Henning Köhler. Ein Philosoph der Kindheit

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Am Donnerstag, den 8. April ist der Heilpädagoge, Berater und Buchautor Henning Köhler gestorben. Er war 69 Jahre alt. 

Ein Nachruf von Jelle van der Meulen –
Der große Beitrag Henning Köhlers in der pädagogischen Landschaft hatte seine Quelle in einem souveränen Nachdenken über die Kindheit. In diesem Nachdenken war Henning Köhler stark auf die Arbeit Rudolf Steiners orientiert; er ließ sich allerdings auch inspirieren von – zum Beispiel – dem Existentialisten Jean Paul Sartre. In einem Seminar in Köln sagte Henning einmal: "Ich bin ein Existentialist bis auf die Knochen". 
Was bedeutet das? Natürlich war er vor allem ein Pädagoge. Ich habe keinen Menschen kennengelernt, der in seinem Denken und seinem Verhalten so "nahe" am Kind war. 

Als Lehrer und als Berater schaffte er es immer wieder, ein warmes und erhellendes Licht zu werfen auf die – oft verborgenen – Intentionen der Kinder. Henning hatte verstanden, was es heisst, Kind zu sein in einer Zeit, die sich von Kindheit weit entfernt hat. Dieses Verstehen war nicht nur zu einer pädagogischen Fähigkeit geworden, sondern hatte sich vertieft zu einer "offenbarenden" Lebenshaltung.

"Schwierige Kinder gibt es nicht", meinte er – und implizit schwang dann immer die offenbarende Vermutung mit, dass es doch eher die Erwachsenen sind, die Schwierigkeiten hervorrufen.

Ich erinnere mich noch gut, dass wir einmal über die "Existentialistin" Hannah Arendt sprachen. Von ihr stammt der Begriff Natalität, was etwa bedeutet, sich andauernd in einem Zustand des Geborenwerdens zu befinden. Hier liegt die brisante Bedeutung des Begriffes Kindheit, nicht nur in Bezug auf Kinder, sondern genau so in Bezug auf Erwachsene. 

Sich das Unerwartete, Neue, Spielerische und Gewagte zuzutrauen und sich "existentiell" den entsprechenden Abenteuern des Lebens stellen, war die eigentliche Botschaft Henning Köhlers. In diesem Sinne war er nicht ein Pädagoge, sondern ein Philosoph der Kindheit.

Henning Köhler hatte keinen leichten Stand. Er war einerseits sehr vertraut mit den Sichtweisen in der akademischen Welt. Weil er aber keinen akademischen Titel hatte, kam er in dieser Welt nie so richtig an, zum Beispiel, wenn es um Themen wie ADS (eine "Krankheit" die für Henning gar nicht existierte) und Autismus ging. 
Andererseits war er sehr vertraut mit der Sichtweisen und Gepflogenheiten der Waldorfbewegung. Aber auch hier wurde er manchmal nicht ernst genommen, vor allem nicht in etablierten Gremien. In seinen Sichtweisen lag immer ein gewisser "Sprengstoff" verborgen, gerade weil er die Latte so "existentiell" hoch legte.

Was machte der Sprengstoff aus? Für mein Verständnis hängt die Brisanz seines Ansatzes mit dem Begriff der Methode zusammen. Immer mal wieder wurde Henning in seinen Seminaren nach "konkreten" Beispielen, quasi nach pädagogischen "Anleitungen" gefragt, die methodisch festzulegen sind. Solche Fragen konnten ihn verärgern. Einmal sagte er in einer Pause: "Ich kann das Wort "konkret" nicht mehr hören!"

Henning Köhler setzte auf souveräne Verinnerlichung. Und alles was methodisch aufgefasst wird, blockiert gerade diesen Prozess der Verantwortung aus innerer Freiheit. In dieser Gegebenheit sah er sehr deutlich eine Schattenseite der Waldorfbewegung. Immer wieder kämpfte er gegen normierende Selbstverständlichkeiten, die im Laufe der Jahrzehnte in der Waldorfbewegung entstanden waren.

