Jugend ohne Gott

Theater Paderborn. “Intensives und variables Spiel”

von Erhard Hofmann
Die Versuchung ist groß, Ödön von Horváths Roman ´Jugend ohne Gott` mit zeitgenössischen Bezügen zu überfrachten. Geschrieben 1937, spielt es mitten in totalitären Zeiten und handelt von der damals wie heute aktuellen Frage, ob es nicht irgendwann an der Zeit ist, sich nicht immer weg zu ducken, sondern offen für seine Überzeugungen einzustehen.
In der Theaterfassung von Katharina Kreuzhage, die auch selbst Regie führte, wird das Stück tatsächlich in die Gegenwart verlegt, werden moderner Rechtspopulismus und sich immer weiter Bahn brechender Rechtsextremismus zum Gegenstand der Handlung gemacht.

Die Inszenierungsidee von Kreuzhage ist dabei bestechend einfach und dennoch höchst wirkungsvoll. Auf einer Probebühne in irgendeinem Theater (Bühne: Ariane Scherpf, Kostüme: Matthias Strahm) treffen sich sieben Schauspieler*innen, erzählen und spielen Szenen aus dem Roman. Durch diesen Wechsel von Erzählung und Spiel gelingt es mit Leichtigkeit, den von Horváthsche Handlungsstrang geschickt mit Ereignissen aus der Gegenwart zu vernetzen.
Los geht es damit, dass ein namenloser Gymnasiallehrer für Geschichte und Erdkunde (David Lukowczyk) widerwillig schlecht geschriebene Geographie-Aufsätze korrigiert. Dabei stößt er auf die Aussage des Schülers N (Tim Tölke), dass „alle Neger … hinterlistig, feige und faul“ seien. Er streicht den Satz und schreibt: „Auch Schwarze sind Menschen“. Dies ist eine wunderbare Steilvorlage für die in Paderborn wohlbekannte peinliche Aussage des Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies, die er beim diesjährigen Tag des Handwerks am Liborifest äußerte. Tönnies ließ dafür drei Monate sein Amt ruhen, für den Lehrer im Stück wird es ab jetzt brenzlig: Der Vater des Schülers (ebenfalls Tim Tölke) beschwert sich über den Lehrer, der Direktor (Daniel Minetti) droht mit Entlassung und die Klasse will nicht mehr von ihm unterrichtet werden. Dennoch muss er mit den Schülern als Begleitperson auf ein paramilitärisches Bootcamp, das von einem Afghanistanveteranen (Alexander Wilß) geleitet wird. Dort nimmt dann das Schicksal seinen Lauf.
Der Lehrer ist von der Situation im Camp völlig überfordert, liest heimlich das Tagebuch des Schülers Z (Carsten Faseler), von seinen Mitschülern nur „Schwuchtel“ genannt, der aber hat ein Verhältnis mit der im Wald lebenden Anarchistin Eva (Claudia Sutter). Z bemerkt, dass sein Tagebuch gelesen wurde, verdächtigt dafür N, der den Vorwurf abstreitet, jedoch am nächsten Tag erschlagen im Wald gefunden wird.
Bei den sich anschließenden Verhören nimmt Z die Schuld auf sich, um Eva zu schützen, weil er annimmt, dass sie die Tat begangen hat. Der Lehrer dagegen hat den Schüler T (Robin Berenz) im Verdacht, ein wohlstandsverwahrlostes Jüngelchen mit Karriere orientierter Mutter (Eva Sutter). Dies ist der Moment, bei dem der Lehrer endlich seinen feigen Opportunismus überwindet, versucht einen Maßstab zu finden für richtiges Handeln und schließlich trotz der für ihn zu erwartenden Nachteile zugibt, dass er das Tagebuch gelesen hat. Dieser Schritt ermutigt auch Eva, eine Aussage zu tätigen, denn sie hat die Tat beobachtet. Tatsächlich hat T die Tat begangen, kann aber nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, weil er sich erschießt. Der Lehrer wird nun Opfer übelster Hasstiraden seiner weit nach rechts abgedrifteten Schüler. Sie zermürben ihn und desillusioniert beschließt er, nachdem er Berufsverbot in seinem eigenen Land erhält, nach Afrika auszuwandern.

Katharina Kreuzhages Inszenierung überzeugt durch eine dynamische, sich immer weitere verdichtende Regieführung, in der der Zuschauer nachvollziehbar erlebt, wie sich durch Konformismus und Opportunismus ein latent wabernder Rassismus ausbreiten kann, so dass am Ende eine Geisteshaltung des Hasses und der Unmenschlichkeit vorherrscht, an der humanistische Moralvorstellungen zerbrechen können.
Das Ensemble besticht durch äußerst intensives und variables Spiel, das die ständigen Rollenwechsel mühelos bewältigt. Und so erlebt das Paderborner Publikum die beeindruckende Renaissance eines wichtigen literarischen Zeitzeugnisses aus der Zeit des Nationalsozialismus und dankt dafür mit lang anhaltendem Applaus.

Foto: Tim-Tölke, Carsten-Faseler, Daniel Minetti, David Lukowczyk, Alexander-Will – Foto: Meinschäfer

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