Hans Rutz – Die geistige Freiheit

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Über ein Vorstellungsgespräch

In unserer Kategorie "Damals" ein kleiner Beitrag zum Thema Rudolf Steiner und die "geistige Freiheit". Endeckt hat diesen Text Wolfgang G. Voegele in dem Buch "Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschule 1919-1925" , das 1979 im Verlag Freies Geistesleben erschien und inzwischen leider vergriffen ist.

Hans Rutz (1889-1973) war 1922 in Nürnberg als Studienrat tätig. Ein Gespräch mit Robert Kilian, der schon seit 1920 an der Waldorfschule unterrichtete, bewog ihn, nach Stuttgart zu kommen, wo er ein Vorstellungsgespräch mit Rudolf Steiner hatte. Marianne Rutz hat davon berichtet:

Das erste Gespräch ist höchst aufschlußreich für beide Gesprächspartner. Es verlief etwa wie folgt: Nachdem Rudolf Steiner das Gespräch eingeleitet hatte, sagte Hans Rutz: "Das sage ich Ihnen aber gleich von vornherein, ich bin kein Anthroposoph; ich muß meine volle geistige Freiheit haben."
R. Steiner: "Was heißt Anthroposoph sein? Wir haben doch keine Dogmen!"

Nach einer Pause ergriff Hans Rutz wieder das Wort und unternahm einen Angriff auf die Anthroposophie: "Das Buch ‚Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?' ist für mich ein zweiter Sündenfall, ein verbotenes Essen vom Baum der Erkenntnis, ein Sakrileg."
Rudolf Steiner antwortete ohne jede Emotion: "Das ist bei Ihnen ein christlicher Instinkt."
H. Rutz: "Das kann schon sein, daß das bei mir ein religiöser Instinkt ist."
R. Steiner: "Nein, nicht ein religiöser, sondern ein christlicher Instinkt, denn in den Religionen des Orients wird diese Aktivität vom Menschen gefordert."

Hans Rutz ritt noch weitere Attacken, bis schließlich Rudolf Steiner lächelnd zu ihm sagte: "Warum sind Sie eigentlich dann gekommen?"
Die Überlegenheit Rudolf Steiners beeindruckte Hans Rutz so tief, daß er seinen anfänglichen Widerstand überwand, nicht zuletzt auch deshalb, weil er durch diese Haltung die menschliche Größe seines Gesprächspartners erkannte.

Nachdem Hans Rutz mitgeteilt hatte, daß er als Studienreferendar, und vor seiner Bekanntschaft mit Rudolf Steiner, eine Zulassungsarbeit über die Beziehung der Steinerschen zur Goetheschen Pädagogik der drei Ehrfurchten geschrieben habe, horchte dieser auf und sagte: "Ich kenne Sie halt noch ein bißchen wenig!" Daraufhin erwuderte Hans Rutz: "Wir können es ja einmal miteinander probieren! Sie, Herr Doktor, probieren, ob Sie mich brauchen können, und ich probiere, ob ich hier mitarbeiten kann."
R. Steiner: „Wie lange würden Sie sich denn eine solche Probezeit vorstellen?"
H. Rutz: "Aber doch mindestens ein Jahr!" Diese Antwort gab für Rudolf Steiner den Ausschlag, und er sagte: "Damit bin ich einverstanden."

Bemerkenswert ist auch Rudolf Steiners Haltung bei der Frage der Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft. Als Hans Rutz von seinen Kollegen gedrängt wurde, Mitglied zu werden, sich aber nicht ohne weiteres dazu entschließen konnte, fragte er Rudolf Steiner um Rat. Seine Antwort lautete: "Wenn Sie Ihre Arbeit hier in der Schule so gewissenhaft wie möglich tun, leisten Sie der Sache einen größeren Dienst, als wenn Sie Mitglied werden."

Daraufhin war für Hans Rutz der Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit.

Foto H. Rutz:  Forschungsstelle Kulturimpuls am Goetheanum

Foto R. Steiner: Gemeinfrei

Quelle: Johannes Tautz: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschule 1919-1925, – Verlag Freies Geistesleben – Stuttgart 1979, S. 302 f.

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