Henning Köhler sprach gerne von "neuen Begabungsprofilen" bei Kindern. Er meinte damit, dass die Kinder von heute manchmal etwas "können", was die Erwachsenen nicht können. Diese neue Fähigkeiten haben immer eine soziale, kreative und spirituelle Dimension, die leider in der öffentlichen Gesellschaft gar nicht wahrgenommen und erkannt wird. Viele Kinder, so stellte Henning immer wieder dar, bekommen "Probleme", weil sie nicht in die allgemein üblichen Vorstellungen hineinpassen. 
Mit Henning Köhler bin ich davon überzeugt, dass diesbezüglich ein weites Feld, eine spirituelle Landschaft vor uns liegt. Die Menschen von morgen sind nicht die Menschen von heute und die Menschen von heute sind nicht die Menschen von gestern. 
Es ist irreführend an dieser Stelle von einem "Umdenken" zu sprechen, eher steht ein "Mitbewegen" an, ein "Mitfließen" mit der Zeit. 

Dafür, dass Henning Köhler diese Landschaft geöffnet hat, danke ich ihm sehr! Und ja, Henning, wir machen weiter! 


© foto: michael mentzel 2015

22 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

… ein bemerkenswerter, liebenswürdiger, kluger, mitfühlender Mensch😢 seine innere Haltung den Kindern gegenüber ist/war großartig.🌈

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Daniela Kufner
14. April 2021 7:41

Ja er war ein besonderer Mensch, wie er mit den Kindern umging und in seinem Denken für die Pädagogik, ich durfte ihn auch auf einer Fortbildung erleben, er hat mich tief beeindruckt!

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Angelika Oldenburg
14. April 2021 10:48

Ich schreibe mal eine persönliche Erinnerung dazu: In meiner Zeit als Redakteurin von Info3 hatte ich mal einen Beitrag von ihm stark kürzen müssen, aus Platzgründen. Danach hatten wir telefoniert und er hat mich wirklich heftig fertiggemacht. Zu nächsten Redaktionskonferenz kam er dann mit einem riesigen Blunenstrauß. Das war Henning!

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Henning war etwas besonderes. Er hat Menschen in seinen Vorträgen mitgenommen. Er hat vielen etwas Wertvolles weitergegeben. Wir werden ihn vermissen.

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Henning hat mir einmal ein paar Worte mit auf den Weg gegeben, die mein Denken sehr beeinflusst haben. Ich habe Stärke daraus geschöpft und das Selbstbewusstsein, das zu tun, woran ich glaube. Danke, Henning! Du warst ein ganz besonderer Mensch, der nicht vergessen wird!

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Jürgen Schmitz
14. April 2021 17:21

Er war ein sehr ernsthafter Streiter für die innere Freiheit der Kinder und des Kindes in uns allen. Dafür dürfen wir sehr dankbar sein.

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Theresia Kraft
16. April 2021 12:36

Henning Köhler hat mich in meiner dunkelsten Zeit meines Lebens an die Hand genommen. Mich zutiefst verstanden und mir die kraft gegeben mein Leben zu finden. Ich verneige mich zu tiefst. Theresia Kraft

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    K. Wallrodt
    25. Mai 2021 22:46

    🌹 auch mir gab und gibt er einen enorm starken Halt . Ich habe "nur " seine Bücher gelesen . Er ist mit seinem Werk unsterblich.

