Friedrich Benesch. Leben und Werk

Gedanken zur Biographie von Hans Werner Schröder
ein Beitrag von Michael Mentzel

Im Ringen um Irrtum und Wahrheit 
vollzieht sich ein modernes Schicksal,
das vor allem den Zuruf an das Heute bereithält,
Urteilskraft und Geistesgegenwart im eigenen Leben zu suchen.
aus dem Klappentext

Diese Biographie ist für Menschen geschrieben, die Friedrich Benesch kannten und liebten. Sie werden hier ihren Benesch wiederfinden und dürfen – trotz aller Widersprüche – das Bild behalten, das sie von ihm haben. Ein Bild, das geprägt ist von Zuneigung und Liebe zu einem Menschen, der offensichtlich die Gabe hatte, durch seine tiefe Verbundenheit zur Natur und sein Wissen darüber die Menschen in seinen Bann zu ziehen und sie auf eine ganz besondere Art zu leiten. Er war dreißig Jahre Leiter des Stuttgarter Priesterseminars der Christengemeinschaft. Sein Leben war Begegnung. Mit anderen Menschen, anderen Kulturen und immer wieder  – wenn man den vielen Berichten glauben darf – auf eine ganz besondere Art Begegnung mit der Natur. All das beschreibt Hans-Werner Schröder mit dem Blick des Freundes und des Weggefährten aus jener Zeit. Friedrich Benesch wird 1947 zum Priester geweiht. Bis zu seinem Tod 1991 fällt kein Schatten fällt auf diese Biographie. Da ist nichts, was die hohe moralische Integrität dieses Menschen Benesch in Frage stellen kann.  

