Kontraste, ideologisch

mm-tdz.- Für Repräsentanten von Waldorfzusammenhängen ist der Umgang mit Medien, speziell den so genannten Mainstreammedien, nicht immer ganz einfach. Wo bei Journalisten im allgemeinen hinsichtlich Politik oder Gesellschaft ein “gesundes Halbwissen” reicht, um halbwegs kluge Fragen zu stellen, deren Antworten man ohnehin in den meisten Fällen schon kennt, ist es bei Fragen zur Anthroposophie oder zu Rudolf Steiner inzwischen vollkommen ausreichend, sich bei den zahlreichen, überwiegend redundanten Artikeln der einschlägigen Kritiker zu bedienen, um aus den Versatzstücken dieser Artikel einen Fragenkatalog zu basteln, den der Interviewpartner dann gefälligst zu beantworten hat. Wie das manchmal ausgehen kann, berichtet Henning Kullak-Ublick, Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschulen. 

Von Henning Kullak-Ublick
Vor einigen Jahren schrieb ich an dieser Stelle: “Zu den Privilegien von Kritikern gehört, dass sie immer irgendwie recht haben«, gerne auch, indem sie »einfach nur mal eine Frage in den Raum« stellen. Manchmal hilft es ja tatsächlich, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.”

In diesem Jubiläumsjahr waren die Waldorfschulen ständig in den Medien, mit einer überwiegend positiven Würdigung ihrer Arbeit. Allein über den Staffellauf wurde hundertfach berichtet, ebenso über die vielen Veranstaltungen der Schulen oder Regionen und überregional über die Geschichte und Praxis der Waldorfschulen. Es gehörte zu meinen Aufgaben, viele Interview- und Presseanfragen zu beantworten, wobei sich drei Fragenkomplexe fast jedes Mal wiederholten: Was unterscheidet die Waldorfschulen von den Regelschulen? Könnte man nicht endlich auf Rudolf Steiners spirituelle Menschenkunde (Esoterik) verzichten? Wie stehen Sie zu den Rassismusvorwürfen gegenüber Steiner? Da diese Fragen nun mal im Raum stehen, muss ein Journalist sie auch stellen dürfen. So weit, so gut.
Am Tag nach unserem Festival im Berliner Tempodrom musste ich mich vor laufender Kamera einem knapp zweistündigen Kreuzverhör – Interview würde die Sache nicht treffen – von zwei Redakteuren des Magazins »Kontraste« stellen, das mit einem an Tatsachen orientierten Journalismus nichts mehr zu tun hatte. Das erkennbar einzige Ziel war, mich einer Lüge zu überführen, um dann die mediale Falle zuschnappen zu lassen. Thematisch war es ein Potpourri von Wörtern, die aus den Schriften und Vorträgen Steiners stammen, herausgegriffene Vokabeln ohne jeden Kontext oder gar Gedanken, dafür immer vorge­tragen als Anklage, wie man einen solchen Schwachsinn nicht nur glauben, sondern völlig un­kritisch als Katalog von pädagogischen Handlungsanweisungen befolgen könne. Der gesendete Beitrag zeigte denn auch ausschließlich irritierte Waldorfaussteiger mit Aussagen von der Art, der Mensch stamme von Kristallen ab.
Schon bald war mir klar, dass diese Fragen in Form und Inhalt aus einem zwar kleinen, im Internet aber regen Zirkel radikaler Agnostiker stammen, für die die anthroposophische Bewegung eine einzige Provokation ist, weil sie die Wirklichkeit unserer geistigen Existenz als Menschen ebenso ernst nimmt wie unser seelisches Leben und unser körperliches Sein. Dass immer mehr Eltern ihre Kinder einer pädagogischen Praxis anvertrauen, die keinen Hehl daraus macht, dass nicht nur unser Kopf, sondern der ganze Mensch am Lernen beteiligt ist – und das in unterschiedlichen Entwicklungsphasen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten – kann aus ihrer Sicht nur auf einem gigantischen Täuschungsmanöver beruhen.
Andrea Everwien und Markus Pohl vom RBB ist es am Ende ja dann doch gelungen, mich als »Waldorf«-Repräsentant ziemlich dumm dastehen zu lassen, indem sie statt meiner Antwort die vorausgehende Denkpause zeigten. Danach wurde abmoderiert. Kritiker haben eben doch nicht immer recht, manchmal hören sie einfach nur sich selbst in ihrer ideologischen Echokammer.

Der Artikel wurde uns freundlicherweise von der Zeitschrift Erziehungskunst zur Verfügung gestellt

Foto: Waldorf100-Festival Berlin

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