie der SPD beitrat. Mehrfach wurde sie (u.a. wegen Majestätsbeleidung) inhaftiert.

Während des Weltkriegs war sie Mitgründerin des Spartakusbundes, aus dem die KPD hervorging. In ihren politischen Schriften bejahte sie die russische Oktoberrevolution, kritisierte aber den demokratischen Zentralismus Lenins. Als Chefredakteurin der "Roten Fahne" setzte sie sich für eine Räterepublik ein. Zusammen mit Karl Liebknecht wurde sie 1919 verhaftet und unter Duldung der im Rat der Volksbeaufragten mitregierenden Sozialdemokraten von rechten Freikorps ermordet. [2]


Während seiner Zeit als (parteiloser) Dozent an der Berliner Arbeiterbildungsschule lernt Rudolf Steiner sie persönlich kennen. Ihr Verhältnis war von gegenseitiger Wertschätzung geprägt, obwohl Steiner die materialistische Geschichtsauffassung und die Doktrin des Klassenkampfes ablehnte. 

Anlässlich der Eröffnungsfeier der Zweigstelle Spandau am 12. Januar 1902 betritt er gemeinsam mit ihr das Podium. An ihre Rede "Wissenschaft und Arbeitskampf" knüpft er unittelbar an, indem er ihre Ausführungen durch den Hinweis auf die Bedeutung des Geistigen ergänzt. Als er 1919 im Rahmen der Dreigliederungsbewegung wieder vor einem proletarischen Publikum spricht, erwähnt er wiederholt ihre Rede. [3] Im ersten Kapitel seiner Schrift "Die Kernpunkte der sozialen Frage" hat Steiner Teile aus dieser Rede fast wörtlich zitiert.[4] 
Max Kully, ein antisemitischer Gegner Steiners, sah in der Anthroposophie einen verkappten Kommunismus. So habe sich Steiner 1919 in einem Vortrag in Zürch seiner Bekanntschaft mit der ermordeten Rosa Luxemburg gerühmt und deren Ausführungen gelobt. [5]

Steiners Kritik am Sozialismus ist offenkundig: Zwar habe sich dieser von den veralteten Ideen des Bürgertums und seinem Militarismus befreit, "dagegen ist er umso mehr verfallen dem Glauben an die unfehlbare materialistische Wissenschaft, an den Positivismus, wie er heute gelehrt wird." Der Freiheitsimpuls werde in der "modernsten Bewegung" [so nennt er die Arbeiterbewegung] nicht geduldet. Er erwähnt seine Entlassung aus der Arbeiterbildungsschule, weil er sich geweigert hatte, materialistische Geschichtsauffassung zu lehren. Der Freiheitsgedanke müsse in einer Wissenschaft der Freiheit verankert sein. Das Bürgertum sei dafür nicht zu haben, wohl aber das Proletariat, von dem er – gerade in Anknüpfung an Luxemburgs Rede – "immer einige Zustimmung gefunden" habe. [6] 

Immer wieder kommt er auf die Spandauer Kundgebung zurück: "Ich stand […] auf der gleichen Rednertribüne mit der kürzlich so tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Wir sprachen beide vor einer Proletarierversammlung über die Wissenschaft und die Arbeiter. Rosa Luxemburg sagte dazumal Worte, von denen man sehen konnte, wie zündend sie hieinwirkten in die Seelen dieser proletarischen Menschen, die am Sonntanachmittag gekommen waren und Frau und Kind mitgebracht hatten. Es war eine herzerquickende Versammlung." [7] 


Wie Rudolf Steiner Rosa Luxemburg erlebte 

Auf dem Wiener anthroposophischen Kongress 1922, als Steiner letzmals öffentlich über die soziale Frage sprach, charakterisierte er auch Rosa Luxemburg.