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Liebeserklärungen sind etwas Schönes und Aufbauendes, die habe ich hier gelesen. Und die frühen Schriften von Köhler begleiten mein Erzieherleben. Gleichzeitg ist es aber auch richtig, dass er durch seine besondere Stellung wie zwischen den Stühlen gesessen ist. Als Dauerlage sehr ungemütlich! Und dann: dieses ständige nicht-richtig- gewürdigt-werden, dass er erfahren musste! Daraus erklärt sich für mich die spätere Einseitigkeit, das Verlassen von Geisteswissenschaft als solche und das Hinsinken in "Statements" und Gefühlsurteile. Steiner hatte nie das Problem, ein Problem zu benennen – ohne umfassende Wahrnehmung und genaues Erfassen, was passiert – komme ich in der Hilfestellung nicht sehr weit.

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Alexander Avrutin
16. April 2021 20:14

Er hat sein Leben für Menschen hingegeben. Für die Würde des Menschen. Für die Würde des Kindes in ganz besonderer Weise. Henning Köhler verhalf Menschen zu ihrer Schöpferkraft zu finden, und lebte selbst die eigene Schöpferkraft. Als großartiger Dichter.

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    Naderi Bahar
    18. April 2021 17:37

    Für die Kinder war er „ der Kumpel" – um hier ein Kind zu zitieren. Für seine Schüler „der Meister" .
    Und zwischen Kumpel und Meister stand ein Engel der Liebe, der sich viele Sorgen machte, bei all dem, was er sah und ahnte, mit einer Engelsgeduld, um die Augen für das eigentlich Wesentliche zu öffnen. Schade, dass er nicht viel Zeit dazu hatte.

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Jaimen McMillan
17. April 2021 4:16

Henning had a heart for those who others overlooked. He had the insight to perceive them as they could be. He developed the tools to build a stage for each of them and then left them free to take the roles they chose to play. I bow.

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Jacqueline Aldarondo
19. April 2021 17:24

Henning Köhler war ein besonderer Mensch. Er Hat sich für Kinder und Jugendliche eingesetzt. Er hat mich bewegt mit seine Vorträgen.
Sein Bücher sind wissenswert.
Der wird sehr vermisst.

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Herzlichen Dank Jelle für Deinen Achtsamen und so wertvollen Nachruf…
Ich habe Henning während meiner Waldorf-Inklusion-Weiterbildung in Köln zu schätzen gelernt. Ich war damals auf der Suche nach einer wertschätzenden Kindheitspädagogik welche die Bedürfnisse der Kinder in den Vordergrund stellt…… Im Kölner Waldorfpädagogik Seminar war dies möglich!!!!!!!!
Er ermutigte mich und gab mir die Sicherheit meinem inneren Stern zu folgen und den Kindern ****IHR RECHT AUF KINDSEIN**** zu ermöglichen und in eine kunstruktive Opposition mit Lehrern, Behörden und Eltern zu treten, wenn es um IHRE Rechte geht…!!!
Er sagte mir mal,
wir Erwachsene können soviel von den Kindern lernen, wir *müssten nur* lernen unserer Intuition zu vertrauen und ihr zu folgen….. !!!!
Ich arbeite daran, Henning 🙂
Danke für diese besondere und prägende Zeit mit Dir….!!!!!

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    Wir vermuten, dass Sie geglaubt haben, dass Ihr Beitrag nicht erscheint. Aber es dauert immer ein bisschen, weil wir Kommentare erst freischalten müssen. Es gibt jetzt noch einige andere Kommentare, die wir dann wohl löschen können.
    Herzlich
    die Redaktion.

    Antworten

      Oh ja auf jeden Fall,. Sorry für meine Ungeduld.
      Ich wünsche Ihnen eine schöne Sonnige Zeit….
      MfG