Wie aus heiterem Himmel aber – Jahre später – wird die Christengemeinschaft plötzlich mit Tatsachen konfrontiert, die wie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Aussagen und Dokumente werden bekannt, die eindeutig belegen, das Friedrich Benesch ein überzeugter Nationalsozialist war. Immer mehr Informationen werden veröffentlicht. 
Der Historiker Johann Böhm, der die Geschichte der Siebenbürger Sachsen aufarbeitet, stößt auf Benesch und bringt so eine Lawine in Rollen, die nicht mehr aufzuhalten ist. Immer weitere Quellen werden offengelegt, Michael Eggert, ein Anthroposoph aus Düsseldorf, übernimmt die undankbare Aufgabe, mit seinen Hinweisen weitere Quellen sichtbar zu machen, die das Leben des Pfarrers Benesch in einem anderen Licht erscheinen lassen. Es ist ein grelles Licht, dass dieses Biographe plötzlich umgibt. 
Fast wie in einem Gerichtssaal, kalt und überdeutlich, treten Fragen auf und werden Antworten gesucht, die über ein “hätte er doch” und ein “aber er war doch so eine  großartige Persönlichkeit” hinausgehen.
Die Mitglieder der Christengemeinschaft scheinen sich nicht ernsthaft für diese Tatsachen zu interessieren. Gespräche mit dem Thema Benesch enden zumeist in Monologen des Gesprächspartners über die unvergleichliche und tiefgehende Spiritualität dieses Mannes. Man mag nicht sprechen über diese Dinge und so werden sie mit dem Mantel des Schweigens zugedeckt. Dieses Schweigen aber spricht eine deutliche Sprache. 
Auch mir ist es schwergefallen, über Friedrich Benesch zu schreiben, einerseits wegen meiner Verbindung zur Christengemeinschaft (ich bin Mitglied), andererseits aber auch, weil mich die bekannt gewordenen Tatsachen aus dem Leben Benesch´ doch stärker angerührt haben, als ich es selbst wahrhaben wollte. Ein Aspekt aber bewegt mich bei der Beschäftigung mit dem Thema ganz besonders. Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, eine Vergangenheit mit einer offensichtlich festen und durch nichts zu erschütternde Zuwendung zum Nationalsozialismus abzustreifen wie eine Haut, wie ein Kleidungsstück, um dann als Priester eines “erneuerten Christentums” einen Übergang zu einem gänzlich anderen Bewusstsein zu vollziehen, und zwar, ohne sich offen und vor seiner Gemeinde zu seiner Vergangenheit zu bekennen. Für mich berührt diese Frage auch das Verhältnis, dass die Anthroposophie und die ihr nahestehende Christengemeinschaft zum Nationalsozialismus und zur jüngeren deutschen Geschichte einnehmen kann. Gleichzeitig aber auch zu den Fragen, die in jüngster Zeit die Öffentlichkeit im Hinblick auf Rudolf Steiner und Rassismus bewegt. 
Hin und wieder tauchen jene Schattenbilder auf, die beispielsweise in Gestalt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger diesen unsäglichen Satz, “aber es war doch nicht alles schlecht..”, in ein neues Gewand kleiden, in dem er etwa einen Nachruf auf den ehemaligen Nazi-Marinerichter Filbinger( “was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein” ) verfasste, der an Peinlichkeit fast nicht zu überbieten war und zu einer intensiven Diskussion in den Medien und der Öffentlichkeit führte. Auch wenn alle offensichtlich bekannten Tatsachen und Dokumente in der Biographie dargelegt sind, hat sie nach meiner Auffassung diesen verschleiernden Duktus, diese nicht auf den ersten Blick wahrnehmbaren Hinweise auf “aber es war doch nicht alles schlecht..” 
Denn, wie anders ließe sich verstehen, was Schroeder über den Schwiegervater Professor Hahne aus Halle schreibt: “In den 1920er Jahren baute er seine Theorie von der Zusammengehörigkeit von Vorgeschichte, Volkskunde und Rassenkunde zur Volkheitskunde aus. Um diese Zeit trat er der NSDAP und der SA bei und wurde nach der Machtübernahme – im November 1933 – per Telegramm zum Rektor der Universität Halle ernannt. Außerdem wurde er stellvertretender Gaukulturwart, Schulungsleiter für Rassenkunde im Gau Mitteldeutschland des Rasse und Siedlungshauptamtes der SS und Leiter des NS-Nuseums. Er war also, was man heute einen “alten Nazi” nennt. Doch geht man heute mit einem solchen Begriff, wenn man ihn absolut setzt, an dem Wesentlichen dieser Persönlichkeit durchaus vorbei, zumal Hahne bereits 1934 schwer erkrankte und 1935 starb (sic!). Er war nach allem, was wir von ihm wissen, eine vollständig integre, lautere Persönlichkeit.”
Der menschenverachtende Terror der Nazis, unter anderem legitimiert durch “Wissenschaftler” wie eben diesen Professor Hahne, ein lauteres, integres Unterfangen? Oder vielleicht ein Zufall der Weltgeschichte? Durchgeführt von honorigen Herren mit weißen Westen? Oder gar ein Irrtum? Was ist mit den Juden, den Roma, Sinti, Homosexuellen, Kommunisten? Sie kommen in diesem Bild nicht vor. “Vater Hahne” war ein Rassekundler und ein Nationalsozialist, der das Deutschtum über alles stellte. Nach einem Blick auf sein Leben und die Zeit in der er sich bewegte, stellt sich mir die Frage: War er auch einer, dem man zutrauen könnte, über Leichen zu gehen? Professor Hahne ein integrer, ehrenwerter Zeitgenosse? Was wäre, wenn er nicht schon 1935 gestorben wäre und was, wie Erich Kästner nach dem ersten Weltkrieg schrieb: “Wenn wir den Krieg gewonnen hätten? Zum Glück gewannen wir ihn nicht!”

Anthroposophie und Deutschtum?

Viel ist vom “Deutschtum” die Rede in dieser Biographie. Aber was ist das für ein Deutschtum, was ist das für ein Geist, der den “Anthroposophen” Benesch 1939 sagen läßt, seine Tätigkeit für die Kirche habe an der „durch eigene Erkenntnis und Erfahrung und eigenen Glauben gewonnenen nationalsozialistischen Weltanschauung nicht das Geringste geändert”?

Als Benesch diese Sätze schreibt, um sich bei der Waffen-SS zu bewerben, ist er zweiunddreißig. Wie passt dies zusammen mit dem, was er später über sich schreibt, und zwar über die Zeit von 1925-1933, als er große Fragen an die Welt hatte:

“Mitten hinein in diese Spannungen fiel die Begegnung mit einem Menschen, durch den ich die ersten Nachrichten von der anthroposophischen Bewegung erhielt. Man konnte unmittelbar den Eindruck haben, dass hier etwas am Werke sei, was vielleicht den quälenden Abgrund zu überbrücken imstande wäre. (..) Ich erkannte immer deutlicher, dass in dem, was Rudolf Steiner in der Weiterführung der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes gab, die Möglichkeit vorhanden sei, , alle offenen Fragen der Biologie in positiver Weise zu lösen.(..) und so entschloss ich mich denn, nach dem Staatsexamen in den Naturwissenschaften noch einmal Student zu werden und führte in den Jahren 1932-1934 das theologische Studium zu Ende. Auch das tat ich immer im Zusammenhang mit dem Studium der Anthroposophie, und auch hier zeigte sich bis in alle Einzelheiten hinein, mit welcher überlegenen Sicherheit die geisteswissenschaftliche Erkenntnis die Fragen der Bibelexegese und Christologie, der Kirchengeschichte und Dogmatik zu lösen imstande ist.” 