"Eine besonders markante Persönlichkeit des sozialen Wirkens in der neuesten Zeit ist Rosa Luxemburg. Lernte man sie als Persönlichkeit kennen, so hatte man einen Menschen vor sich, der einem eigentlich vollständig mit bürgerlichen Allüren entgegentrat: gemessen in der Bewegung, gemessen in der Redeweise, durchaus in jeder einzelnen Bewegung, in jedem einzelnen Worte maßhaltend. Es waltete sogar eine gewisse Milde, nicht irgend etwas Stürmisches, in dieser Individualität. Hörte man sie aber vom Podium aus reden, dann sprach sie so […] daß sie etwa sagte: Ja, da hat es ein Zeitalter gegeben, in denen der Mensch glaubte, er stamme aus irgendwelchen geistigen Welten her, diese geistigen Welten hätten ihn in das soziale Leben hineingestellt. Heute weiß man von dem Menschen – so sagte sie –, daß er einstmals […] wie ein Affe auf den Bäumen herumgeklettert ist, und daß sich aus diesem Affenmenschen heraus diejenigen entwickelt haben, die heute in den verschiedensten Positionen des sozialen Lebens drinnenstehen. Und das wurde vorgebracht in einer Weise, die, ich möchte sagen, von einem gewissen religiösen Impuls durchglüht war, allerdings nicht mit dem Feuer der unmittelbaren individuellen Wirksamkeit, aber so, wie gerade große proletarische Massen das am besten verstehen konnten: mit einer gewissen gemessenen Trockenheit, so daß es […][trotzdem] eine gewisse Begeisterung hervorrief, – aus dem Grunde, weil gefühlt wurde: Da sind ja im Grunde genommen alle Menschen gleich und alle sozialen Unterschiede sind hinweggefegt!" Dies habe sie aus einer Theorie heraus gesprochen, die glaubte lebensvoll und fruchtbar zu sein. "Wie diese markante Persönlichkeir Rosa Luxemburg stehen im Grunde genommen die meisten Menschen heute im sozialen Leben: Sie reden über das soziale Leben, ohne daß in ihren Worten die Kraft pulsiert, die aus dem unmittelbaren Leben heraus kommt, aus dem Miterleben des Sozialen im Menschen." [8] 

Als einziger schriftlicher Beleg ihrer Bekanntschaft hat sich ein achtungsvoller Brief Rosa Luxemburgs an Steiner vom 14. Oktober 1902 erhalten. [9] 

Friedenau, 14.X.02.

Sehr geehrter Herr Doktor,

Die Ueberbringerin dieser Zeilen, eine mir sehr gut bekannte Dame, meine Landsmännin u. Genossin, wünscht sich in einigen litterarischen Fragen Ihren sachkundigen Rath zu erbeten. Ich rechne auf Ihre Liebenswürdigkeit!

Hoffentlich geht es Ihnen gut. Von Ihren Erfolgen in der Arbeiterbildung höre ich immer von Zeit zu Zeit. Neulich hat man mich durch Kautskys Einfluss durchaus in das nationalökonomische Lehrfach anspannen wollen, ich habe aber den Anschlag tapfer, wenn auch mit blutendem Herzen abgeschlagen. Die Popularisierung der Wissenschaft ist für mich eine der schönsten Aufgaben, aber ich ziehe immer noch vor, ich krasser Egoist, selbst an ihren Mutterbrüsten zu saugen !

Mit freundlichstem Gruss

Dr. Rosa Luxemburg

Rosa wohnte damals (1902 bis 1911) in Berlin-Friedenau, Cranachstraße 58; nicht weit davon entfernt wohnte Steiner (Kaiserallee 95, heute Bundesallee) in den Jahren 1899-1904.

In einem Brief an Johanna Mücke die dem Vorstand der Arbeiterbildungsschule angehörte und dann Theosophin wurde, erwähnt Steiner die Intoleranz der Parteioberen: "Wir würden ganz zweifelsohne im Proletariat gute Fortschritte machen, wenn die Parteihäupter sich nicht so energisch bemühten, uns den Boden gründlich abzugraben." (28.6.1903). Gegenüber der gleichen Empfängerin betonte er etwas später die Vereinbarkeit von Theosophie und Sozialismus. "Sie werden, wie ich bestimmt hoffe, immer mehr erkennen, dass die theosophische Arbeit der sozialistischen nicht widerstrebt, sondern dass beide zusammengehören wie Buchstabe eines Buches und der Sinn der Bücher." [10]

Schüler der Arbeiterbildungsschule erinnern sich

"Immer sprach er über das Werk von Karl Marx mit großer Anerkennung" (Alwin Alfred Rudolph, S. 66) [11]; Emil Unger: "Später traf ich Steiner noch einigemale und da gestand er mir mit innerer Wärme, dass ihm die Tätigkeit an der Arbeiterbildungsschule große Befriedigung gewährt habe und dass er immer noch Sozialist sei. Was durchaus der Wahrheit entsprochen haben wird, wenn man den Begriff des Sozialismus nicht auf das marxistische Prokrustesbett spannt."[12]