      Antworten
    K. Wallrodt
    25. Mai 2021 22:48

    Danke Jelle 🌹

    Antworten
Kaja von Groeling
24. April 2021 10:40

Gewöhnlich denkt man, man denke mit dem Kopf. Und man denkt, da denke jemand und je klüger er denke, desto weniger sei er im Hier und Jetzt. Und dann sei er eben ein großer Denker. Und dann denkt und denkt er- und wohlüberdacht – spricht er dann.
Hennings Reden waren oft echte Wutreden, Warmreden, Herzreden. Als ginge im Moment etwas durch ihn durch. Er hat sich angreifbar gemacht. Er hat sich ausgesetzt.
In der Begegnung mit Henning spüre ich ein „Wir denken". Es ging durch uns durch. Da gab es Kein Du und Ich. Es entstand etwas in der Gegenwart. Das ist so ehrlich, wie's nur geht. Da denkt keiner schneller klüger weiser.
Das war seine Herzenskraft, die genau das hervorrief- dieses wirklich Neue des Gegenwärtigen.( das neue Denken).
Und so- genau so- begegnete er auch dem Kind -dem Werdenden, den Eltern -den Werdenden.Da hatte jeder jederzeit die Chance in sich das Werdende direkt zu spüren. So ist das Denken. Es entsteht nicht im Kopf. Es entsteht im Herzen.
Ach Henning! Dein Herz war so bereit, so offen, so ohne Vorbehalt.
Diese Momente mit dir nicht mehr erleben zu können, schmerzt unendlich. Ich danke dir für jeden dieser Momente.

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Sibylle Alberti
25. April 2021 20:32

Von Henning Köhler lernen wir ,eben gerade nicht über Maßnahmen zu erziehen,sondern aus der Wesensbegnung mit dem Kind und indem wir das Kind wahrnehmen ,indem wir es sprechen lassen:Was willst du mir mit deinem Verhalten sagen? Und das als Bild mit einer inneren Fragehaltung mit in die Nacht zu nehmen- das ist einer der pädagogischen Kunstgriffe von Henning Köhler! Mit dieser aus der Nacht impulsierten inneren Haltung zu lernen,am nächsten Tag dem Kind offen zu begegnen : Daraus entwickelt sich ein Dialog der feinen Weise,es öffnet sich ein Tor . Darin erlebe ich Henning Köhlers unermüdlichen Aufruf zur Erziehungskunst als Beziehungskunst! Was will werden? Das ist gelebte Achtung vor der Würde des Kindes und damit hat er das berührende Erbe von Janusz Korcak in die Zukunft geführt und er wird uns noch lange nah und gegenwärtig sein Ich bin ihm sehr dankbar!

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Michael Seefried
2. Mai 2021 0:36

Danke Henning für Deine bemerkenswerte Klarheit, Ehrlichkeit, Authentizität und Liebe den Kindern gegenüber ohne Rücksicht auf Gepflogenheiten oder sog. Normen.
Der phänomenologische Blick, wie Du es nanntest, beinhaltet o.g. Qualitäten. Gerade die Coronaära fordert dies unerbittlich gut und gerade für die neuen Kinder.

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Petra Müller
14. Mai 2021 10:00

Nie bin ich dir begegnet und doch spüre ich eine Trauer über deinen Tod, als wärest du mir sehr nahe gestanden..
Danke für die Liebe, die du durch deine Schriften in mein Herz gelegt hast. Für dein Wachrütteln und deinen Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und einen Perspektivwechsel herbei zu führen, der ganz und gar den Kindern in unserer Mitte gilt!
Gerade lese ich meiner Tochter "der Geschichtenkönig und das Sternenkind" vor….möge dein Stern noch lange leuchten und uns Menschen ermutigen an unsere Liebe und Verbindung zu glauben, der Norm zu trotzen und ein Wahrnehmen zu zulassen.
In tiefer Dankbarkeit
Petra Müller

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Cecilia Agüero Hoffmann
21. Juli 2021 8:34

Lieber Hennig, Du hast viele Menschen auf dieser Erde begegnen und viele Kinder geholfen. Ich bin so dankbar dich kennen gelernt zu haben. Deine menchliche und pädagogische Impulsen haben mir tief berührt. Ich habe verstanden worum es hier geht. Nun dein Weg erweitert sich und wir bleiben in Kontakt!
Saludos, Cecilia

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