Ernst Haeckel und Rudolf Steiner

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Einst als „Irrlehren“ bekämpft – heute weitgehend toleriert: Die Evolutionstheorie und die Anthroposophie.

von Wolfgang G. Vögele
Der Anthropologe Ernst Haeckel und der Philosoph Rudolf Steiner hatten sich das Ziel gesetzt, Religion und Naturwissenschaft im Sinne eines ganzheitlichen Weltbildes (Monismus) zu versöhnen. Eine aus theologischer Sicht bis heute unmögliche und unzulässige Vorstellung. Beide „Monisten“ wurden daher von den Kirchen lange Zeit bekämpft.1 Der heftige Streit, der nach dem Erscheinen von Ernst Haeckels Bestseller „Die Welträtsel“ (1899) zwischen Theologen und Darwinisten vor allem im deutschsprachigen Raum aufbrandete, ist aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. Er hatte alle Merkmale eines Kulturkampfes. Breite Bevölkerungsschichten nahmen daran Anteil. Es ging um die Frage, ob der Mensch vom Affen abstamme oder von Gott erschaffen worden sei. Was heute gelegentlich als Dissens zwischen Kreationisten und Evolutionisten in die Medien dringt, ist nur ein schwacher Nachklang jener Auseinandersetzung. Der verhasste „Affenprofessor“ Vielen Theologen galt der „Affenprofessor“ Haeckel, der heftig gegen die Kirchen polemisierte, als Gotteslästerer. Gegen den von ihm 1906 gegründeten „Deutschen Monistenbund“ gründeten sie Gegenorganisationen. Alles, was diesem „Ketzer“ an Unglücksfällen widerfuhr, schien bei manchen Theologen nicht Mitleid, sondern Schadenfreude auszulösen. Als Ernst Haeckel im 78. Lebensjahr infolge eines Sturzes einen Hüftknochenbruch erlitt, waren die Kundgebungen der Teilnahme so zahlreich, dass der Gelehrte ein gedrucktes Dankschreiben versandte. Darin ist von einem langwierigen, schmerzhaften Heilungsprozess die Rede. Jedoch erreichten ihn nicht nur mitfühlende Wünsche. Folgender Ausschnitt aus einem Brief drückt aus, was wahrscheinlich viele Kritiker Haeckels dachten, aber nicht zu sagen wagten: „Sehr geehrter Herr Professor! Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher. […] Mit unverhohlener Freude haben wir positiven Christen davon gehört, daß Sie nun hoffentlich zu dauerndem Siechtum verurteilt sind.  Mögen Sie auf Ihrem Schmerzenslager zu dem Bewußtsein kommen, daß Gott sich nicht spotten läßt. […] Kurz nachdem Sie aus der Kirche ausgetreten sind, hat Sie der lebendige Gott von Ihrer Ueberhebung herabgestürzt! Vielleicht hilft Ihnen nun der Gott der Affen! Sie selbst sehen allerdings einem Affen ähnlicher als einem Menschen (!!) Mit dem Wunsche, daß Ihnen der lebendige Gott noch viele Zeichen seiner Allmacht in Gestalt von Schmerzen und Siechtum geben möge, daß Sie sich krümmen unter Schmerzen, daß sie nie wieder ganz geheilt werden mögen. Im Auftrage vieler positiver Christen, die sich über die gerechte Strafe Gottes freuen. Prof. D. v. B.“ 2 Der Magier von DornachAuch der Anthroposoph Rudolf Steiner – ein lebenslanger Verteidiger von Haeckels Naturforschung – galt den meisten Theologen als gefährlicher Ketzer. Er hatte zwar – im Gegensatz zu Haeckel – nicht gegen die Kirchen polemisiert, doch seine Lehre war aus katholischer Sicht als „Inbegriff christologischer Ketzerei“. 3 Ende Oktober 1922 diskutierte in Berlin ein Kreis protestantischer Kirchenvertreter und Theologen mögliche Strategien gegen die anthroposophische Bewegung.4 Im Schlusswort dieser Konferenz hieß es, bei der Bekämpfung der Anthroposophie handele sich um einen „Kampf auf Tod und Leben“. Diejenige Seite werde siegen, bei der der Heilige Geist sei. Als bald darauf der „Tempel von Dornach“ niederbrannte,  sah der Theologe Karl Barth darin ein Gottesgericht: "Von dem Brande des Goetheanums haben wir mit Genugtuung Kenntnis genommen. Hirsch meinte: Noch ist der Arm des Herrn ausgereckt [vgl. Jes. 5, 25; 9, 11.16.20; 10, 4]" 5 Auch nach dem Tode Steiners (1925) wurde von katholischer Seite die Polemik fortgesetzt. So schrieb der katholische Pfarrer und Antisemit Max Kully im Vorwort seines Buches „Die Theo-Anthroposophie“ (1926), er habe die Absicht, möglichst viel „belastendes Material“ über Steiner zusammenzutragen. Dass der katholische Theologe und Steinerbiograph Helmut Zander Kully noch 2007 als seriöse Quelle heranzog, ist bemerkenswert. 6 Von der Polemik zum Dialog Sowohl die katholische wie die evangelische Kirche lassen heute die Evolutionstheorie gelten, so lange sie nicht zur Ideologie (Wissenschaftsgläubigkeit) ausartet. In Rückbesinnung auf Kant trennen sie streng Glauben und Wissen. Seit langem besteht eine Praxis des Dialogs zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen. Beide christlichen Konfessionen lehnen die Anthroposophie grundsätzlich ab. (Steiner unterscheide nicht Glaube und Wissen, er lehre einen „spirituellen Monismus“, eine „Selbsterlösungsreligion“, nebst Karma und Reinkarnation. Die Christologie Steiners trage den Charakter einer außerbliblischen Neuoffenbarung). An die Stelle der früheren Polemik ist jedoch (zumindest auf protestantischer Seite) die Bereitschaft zum Dialog getreten.

Foto: Das 1. Goetheanum

Anmerkungen:
1. Zum Verhältnis Steiner/Haeckel nach wie vor lesenswert: Johannes Hemleben: Rudolf Steiner und Ernst Haeckel. Stuttgart 1965.
2. Zit. nach: Der Monismus. Ztschr. für einheitliche Weltanschauung und Kulturpolitik. Blätter des Deutschen Monistenbundes. Jg. VI. 1911, Nr. 61, S. 319.
3. Otto Zimmermann S.J.: Die neue Theosophie, in: Stimmen aus Maria Laach, 79. Bd. (1910), 387-400 u. 479-495.
4. Ein ausführlicher Bericht über diese Konferenz ist in GA 259 abgedruckt.
5. Barth in einem Rundbrief an seine Freunde, Göttingen, 23. Januar 1923, in: Karl Barth – Edouard Thurneysen: Briefwechsel. 2 Bde. Zürich 1973 und 1974. Karl Barth Gesamtausgabe  V, Briefe.
6. Zander, Anthroposophie in Deutschland. Göttingen 2007, S. 547.

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Presseagentur Alternativ

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