Steiners Konzept der "Dreigliederung des sozialen Organismus", die ab 1919 eine kurzlebige Volksbewegung ausöste, wird in einer neueren Studie wie folgt zusammengefasst: "Insgesamt kann die Dreigliederungsbewegung als Versuch gewertet werden, in einer Zeit starker sozialer Gegensätze individualistisch-freiheitliche mit sozialistischen Ansätzen zu verbinden und in Kooperative zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft eine reale Perspektive für eine liberale, demokratische und solidarische Gesellschaft aufzuzeigen." [13] 

Rückblickend gibt sich Steiner überzeugt: "Wenn damals von Seite einer größeren Anzahl unbefangener Menschen die Arbeiterbewegung mit Interesse verfolgt und das Proletariat mit Verständnis behandelt worden wäre, so hätte sich diese Bewegung ganz anders entfaltet. Aber man unterließ die Leute dem Leben innerhalb ihrer Klasse, und lebte selbst innerhalb der seinigen. Es waren bloß theoretische Ansichten, die die eine Klasse der Menschen von der anderen hatte." Nur das Eintauchen in die geistige Sphäre hätte "der Bewegung ihre zerstörenden Kräfte nehmen können." Während die höheren Klassen das Gemeinschaftsgefühl verloren und der Egoismus sich ausbreitete, habe sich schon die Weltkriegskatastrophe vorbereitet. "Es fehlte allmählich jede Brücke zwischen den verschiedenen Klassen." [14] 

In einem Nachruf auf Steiner spricht die "Rote Fahne" vom Steinerschen Utopismus und "Humanitätsdusel". [15] Dankbar dagegen äußerten sich die Arbeiter am Goetheanumbau, denen Steiner durch Jahre hindurch populäre Vorträge gehalten hatte, deren Themen sie sebst bestimmen durften. In ihrer Traueranzeige hieß es: "Tief ergriffen vom Hinschiede des unvergesslichen Herrn Dr. Rudolf Steiner werden wir stets seiner liebevollen Aufopferung und vorbildlichen Hingabe für uns gedenken. In herzlicher Teilnahme: Die gesamte Arbeiterschaft am Goetheanum". Es ist überliefert, dass diese Arbeiter, die überwiegend Kommunisten waren, zu Steiners Bestattung die größten Kränze spendeten. 


[Abbildungen: Rosa Luxemburg bei einer Rede auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart (1907). Mordaufruf der Frontsoldaten (1919)]

Anmerkungen:
[1] Rudolf Steiner: Dornach, 6.12.1918 (GA 186. S.104)
[2] Die Mitschuld der SPD an ihrer Ermordung ist umstritten. Maßgebende CDU-Kreise spotten über die "heilige Rosa", die keineswegs als Vorbild dienen könne. https://www.kas.de/de/web/extremismus/linksextremismus/falsche-vorbilder-rosa-luxemburg
[3] Steiner hat in verschiedenen Vorträgen seine Bekanntschaft mit Rosa Luxemburg erwähnt.
GA 83 (7.6.1922), GA185, GA 328, GA 329, GA 330
[4] Barbara Messmer: Ein Leben im Widerspruch. Zum 100. Todestag von Rosa Luxemburg. Die Drei, Januar/Februar 2019, S.3-7
[5] Max Kully: Die Geheimnisse des Tempels von Dornach, Basel 1921, S. 103.
185, Gesch. Symptomatologie, Dornach 1918
[7] 2.4.1919, GA 329, zit. nach Lindenberg, Chronik, S. 194
[8] Die Zeit und ihre sozialen Forderungen. Wien, 7. Juni 1922, GA 83, hier zit. nach TB Stuttgart 1961, S. 124
[9] Original im Rudolf Steiner Archiv. Als Faksimile veröffentlicht in den Beiträgen zur GA, Heft Nr. 111 ("Wissen ist Macht"), Dornach 1993, S. 34
[10] 22.September 1903, Rudolf Steiner: Sämtliche Briefe (GA 38/III, S. 607)
[11] Alwin Alfred Rudolph, S. 66
[12] Emil Unger: Vorwärts, 6. April 1925, Voegele, Rudolf Steiner in Nachrufen, S.94
Unger: Vorwärts, 6. April 1925, Vögele 2024, S.94
[13] Albert Schmelzer: Rudolf Steiner im Spannungsfeld von Freiheitsphilosophie, Menschenrechten, Nation und ‚Rasse‘, Frankfurt a.M., 2025, S. 233[14] GA 28, Dornach. S. 379 f.
[15] S. 102

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