Hat sich da jemand seine anthroposophische Biographie zurechtgebogen? Und ist diese “gebogene” Biographie dieses “großen Lehrers Benesch” dann auch in die Seelen der Menschen eingeflossen, mit denen er nach dem “Zusammenbruch” seiner “durch eigene Erkenntnis und Erfahrung und eigenen Glauben gewonnenen nationalsozialistischen Weltanschauung” zu tun hatte? Nämlich in die Seelen derjenigen jungen Menschen, die ihm anvertraut waren und die als angehende Priester authentische Vorbilder suchten und brauchten? Was ist Authentizität? 

Pfarrer in Birk

“Ich wollte nach Siebenbürgen zurückkehren, um das Erarbeitete in das praktische Leben meiner Heimat hineinzutragen.”

Benesch ist Pfarrer in Birk in Siebenbürgen: “Mitten in diese Welt hinein war ich nun gestellt mit dem, was ich an Erkenntnissen aus dem 20. Jahrhundert und an Arbeiten aus der Geisteswissenschaft heraus gewonnen hatte. Es war eigentümlich genug zu beobachten, wie diese einfachen Bauern zwar gern die Früchte dieser Arbeit aufnahmen, aber ihrer ganzen Seelenhaltung nach nicht imstande waren, selber mitarbeitend daran teilzunehmen.”

Benesch ist ein evangelischer Pfarrer mit sicherer nationalsozialistischer Überzeugung und eine Gemeinde von Bauern und einfachen, schlichten Menschen. 

Nachdem seinen Vorgesetzten die nationalsozialistischen Aktivitäten zuviel geworden waren, suspendierte man ihn allerdings. Dabei waren nicht seine anthroposophischen Auffassungen ausschlaggebend, sondern das Problem war die Unvereinbarkeit von Kirche und nationalsozialistischem Gedankengut. Benesch selbst hat das später durchaus anders dargestellt. Einige Jahre später aber ist es nicht mehr so schwer, die beiden gegensätzlichen Auffassungen unter einen Hut zu bringen und Benesch tritt sein Pfarramt in Birk wieder an. Und er wird geliebt von “seinen Bauern”, die offensichtlich seine starke Autorität so anerkennen, dass er sicher ist, richtig zu handeln. Diese Zeit und das, was wir darüber erfahren haben, eignet sich allerdings nicht dazu, Benesch zum Opfer eines falsch verstandenen Idealismus zu stilisieren. 

Die folgende Aussage spiegelt – so will es mir scheinen – noch etwas von der Überheblichkeit der damaligen “Elite” wider. Benesch über die Zeit 1945/46:

“Ich kam als evangelischer Pfarrer in eine aus 7 Dörfern bestehende Pfarrgemeinde im Kreise Merseburg.Die Bevölkerung, mit der ich es hier zu tun hatte, war genau das Gegenteil von dem, was ich in meiner Heimat erlebt hatte. Die vollständige Entwurzelung des Industriearbeiters, der Egoismus des Stadtrandbauern und die Seelenlosigkeit des Intellektuellen und Halbgebildeten begegnete mir hier in der Zeit des Zusammenbruchs in erschreckendem Ausmaß.”

Was versteht jemand wie Benesch im Jahre 1990, als er diese Zeilen schreibt, unter der 1945/46 von ihm erlebten “Seelenlosigkeit des Intellektuellen und Halbgebildeten” und des “Egoismus des Stadtrandbauern“? Hatten nicht diese Menschen nicht wie alle anderen unter der Schreckensherrschaft des Nazi-Regimes leben müssen? Darf vermutet werden, dass diese “Halbgebildeten” froh waren, der Nazi-Herrschaft entkommen zu sein? Merseburg lag im Osten. Dort regierten die Kommunisten. Musste Benesch befürchten, entdeckt zu werden?

Er will nicht dort bleiben, er lässt sich beurlauben und reist nach Stuttgart, um Kontakt mit dem Priesterseminar aufzunehmen. Benesch beginnt sein zweites Leben.    

Vergangenheit – Zukunft

Fast könnte ich hier meinen Beitrag über die Biographie enden lassen, denn nach dem “Zusammenbruch” gibt es allenthalben eine Kehrtwende, und so mancher “brave Wehrmachts-Soldat”, “alte Nazi” und sonstiger Mittäter an diesem verbrecherischen System vollzog diese Kehrtwende mehr oder weniger elegant und wurde “Demokrat”. Wir wissen nicht, wie viele Menschen verzweifelt, traumatisiert und lebens-müde, diesen Übergang nicht schafften und daran zugrundegingen. 

Hat Benesch je gesprochen über diese Dinge? Es ist wohl der Wende 1989 zu verdanken, dass die Tatsachen jetzt wie ein offenes Buch vor uns liegen.

Reicht es aber aus, die bekannten Tatsachen aufzulisten und damit der Chronistenpflicht Genüge zu tun? Zu dokumentieren und damit zu bestätigen, was andere herausgefunden und veröffentlicht haben? 

Unter welchem Licht muss man die drei großen Reden betrachten, die Benesch im Jahre 1984 in Kassel vor jungen Menschen gehalten hat? Jugendideale? Esther Reck-Kühn schreibt in ihrer Rezension bei den Egoisten: “In seinen vielbewunderten Jugendtagungsausführungen von 1977 (Flensburger Hefte, 9/1994, Seite 80) bezeichnet er die ihm bekannten „ SS – Leute, Faschisten aller Couleur“ als „glühende Idealisten“ und von der individuellen Verantwortung spricht er sie frei mit den Worten: „es passierten die wahnsinnigen Verdrehungen der mitgebrachten Impulse ins Gegenteil“. Kennt er den Unterschied zwischen Idealismus und Fanatismus nicht? Erstaunlicherweise hat Herr Benesch nur die „gewaltigen Opfer der faschistischen Jugend“ im Blick. Kein Wort des Mitleids, der Empathie mit den Opfern, die diese herrliche Jugend auf dem Gewissen hat. Die selbstbezogene Sichtweise dieser Seiten wirkt erschütternd zynisch.”

Sollte hier nicht eine klare Trennung ausgesprochen werden? Und zwar in der Weise, dass die Leitung der Christengemeinschaft sagt: “Hätten wir davon gewusst, wäre nichts so gekommen, wie es gekommen ist.” Darf ich so etwas erwarten von der Leitung einer Gemeinschaft, der ich angehöre? Oder muss ich als Mitglied einstimmen in den Chor derer, die sagen: “.. aber er war doch eine so hohe Persönlichkeit!”

Dem aufmerksamen Leser kann aufgehen, warum H.W. Schroeder den Schwiegervater Hahne als intergren und honorigen Menschen darstellt, obwohl er in demselben Absatz davon spricht, dass man ihn “wohl einen alten Nazi nennen muss”. Begreifen kann ich solche Worte nicht. Unausgesprochen finde ich diesen Absatz – diesmal aber mit dem Namen Benesch verbunden, am Ende der Biographie wieder. Den kategorischen Ausschluss, das Benesch nichts mit der “Judenfrage” zu tun hatte, muss man wohl unter dem Gesichtspunkt, dass er offizielle Ämter bekleidete, zumindest als nicht gesichert ansehen. 

Dass nichts von dem, was geschehen ist, rückgängig gemacht werden kann, ist wohl jedem klar. Ebenso klar ist es, das wir tatsächlich nicht wissen können, wie Benesch letztendlich mit sich selbst ins Reine gekommen ist. Wir müssen es auch nicht wissen. Aber dass er in einem anderen Sinne mit seiner Gemeinde nicht ins Reine gekommen ist, scheint mir sehr wahrscheinlich. Die Christengemeinschaft bezeichnet sich selbst als eine Bewegung zur religiösen Erneuerung. Für mich zeigt sich an der Biographie des Menschen Benesch: Die Glaubwürdigkeit einer Gemeinschaft geht zusammen mit der Bereitschaft, sich der Vergangenheit zu stellen und die Lehren daraus zu ziehen. Die Furcht vor politischen Aussagen sind aus vielerlei Gründen verständlich, dennoch muss an die Institution Christengemeinschaft die Forderung nach einer klaren Absage an jede Form von Gewalt und an jede Form von Rassismus gestellt werden. Verbunden werden kann dies mit der begründeten Forderung nach einer aktiven (!) Teilnahme an der Arbeit zu Fragen der Menschenwürde. Eine Bewegung, die dieses nicht zu leisten imstande ist, hat vielleicht eine Vergangenheit, aber keine Zukunft. 

Hans Werner Schroeder
“Friedrich Benesch -Leben und Werk 1907 – 1991”
Verlag Johannes Mayer Stuttgart Berlin 2007

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